Zwei Länder, zwei Welten – Fußballende in Frankreich

Zwei Länder, zwei Welten – Fußballende in Frankreich

Die französische Ligue 1 ist beendet – dies wurde am 30.04.2020 offiziell. Knapp eine Woche später gab die DFL bekannt, dass die Bundesliga noch in diesem Monat wieder starten soll. Deutschland und Frankreich trennen weder Ozean noch riesengroße Distanz, trotzdem könnte die aktuelle Lage in beiden professionellen Fußballligen unterschiedlicher nicht sein. Woran das liegt, wie die Ligue 1 beendet wurde und was die Konsequenzen für Vereine und Fans sind wollen wir uns heute anschauen.

Wir wagen den Blick raus aus der Hauptstadt und rüber nach Frankreich. Dort lebt unser Ansprechpartner für französischen Fußball, der Olympique-Lyonnais-Experte Idèr, der uns seine Eindrücke schildern wird. Er ist Redakteur beim Blog „Coeur de Gones“ und beantwortete bereits im Januar unsere Fragen zu Lucas Tousart. Auch um Herthas Neuzugang wird es heute gehen, denn mit dem Ende der Ligue 1 ist noch lange nicht alles um seine Situation geklärt.

Idèrs Antworten gab er uns auf Französisch. Die Zitate sind also frei von unserem Redakteur Chris übersetzt.

Ausgangssperren und Trainingsverbot

Dass Frankreich deutlich härter als Deutschland von Covid-19 betroffen ist, ist bekannt. Während in Deutschland schon die ersten Fußballspieler wieder in kleinen Gruppen auf dem Platz standen, galten (und gelten immer noch) im Nachbarland strenge Ausgangssperren und Kontaktverbote. An Kleingruppentraining war vergangene Woche gar nicht zu denken, denn wie auch der Rest der Bevölkerung müssen die Spieler noch konsequent Zuhause bleiben und können nur zum Einkaufen das Haus verlassen.

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Hertha-Neuzugang Tousart nahm die Ausgangssperre an seinen Geburtstag Ende April mit Humor.

„Jeder bleibt Zuhause“, beschreibt Idèr, „Ab dem 11. Mai wird voraussichtlich die strenge Ausgangssperre enden, die seit dem 17. März in Frankreich besteht. Aber Mannschaftssportarten sowie Versammlungen von mehr als zehn Personen werden verboten bleiben. Es ist schwierig zu wissen, wie unter diesen Umständen wieder trainiert werden soll. Die Mehrheit der Vereine sollte aber im Juni wieder mit dem Training loslegen.“

Wie auch in Deutschland zeigten trotz Ausgangssperre die meisten Fangruppen große Solidarität und unterstützten ihre Mitmenschen durch verschiedene Aktionen. Idèr erzählt: „Das Engagement der Fangruppen in Lyon für bedürftige Personen besteht bereits seit vielen Jahren. Es gab zuletzt einige Spenden unserer Fangruppen an den Krankenhäusern der Stadt. Auch der Verein hat durch seine Stiftung zur Finanzierung der Krankenpflege beigetragen. Dass nicht alles öffentlich wurde, freut mich: Bedürftigen Personen zu helfen, sollte keine Trophäe sein, sondern eine Selbstverständlichkeit.“

Politik am Ursprung für das Saisonende

In dieser äußerst schwierigen Lage war auch Uneinigkeit in den Vereinsführungen zu spüren, es fehlte ein klares Konzept für eine schnelle Wiederaufnahme. Es war von Streitigkeiten zwischen Vereinspräsidenten zu hören, von fehlender Geschlossenheit. Nach einigen Wochen Unklarheit war es dann am 28. April soweit. Premierminister Édouard Philippe verkündete in einer Rede vor der Nationalversammlung, dass die professionellen Fußballmeisterschaften erst im September wieder starten würde und eine Wiederaufnahme im Juni oder Juli nicht möglich sei.

Am 30.04.2020 gab die LFP die Entscheidung bekannt. (Foto: Franck Fife / AFP/ Getty Images)

Mit dieser Entscheidung der Politik war bereits jegliche Hoffnung, die Saison 2019/2020 noch zu Ende zu spielen, dahin. Tatsächlich ging es nur noch darum zu entscheiden, in welcher Form die Saison abgeschlossen werden würde.

Zwei Tage später tagte der Verwaltungsrat der LFP (“Ligue de Football Professionnel”, Französisches Pendant der DFL) und die Ligasaison war offiziell beendet. Der Paris Saint-Germain ist Meister, auch Absteiger und internationale Teilnehmer sind klar. Allen Vereinen drohen durch die fehlenden TV-Einnahmen Verluste in Millionenhöhe, die Existenz einiger Vereine muss durch eine Riesenanleihe seitens der LFP (224,5 Millionen Euro) gesichert werden.

Ermittlung der Abschlusstabelle durch Leistungsindex

Zur Ermittlung der Abschlusstabelle gab es mehrere Optionen. Nach einer Wahl innerhalb der LFP wurde die Punktezahl der Vereine anhand eines Leistungsindexes berechnet, welcher auf die Anzahl der in allen gespielten Spielen erzielten Punkte basiert. Eine Lösung die zwar vergleichsweise fair ist, jedoch noch lange nicht alle Vereine zufriedenstellt.

„Amiens steigt in der Ligue 2 ab, obwohl sie noch theoretisch 30 Punkte zur Rettung holen könnten“, schildert uns unser Experte. „In der Ligue 2 hingegen werden Clermont, Troyes und Ajaccio den Aufstieg nicht schaffen, obwohl nur wenige Punkte zu den Aufstiegsplätzen fehlten. Diese Entscheidung ist für einige vorteilhaft, für viele anderen ein großer Nachteil. Dass die benachteiligten Vereine eine Entschädigung fordern, ist für mich nachvollziehbar.”

Lyon Präsident Aulas mit lautem Protest gegen die Entscheidung der Politik und Liga. (Foto: REMY GABALDA / AFP/Getty Images)

Bei einer anderen Lösung hätte ein Verein den geringen Abstand zu den europäischen Plätzen aufholen können: ausgerechnet der Olympique Lyonnais. Lyons Präsident Jean-Michel Aulas, der dafür bekannt ist, die Interessen seines Vereines öffentlich vehement und nicht immer sehr objektiv zu verteidigen, gab zuletzt zahlreiche Interviews, um sich lautstark zu beschweren. Er sprach von einer verfrühten Entscheidung, von einer Benachteiligung, und drohte mit rechtlichen Schritten.

Wie die Chancen einer solchen Klage aussehen, schätzt Idèr so ein: „Dass die Gremien Ihre Entscheidung ändern scheint mir eher kompliziert zu sein: Die Regierung hat bei dieser Entscheidung mitgewirkt, es wurde abgestimmt und die Verträge mit den TV-Anbietern wurden beendet.“ OL habe höchstens Chancen Schadensersatz zu erhalten.

Offene Fragen um Pokalfinalen und Champions League

Trotzdem betont Aulas, dass die Entscheidung der Regierung und der Fußballliga verfrüht sei und dass man noch immer die Entscheidung ändern könne. Dabei sprach er den Plan der UEFA an, die laufende Champions-League-Saison in der ersten Augustwoche fortsetzen zu wollen. Die französischen Vereine (OL und PSG), die noch im Rennen sind, hätten demzufolge einen riesigen Nachteil gegenüber ihren Gegnern. Tatsächlich würden französische Vereine im August dann etwa fünf Monate lang keine Spiele bestritten haben und wären somit nur bedingt wettbewerbsfähig.

Lucas Tousart als Torschütze gegen Juventus in der Champions League. (Foto: Franck Fife / AFP / Getty Images)

Für Idèr ist das weitere Geschehen in der Champions League nur Nebensache: „Dieses Rückspiel gegen Juventus Turin scheint mir im Moment aktuell nicht die erste Sorge von OL zu sein.“ Lyon steht auch noch im Ligapokalfinale gegen Paris Saint-Germain und könnte durch einen Sieg theoretisch doch noch die Qualifikation zur Europa League erreichen. Wann und ob dieses Finale gespielt werden wird, steht aber ebenfalls noch in den Sternen.

„Natürlich hoffen die Gremien, dass die Finalspiele Anfang August gespielt werden können. Der vorläufige Spielplan für die kommende Saison ist noch lange nicht entschieden und in dieser Gesundheitskrise sind die Wahrheiten von heute noch lange nicht die von morgen.“, sagt Idèr dazu und spricht auch das Problem der Planungssicherheit an. „(…) die Vereine, die theoretisch noch einen Sieg im Pokalfinale holen könnten, werden allerdings deutlich früher als August wissen müssen, ob sie dadurch auch ein Ticket für die Europa League ziehen. Diese Final-Spiele werden meiner Meinung nach niemals gespielt werden, oder zumindest nicht rechtzeitig.”

UEFA muss Tousart-Fall klären

Eine der großen offenen Fragen ist außerdem, was mit Spielern passiert, deren Verträge im Sommer auslaufen oder für die bereits, wie bei Lucas Tousart, ein Wechsel feststeht. Sollten noch Spiele im Pokal oder in der Champions League anstehen, stellt sich noch die Frage, ob diese Spiele mit oder ohne diese Spieler erfolgen. Besonders für diejenigen mit auslaufenden Verträgen ist die Lage zum Teil sehr beunruhigend. In vielen Vereinen bekommen die Spieler von den Verantwortlichen kaum bis keine Informationen und wissen nicht, wie es im Sommer für sie weitergeht.

Ob Lucas Tousart noch einmal im OL Trikot spielen wird ist unklar. (Foto: Franck Fife / AFP / Getty Images)

Auch für Herthas Neuzugang wäre es bitter, das Rückspiel gegen Juventus Turin zu verpassen. Schließlich war Tousart der Torschütze zum 1:0-Sieg im Hinspiel und damit maßgeblich daran beteiligt, dass Lyon noch gute Karten fürs Weiterkommen hat. Unsere Frage, ob der Mittelfeldspieler jetzt am 1. Juli wie vereinbart in Berlin ankommt, kann unser Lyon-Experte leider nicht abschließend beantworten. Auch das sei noch nicht abschließend geklärt. „Auch hier sorgt die Tatsache, dass nicht alle nationalen Meisterschaften dieselbe Entscheidung getroffen haben, für Komplikationen. Die UEFA wird das entscheiden müssen, aber tatsächlich wissen wir nicht wie lange Tousart noch für Lyon auflaufen darf.“

„Wir hoffen, dass wir Lucas entsprechend der Leihvereinbarung zum 1. Juli bei uns begrüßen können“, sagte Michael Preetz dazu. Fakt ist: Lucas Tousart ist bei Hertha BSC unter Vertrag und lediglich an Lyon ausgeliehen. Sollte die UEFA keine Ausnahmeregelung finden, würde im Zweifel die Leihvereinbarung entscheidend sein, und Lyon müsste ab dem 1. Juli auf den Mittelfeldspieler verzichten.

Fanreaktionen in Frankreich

Doch wie ist die Fanreaktion bei OL und in Frankreich? Grundsätzlich zeigt sich bei vielen Fans Verständnis für den Saisonabbruch, doch auch hier gehen die Meinungen auseinander: „Auf der einen Seite ist das Ungerechtigkeitsgefühl: Warum sollten wir nächste Saison nicht europäisch spielen, obwohl wir noch in der Champions League im Rennen sind und im Ligapokalfinale stehen (…)? Auf der anderen Seite sehen es die Lyon-Fans auch nüchtern: Wenn wir keine so unregelmäßige Saison, mit sehr schlechten Ergebnissen gegen schwächere und bloß durchschnittlichen gegen stärkere Teams gespielt hätten, wären wir jetzt nicht in dieser Lage.“

(Photo by Franck Fife / AFP / Getty Images)

Auch der Start in Deutschland lässt die Fans in Frankreich nicht kalt. In sozialen Netzwerken schauen einige Sehnsüchtig zur Bundesliga, andere hingegen fürchten ein Nachteil für die französische Liga. Wir haben Idèr gefragt, was er davon hält:

„Es ist sicherlich ein Risiko, wieder die Bundesliga zu starten. Was wird man sagen, wenn in einem Monat 20 Prozent der Bundesligaspieler am Coronavirus erkrankt sind? Man wird sagen, es sei verrückt gewesen wieder loszulegen. Aber wenn alles gut geht und keiner krank wird, werden Fans in Frankreich den Gremien sagen: „Seht ihr? In Deutschland haben Sie wieder gespielt und alles ist gut gelaufen!” Man wird erst im Nachhinein sehen, wer von Deutschland oder Frankreich am Ende mit der Entscheidung richtig liegt.“

Seiner Meinung nach werden vor allem ökonomische Gründe entscheidend sein. Eines scheint aber international gleich zu bleiben – keiner scheint große Lust auf Geisterspiele zu haben: „(…) Ich glaube nicht an Fußball ohne Zuschauer. Die Entscheidung, mit leeren Rängen zu spielen, kann für mich nur eine Übergangslösung sein.“