Jahresrückblick: Teil 3 – Eine unmögliche Vorbereitung

Jahresrückblick: Teil 3 – Eine unmögliche Vorbereitung

Am Ende dieses verrückten Jahres blicken wir bei Hertha BASE in einer vierteiligen Serie auf die wichtigsten Ereignisse und Vorkommnisse bezüglich Hertha zurück.

Im dritten Teil des Rückblicks geht es um eine wohl noch nie derart erlebte Sommerpause. Wir erinnern uns zurück an eine suboptimale Vorbereitung, durch die sich Bruno Labbadias Team quälen musste.

Viele Fragezeichen nach der Saison – Umbruch deutet sich an

Da war es endlich soweit: die so chaotische Saison 2019/20 war endlich zu ende und Hertha machte sich für den großen Umbruch im Sommer bereit. Bruno Labbadia hatte es also geschafft, den kompletten Absturz der „alten Dame“ zu verhindern. Der nächste Schritt sei klar: man wolle die Mannschaft gut zusammenstellen, einen Spielstil entwickeln. „So wie man ein Haus aufbaut, sollte man auch eine Mannschaft aufbauen. Vom Grundstock, denn ohne den kann kein Haus stehen bleiben“, erklärte Herthas Chefcoach zu Beginn der Vorbereitung. Anders ausgedrückt: die bereits im letzten Teil angesprochene zentrale Achse muss bis Saisonstart feststehen und die Basis für Herthas Spiel darstellen. Genau diesbezüglich stellten sich bereits nach der letzten Partie in Gladbach große Fragen.

Foto: IMAGO

Tatsächlich fielen aus der so wichtigen zentralen Achse mit Per Skjelbred, Marko Grujic und Vedad Ibisevic gleich drei (!) Spieler weg. Skjelbred wechselte zurück in die Heimat und der Vertrag mit Ibisevic wurde nicht verlängert. Eine „schwere Entscheidung“, wie Labbadia später erklärte, doch man habe sich bewusst für den „schwierigen Weg“ entschieden, eine junge Mannschaft zusammenzustellen.

Am Ende verließen im Sommer gleich acht Spieler, die eine geringe bis hochwichtige Rolle im Kader spielten, die „alte Dame“. Salomon Kalou, Marko Grujic, Per Skjelbred, Vedad Ibisevic, Alexander Esswein, Karim Rekik, Marius Wolf, Thomas Kraft und Arne Maier: dass es zu lange dauern würde, auf jeden dieser Spieler einzugehen, zeigt bereits, wie groß der Umbruch im Kader war. Um diese Abgänge aufzufangen, sollten neue Spieler auf folgende Positionen geholt werden: Tor, rechte Verteidigung, Achterposition, rechte Außenbahn und Sturm.

Vom „Performance Manager“ zum Sportdirektor

Eine große Aufgabe also im Sommer, für die jedoch nicht nur Michael Preetz und Bruno Labbadia verantwortlich werden sollten. Bereits Ende Juni wurde Arne Friedrich zum Sportdirektor bei Hertha BSC ernannt. Der ehemalige Kapitän der Blau-Weißen wurde endlich vom schwammigen Titel „Performance Manager“ befreit. Seine Ernennung sollte nach Angaben des Vereins gerade keine Entmachtung von Manager Michael Preetz sein. Der 41-Jährige sollte stattdessen ein Bindeglied zwischen Mannschaft und Geschäftsführung darstellen.

Darüber hinaus sollte er mit in der Kaderplanung eingebunden werden. Er sei: „in Absprache mit dem Geschäftsführer mitverantwortlich für die sportliche Planung und die Kaderplanung, für strategische Themenfelder, die aufkommen, und auch für das Personal-Management.” Nach der unübersichtlichen und chaotischen Saison klang zumindest diese personelle Entscheidung sinnvoll. “Wir wollen im nächsten Jahr in ruhigere Fahrwasser, daran arbeiten wir”, meinte der neue Sportdirektor. Eine Aussage, die im Rückblick natürlich alles andere als prophetisch gelten kann.

Michael Preetz sollte jedoch in diesem Sommer jede Unterstützung gut gebrauchen können. Die Transferperiode gestaltete sich aufgrund der Corona-Situation besonders schwierig. Hertha musste außerdem wie auch andere Vereine in Deutschland, durch die fehlenden Zuschauereinnahmen in dieser und letzter Saison zweistellige Einnahmeverluste hinnehmen. Auch deshalb sollte die Botschaft am ersten Juli 2020 die Hertha-Verantwortlichen besonders erfreut haben. Die Tennor Holding B.V. stockte ihre Anteile auf und versprach die Zahlung von rund 150 Millionen Euro.

„Geldregen“ als Fluch und Segen

Eine gerade in Corona-Zeiten fast schon ungesund hohe Summe sollte also in Herthas Kasse fließen. Ein riesiger „Geldregen“ also für Hertha BSC. Der Investor-Club konnte wieder wie im Winter die großen Millionen raushauen und bereits in der Saison 2020/21 eine neue Macht in der Bundesliga darstellen. So zumindest klang es bundesweit in den Medien und in sozialen Netzwerken. Die Realität jedoch, war wie schon so oft eine völlig andere.

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Im Sommer flossen von den 150 Millionen „nur“ 50. 100 weitere sollten im Oktober folgen, was jedoch, wie wir heute wissen, ausblieb. Michael Preetz konnte also nicht plötzlich 150 Millionen Euro für neue Spieler ausgeben. Auf den Punkt brachte es Herthas Cheftrainer: „Wir haben ein Stück Geld bekommen, worüber wir sehr froh sind, aber wir brauchen eine Einordnung, es ist nicht so, dass wir uns damit eine Mannschaft aufbauen können“. Stattdessen wolle man „klug vorgehen und genau schauen, wer zu den Spielern, die schon hier sind, passt.” Die Abgänge würde man nicht durch große Stars ersetzen können “(…) es ist nicht so, dass wir fünf, sechs Top-Spieler holen können“, so Labbadia.

Doch diese Erkenntnis schien nicht überall angekommen zu sein. Tatsächlich gestaltete sich die Suche nach neuen Spielern umso schwieriger: Hertha galt für andere Vereine und Spieleragenten als „stinkreich“ und wurde vor horrenden Preisschildern gestellt. Verhandlungen schienen oft an zu hohe Erwartungen zu scheitern. Michael Preetz, der zu Beginn der Transferperiode noch optimistisch schien, musste schnell feststellen: „Wir spüren, dass eine andere Erwartungshaltung da ist.“

Gerüchtefestival und späte Transfers

Dies zeigte sich auch ganz besonders daran, dass es im Sommer einen regelrechten Gerüchtefestival rund um Herthas angebliche Neuzugänge gab. Kaum ein Tag verging ohne eine Meldung: Hertha BSC sei an diesen Topspieler interessiert. Es fielen Namen wie Draxler, Götze, Boateng, Trapp, Reine-Adelaide, Calhanoglu oder Jovic. Und auch wenn es teilweise konkrete Gespräche mit einigen Spielern gab, blieben die allermeisten Gerüchte gegenstandlos. Im Sommer hatten wir hier eine Übersicht über Transfergerüchte erstellt, die mit der Zeit auch recht lang wurde.

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Preetz hatte mehrmals betont, dass der Markt gegen Ende der Transferperiode noch aktiver werden würde, und Hertha dort gute Chancen hat, zuzuschlagen. Am Ende blieb jedoch das Gefühl, er habe sich geirrt. Auch gegen Ende blieb der Transfermarkt vergleichsweise ruhig. Herthas Manager konnte die Transfers von Mario Götze, Reine-Adelaide und Marko Grujic nicht vollenden, musste auf Alternativen ausweichen.

Auf den bereits angesprochenen fünf gewünschten Positionen kamen nur vier Spieler: als Torhüter Alexander Schwolow, als rechter Verteidiger Deyovaisio Zeefuik, auf der Acht Mattéo Guendouzi und als Stürmer Jhon Córdoba. Ein Spieler für die Außenbahn wurde nicht geholt und ansonsten nur Spieler ersetzt (Eduard Löwen für Arne Maier, Omar Alderete für Karim Rekik). Vollkommen zufrieden war Cheftrainer Labbadia nach der Transferperiode jedenfalls nicht: „Wir haben eine andere Vorstellung gehabt“, sagte er zu den Transfers. „Aber wir haben noch das Bestmögliche daraus gemacht.“

Niederlagen und Torlosserie vor der Saison

Herthas neue zentrale Achse war also in der Sommervorbereitung erstmal nur Zukunftsmusik: mit Lucas Tousart kam bereits am 1. Juli ein wichtiger Neuzugang für das zentrale Mittelfeld, es folgten relativ zeitnah Deyo Zeefuik für die rechte Verteidigung und Alexander Schwolow, der immerhin die Torhüterdiskussion beendete. Letzterer wurde auch angeblich vor der Nase eines gewissen Ruhrpott-Vereins weggeschnappt, was im Hertha-Lager einige besonders freute. Spieler wie Mattéo Guendouzi oder Jhon Cordoba kamen allerdings erst nach Saisonbeginn, verpassten somit die gesamte Vorbereitung.

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Somit fehlten Spieler, die für das Offensivspiel und die Torgefahr eine zentrale Rolle übernehmen sollten. Das sollte auch im Laufe der Vorbereitung in Testspielen besonders spürbar werden. Zwar begannen die Blau-Beißen mit einem 2:0 Erfolg gegen Viktoria Köln. Es folgte aber eine torlose Testspiel-Niederlagenserie: 0:1 gegen Ajax Amsterdam, 0:4 gegen PSV Eindhoven. Zum Abschluss einer misslungenen Vorbereitung gab es noch ein 0:2 gegen den Hamburger SV. In diesen Spielen war deutlich zu spüren, dass noch ein sehr langer Weg für Labbadias Trainerteam zu gehen ist. Besonders die Spiele gegen die niederländischen Mannschaften deuteten darauf hin, dass Hertha noch sehr weit davon weg ist, ernste europäische Ambitionen haben zu dürfen.

Ein richtiger Rhythmus sollte erst gar nicht aufkommen für die Spieler von Bruno Labbadia. Noch vor dem ersten Testspiel gegen Köln wurde die Partie gegen Saint Étienne abgesagt. Der französische Erstligist hatte Corona-Fälle zu beklagen. Es sollte nicht das erste Testspiel bleiben, das abgesagt werden sollte. Auch das Spiel gegen PSV Eindhoven sollte ursprünglich zwei Mal 90 Minuten dauern. Daraus wurde nur eine Partie. So konnte Herthas Coach nicht wie geplant den Spielern die gewünschte Spielpraxis geben.

Länderspielpausen – Herthas Vorbereitungs-Killer

Auch das Aufbauen eines Teamgefühls und die Bildung einer echten „Mannschaft“ wurde durch die Corona-Lage erschwert. Eine Reise ins Sommertrainingslager war auch für Hertha BSC keine Option. Stattdessen verbrachten die Spieler die Vorbereitung auf dem Klubgelände, wo auch extra Schlafplätze eingerichtet wurden.

Immerhin konnte Matheus Cunha im Trainingspiel ein sehenswertes Tor mit Marcelinho-Vibe erzielen:

Viel schwerwiegender wurde jedoch die Tatsache, dass Bruno Labbadia in den letzten zwei entscheidenden Wochen der Vorbereitung auf seine Nationalspieler verzichten musste. Die Länderspielpause Anfang September stellte die letzte große Hürde dar. Die berufenen Spieler wurden auch ohne große Rücksicht auf die Bedürfnisse des Vereins in Risikogebiete geschickt, und dort teilweise nicht einmal eingesetzt. Trotzdem mussten diese Spieler zunächst bei ihrer Rückkehr dem Teamtraining fernbleiben. So fehlte z.B. Krzysztof Piątek im Pokalspiel in Braunschweig.

Im letzten Test gegen Hamburg war sogar fraglich, ob Hertha überhaupt eine Mannschaft zusammenbekommt. „Wir hoffen, dass wir zumindest elf Spieler zusammen bekommen“, hieß es vom Coach. Auf diese Länderspielpause angesprochen wirkte bis heute Labbadia fast schon frustriert. Kein Wunder: schließlich konnte er beispielsweise erst am 22. September die Kapitänsfrage klären, da er zuvor wochenlang nicht alle Spieler beisammen hatte. Allein das zeigt bereits, wie viel Hektik und wie wenig Zeit es gab, um den von Hertha gestarteten Umbruch ordentlich umzusetzen.

Fazit der Vorbereitung – Schwierigkeitsgrad zu hoch

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Abschließend muss man feststellen: das, was für jede Bundesligamannschaft eigentlich als Basis für die Saison dienen sollte, erwies sich für Hertha BSC diesen Sommer eher als eine zusätzliche Last. Am Ende stolperte man sich eher durch. Die von vielen erwartete Shopping-Tour mit Windhorst-Millionen blieb aus, die großen Namen ebenfalls. Der große Umbruch in der Mannschaft erfolgte allerdings trotzdem notgedrungen, durch die vielen Abgänge.

Sicherlich mussten alle Teams durch die Corona-bedingte außergewöhnliche Lage viele Komplikationen erleiden. Doch ein neuer Trainer, im neuen Kontext und mit einer Mannschaft im Umbruch, ist es noch eine größere Herausforderung gewesen. Was im „normalen“ Kontext bei Hertha so oder so eine schwierige Aufgabe gewesen wäre, schien im aktuellen Kontext noch eine Spur schwieriger zu sein. Vor allem, um diesen „nächsten Schritt“ zu gehen, den Hertha bereits vor anderthalb Jahren erreichen wollte.

Eines muss man jedenfalls feststellen: gut erholt, gut vorbereitet und ohne Zweifel im Gepäck kam die „alte Dame“ ganz sicher nicht in die neue Saison. Vielleicht hätte man den Schwierigkeitsgrad runtersetzen sollen.

[Titelbild: IMAGO]