Herthaner im Fokus: FC Schalke 04 – Hertha BSC

Herthaner im Fokus: FC Schalke 04 – Hertha BSC

Als im Sommer klar wurde, wie das Auftaktprogramm von Hertha BSC in dieser Saison aussehen würde, machten sich nicht wenige Sorgen darüber, dass es mit dem frühen Punkte Sammeln schwierig werden könnte. Angesichts der bisherigen Gegner ist ein Punkt in drei Spielen sicherlich kein Beinbruch. Beim 0:3 in Gelsenkirchen war es jedoch wieder die Art der Niederlage, die die Fans am meisten verärgerte – wie auch schon im Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg.

Gefühlt chancenlos musste man sich am Wochenende geschlagen geben. Dazu warf man sich zum Teil mit zwei Eigentoren und fahrlässigem Defensivverhalten selbst aus der Bahn. Offensiv war das Spiel der „alten Dame“ größtenteils von Ideenlosigkeit und Ungenauigkeiten geprägt. In unserer Einzelkritik werfen wir einen Blick auf die Spieler, die dabei besonders auffielen.

Karim Rekik und Niklas Stark – im Selbstzerstörungsmodus

Karim Rekik kann in dieser Saison bisher nicht überzeugen (Foto: Lars Baron/Bongarts/Getty Images)

Zwei Eigentore in einem Spiel gibt es sicher nicht häufig, schon gar nicht in der Bundesliga (zuletzt übrigens 2009). Bezeichnend ist dabei auch, dass es in Gelsenkirchen gleich beide Stammkräfte in der Innenverteidigung erwischte. Sowohl Niklas Stark als auch Karim Rekik fielen durch folgenschwere Patzer auf, es war für beide Spieler ein Tag zum vergessen. Doch den gab es leider auch schon gegen den VfL Wolfsburg.

Die Gegentore der letzten Wochen fielen zwar alle viel zu leicht, doch den Ball für den Gegner selber über die Linie zu drücken, ist wohl ein neuer Tiefpunkt. Zwar konnte die Hertha-Defensive dieses Mal einen Strafstoß vermeiden, trotzdem fiel erneut auf, wie unglücklich und zum Teil kopflos die Berliner Abwehr agierte. Als bestes Beispiel dafür dient neben den Eigentoren auch die Szene in der 44. Minute. Niklas Stark war im eigenen Strafraum im Ballbesitz, doch anstatt in Ruhe zu klären, wartete er darauf, dass Rune Jarstein sich den Ball holt. Sein Torhüter aber blieb im Tor, sodass sich Stark den Ball von Burgstaller abnehmen ließ und nur ein Fehlschuss vom Stürmer aus Gelsenkirchen schlimmeres verhinderte.

Ein Totalausfall, der nicht isoliert zu betrachten ist, weil es solche Aktionen zuletzt zu oft gab. „Im Moment muss der Gegner nicht viel machen, um gegen uns zu treffen“, sagte Ante Covic am Sonntag dazu. Das ist zweifelsfrei wahr: so überragend nach vorne spielten sowohl die Wolfsburger als auch die Königsblauen nicht. Am Ende kassierten die Hauptstädter trotzdem sechs Gegentreffer.

Cheftrainer Covic stellte sich zwar schützend vor seinen Innenverteidigern, sprach von „Pech“ und stellte klar: „Es hilft nur eins dagegen – arbeiten und Ärmel hochkrempeln“. Doch was auch immer die Gründe für die Anfälligkeit der blau-weißen Defensive ist, es stellt sich langsam die Frage, ob nicht ein personeller Wechsel von Nöten ist. Auf der Bank wartet nämlich Jordan Torunarigha, der Startelfambitionen hegt und nur auf seine Chance wartet. „So kann es nicht weitergehen“, hieß es von Niklas Stark nach der desaströsen Vorstellung in Gelsenkirchen. Ein treffender Abschlusssatz zu der aktuellen Situation in der Defensive. Nach vier Pflichtspielen stehen neun Gegentreffer zu Buche.

Dodi Lukebakio – undankbarer Beginn im neuen Team

Lukebakio blieb in Gelsenkirchen glücklos. (Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

Eigentlich war Dodi Lukebakio einer der aktiveren Spieler der Partie. Viel wurde über ihn versucht, oft mit langen Bällen nach vorne. Erneut wurde der Belgier auf der rechten Seite aufgestellt. Dieses Mal fiel er leider vor allem durch schwache Ballannahmen auf. Zu oft versprang ihm der Ball, oft dauerte es zu lange, ehe der 21-jährige mit der Kugel urchstarten konnte.

Dabei war er es, der in der 10. Minute die bis dahin größte Chance des Spiels hatte. Aus sehr guter Position konnte er jedoch Alexander Nübel nicht bezwingen und verpasste die Gelegenheit, Hertha zum ersten Mal in dieser Bundesliga-Spielzeit mit 1:0 in Führung zu bringen. In der zweiten Halbzeit zeichnete sich ebenfalls ab, dass es nicht sein Spiel werden würde. 35 Ballkontakte und nur 33 % gewonnene Zweikämpfe weisen auch darauf hin, dass der Berliner Angreifer Schwierigkeiten hatte, sich durchzusetzen.

Trotz seiner schwachen Leistung sollte hier nicht der Fehler begangen werden, voreilige Schlüsse über den Rekordtransfer zu ziehen. Sowohl in der Fitness als auch in der Abstimmung im Team hat Lukebakio einiges nachzuholen und ist mit Sicherheit noch nicht bei 100 Prozent. Er wird die Gelegenheit haben, sich zu steigern und diese Saison eine wichtige Rolle für die „alte Dame“ zu spielen. Der Wechsel von Marius Wolf könnte zudem die Qualität der rechten Seite bei Hertha BSC steigern und auch Lukebakio zu Gute kommen.

Vedad Ibisevic – Der Wille ist da, das Tor nicht

Wartet noch auf sein erstes Saisontor: Vedad Ibisevic (Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

Zugegeben: es war ein undankbares Spiel für Vedad Ibisevic. Es klappte für seine Mannschaft nach vorne so gut wie gar nichts, er selber wurde sehr selten in Szene gesetzt und musste oft den Ball weit vom Tor suchen. Er führte zwölf Zweikämpfe, gewann 50 % davon, konnte zwei Freistöße herausholen. Heraus kam leider zu wenig. Nur eine gute Chance konnte sich der gebürtige Bosnier herausarbeiten, als er kurz vor der Halbzeit den Ball per Kopf über den Kasten beförderte. Dazu holte er sich eine eher unnötige gelbe Karte ab.

Man kennt und schätzt den 35-Jährigen in Berlin für seine eiskalte Art vor dem Tor, und seine Fähigkeit aus Halbchancen mal ein Tor zu erzielen. Auf einen solchen Treffer warten die Berliner Fans jedoch in dieser Bundesliga-Saison weiterhin. Auch gegen Gelsenkirchen gelang ihm kein Torerfolg. In der 50. Minute traf Ibisevic zwar das Tor, allerdings aus eindeutiger Abseitssituation. Es wurde korrekterweise nicht gegeben.

Nur zehn Minuten später war dann der Arbeitstag vom Hertha-Kapitän auch wieder zu Ende. Konkurrent Davie Selke kam in die Partie, konnte dieser allerdings auch nicht sein Stempel auflegen. Das Stürmerduell zwischen Ibisevic und Selke kann bisher niemanden so richtig befriedigen. Ibisevic hat zwar die Nase vorn, doch weder er, noch Selke können die so wichtigen Treffer für Hertha erzielen. Es sollte ein erbarmungsloser Konkurrenzkampf zweier torhungrigen Vollstürmern werden, bisher fehlen nach vorne jedoch einfach die Ideen, um auch nur einen der beiden gut in Szene zu setzen.

Für Ante Covic wird es jedenfalls nicht leichter, seine Mannschaft im nächsten Spiel aufzustellen. Hertha braucht dringend wieder Tore, inbesondere auch von seinen Torgaranten.

Javairo Dilrosun – ein Funken Hoffnung

Dilrosun letztes Jahr noch als Vorbereiter für Ondrej Duda. (Foto: Patrik Stollarz/AFP/Getty Images)

Ein Spieler trat am Samstag doch leicht positiv in Erscheinung. Im vergangenen Jahr konnte er in Gelsenkirchen kurz nach seiner Einwechslung sehenswert einen Treffer von Ondrej Duda vorbereiten. Dies gelang Javairo Dilrosun dieses Mal zwar nicht, als er in der 61. Minute für den blass gebliebenen Maximilian Mittelstädt eingewechselt wurde.

Doch auch ohne Torvorlage war es der Niederländer, der in den letzten zwanzig Minuten die wenigen Berliner Angriffe einleitete. Nach seiner Verletzung zeigte sich der junge Flügelstürmer hochmotiviert und gefährlich. In einer knappen halben Stunde kam er auf 27 Ballkontakte, einen mehr als Mittelstädt, der die doppelte Spielzeit hatte. In der 67. Minute bereits konnte Dilrosun in Erscheinung treten, schlug den Ball an der Strafraumgrenze über das Tor von Nübel. Kurz vor Schluss fehlte nicht allzu viel, um noch den Ehrentreffer zu erzielen: sein Freistoß landete nur am Außennetz.

Zugegeben: eine überragende Vorstellung war es vom schnellen Niederländer auch nicht. Trotzdem verspricht seine Einwechslung eine gute Alternative auf den Außen. Seine Rückkehr weckt die Hoffnung, dass endlich wieder Gefahr und Unberechenbarkeit über die Flügel der Berliner zurückkehrt. Tatsächlich ist die fehlende Gefahr der Offensive aktuell ein fast so großes Problem, wie die anfällige Defensive. Ein Funken Hoffnung also in sonst eher düsteren Hertha-Wochen.

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – VfL Wolfsburg

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – VfL Wolfsburg

Es stand anders im Drehbuch: eigentlich hätte das erste Heimspiel der Saison und damit das Olympiastadion-Debüt von Ante Covic als Hertha-Cheftrainer dazu dienen sollen, den Punktgewinn in München zu veredeln. Nach den 90 Minuten hatte aber ein äußerst ernüchterndes 0:3 auf der Anzeigetafel gestanden, das den Spielverlauf allerdings nicht treffend wiedergegeben hatte. Nach ereignisreichen zehn Minuten hatte Hertha durch einen Elfmeter 0:1 zurückgelegen, sich danach aber im ersten Durchgang formidabel präsentiert. Genützt hatte es nicht – die Tore waren ausgeblieben – und so mussten sich die Berliner nach einer dürftigen zweiten Halbzeit und zwei Wolfsburger Kontern mit 0:3 geschlagen geben.

Auch in dieser Saison wollen wir euch eine Einzelkritik zu den Spielen der “Alten Dame” bieten können, doch gehen wir dieses Format nun erstmals anders an: anstatt wie bisher jeden einzelnen eingesetzten Spieler zu bewerten, wollen wir uns auf wenige ausgewählte Akteure der Partien beschränken – auch von den Benotungen wollen wir uns trennen. Dadurch wollen wir gewisse Einzelleistungen noch genauer unter die Lupe nehmen oder aus einem anderen Blickwinkel beleuchten können, sodass die Einzelkritiken nicht zu lang/eintönig und nur die wirklich prägnanten Leistungen aufgezeigt werden. Wir hoffen, ihr versteht diese Änderungen. In der vergangenen Saison musste die Einzelkritik streckenweise aus Zeitgründen ausfallen – durch diese Anpassungen wollen wir sicherstellen, dass dies deutlich seltener passiert.

Ungewohnt fahrlässig: Vedad Ibisevic

Wie bereits gegen den VfB Eichstätt und Bayern München hatte Ibisevic am Sonntagabend den Vorzug vor Konkurrent Davie Selke erhalten. Das große Argument des 35-Jährigen: er macht die Tore, ist eiskalt in seiner Entscheidungsfindung. Diese Attribute hatte man gegen Wolfsburg allerdings nicht gesehen – im Gegenteil.

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Zugegeben – die Partie gegen Wolfsburg war keine gewesen, in der es für einen Mittelstürmer einfach gewesen wäre, zu glänzen. Der Gegner stand äußerst tief in der eigenen Hälfte und hatte somit wenig aussichtsreiches in der direkten Gefahrenzone, dem Strafraum, zugelassen. Umso wichtiger wäre es gewesen, seine wenigen Möglichkeiten zu nutzen – ein Job wie gemalt für einen eiskalten Torjäger wie Ibisevic, doch Herthas Kapitän war an dem Tag nicht gut aufgelegt. In einigen Szenen hatte der Bosnier nicht wach gewirkt, so hatte er hin und wieder aussichtsreiche Flanken in den Strafraum schlichtweg verpasst. Normalerweise gehört es zu einer seiner stärksten Eigenschaften, Zuspiele zu riechen und vor dem gegnerischen Verteidiger am Ball zu sein. Am Sonntag ging im dieses Gespür ab, sodass er etwas hilflos zwischen der Wolfsburger Dreierkette wirkte.

Die Szene, die Ibisevics mangelnde Kaltschnäuzigkeit an jenem Tage am plakativsten beschreibt, hatte sich in der 54. Minute ereignet. Der Routinier hatte einen starken Steckpass von Marko Grujic erhalten, nur noch John Anthony Brooks vor sich und auf der rechten Seite Dodi Lukebakio als Anspielstation. Anstatt den Ball rüber zu seinem Sturmkollegen zu spielen, hatte sich Ibisevic für das Dribbling gegen Brooks entschieden und dieses verloren, sodass die sehr gute Torchance verpufft war. Am Ende hatte der Mittelstürmer nur einen geblockten Schuss und keinen einzigen gewonnen Zweikampf verzeichnet.

(Fast schon) gewohnt fahrlässig: Karim Rekik

Ja, die Teilüberschrift ist provokant gewählt, doch dass Karim Rekik seit seinem Wechsel zu Hertha bereits fünf Elfmeter verursacht hat, ist keine allzu überzeugende Statistik für ihn. Ebenso wenig überzeugend hatte sich der niederländische Innenverteidiger gegen den FC Bayern und nun auch gegen Wolfsburg präsentiert. Es besteht die Sorge, dass Rekik eher an seine durchwachsene vergangene Spielzeit als an seine starke Debütsaison für Hertha anknüpft.

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Elfmeter Nummer fünf seiner Hertha-Laufbahn hatte Rekik in der 8. Spielminute verursacht. Vorausgehend hatte der 24-Jährige den Zweikampf mit Felix Klaus verschlafen, sodass er nur noch hinterhersprinten konnte und dann viel zu ruppig in den Zweikampf innerhalb des Strafraums ging – Konsequenz: Elfmeter. Auch sonst hatte Rekik am Sonntagabend nicht sattelfest gewirkt, so hatte er vor allem bei Wolfsburgers Umschaltaktionen immer wieder Probleme damit, VfL-Stürmer Wout Weghorst effektiv auszubremsen. Rekiks Zweikampfstatistik war dementsprechend ausbaufähig gewesen und auch in Kriterien wie angefangene Bälle, geklärte Aktionen oder Tackles hatte er im Vergleich mit Innenverteidiger-Kollege Niklas Stark hinterhergehinkt.

Im Aufbauspiel hatte sich der vierfache niederländische Nationalspieler hingegen ordentlich präsentiert. Sein Passspiel war sowohl sicher, als auch effizient gewesen. Zusammen mit Stark hatte sich Rekik im eigenen Ballbesitz sehr hoch positioniert, um die Wolfsburger einzuschnüren. Seine Seitenverlagerungen und Pässe in den Fuß der linken Außenspieler haben sich sehen lassen können, auch wenn Nebenmann Stark noch etwas dominierender aufgetreten ist. Alles in allem war es aber einmal mehr eine kritikwürdige Leistung Rekiks gewesen, der sich noch steigern muss. “Wir werden unsere Fehler analysieren und mit dem Ziel nach Gelsenkirchen fahren, drei Punkte nach Hause zu bringen”, so der Abwehrspieler selbst.

Schon mehr als Ansätze: Dodi Lukebakio

“Ich muss zugeben, dass ich gerade am Anfang überwältigt war von den Fans. Das hat mir einen richtigen Antrieb gegeben. In diesem Stadion zu spielen macht unglaublich Spaß”, hatte sich Lukebakio gegenüber der B.Z. zu seinem ersten Spiel im Olympiastadion geäußert. Den angesprochenen Spielspaß hat man dem Belgier deutlich angemerkt, auch wenn es ihm noch an der Effizienz gefehlt hatte.

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Wie bereits in der Einleitung angesprochen, hatte Hertha im ersten Durchgang ohne jeden Zweifel das Zepter in der Hand. Die Blau-Weißen hatten große Spielfreude versprüht, indem sie ihren Ballbesitz mit hohem Tempo und großer Breite wie Tiefe aufgezogen hatten. Mittendrin: Neuzugang Lukebakio. Der 21-Jährige war der wohl auffälligste Herthaner im ersten Durchgang gewesen, da er an nahezu allen Offensivaktionen beteiligt gewesen war. Besonders markant waren Lukebakios Dribblings, die nicht nur schön ausgesehen, sondern auch effektiven Raumgewinn zur Folge hatten. Auch das Zusammenspiel mit Hintermann Lukas Klünter hatte bereits sehr gut funktioniert, sodass sie sich immer wieder gegenseitig in Szene setzen, teilweise mit ansprechenden Hackentricks.

Doch leider hatte sich Lukebakios Aufwand der ersten Halbzeit nicht in Tore umgemünzt und nach dem Pausentee hatte ihm nicht mehr allzu viel gelingen wollen. Die Verbindung zu Klünter war immer mehr abgerissen, sodass der Flügelstürmer oft auf sich allein gestellt war. Hatte die Nummer 28 den Ball bekommen und dann die Chance, mit Tempo auf Wolfsburgs Abwehr zuzulaufen, mangelte es ihm an guter Entscheidungsfindung. So hatte er es immer wieder versucht, anstatt den Ball auf seinen starken linken Fuß zu legen und nach innen zu ziehen, mit rechts vorbeizuziehen und die Flanke zu schlagen – doch mit seinem schwächeren Fuß waren seine Zuspiele unerreichbar gewesen. So verblasste Lukebakios Vorstellung immer mehr, seine Durchschlagskraft war immer weiter geschrumpft. Dennoch war zu sehen gewesen, welch prägendes Element der Neuzugang in Herthas Spiel sein kann.

Stetiger Lerneffekt: Ante Covic

Wer sagt denn, dass in der Einzelkritik nicht auch die Arbeit vom Cheftrainer unter die Lupe genommen werden kann? Ante Covic hatte gegen die Niedersachsen erstmals die Chance, seine Idee von Ballbesitzspiel gegen einen mindestens gleichwertigen Gegner umzusetzen und kann sowohl positives als auch Lehren aus der Partie vom Sonntagabend ziehen.

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

“In der ersten Halbzeit ging es in die richtige Richtung, da haben wir uns viele Chancen aus dem Spiel heraus kreiert und gegen einen gut organisierten Gegner Gefahr mit dem Ball ausgestrahlt”, hatte Covic dem kicker seine Eindrücke geschildert. Er hatte gegen Wolfsburg im 4-3-3 aufgestellt, nachdem es in München anfangs noch ein 3-5-2 gewesen war, und wollte einen sauberen und stets nach vorne ausgerichteten Ballbesitzfußball seiner Mannschaft sehen. Denkbar ungünstig war der frühe Rückstand aufgrund eines Foulelfmeter gewesen, der ein Team schon aus dem Konzept bringen kann. Die Jungs von Covic waren aber unbeirrt geblieben und hatten die Ideen ihres Trainer umgesetzt. Covic hatte seine Mannschaft äußerst hoch aufgestellt, Herthas Innenverteidiger waren kurz hinter der Mittellinie positioniert, und dennoch vermochte sie es, viel Tempo in ihre Aktionen zu bekommen. Auffällig waren die fein abgestimmten Kombinationen im Dreieck gewesen, wie auch die vielen intelligenten Seitenverlagerungen. So hatte es Hertha geschafft, das Spielfeld in seiner Breite und Tiefe auszunutzen in Wolfsburg trotz einer Dreier- bis Fünferkette vor Probleme zu stellen.

Knackpunkt war nur gewesen, dass die Hauptstädter sich für diesen Aufwand nicht mit einem einem Treffer, der noch mehr Sicherheit und eine zweite Luft beschert hätte, belohnt hatten. Salomon Kalou und zweimal Marko Grujic hatten die Chance auf den verdienten Ausgleichstreffer gehabt, doch so war Hertha mit einem Rückstand in die Kabine gegangen. “In der zweiten Halbzeit wollten wir zu viel. Da hatten wir zu viele Spieler vorn auf einer Höhe. Nach der Umstellung auf 4-4-2 waren die beiden zentralen Angreifer und die beiden seitlichen Spieler auf einer Höhe, so dass der Gegner das relativ simpel verteidigen konnte” – auch das hatte Covic nach dem Spiel richtig analysiert, ohne sich selbst wirklich aus der Kritik auszunehmen. Das wäre auch angemessen, denn schließlich hat sich der 43-Jährige durch seine sehr offensiven Einwechslungen keinen Gefallen getan. “Die Halbfelder und Zwischenräume, wo wir immer wieder Gefahr hätten ausstrahlen können”, wurden durch dessen personelle Veränderungen und Verschiebungen kaum noch genutzt. Herthas Formation war vom 4-3-3, zum 4-4-2, zum 4-2-4, zum 3-2-5 gewandert, sodass sich die Offensivspieler immer mehr auf den Füßen gestanden waren. Eine weitere Konsequenz war die fehlende defensive Absicherung, sodass Hertha zum 0:2 und 0:3 ausgekontert wurde. “Wenn du einem Rückstand hinterherrennst, darfst du nicht kopflos wirken – das waren wir phasenweise”, sagte Covic. Das gilt sowohl für die Spieler, als auch den Trainer. Dass Covic die Probleme der letzten Partie so genau erkannt hat, macht allerdings Mut, dass er und die Mannschaft daraus lernen werden.

Herthaner im Fokus: FC Bayern München – Hertha BSC

Herthaner im Fokus: FC Bayern München – Hertha BSC

Mit einem 2:2 beim FC Bayern München ist Hertha BSC in die Bundesliga-Saison 2019/20 gestartet. Kein allzu schlechter Start für die Berliner, will man meinen, war der Gegner kein geringerer als der amtierende Meister. Im ersten Bundesliga-Spiel unter Neu-Coach Ante Covic haben sich fußballerisch ansehnliche Phasen mit welchen, in denen die Blau-Weißen großem Druck ausgesetzt waren, abgewechselt. Unterm Strich steht eine gute Leistung da, die bereits Spannung für die kommenden Wochen erzeugt. 

Auch in dieser Saison wollen wir euch eine Einzelkritik zu den Spielen der “Alten Dame” bieten können, doch gehen wir dieses Format nun erstmals anders an: anstatt wie bisher jeden einzelnen eingesetzten Spieler zu bewerten, wollen wir uns auf wenige ausgewählte Akteure der Partien beschränken – auch von den Benotungen wollen wir uns trennen. Dadurch wollen wir gewisse Einzelleistungen noch genauer unter die Lupe nehmen oder aus einem anderen Blickwinkel beleuchten können, sodass die Einzelkritiken nicht zu lang/eintönig und nur die wirklich prägnanten Leistungen aufgezeigt werden. Wir hoffen, ihr versteht diese Änderungen. In der vergangenen Saison musste die Einzelkritik streckenweise aus Zeitgründen ausfallen – durch diese Anpassungen wollen wir sicherstellen, dass dies deutlich seltener passiert.

Herthas Bester: Lukas Klünter

“Ich denke, mit meiner Schnelligkeit konnte ich ganz gut dagegenhalten. Im Großen und Ganzen bin ich zufrieden”, (SPOX) gab sich Lukas Klünter nach dem Spiel gegen den FC Bayern recht bescheiden. Sein Mannschaftskollege Maxi Mittelstädt äußerte sich dann schon deutlich euphorisierter: “Für mich war er der beste Mann auf dem Platz. Er ist unglaublich viel gelaufen und hat Coman zur Weißglut getrieben.” Damit traf Mittelstädt den Nagel schon viel mehr auf dem Kopf, denn ohne Zweifel ist Klünter am Freitagabend der beste Herthaner auf dem Platz gewesen.

Foto: Lars Baron/Bongarts/Getty Images

Zunächst als rechter Innenverteidiger der Berliner Dreierkette gestartet, hatte Klünter vor allem damit zu tun, die Unsicherheiten im Defensivverhalten Mathew Leckies auszugleichen. Der 23-Jährige ist regelmäßig angehalten gewesen, mit auf den rechten Flügel zu rücken, um das Alaba-Coman-Gespann möglichst selten in die Gefahrenzonen vordringen zu lassen. Bis dahin hatte Klünter souverän, aber noch nicht allzu auffällig agiert. Seine stärkste Szene hatte er gegen Bayerns Robert Lewandowski gezeigt, als er dessen Schussversuch noch im allerletzten Moment verhindert hatte (siehe Foto). Nach dem 0:1-Rückstand hatte sich Trainer Ante Covic zu einer Systemumstellung vom 3-5-2 aufs 4-3-3 entschieden, sodass Klünter von da an als klassischer Rechtsverteidiger spielte.

Nun, im Gespann mit Leckie, hatte Herthas rechte Seite deutlich mehr Zugriff auf Alaba und vor allem Coman gewonnen, sodass von diesem Flügel kaum noch Gefahr ausging. “Kingsley Coman hat alles versucht, hat aber auch mit Klünter einen Verteidiger gegen sich gehabt, der genauso schnell ist und griffig war”, hatte FCB-Trainer Niko Kovac Herthas Abwehrspieler nach der Partie gelobt – zurecht, denn Klünter hatte sieben seiner acht Tacklings gewonnen, sieben Aktionen geklärt und zwei Bälle abgefangen. Kurzum: Klünter war stets Herr der Lage gewesen und das gegen einen der besten Flügelspieler der Bundesliga. Über die gesamte Spieldauer hatte er volle Konzentration gezeigt und so immer ein Bein in den Aktionen des Gegners. Als hätte Klünter beweisen wollen, dass es die richtige Entscheidung von den Vereinsverantwortlichen gewesen ist, keinen Ersatz für Valentino Lazaro verpflicht zu haben. “Er war immer der Letzte in der Kette, der seinen Fuß noch dazwischen hatte, er hat sich reingeschmissen, Bälle abgeblockt­, aufgrund seiner Geschwindigkeit war er auch in der Lage, viele Lücken zu schließen, hat Spaß gemacht, ihm zu­zugucken”, so das Fazit von Trainer Covic (Berliner Morgenpost).

Ansätze gezeigt: Lukebakio

München liegt ihm einfach: Dodi Lukebakio hatte am Freitag seinen insgesamt vierten Treffer in der Allianz Arena erzielt und somit zu einem gewissen Cristiano Ronaldo aufgeschlossen – keine große Sache also. Der Berliner Rekordeinkauf hatte, nachdem er im DFB-Pokal gegen den VfB Eichstätt noch als Joker eingesetzt wurde, erstmals von Anfang an spielen dürfen und rechtfertigte diese Entscheidung von Covic durch seinen Treffer zum 1:1.

Foto: Christian Kaspar-Bartke/Bongarts/Getty Images

Und auch wenn sein erstes Tor im Trikot des Hauptstadtklubs durch den Rücken von Kollege Vedad Ibisevic entscheidend abgefälscht wurde und somit unhaltbar neben FCB-Keeper Manuel Neuer eingeschlagen war, symbolisiert es die Spielweise des Belgiers: er ist unberechenbar. Es ist nicht zu verkennen gewesen, dass Lukebakio noch nicht zu 100 Prozent in das Spiel der Mannschaft eingebunden ist – und doch bereits besser als nach einer solch kurzen gemeinsamen Trainingszeit zu erwarten wäre. Zwar hatte der 21-Jährige lediglich 18 Ballkontakte in seinen 68 Einsatzminuten gesammelt, doch ist das als Stürmer gegen den FC Bayern nichts ungewöhnliches (Ibisevic hatte sogar weniger) und mit diesen wenigen hatte er durchaus angedeutet, was man von ihm erwarten kann.

Sein Gespür, sich zwischen den Linien des Gegners zu bewegen und diese mit Sprints oder Dribblings aufzureißen, machen ihn mit und ohne Ball zu einem ständigen Gefahrenherd. Der deutsche Rekordmeister hatte stets einen Mann für Lukebakio abstellen müssen, um diesem nicht die Möglichkeit zu geben, durch einen gezielten Sprint ungehindert in den freien Raum zu starten. Wie bereits erwähnt: sein Treffer zum 1:1 war durch das Abfälschen von Ibisevic begünstigt, doch hatte sich Lukebakio zuvor an zwei Gegenspielern vorbeigeschlängelt, um dann mutig den Abschluss zu suchen – solche Aktionen provozieren Tore. Nach rund 70 Minuten war der Arbeitstag des Neuzugangs beendet, zu mehr war er aufgrund seines Trainingsrückstandes noch nicht in der Lage. Nach diesem Auftritt lässt sich beruhigt sagen: darauf kann man aufbauen. Oder wie Kapitän Ibisevic es gegenüber der B.Z. formuliert hatte: “Der Junge hat viel Qualität. Es geht jetzt darum, dass wir uns einspielen, er das Team kennenlernt. Dann wird das noch besser.”

Licht und Schatten: Grujic

Es ist ein imposanter Anblick, den Marko Grujic aktuell abgibt. Der Zusammenstoß am Freitagabend mit Bayern-Verteidiger Benjamin Pavard hat dem Serben ein auffällig dickes blaues Auge verpasst – der Preis für seinen Treffer zum zwischenzeitlichen 1:2 und die Symbolik für sein gesamtes Spiel, bei dem er gerade so mit einem blauen Auge davon gekommen ist.

Foto: Daniel Kopatsch/Bongarts/Getty Images

Denn es war eine äußerst durchwachsene Vorstellung des zentralen Mittelfeldspielers, bei der sich Licht und Schatten regelmäßig abgewechselt hatten. Auf der einen Seite hatte Grujic als der so dringend benötigte Ruhepol im Mittelfeld agiert, der die Bälle festmachte, in den eigenen Reihen hielt und dann mit Übersicht das Spiel aufbaute. In diesen Momenten hatte er das gesamte Team, das zuvor dem Ballbesitz des Gegners hinterhergelaufen war, atmen lassen. Eine 80%ige Passquote – 76,5% in der gegnerischen Hälfte – lassen sich in München absolut sehen. Zudem hatte der 23-Jährige immer wieder strategisch kluge Fouls gezogen, um den Bayern-Angriffen das Tempo zu nehmen. So war Grujic ein äußerst wichtiger Faktor gewesen, besonders im Spiel mit dem Ball. Er hatte insbesondere am 1:1 durch Lukebakio Anteil, der er den Angriff durch einen guten Pass auf Ondrej Duda erst scharf machte. Hinzu kommt sein Treffer zum 1:2, bei dem er sich vom Zusammenstoß mit Pavard Adrenalin-geladen nicht abhalten ließ, Neuer gekonnt umkurvt und dann eingeschoben hatte.

Eine lupenreine Vorstellung, wie bislang beschrieben, war es von der Liverpool-Leihgabe aber nicht gewesen. Es hatten sich auch einige Unkonzentriertheiten eingeschlichen, die in Ballverlusten oder Lücken in der Abwehr mündeten. Einige Male hatte Grujic den Ball im Aufbauspiel ohne größere Bedrängnis zum Gegner gespielt und so Bayern zu Gegenstößen eingeladen. Auch seine Zielstrebigkeiten in der Rückwärtsbewegung hatte zu Wünschen übrig gelassen, so war er beim 1:0 der Münchener nur zurückgetrabt, anstatt Mittelstädt wirklich zu unterstützen. Solche Räume im Defensivverbund nutzt ein Gegner wie der amtierende Meister aus. Der gravierendste Fehler war Grujic aber in der 60. Minute unterlaufen, als er Gegenspieler Lewandowski absolut unnötig im eigenen Sechszehner umgerissen hatte, was zum Elfmeter und 2:2-Ausgleich geführt hatte. “Robert ist ein erfahrener Spieler und hat die Situation gut ausgenutzt. Ich bin noch sehr jung und verhalte mich da etwas naiv. So etwas wird mir in Zukunft nicht mehr passieren”, erklärte Grujic in der B.Z. – das muss man bei Hertha auch hoffen, denn solche Aussetzer kosten Punkte.

Auf den zweiten Blick wichtig: Darida

Gegen den FC Bayern München stand Vladimir Darida das erste Mal seit acht Monaten wieder in einem Bundesligaspiel in Herthas Startelf. Der 29-Jährige hatte eine sehr starke Vorbereitung und ein ebenso gutes Pokalspiel gegen Eichstätt als Argumente gesammelt, um gegen die Münchener starten zu dürfen, doch auf den ersten Blick hatte er am Freitagabend kaum weitere Pluspunkte verbuchen können.

Foto: Daniel Kopatsch/Bongarts/Getty Images

“Er ist ein Spieler, der viele Löcher stopft. Man erkennt das oft nicht, aber wenn man sich einzelne Sequenzen nochmal genauer anschaut, sieht man, wie viele Passwege des Gegners er zustellt. Das hat uns in München gutgetan”, erklärte Covic gegenüber dem kicker die Leistung Daridas gegen Bayern. Der Tscheche war tatsächlich einer der aktivsten Spieler im Spiel gegen den Ball gewesen, 13,23 Kilometer war er am Freitagabend gelaufen – so viel wie niemand anderes an diesem Spieltag und kein Herthaner in der gesamten (!) vergangenen Saison. Dadurch hatte Darida auch die meisten Bälle (drei) aller Blau-Weißen abgefangen, hinzu kamen drei klärende Aktionen und sieben Ballsicherungen.

Zwar hatte Darida als defensivster Part des Mittelfelds nur wenig spielerisch wertvolle und/oder auffällige Szenen zu verbuchen, doch hatte sich sein Spiel mit dem Ball vielmehr auf ein sauberes Herauskombinieren (Passquote: 78,9%) aus der ersten Gegenpressinglinie des FC Bayern konzentriert. Dadurch war es Hertha vor allem im ersten Durchgang möglich, Gegenstöße zu kreieren und nicht nur in der eigenen Hälfte gefangen gehalten zu werden. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass Darida diese Form der Entlastung in der zweiten Halbzeit kaum noch gelungen war, doch war es ihm da nicht anders als seinen Mitspielern ergangen.