Als Sir Alex Ferguson Hertha-Trainer wurde

Als Sir Alex Ferguson Hertha-Trainer wurde

Wir Herthaner lieben unseren Verein. Und so viel Mist und Enttäuschung wie manchmal geschieht, irgendwie sehen wir am Ende doch noch das Licht eines schier endlosen dunklen Tunnels. Doch sind wir mal ganz ehrlich, auch wir Herthaner haben manchmal Träume. Träume von denen wir uns gar nicht zu erzählen trauen. Was müsste passieren, damit Hertha mal die Meisterschaft oder den Pokal holt? Könnte Hertha mal einen absoluten Superstar verpflichten, hinter dem ganz Europa her war? Oder wie wäre es mal mit einem absoluten Star-Trainer? Unser Autor hatte vor einigen Jahren den Traum, dass niemand geringeres als Sir Alex Ferguson das Ruder bei der Hertha übernehmen würde und begann die Geschichte aufzuschreiben. Nach vielen Jahren fand er die Idee wieder und schrieb sie weiter. Den ersten Teil findet ihr hier.

Urlaub in Miami

Gemütlich saß ich mit Cathy am Frühstückstisch. Es gab ihr selbstgebackenes Schwarzbrot deutscher Art. Das Brot, welches ich so liebte. Ich schmierte mir in Gedanken versunken die bittere Orangenmarmelade rauf und nahm einen Schluck meines mittlerweile kalten Pfefferminztees. Cathy summte die Musik aus unserem Radio mit. Gerade lief der Beatles-Klassiker „Yellow Submarine“. Wie oft hatte ich diesen Song in den letzten Jahren in den Stadien weltweit gehört? Hunderte Male. Die Fußballwelt wusste ihn umzudichten, ich fand jedes einzelne Cover grottig. Aber was weiß ich schon? Als alter Mann ist es nicht in meinem Ermessen darüber zu entscheiden. Viel mehr genoss ich die Stimmung, die seit einigen Monaten zwischen mir und Cathy bestand. Dass sie hier so fröhlich dieses Lind mitsummte, hatte viel mit meiner Entscheidung zu tun. Meiner Entscheidung, die Karriere als Fußballtrainer an den Nagel zu hängen. 27 Jahre stand ich praktisch dauerhaft unter Strom. Manchester United war mein Leben. Der Verein war unser Leben. Oder vielleicht unser Baby. Er entschied über unsere gesamte Zeit. Wann wir Zeit für uns hatten, wann wir in den Urlaub fahren konnten, wann wir Familie und Freunde treffen konnten, wann unsere eigenen Kinder uns besuchten. Seit mittlerweile einem Jahr war ich nicht mehr Trainer von Manchester United. Und ich war glücklich.

Die Zeit war so wahnsinnig intensiv und trotzdem so sehr kräftezehrend, dass auch ein Mann wie ich irgendwann ausgelaugt war. Zum Abschied konnten wir immerhin nochmal den Sieg der Premier League klarmachen. Das war ein tolles Erlebnis. Das Ausscheiden gegen Real Madrid im Achtelfinale im Frühjahr 2013 ist mir mittlerweile egal. Vor einem Jahr hätte es mich noch extrem gewurmt. Ich hätte Monate lang mit diesem Resultat zu kämpfen gehabt. Die beiden Final-Niederlagen 2011 und 2009 gegen Pep Guardiola und sein FC Barcelona mit Lionel Messi tun trotzdem noch irgendwie weh. Das sind Dinge, die ich nie ganz abschütteln kann, aber so etwas gehört womöglich zum Leben einfach dazu. Nun heißt es also das Rentnerleben in vollen Zügen zu genießen. Klar ins Old Trafford gehe ich auch immernoch, nur eben als Fan und nicht mehr als Coach.

(Photo by OLI SCARFF/AFP via Getty Images)

Cathy erzählte mir, dass sie heute sich mit einer Freundin treffen würde, ich könnte doch in der Zeit den Rasen mähen. Ich schaute aus dem Fenster unseres Ferien-Strandhauses in Miami. Ja, der Rasen könnte tatsächlich ein wenig Pflege vertragen. Warum eigentlich nicht? Ich fuhr auf unserem Rasenmäher über den 8000 Quadratmeter großen Rasen und versuchte mich an den Ideen von Uniteds Greenkeeper Scot Douglas. Ich war gut, ich war sogar sehr gut. Zugegeben, Scot machte sich diesbezüglich wesentlich besser, vor allem fuhr er immer gerade und weniger die Schlangenlinien, die ich hier gerade fabrizierte. Ich musste laut auflachen bei den Gedanken an Scot. Er war ein toller Kerl, wahrscheinlich würde er gerade selbiges wie ich machen. Es war ein leichtes ihn vor seiner Arbeit ab und an mal zu Seite zu nehmen und darum zu bitten, die ein oder andere Stelle im Rasen mal länger zu lassen. Die Dribbelkünstler dieser Welt hatten ihre Schwierigkeiten mit dem Rasen und kamen deshalb ungern ins Old Trafford. Ach man, die Gedanken schweifen eigentlich überall zurück zum Fußball. Ich weiß nicht, ob das ein Zeichen ist, dass ich noch nicht bereit für den Ruhrstand bin?

Überraschung in Berlin

Nach erledigter Arbeit setzte ich mich in das große, weiträumige Wohnzimmer und schaltete den Fernseher an. Sky zeigte gerade eine Sendung zu den neuesten Transfers in der Fußballwelt. Und der ein oder andere Transfer wurde getätigt, den ich durchaus sehenswert fand. Klar, der James Rodriguez wechselt zu Real Madrid. War schon eine Klasse Weltmeisterschaft von ihm! Den hätte ich auch gerne mal trainiert. Salomon Kalou, ein toller Stürmer, der mich und meine Mannschaften das ein oder andere Mal im Trikot vom FC Chelsea London vor große Probleme stellte, wechselte wohl zu Hertha BSC. Einem Berliner Verein. Interessant. John Heitinga, ein niederländischer Verteidiger, den ich lange gerne bei Manchester United hätte spielen sehen wollen, wechselte ebenfalls nach Berlin. Auch Interessant, dachte ich, was sind die Pläne dieses Vereins? Viel wusste ich nicht über sie. Mein alter Business-Partner, Dieter Hoeneß, war schon lange weg dort, mittlerweile war der Verein ziemlich in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Möglicherweise wollte man das ändern mit dieser Transferoffensive. Ich erkundigte mich genauer. Sportdirektor war Michael Preetz. Klar, kein schlechter Mann, auch den hatte ich doch vor vielen Jahren mal im Visier. Damals 2001. Wir hatten uns letztendlich für Ruud van Nistelrooy entschieden. Aber ich erinnere mich, dass wir den Kerl aus Berlin lange auf dem Zettel hatten und es einige Diskussionen gab.

(Photo by Stuart Franklin/Getty Images)

Nun gut, nun also als Manager, ja wenn der was taugt, bitte. EILMELDUNG. Ich horchte auf. So gut die Transferphase von den Berlinern wohl lief, so groß war allerdings das soeben entstandene Problem auf der Trainerposition. Jos Luhukay, ein niederländischer Trainer, dem ich eins, zwei Mal auf internationalen Trainerkongressen begegnet bin, war wohl zurückgetreten. Er hatte Hertha BSC aus der 2. Bundesliga in die Bundesliga zurückgeführt und da den Klassenerhalt geschafft. Weshalb er zurückgetreten war, konnte man wohl so schnell nicht in Erfahrung bringen.

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In mir zog sich etwas zusammen. „Alex“, dachte ich, „nein, du bist zu alt. Das Leben und die Fußballwelt haben sich weiterentwickelt, du musst dich da erst einmal wieder finden. Und vor allem, Deutschland? Das ist mittlerweile eine der größten Fußballnationen. Vor wenigen Wochen sind sie Weltmeister geworden, vor einem Jahr standen die Bayern und Dortmund im Finale des Europapokals der Landesmeister. Champions League, nicht Landesmeister, die Namensänderung dieses Wettbewerbs würde ich mir wohl nie merken“, sagte ich laut in Richtung Fernseher. Weiterhin kribbelte es in meinen Fingern. Was sollte das bedeuten? Ich brauchte frische Luft. Ich machte einen Strandspaziergang, ließ den Wind durch meine Haare wehen, das rauschende Wasser kühlte meine Füße. War ich bereit? Hatte ich wirklich Lust? Was würde Cathy sagen? War sie bereit? Wir erlebten gerade einen zweiten Frühling unserer Ehe. Wir waren praktisch wie neu verliebt. Würde sie das mitmachen? Bevor ich irgendeine Entscheidung treffen würde, musste ich mit ihr sprechen.

Wie verabredetet holte ich Cathy am Abend bei ihrer Freundin ab. Gemeinsam gingen wir zu unserem Lieblingsitaliener am Strand von Miami. Wir tranken unseren geliebten Rotwein und schauten einander an. In ihrem weißen Abendkleid sah sie aus wie in jungen Jahren, als wir uns kennengelernt hatten. Cathy schaute mich tief an und schien zu wissen, dass mir etwas auf dem Herzen lag. Sie wollte, dass ich es erzählte, doch meine Zunge war wie gelähmt und ich wusste nicht wo und wie ich anfangen sollte. Sie schaute mich mit einer Mischung aus sorgenvoller und belustigter Mimik an. Irgendwann erzählte ich ihr, dass es da einen Verein geben würde, der einen Trainer bräuchte und ich mich irgendwie bereit fühlte. War eben noch Sorge in ihrem Blick, wich diese nun der reinen Belustigung. „Alex, ist das dein ernst?“, fragte sie mit eine herzlichen Lachen. „Denke schon“, antworte ich etwas beschämt und gleichzeitig fragend, weil ich nicht wusste, wo das hinführen sollte. „Alex, bist du dir sicher nochmal als Trainer arbeiten zu wollen? Und dann auch noch in Deutschland? Bei einem Verein, den ich nicht einmal kenne?“, fragte sie mich nochmal. „Ja Cathy, ich will das und ich denke ich kann das“, erwiderte ich. Cathys Miene wurde ernster, sie schaute mir tief in die Augen. Die Sekunden und wahrscheinlich Minuten und Stunden vergingen und dann sagte sie: „Wir machen das.”

Am nächsten Morgen erwachte ich in unserem Himmelbett. Ein wirkliches Erwachen war das eigentlich nicht. Die gesamte Nacht klebte die Satin-Bettwäsche an meinem verschwitzten Körper. Zu aufgeregt war ich bei dem Gedanken morgen mit meinem Berater zu telefonieren und ihm von meinen Plänen zu berichten. „So ein Mist, Will geht nicht an sein Telefon“, fluchte ich. Cathy erwiderte, dass der Kontakt zwischen mir und meinem Management seit einigen Monaten eingeschlafen war und sich möglicherweise die Nummern geändert haben könnten. Sie riet mir es einfach selbst zu versuchen. Ein Trainer bietet sich selbst bei einem Verein an? Ohne Management? Wo gabs denn sowas? Aber mir blieb auch keine andere Möglichkeit, also musste es dieser Weg sein. Also wählte ich wie ein Fan, der etwas im Fanshop bestellen wollte oder Fragen zu seiner Mitgliedschaft hatte, auf der Geschäftsstelle an. Mein deutsch war glücklicherweise noch soweit in Schuss, dass ich Gespräche führen konnte. Doch was sollte ich sagen? So ein Mist, im Vorfeld hätte ich mir mal Gedanken machen können, was ich jetzt überhaupt sage.

Wie schon erwartet musste ich für mein Anliegen eine Zahl anklicken, um zum Bereich weitergeleitet zu werden, den ich benötigte. „Für alle sonstiges Themen, wählen sie bitte die 7“, sagte die klare Frauenstimme auf dem Abspielband. „Schön jutn Tach, Klenke hier, Geschäftsstelle Hertha BSC, wat kannik für sie tun“, sagte eine rustikale Frauenstimme zur Begrüßung. „Hell… ähm Hallo, hier ist Alex Ferguson, könnte ich mit Herrn Preetz verbunden werden?“, fragte ich direkt. „Hier kann keena direkt mit den jroßen Fischn vabunden werdn, da müssn se schon ne wichtje Person sein. Und so lange se keen neua Traina für Hertha sind, brochen se dit in den nächsten Tagen ja nee erst beim Preetz versuchen. Wie heißen se nochma?“, antwortete die Dame. „Alex Ferguson, Sir Alex Ferguson. Und ich würde sehr gerne Trainer von Hertha BSC werden, weshalb ich anrufe“, erwiderte ich. Mir schien, dass die Frau jetzt kein Interesse hatte, sich mit der Thematik um meinen Berater zu beschäftigen. „Wie sind se Könich oder wat soll dit mit dem „Sir“? Wollnse me veräppeln oder wat sollik jetzt machen, hm?“. Die Dame wurde zunehmend unwirsch. „Bitte verbinden sie mich einfach mit Herrn Preetz, vielen Dank“, bat ich. Doch es war nichts auszurichten. Frau Klenke legte ohne ein Wort des Abschieds auf. Cathy und ich schauten uns enttäuscht an. Wie müsste man nun vorgehen? Und überhaupt, war ich mittlerweile so unbekannt, dass mich die Leute am Empfang nicht mehr kannten? Nach nur einem Jahr Rente? Ich musste schnell zurück ins Business.

Zurück in die Zukunft

Während ich überlegte und mit Cathy den Morgen einleitete, klingelte mein Handy. eine mir unbekannte Nummer wurde angezeigt. Normalerweise ging ich bei solchen Anrufen nicht ran, doch dieser Anruf kam auf meinem Diensttelefon rein. „Ferguson, hallo“, begrüßte ich die unbekannte Person knapp. „Alex, grüße dich, Will hier“, begrüßte mich mein alter Berater William McGinn. „Willy, gut, dass du anrufst, wir müssen unbedingt…“, begann ich, doch Will unterbrach mich. „Alex, ich wollte dich nur vorwarnen. Anscheinend hat irgendein Verrückter bei einem Berliner Verein angerufen und sich als dich ausgegeben und sich dort für den Trainerposten beworben. Also wundere dich nicht, wenn in den nächsten Tagen bisschen mehr über dich berichtet wird. Hab die Situation aber im Griff“, sagte Will. Etwas verlegen erklärte ich meinem Berater die Situation, von meinem Kribbeln, von Cathys Zustimmung, von meinem Gespräch mit Frau Klenke. Will antwortete etwas verwundert und belustigt: „Alex, bist du dir sicher, dass du dir das antun willst? Das wäre das absolute Himmelfahrtskommando. Ein mittelmäßiger Verein in Deutschland, Medienterror. Das brauchst du auf deine alten Tage nicht. Du bist doch glücklich im sonnigen Miami oder auf deinem schottischen Landsitz oder auf der Tribüne des Old Traffords. Alex, ich als dein Berater empfehle dir deutlich, trenn dich von diesen Gedanken. Wir finden was anderes für dich.“ Ich wurde sauer und konfrontierte Will mit der Tatsache, dass das gesamte Management neue Telefonnummern hatte und ich mich somit nicht mehr als Teil dieses Managements sehen würde. Will, der mit den Jahren aber zu einem Freund wurde, wusste mich zu beruhigen und schlug vor, nach Miami zu kommen, um noch einmal genau über all das nachzudenken.

(Photo by Robert Laberge/Getty Images).

Am nächsten Tag war nicht nur Will bei uns in Miami, in ganz Europa schrieben die Zeitungen und Internet und Fernsehen berichteten, dass ich wohl schon bald bei Hertha BSC unterschreiben würde. In Foren im Internet gab es gar Prozentsätze, die aussagen sollten, wie wahrscheinlich es sei, dass ich Trainer werden würde. Keine Zahl überschritt die 10 Prozent. Allgemein galt ich als zu alt, Hertha BSC als zu klein und unattraktiv. „Na denen werde ich es zeigen“, grummelte ich in mich hinein und Will, der neben mir saß, sah Cathy besorgt an. Er wandte sich zu mir: „Alex, warum bist du nicht früher auf mich zugekommen? Vor ein paar Wochen haben sie im Old Trafford Luis van Gaal vorgestellt. Das hättest du sein können. Die Legende kehrt zurück“, sagte er. Bei den letzten Worten blickte er mit starren Blick aufs Meer und gestikulierte, als würde vor ihm eine Schlagzeile aufkreuzen. „Und nun Hertha BSC? Die haben nicht annähernd diese Strahlkraft von Manchester United. Oder wie wäre es mit der Nationalmannschaft Englands? Roy Hodgens macht das nicht mehr lange mit.“ Ich erklärte meinen Manager, dass das nicht in Frage kommen würde, ich wollte etwas Neues. Eine ganz neue Herausforderung. Will grübelte und schien zu überlegen, ob es noch Sinn machte weiter zu diskutieren. Nach einer langen Stille schaute er wieder auf den Horizont am gefühlten Ende des Meeres und fragte: „Seid ihr sicher, dass ihr nach Berlin wollt, ja?“ und schaute danach eher Cathy als mich an. Wir nickten beide vehement.

“Gut Alex, morgen hast du ein Gespräch mit Michael Preetz und Werner Gegenbauer, das ist wohl der Präsident von Hertha BSC Berlin. „Hertha BSC, nicht Berlin, ohne Berlin also“, verbesserte ich Will. „Das ist denen sehr wichtig, Berlin ist da nicht mit im Namen mit drin“, betonte ich es ein weiteres Mal. Will sah mich irritiert an. „Ehm, ja wie gesagt, du hast morgen Abend in Berlin ein Gespräch mit Preetz und Gegenbauer, ich hab natürlich direkt schon etwas vorverhandelt, weil ich genau wusste, dass du deine Entscheidung nicht mehr ändern würdest“, zwinkerte er. „Aber ich muss dich vorwarnen, dein Grundgehalt bei Hertha BSC wird wahrscheinlich niedriger sein, als deine Punktprämie bei United. Finanziell wird das da keine große Geschichte für dich. Aber ich gehe davon aus, dass dir das bewusst ist oder?“, fragte er mich. „Du, ich will nur trainieren und im lauten, vollen Stadion wieder an der Seitenlinie stehen“, sagte ich ihm. „Also, wann geht der Flieger?“, fragte ich. „In zwei Stunden müssen wir am Flughafen sein. Hertha BSC stellt einen Privatjet. Also fang an zu packen.“, erwiderte Will.

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Berlin is Calling

Zwei Stunden später saß ich am Flughafen von Miami in einem Privatjet. Ich hatte nur einen kleinen Koffer mit ein wenig Kleidung und Schreibzeug für ein paar Tage dabei. Will saß neben mir, Cathy blieb in Miami, über alles Weitere wollten wir zu gegebener Zeit sprechen. „Und die kleine Maschine bringt uns über den großen Teich, ja?“, fragte Will mit besorgter Miene den Piloten, der uns persönlich empfing und uns unsere Plätze zuwies. „Selbstverständlich! Machen Sie es sich bequem, das Team wird sich um jeden Wunsch von Ihnen kümmern. Getränke- und Speisekarten finden Sie an ihren Plätzen, ebenfalls haben Sie im gesamten Flieger die Möglichkeit auf Internet zurückzugreifen.“, erwiderte der Pilot. Während Will noch immer etwas unruhig wirkte, machte ich es mir an meinem Platz gemütlich und bestellte einen heißen Pfefferminztee. „Für mich bitte einen Gin-Tonic“, sagte der schwitzende Will. „Bisschen früh für Alkohol Willy“, sagte ich und schaute in besorgt an. „Flugangst“, war das einzige, was Will von sich gab. Der arme Kerl musste innerhalb weniger Stunden diese Strecke zweimal fliegen. Wenn das kein echter Berater und Freund ist, weiß ich auch nicht, dachte ich. Über den Wolken dauerte es nicht lange und der Gin machte Will so müde, dass er einschlafen konnte und somit nicht mehr seinen Ängsten ausgesetzt war. Ich nutzte die Zeit für ein wenig Recherche. Ich öffnete meinen Laptop und suchte nach dem aktuellen Kader von Hertha BSC.

Und tatsächlich, viele Spieler waren keine Unbekannten. Zum Teil waren spannende Talente dabei, internationale Nationalspieler ebenso. Die Altersstruktur schien ebenfalls zu stimmen. Mit Salomon Kalou wurde sogar ein echter Superstar verpflichtet. Ein paar Kandidaten ließen mich durchaus aufhorchen. In der Verteidigung war John-Anthony Brooks. Ein US-Amerikaner, der wohl aus der Jugend Herthas stammte. Er hatte bei der Weltmeisterschaft auf sich aufmerksam gemacht. Definitiv ein Junge, der zu größerem berufen war. Mit John Heitinga stand praktisch schon ein weiterer Stammverteidiger bereit. „Abwarten Alex, vielleicht gefällt es dir ja gar nicht und du willst sofort wieder weg“, nuschelte ich in mich hinein, doch ein Lächeln konnte ich mir vor Vorfreude nicht verkneifen. Im Mittelfeld gabs auch allerlei spannende Spieler. Da war der Japaner Genki Haraguchi. Kam auch erst vor ein paar Tagen aus Japan. Ihn hatten wir auch lange bei Manchester United beobachtet. Einer machte mich stutzig. Ein Brasilianer Namens Ronny. Ich wusste nicht viel, nur hab ich mal gehört, dass er den härtesten Schuss der Welt haben sollte. Konnte das stimmen? Sofort kamen mir Erinnerungen von vielen und vor allem heimlichen Verhandlungen mit Roberto Carlos hoch. So sehr ich ihn wollte, es sollte nie passen. Er war zu glücklich in Madrid und später war ihm der Weg in die Türkei lieber. Schade, eines meiner größten Versäumnisse. Aber spannend, möglicherweise konnte ich hier also einen Roberto Carlos 2.0 in meinem Team vorfinden. Im Sturm gab es neben Salomon Kalou noch Julian Schieber, vor ein paar Jahren ein großes deutsches Talent. Er entschied sich im letzten Jahr meiner Amtszeit für einen Wechsel zu Borussia Dortmund anstatt nach Manchester. Man will es ihm nicht verübeln, die weite Fußballwelt tut nicht jedem gut. Aber ihn kannte ich, wir hatten mehrere Gespräche und kamen soweit ganz gut zurecht. Ein weiterer Stürmer war Sandro Wagner. Ein ehemaliges Talent von den Bayern. Auch ihn hatten wir ab und an Mal auf dem Zettel, doch viel entstehen sollte da nach einigen Scoutings nicht.

Während die Wolken an mir vorbeirauschten und die Stunden wie im Flug vergingen, stöberte ich weiter in den Untiefen des Internets, um so viel wie möglich über Hertha BSC zu erfahren. Ich freute mich ganz besonders auf das Olympiastadion. Ich war schon öfter vor Ort. 2012 erlebte ich, wie Borussia Dortmund den FC Bayern München im Pokalfinale auseinandernahm. Im Anschluss konnten wir den Transfer von Shinji Kagawa festmachen. 2006 sah ich zu, wie die Italiener in diesem altehrwürdigen Stadion Weltmeister wurden. Und 2011 sah ich sogar bei einem Spiel von Hertha BSC zu. Die Stimmung war prächtig, als ein gewisser Patrick Ebert die Mannschaft gegen Real Madrid in Führung schoss. Belustigt stellte ich also fest, dass mir der Verein gar nicht so unbekannt war, wie zunächst erwartet. Mein Handy klingelte. Es wird für mich niemals normal sein in einem Flugzeug telefonieren zu können, wurde uns allen doch über Jahrzehnte beigebracht, dass das zu unterlassen sei, sonst gäbe es Probleme mit der Flugzeugtechnik. Aber okay, je teurer das Umfeld, desto mehr ist möglich. Ich staunte nicht schlecht. Mein alter Bekannter, ja vielleicht auch Freund, Otto Rehhagel rief an. Klar, Otto war schließlich bis vor zwei Jahren auch noch Trainer bei der Hertha. Ich ging ran. „Otto mein Freund, schön von dir zu hören“, begrüßte ich ihn. „Na Alex, was liest man da in den Zeitungen? Stimmt das? Und wenn ja, warum erzählst du denn nichts?“, fragte er mich fast schon vorwurfsvoll. „Du, Otto, ich weiß es ja selbst erst seit wenigen Stunden und noch ist nichts unterschrieben“, versuchte ich ihn zu beruhigen. „Mein lieber, es wird spannend auf die alten Tage, das sag ich dir. Aber du bist ja wie ich ein alter Hase im Geschäft und weißt wie du mit den Medien umgehen musst. Gib den Berlinern was zu fressen und du kannst ganz entspannt arbeiten“, lachte er laut. „Otto, du bist doch mit denen abgestiegen, da hat dein Plan nicht ganz funktioniert oder?“, fragte ich ihn neckend.

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„Alex, wir haben gekämpft, ich hab motiviert, die beiden Jungs da an meiner Seite haben ne tolle Arbeit geleistet. Weiß gar nicht mehr wie die heißen, ist ja auch egal. Aber jedenfalls das Ding da in Düsseldorf. Das war ein Skandal, Alex. Haste damals gar nicht mitbekommen, ne?“, erwiderte er und wurde zunehmend lauter. Unaufhaltsam erzählte er mir von seiner Zeit in Berlin. Von den vielen Spielern, deren Namen er kaum noch kannte, von den Medien, die heiß auf seine privaten Geschichten waren, von seinem zwischenzeitlichen Denkmal vor dem Olympiastadion und von der Relegation. Die Fans hatten wohl vor Spielende das Feld gestürmt. Doch egal wie komisch es für Otto lief, er wünschte mir viel Spaß und Erfolg und gab mir seinen Segen. Er wollte nur das Beste für mich. Schon bald wollten wir uns in Berlin treffen und über alte Zeiten quatschen.  Ich schaute zu Will hinüber, der weiterhin tief schlief. Ich wollte ihm die letzten Stunden Ruhe gönnen, wie es weitergehen würde können wir auch in Berlin besprechen. Den Rest der Zeit könnte auch ich ein wenig Schlaf gebrauchen. Ich schloss die Augen und versank direkt im Reich der Träume.

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Berliner Leben

Gefühlt wenige Sekunden später weckte mich Will. Er schien wesentlich besser drauf zu sein, als noch zu Beginn unserer Reise. „Alex, wir sind da. Das hier ist der Flughafen Tegel. Mir wurde zugetragen, dass im ganzen Flughafen Journalisten sind, die deine Ankunft erwarten. Ich weiß nicht woher die das wissen, aber um den Stress aus dem Weg zu gehen, steht ein Fahrzeug bereit. Da steigen wir ein und wir werden zunächst in ein Hotel gefahren“, instruierte mich Will. Ich stimmte zu und trat an die frische Berliner Luft. Die angenehme Brise kühlte ein wenig bei den heißen, sommerlichen Temperaturen. Wir hatten kaum Zeit uns zu bewegen, praktisch mit dem nächsten Schritt landeten wir in der schwarzen Limousine, die für uns bereitstand. Der Fahrer, ein stattlicher Mann in einem teuren Anzug fragte uns wo es hingehen sollte. „Waldorf Astoria, das Hotel am Zoo bitte“, sagte Will, während er in seiner Tasche kramte, um sein Handy rauszusuchen. „Okay, nenn mir doch mal den Plan, wie läuft das jetzt?“, fragte ich ihn. „Wir fahren jetzt zum Hotel, wo du duschen kannst. Danach würde ich vorschlagen, dass wir uns ein nettes Lokal suchen, um etwas zu essen. Ich sterbe vor Hunger. Die Flugangst lässt meinen Hunger immer ganz verschwinden. Aber eben nur so lang wie ich im Flugzeug…“, sagte er, doch ich unterbrach ihn. „Willy, ja gerne, wir gehen was essen, aber bitte bleib beim Thema und erkläre mir wie es weitergeht“. Will schien sich wieder gefangen zu haben und erklärte mir, dass der Termin mit Michael Preetz und Werner Gegenbauer auf 19 Uhr in einem Tagungsraum im Hotel angesetzt war.

Die Stadt war komplett dicht wegen des Berufsverkehrs. Überall hupten die Autos, meckernde Leute brüllten aus ihren Karosserien und meinten so ihre Probleme lösen zu können. Ich kannte das aus Manchester, in Miami war es ebenfalls ähnlich. Die Berliner wirkten gehetzt. Mir fielen einige Aufkleber an Straßenlaternen und Ampeln auf. Die meisten waren blau-weiß. In diesem Teil der Stadt schien Hertha BSC also die klare Nummer 1 zu sein. Ich erinnerte mich, dass es zu DDR Zeiten den BFC Dynamo gab. Ein Verein, der damals in Serie die Meisterschaft holte. Allerdings gab es praktisch durchgehend Gerüchte, dass der Verein in der Hand der Regierung war und sämtliche Schiedsrichter praktisch dazu gezwungen wurden pro BFC zu pfeifen. Doch mittlerweile war dieser Verein mehr oder weniger in der Bedeutungslosigkeit und in einer unterklassigen Liga unterwegs. „Gibt’s außer Hertha noch einen relevanten Verein in Berlin?“, erkundigte ich mich bei Will. „Um ehrlich zu sein, bin ich mir gerade nicht sicher wie das mit Union Berlin gehandhabt wird. Gehört wohl zu Berlin, sie selbst sehen sich aber nur als Köpenicker. Das ist ein Bezirk am östlichen Rand Berlins. Die spielen gerade in der zweiten Liga. Vielleicht schauen auch die irgendwann oben mal vorbei“, erzählte er mir. Der Stadtrivale spielt also eine Liga tiefer und scheint keine Gefahr darzustellen. So sah es auch viele Jahre in Manchester aus. City hat es nie geschafft in irgendeiner Form relevant zu werden. Und nun, mit ihren Finanzspritzen in der Hinterhand, sind sie ein ernsthafter Konkurrent. Mir wurde flau im Magen bei dem Gedanken, wie dieses Scheich-Produkt 2012 in letzter Sekunde die Meisterschaft feiern konnte. Wie sie uns vor große Probleme stellten und das in jedem Spiel. Schön war und ist das nicht. Aber gut, mit den neuen Begebenheiten muss ich mich ja nicht mehr beschäftigen. Zurück nach Deutschland mit den Gedanken. Union Berlin und damit noch ein ehemaliger DDR-Verein. Immerhin einer, der sich halten konnte. Das gelang nur den wenigsten. Hansa Rostock gabs auch im Osten. Mein alter Freund und ehemaliger Trainer Jörg Berger war vor einigen Jahren gestorben. Wehmütig versank ich etwas in Gedanken. Ich liebte die Ostsee. Das raue Klima war mir fast schon heimisch. Die See, die Hafenstädte, das kannte ich aus Manchester. Energie Cottbus gefiel mir auch immer. Alles kleine, quirlige Vereine, die den großen Mannschaften gerne in die Suppe spuckten.

Während ich in Gedanken versunken war, fuhren wir vor dem Luxushotel am Berlin Zoo vor. Es dauerte nicht lange und Will, unserem Fahrer und mir wurde bewusst, dass es nicht leicht werden würde, unerkannt ins Hotel zu kommen. Einige Boulevard-Journalisten hatten genau diesen Moment erwartet. Sie hatten wahrscheinlich seit geraumer Zeit auf uns gewartet und wollten nun natürlich Stimmen und Fotos bekommen. Das Sicherheitspersonal des Hotels hatte aller Hand zu tun. Trotz des großen Medienansturms wollten sie natürlich den normalen Betrieb am Laufen halten. Kaum stiegen wir aus der Limousine gingen Blitz – und Wortgewitter los. Windige Reporter wollten erfahren was mein Aufenthalt in der deutschen Hauptstadt zu bedeuten habe. Was ich bei Hertha BSC wolle und warum mir der Ruhestand nicht mehr gefallen würde. Schnell betraten Will und ich das Hotel. Angekommen am hölzernen Tresen der Rezeption, wurden wir von einem jungen Empfangsherren begrüßt. „Bitte entschuldigen Sie das Mediengewitter da draußen. Aber heute soll wohl ein prominenter Fußballtrainer hier einchecken. Albern ich weiß“, sagte er und wirkte dabei als wolle er sich mit Händen und Füßen entschuldigen wollen. In meinen Gedanken explodierte schon wieder etwas. War der Junge so desinteressiert in Sachen Fußball? Kannte man mich wirklich nicht mehr? Ich war entsetzt, aber irgendwo auch beruhigt, möglicherweise könnte ich hier in Berlin ein einigermaßen ruhiges Leben führen. „Was kann ich für sie tun? Ich bräuchte einmal ihren Namen“, sagte der Herr und schaute uns erwartungsvoll an. „Ferguson, der Fußballtrainer“, sagte ich ruhig und überreichte ihm meinen Reisepass. Die Aussage schien er überhört zu haben, zumindest wirkte er in keiner Weise so, als wäre ihm nun seine Eingangsaussage unangenehm. Er gab die Daten in das Betriebssystem ein. „Okay Herr Ferguson und Herr McGinn, die Ambassador Suite mit zwei Einzelbetten wurde für sie bereitgestellt. Ich führe sie gerne zu ihrem privaten Fahrstuhl. Sie müssen in den 30. Stock. Ihr Gepäck befindet sich bereits in ihrer Suite. Außerdem sehe ich im System, dass für 19 Uhr der Tagungsraum in der 26. Etage für sie gebucht ist“, sagte der Herr und deutete die Richtung, in die wir gehen mussten.

Mit gedämpften Schritten liefen wir durch die Lobby, an einer stattlich ausgestatteten Bar vorbei und betraten den großen und geräumigen Fahrstuhl. Angekommen in der Suite stockte insbesondere Will der Atem: „Heilige… das ist ja Luxus hier…“, staunte er nicht schlecht. Ich, der über viele Jahre mit einem der wohlhabendsten Vereine um die Welt gejettet bin, war das gewohnt. So oft wie ich von zuhause fern war, war es mir wichtig, es zumindest etwas gemütlich und heimisch zu haben. Zugegeben, die Suite hatte etwas besonders. Die Suite war rundum mit Panorama-Fenstern ausgestattet und einem großen Balkon. Die Sonne hing schon am Vormittag weit über der Stadt. Es schien ein hitziger Sommertag zu werden. „Alex, schau mal, die scheinen dich zu kennen“, rief Will und warf mir etwas zu. „Airwaves Kaugummi“, las ich laut vor und schaute Alex dabei irritiert an. „Na wegen Kaugummis beim Spiel kauen und so“, fügte er breit grinsend hinzu. Allerdings wirkte er mit jedem Wort immer unsicherer und schaute danach relativ bedröppelt zu Boden. Stimmt, während meiner Karriere kaute ich durchgehend Kaugummi während der Spiele. Aber nur der Beschäftigung wegen und um Stress und Aggressionen abbauen zu können. Im Privatleben hatte ich das gar nicht nötig und wenn ich ehrlich war, schmeckten mir die Dinger auch gar nicht. „Ich geh duschen“, sagte ich Will.

„Fantastisch oder Alex?“, fragte mich Will. Mein Freund und Berater genoss gerade in vollen Zügen das Gourmet-Restaurant Roca im Bauch des Hotels. Das Flanksteak mit Pfifferlingen war fast schon zur Hälfte verspeist, so sehr schling Will in den ersten Minuten. Ich genoss meinen Ceaser-Salat und ein Sprudelwasser. „Wollen wir gleich spazieren gehen?“, fragte mich Will. Er kannte sich wohl in Berlin relativ gut aus. Er hatte hier wohl mal eine Liebschaft, mit der er sich vielleicht später noch treffen wollte. Keine schlechte Idee, etwas Abstand von dem Wirbelwind würde auch mir mal ganz gut tun. Nach dem Essen flanierten wir ein wenig durch die Berliner Innenstadt. So gut es ging vermummte ich mich, um nicht von den lauernden Journalisten abgefangen zu werden. Ich trug einen grauen Anzug, eine getönte Pilotensonnenbrille und versuchte mit einem Hut meinen Kopf noch mehr zu verbergen. Es gelang. Wir liefen über den Bahnhofsplatz vom U-Bahnhof Zoologischer Garten, schauten uns die Boutiquen auf dem Kurfüstendamm an, die Theaterpläne der vielen kleinen versteckten Berliner Kulturlokale und genossen den hauptstädtischen Flair der Westberliner City.

Das Meeting

Der Tag verging schnell und der Termin mit den Hertha-Verantwortlichen rückte näher. Der gebuchte Tagungsraum war bereits betretbar. Zwei Kellnerinnen lieferten sämtliche Wünsche, die wir äußerten. Viele Wünsche hatten wir dabei gar nicht. Ein wenig Wasser stand bereits auf dem Tisch, Will wünschte sich noch ein wenig Apfelsaft. „Also Alex, harte Verhandlungen werden das nicht, denke ich. Paar Kleinigkeiten, paar Dinge wie viel Macht du im Verein haben wirst. Glaube das wird fair und schnell ablaufen“, sagte Will. Wir besprachen kurz wer wie viel Redeanteil haben würde und welche Bedingungen erfüllt werden müssten. Doch auch hier hatten wir keine hohen Anforderungen. Die Tür, die bereits zur Hälfte aufstand, wurde vorsichtig aufgeschoben. Ein schmales Gesicht mit Brille und Dreitagebart schaute unsicher in den Raum. „Werner, Ingo, wir sind richtig hier“, sagte Michael Preetz mit etwas zittriger Stimme. Er betrat den Raum in einem schwarzen Anzug, der ihm viel zu groß wirkte. Der Sportvorstand wirkte unsicher in seinem Auftreten, vielleicht war er aber auch aufgeregt. Ich kannte es nur zu gut, dass Menschen mir gegenüber so taten, als würden sie mit irgendeiner ihnen höher gestellten Person sprechen müssen. Ich versuchte also Lockerheit auszustrahlen und lächelte.

(Photo by OLI SCARFF/AFP via Getty Images)

Als zweites betrat Werner Gegenbauer den Raum. Er sah wesentlich entspannter aus, lief langsam durch den Raum und trug einen formstarken hellgrauen Anzug und lächelte sofort, als sich unsere Blicke trafen. Der dritte Mann, von dem ich bisher nichts wusste, war ein gewisser Ingo Schiller. Er wurde mir als der Finanzvorstand Hertha BSCs vorgestellt. Sein schütteres Haar auf dem Kopf machte er mit einem prächtigen Bart wieder wett. Auch er trug einen schicken Anzug. Mittelblau. In der Delegation sah er zweifellos am lässigsten aus. Fünf Leute also, die sich nun gegenüber saßen. „Meine Herren, schön, dass der Termin eingehalten werden konnte“, begann Gegenbauer das Gespräch. „Ich hoffe sie hatten einen angenehmen Flug Herr Ferguson und Herr McGinn?“, fragte Gegenbauer weiter. Es schien als würde er hier die Moderation als seine Funktion sehen. Wir einigten uns darauf, dass die Sprache während der Verhandlungen deutsch sein würde. Gegenbauer erzählte ein wenig über Hertha BSC. Er sprach über schwere Jahre. Dass der Verein in den vergangenen Jahren zweimal in die 2. Bundesliga abgestiegen sei und man sich nun endlich wieder langfristig in der Liga etablieren wollte. In diesem Sommer gab es bereits einige Transfers, die diese Richtung auch betonen sollten. „Herr Ferguson, warum eigentlich Hertha BSC und kein internationaler Topclub? Finanziell und sportlich gibt es sicherlich besser aufgestellte Vereine in Europa.“, sagte Ingo Schiller.

Ich erzählte offen und ehrlich von meinem inneren Drang. Von meinen Wünschen, meinen Gedanken und meiner unbändigen Lust. Wir sprachen über den aktuellen Fußball. Auch wenn ich schon ein Jahr raus war, war ich nicht komplett weg vom Fenster, auch meine taktische Expertise war noch nicht von vorgestern. Wir beschnupperten einander, zeigten Interesse an den Meinungen aller und auch Will versuchte sich einzubringen. Schließlich wollte auch er aus meinem vermeintlich letzten Vertrag noch ein stattliches Beraterhonorar abräumen. Auch wenn ich wahrscheinlich schon lange nicht mehr sein lukrativster Klient war. Der einzige, der sich bisher nicht äußerte war Michael Preetz. Es wirkte, als wäre er unter den Fittichen Gegenbauers. Sein Auftreten wirkte unsicher. Insbesondere als er von Gegenbauer und Schiller ins Gespräch gezogen wurde und seine Gedanken äußern sollte.

Er fing stotternd an, tat sich schwer, gewann aber mit zunehmender Stimmennutzung an Sicherheit: „Wir haben in den letzten Jahren spannende Trainer gehabt. Mit Otto Rehhagel hatten wir sogar einen echten Altstar. Mit ihnen würde eine ganz andere Strahlkraft nach Berlin kommen. Wir würden uns unendlich darüber freuen. Sie hätten freie Hand auf dem Transfermarkt, auch wenn finanziell nicht viel Spielraum wäre. Der Kader steht an sich, aber da lässt sich bekanntlich viel machen.“, begann er mir die Aufgabe schmackhaft zu reden. „Das Team ist fit, Hendrik Vieth und Hendrik Kuchno leisten alle Arbeit. Ein Trainingslager nach Schladming steht in zwei Wochen an. Bis zum Saisonstart stehen noch vier Testspiele auf dem Plan. Also allerlei Zeit für ein wenig taktisches“, fügte Preetz hinzu. Ich lächelte meinen wahrscheinlich baldigen Chef an und wollte ihm damit zeigen, dass er sich überhaupt nicht verstecken brauche. Doch jede Handlung des Sportdirektors zeigte enorme Unsicherheit. Beim Öffnen einer Apfelschorle zitterte er so sehr, dass ihm die gerade geöffnete Glasflasche aus der Hand rutschte. Werner Gegenbauer sah ihn tadelnd an. Auch ihm merkte man an, dass dieser Deal hier auf keinen Fall scheitern sollte. Früher hätte ich womöglich so ein Meeting schon längst wieder verlassen. Es wirkte zum Teil doch wie eine Pannenshow überforderter Männer, die bisher nur wenig seriöse Arbeit geleistet haben konnten. Nach über einer Stunde freundlicher Unterhaltung begonnen vor allem Will, Preetz und Schiller miteinander zu diskutieren. Und aha, siehe an. Auch Preetz wusste nun zu überzeugen und in seiner Rolle aufzugehen.

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Sein Verhandlungsgeschick war ausgesprochen spannend. Mit ihm und Will standen sich zwei ebenbürtige Verhandlungspartner gegenüber. Ebenbürtig und vor allem unterschätzt. Seit über 20 Jahren verhandelte Will meine Verträge. Sei es ein lukrativer Vertrag bei Manchester United oder auch nur ein kleiner Werbedeal. Enttäuscht war ich nie.

Ingo Schiller und Werner Gegenbauer beobachteten wie ich das Spektakel. Nach einigen Minuten stand der Vertrag praktisch. Ingo Schiller schrieb alle nieder und wollte den Vertrag heute noch offiziell aufsetzen. Am heutigen Tag würde es um eine mündliche Zusagen gehen, wie mir erklärt wurde. „Herr Ferguson, es freut mich ungemein, sie vorbehaltlich ihrer morgigen Unterschrift in der Hertha-Familie begrüßen zu können“, sagte Gegenbauer feierlich und reichte mir die Hand. Ich griff zu. Wir schauten uns tief in die Augen, der Handdruck war fest. Sehr fest. „Ich würde Sie dann also bitten morgen 10 Uhr in der Geschäftsstelle auf dem Olympiagelände zu erscheinen“, fügte Preetz hinzu, ohne mir in die Augen schauen zu können. Mit einem freundlichen Händedruck versicherte ich ihm, dass ich erscheinen würde. Auch Will schlug in alle geöffneten Hände ein und wirkte mehr als zufrieden. Die Hertha-Delegation verabschiedete sich. Am morgigen Tag würde es wohl den Vertrag geben, direkt ein Exklusivinterview mit dem Social-Media-Team des Vereins und für den Nachmittag würde eine Pressekonferenz angesetzt sein. Bis dahin sollte ich kein Wort mit der Presse wechseln.

„Alex, dann mach dich mal auf Wohnungssuche. Drei Jahre in der Stadt werden spannend. Und du willst doch wohl nicht hier im Hotel bis in alle Ewigkeiten leben oder?“, fragte Will. Er war stolz auf sich und sein Verhandlungsgeschick. Ihm war es gelungen einen netten kleinen Vertrag auszuhandeln. Etwas, was er sich bis vor kurzem nicht mehr zugetraut hätte. „Ich dachte mein Verhandlungsgeschick sei vollkommen eingerostet. Aber so hart der Brocken Preetz auch ist, fair ist er total!“, betonte Will und schaute vom Balkon der Luxussuite.  „Alex ich bin noch verabredet. Ich bin mir sicher du weißt einiges mit dem heutigen Tag anzufangen. Geh bald schlafen, morgen wird es nicht einfach!“, sagte er. „Wir fahren morgen gegen 9 Uhr hier los, also am besten 7:30 Uhr aufstehen, entspannt frühstücken und dann auf zum Olympiagelände“, erklärte er mir den Plan. Wills Abgang brachte mich auf die Idee endlich Cathy anzurufen. Meine Frau ging beim ersten Klingeln ran. Ich erzählte ihr alles. Von Wills Flugangst, vom Verein, von der Stadt, von der ungleichen Delegation Herthas, die mir heute begegnet ist und was morgen auf dem Plan stehen würde. „Cathy, es scheint so als würden wir die nächsten drei Jahre hier wohnen. Bist du dazu bereit?“, fragte ich sie. „Das bin ich. Ich nehme den nächsten Flug nach Berlin“, antwortete sie.