Normalerweise geht es in dieser Kolumne nur um Fußball. Aber Hertha BASE hat sich in der vergangenen Woche der #wirsindmehr-Bewegung angeschlossen und sich dabei klar als Fürsprecher von Vielfalt und Toleranz positioniert. Hintergrund waren die Vorkommnisse in Chemnitz, bei denen sich offensichtlich normale Bürger hinter ganz klar Rechtsradikalen versammelten und die es auch nicht störte, dass mehrfach der Hitlergruß gezeigt und anders aussehenden Menschen Angst gemacht wurde. Ich fand die Positionierung auf der Hertha-BASE-Facebookseite richtig gut. Doch was dann passierte, ist in vielerlei Hinsicht so bemerkenswert, dass ich in dieser Kolumne noch einmal darauf eingehen will.
Horizont nur bis zum nächsten Heimspiel
Es gab Hunderte Kommentare von Menschen, deren Horizont offensichtlich nur bis zum nächsten Heimspiel reicht. Die sich an Kleinigkeiten aufhängten, statt die eigentliche Message des Textes verstehen zu wollen. Die nicht die Ablehnung von jeglicher Form von Rassismus, Abgrenzung und Unterdrückung sahen, sondern eine Art der Bevormundung. Als würde das Statement einer Facebook-Page ihnen eine Meinung diktieren.
Hertha BASE unterstützt #WirsindmehrWenn uns die Geschehnisse (nicht nur) in Chemnitz eines zeigen, dann dass…
Etwas mehr als 70 Menschen entschlossen sich aufgrund dieses Statements, ihr Like für Hertha BASE zurückzuziehen. Ein Like für eine Fanseite eines Sportvereins, dessen bestes Fußballteam aus 35 Spielern besteht, von denen 22 mindestens einen Migrationshintergrund haben oder sogar Ausländer sind. Eines Sportvereins einer Stadt, die so multikulturell ist wie vermutlich keine andere in Deutschland und nur wenige in der Welt. Eines Sportvereins, für den es selbstverständlich ist, “sich entschlossen und geschlossen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung jeder Ausprägung entgegenzustellen.” Um es mit Barack Obamas Worten zu sagen: “Wie schwer kann es da sein, zu sagen, dass Nazis böse sind?”
Auf Basis des Grundgesetzes
Um das hier direkt mal festzuhalten: Ich halte jeden, der jemand anderen wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens oder seiner religiösen oder politischen Anschauungen herabwürdigt oder benachteiligt für einen schlechten Menschen. Ich halte umgekehrt auch jeden für einen schlechten Menschen, der sich wegen oben genannter Attribute für etwas Besseres hält. Es ist eine Leistung, für Hertha gegen Schalke zwei Tore zu erzielen. Aber es ist keine Leistung, eine bestimmte Nationalität zu haben. Das gleiche gilt übrigens für Religionen. Trotzdem will ich hier niemanden belehren. Natürlich gibt dieser Text meine Meinung wider, die aus meinen Erfahrungen und meiner Sozialisierung entstanden ist. Es kann jeder eine andere haben. Solange wir uns auf der Basis des Grundgesetzes bewegen, bin ich diskussionsbereit.
Schon klar, Nationalitäten helfen manchmal sehr. Ich wollte diesen Text zum Beispiel eigentlich so beginnen: “Wisst ihr noch, als uns ein Bosnier am ersten Spieltag nach Vorlage eines Österreichers mit angolanisch-griechischen Wurzeln zum Sieg geschossen hat? Und dann, eine Woche später auf Schalke! Der erste Sieg nach gefühlten 100 Jahren in Gelsenkirchen. Ein Niederländer mit Wurzeln in Surinam spielt einen Slowaken frei – Tor! Der Slowake trifft danach nochmal, weil ein Deutsch-Pole einen Freistoß in guter Position herausgeholt hatte. Was man schon nach zwei Spieltagen definitiv sagen kann: Migration hat Hertha BSC nicht geschadet. Ganz im Gegenteil.”
Nationalität sagt nichts aus
Das zeigt wunderbar die internationale Vielfalt bei Hertha, hat aber auf der anderen Seite nichts mit der Qualität der Spieler oder Menschen dahinter zu tun. Ob der Deutsch-Pole ein guter Fußballer oder Mensch ist, kann ich nicht an seiner Nationalität ablesen. Man kann sich natürlich an Erfahrungen orientieren, aber wenn es danach geht, hätte Hertha nach Artur Wichniarek eigentlich alles polnische auf den Index setzen müssen…
Was ich damit sagen will: Weil Osama bin Laden ein Terrorist war, sind nicht alle Muslime Terroristen. Weil Adolf Hitler im Namen aller Deutschen Millionen von Juden vergast hat, sind nicht alle Deutschen 80 Jahre später noch potenzielle Massenmörder. Und weil ein syrischer Flüchtling eine Frau vergewaltigt, sind nicht alle syrischen Flüchtlinge Vergewaltiger.
Wo sind wir hingekommen?
Für manche ist das offenbar keine Selbstverständlichkeit mehr. Und es ist ja auch verständlich, dass man sich eine gewisse Skepsis aneignet, wenn man einmal schlechte Erfahrungen gemacht hat. Aber sich abzuschließen und das eigene Weltbild unveränderbar abzuspeichern, ohne Änderungsmöglichkeiten zuzulassen? Das sorgt für Frustration und Hass. Und es geht sehr oft nur noch um Gruppen, die in der humansten Ausprägung ausgewiesen oder, das ist dann die unterste Schublade, gleich vergast werden müssen. Wo sind wir eigentlich hingekommen, dass man so etwas nicht nur denkt, sondern auch öffentlich äußert?
Ich habe vor zwei Tagen eine Geschichte gelesen, in der ein Vater seinen Kindern beim Kriegspielen zuschaut. Er ruft sie daraufhin zu sich und sagt ihnen, dass er es nicht mag, seine Kinder beim Kriegspielen zu sehen, sie sollten doch bitte lieber Frieden spielen. Die Kinder nicken, stecken die Köpfe zusammen und sagen dann: “Papa, kannst du uns sagen, wie man Frieden spielt?”
Es sind immer 50 Shades of Grey
Das ist das Problem. Es ist einfach, jemanden zu hassen, weil er aus einem anderen Land kommt, eine (andere) Religion praktiziert oder einfach anders ist, als man selbst. Früher passierte es häufiger, dass Spieler von gegnerischen (oder sogar eigenen) Teams nach besonders guten (oder eben schlechten) Leistungen in Verbindung mit ihrer Nationalität beschimpft wurden. Obwohl die natürlich absolut gar nichts mit der Leistung auf dem Platz zu tun hatte. Aber es ist halt ungleich schwieriger, zu beschreiben, warum eine Leistung schlecht war.
Es ist auch einfacher, sich sein Weltbild selbst zu malen, wenn man beim echten nicht mehr hinterherkommt. Die ganze Welt wird immer komplexer, nur schwarz und weiß gibt es nicht mehr, es sind immer mindestens 50 Shades of Grey. #Lügenpresse, wenn es nicht mehr in den Kopf passt. Komplexität ist nichts für die Massen. Deshalb lieben ja alle Fußball: Weil er grundsätzlich so einfach ist. Aber es ist eben auch deutlich einfacher, mit gehobenem Arm “Heil Hitler” zu rufen, als sich darüber Gedanken zu machen, wie wir in dieser großen Welt in Frieden zusammenleben können.
Die Bösen wird es immer geben
Denn darum geht es. Frieden. Für uns und unsere Kinder. Natürlich kann man nicht außer Acht lassen, dass es Menschen auf diesem Planeten gibt, die Hass predigen oder ausüben. Die wird es immer geben, die hat es immer gegeben. Sie kommen mal aus Deutschland, mal aus Syrien, mal aus Russland. Aber sie sind in erster Linie Menschen, die irgendwann vom richtigen Weg abgekommen sind oder die nie den richtigen Weg gewiesen bekommen haben. Niemand kommt auf diese Welt und räumt mit vorgehaltener Waffe einen Kiosk aus. Menschen machen aus Menschen diese Monster. Und die in der Mehrzahl friedlichen Menschen müssen dafür sorgen, dass solchen Monstern Einhalt geboten wird.
Am Ende ist das Zusammenleben nämlich doch wieder wie ein Fußballspiel. Es ist wichtig, dass sich alle an die Regeln halten, und zwar selbst dann, wenn einige das nicht tun. Nur, wenn auch denen, die die Regeln missachten, vorgelebt wird, dass sich alle anderen daran halten, ergeben Regeln Sinn. Das Grundgesetz sind unsere historisch gewachsenen Regeln. Wer sich davon abwendet, hat aus der Geschichte nichts gelernt und gibt den Frieden, den er selbst erleben durfte, leichtfertig auf.
Hertha BSC trat beim Mercedes-Benz Junior Cup 2018 an und ließ den hoch gelobten “goldenen 1999er Jahrgang” ein weiteres Ausrufezeichen setzen. Unter der Führung von Kapitän und MVP Arne Maier gewann Herthas U19 das Hallenturnier in Sindelfingen mit einer beeindruckend reifen und konstanten Darbietung. Wir sprachen mit Herthas U19-Trainer Michael Hartmann über den Turniersieg, Herthas Jugendarbeit und die Entwicklung von Arne Maier.
Zunächst einmal gratulieren wir Ihnen nochmal zum Turniersieg in Sindelfingen. Hertha BSC ist ein verdienter erster Platz geworden, vor allem aufgrund der Konstanz der Mannschaft. Wir waren überrascht, dass mit Arne Maier, Julius Kade und Palko Dardai drei Spieler im Kader standen, die bereits Profi-Verträge besitzen. Welchen Stellenwert hat denn der Mercedes-Benz Junior Cup eingenommen, sodass diese Jungs mitgenommen wurden?“
“Ich würde das etwas aufspliten. Grundsätzlich hat das Turnier einen großen Stellenwert, sonst hätten wir das so nicht gemacht. Im Fall von Arne Maier ist es so gewesen, dass er selbst die Entscheidung getroffen hat, mit nach Sindelfingen zu fahren. Er wollte das Turnier unbedingt spielen, ihm war es also auch wichtig. Bei Palko Dardai und Julius Kade ist etwas anders. Sie trainieren zwar mit den Profis und hatten bereits die ein oder anderen Kurzeinsätze, aber da bei den Profis aktuell alle Spieler an Bord sind, werden die beiden immer mal wieder bei uns spielen. Arne Maier hingegen hat fast alle Spiele in der letzten Phase der Hinrunde absolviert und deshalb hat man ihm diese Entscheidung freigestellt.”
Wir hatten das Gefühl, dass es ein grundsätzlich hohes Turnier-Niveau gab – Spieler sind ins Dribbling gegangen, haben sich was zugetraut. Wie haben Sie denn die Qualität aller Teams wahrgenommen?
“Ich persönlich war das erste Mal da und habe mich deshalb mit Trainerkollegen unterhalten. Sie sagten mir, dass einige Regeländerungen im Vergleich zu den Vorjahren das Spiel schneller gemacht hätten, weshalb großes Taktieren oder Abwarten gar nicht möglich war. Alle Mannschaften haben versucht nach vorne zu spielen, dementsprechend sind auch deutlich mehr Tore als vergangenes Jahr gefallen. Ich fand das Niveau ebenfalls gut und hatte das Gefühl, dass jeder jeden schlagen konnte. Ein gutes Beispiel war Bayern München, das das Turnier fulminant begann, jedoch immer schwächer und schlagbarer wurde.”
Das Turnier in Sindelfingen ist ein U19-Wettbewerb. Diese Altersklasse ist ja recht speziell, weil es der letzte wirkliche Jahrgang vor der Profi- bzw. Männermannschaft (U23) ist. Welche Tugenden oder spielerischen Aspekte muss man den Spielern in dieser Zeit mitgeben, um sie auf das neue Niveau einstellen zu können?Jessic Ngankam (l.) und Julius Kade (r.) freuen sich über einen Treffer. (GES-Sportfoto / Mercedes-Benz)
“Im technischen Bereich wird vor allem am “ersten Kontakt” gearbeitet. Darüber hinaus auch, in welchen Momenten ein Spieler in gewisse Lücken stoßen sollte, um diesen ersten Kontakt im vollen Tempo annehmen zu können. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Prävention von Verletzungen, also wie sich die Spieler durch Beweglichkeit und Stabilisation prophylaktisch vor Ausfällen schützen können. Das sind wichtige Dinge, die man den jungen Spielern mitgibt, in der Hoffnung, dass sie das im Profi-Bereich weiter fortführen. Die Tugend, weiter selbst an sich zu arbeiten und nicht darauf zu warten, dass Trainer auf sie zukommen, muss sich in ihren Köpfen verankern.
Ich versuche zudem, den Jungs wichtige Dinge aus meinem Erfahrungsschatz als Profi mitzugeben. Was kann auf sie zukommen? Was könnte alles passieren? Damit sie nicht aus allen Wolken, versuche ich sie auf gewisse Szenarios mental vorzubereiten. Die richtig guten Jugendspieler, die letztendlich in der Profi-Mannschaft landen, spielen jede Partie im Nachwuchsbereich und kennen es daher nicht anders. Doch bei den Männern angekommen, wird der Zeitpunkt kommen, in dem sie mal nicht für den Kader berücksichtigt werden oder etwas hinten dran sind. Darauf sollten sie vorbereitet sein.”
“Wir kennen uns sehr gut, haben lange zusammen für Hertha BSC gespielt. Dadurch und aufgrund der kurzen Wege unterhalten wir uns regelmäßig. Wir sehen uns nahezu täglich und haben die Möglichkeit, jederzeit miteinander zu sprechen und gewisse Dinge anzugehen. Am Anfang jeder Woche versuchen wir gemeinsam eine Tendenz für die Spiele am Wochenende zu sehen, um die Einsatzzeiten der jungen Spieler regulieren zu können. Es kann sich situativ natürlich immer mal was verändern, das wichtigste Kredo ist aber: Alle jungen Spieler sollen spielen! Es sollte eigentlich nie so sein, dass jemand am Wochenende nicht spielt. Natürlich kann es auch mal sein, dass Eigengewächse aufgrund von Personalmangel im Profi-Kader stehen, jedoch nicht zum Einsatz kommen. Das sollte jedoch nicht zur Gewohnheit werden. Gerade beim 99er Jahrgang können wir für genügend Einsatzzeiten sorgen, da wir mit der U19, U23 und dem Profi-Kader drei Mannschaften bedienen. Aufgrund dessen brauchen und haben wir drei Trainer einen sehr guten Austausch.”
Sie sind ja bereits seit 2013 Jugendtrainer bei Hertha BSC. Hat sich in der Arbeit mit dem Nachwuchs seit Pal Dardai als Profi-Trainer etwas verändert? Er fing ja selbst als U15-Coach an, trainierte damals Arne Maier und co.
“Hertha BSC war schon immer darin bestrebt, den eigenen Nachwuchs zu fördern. Es gibt nun einmal Jahrgänge, in denen es eventuell nur ein oder sogar gar kein Spieler zum Profi schafft. Beim 99er Jahrgang haben wir jedoch fünf Spieler im Profi-Training, ein ungewöhnlich hohe Anzahl. Wir sind auf einem sehr guten Weg – es ist jedoch eine Vereins- und keine Pal-Dardai-Philosophie. Er trägt diesen Weg absolut mit, weil er Herthaner ist und selbst aus dem Jugendbereich kommt. Sicherlich ist der Jugendbereich davon abhängig, inwiefern der Profi-Trainer auf ihn zurückgreift, aber Hertha BSC versucht seit jeher auf eben diese Trainer zu setzen. Mit Pal Dardai haben wir da natürlich Glück.”
Sie haben schon Arne Maier und andere Spieler aus dem 99er Jahrgang angesprochen. Um Maier im speziellen kommt man jedoch nicht herum. Er wurde Spieler des Turniers in Sindelfingen, schoss sechs Tore, bereitete viele vor und war schlichtweg der prägende Akteur auf dem Feld. Wie würden Sie seinen Weg seit seinem ersten Spiel für die Profis beschreiben? Haben Sie ihm zugetraut, sich sofort auf diesem Niveau zu akklimatisieren?GES-Sportfoto / Mercedes-Benz
“Ich habe es ihm aufgrund seiner Fähigkeiten absolut zugetraut. Er ist auf einem sehr guten Weg, auch weil er wirklich bodenständig ist und nicht droht abzuheben. Anhand seiner Entscheidung für das Jugendturnier und gegen die Testspiele mit den Profis sind diese Eigenschaften gut abzulesen. Ich hoffe, dass er gesund bleibt – das ist bei einem so jungen Spieler sehr wichtig. Er muss nach wie vor an sich arbeiten, sich stabilisieren und dann wird er seinen Weg gehen – hoffentlich bei Hertha.”
Sie sprechen es an – “Hoffentlich bei Hertha BSC”. Wir wollen die Gerüchteküche geschlossen halten und stattdessen die Frage stellen, warum er denn in Berlin bleiben sollte. Was kann ihm der Verein für einen langfristigen Verbleib bieten?
“Wenn Arne gewollt hätte, wäre er bereits im Jugendbereich zu einem größeren Verein gegangen, diese Angebote gab es. Er will einfach bei Hertha den Sprung schaffen, sein Standpunkt in dieser Sache scheint sehr fest zu sein. Wenn ich mich mit ihm unterhalte, höre ich nichts anderes heraus. Ich hoffe, dass er seinen Weg bei uns geht und ich habe das Gefühl, er will dasselbe.”
Hertha BSC ist in der Hinrunde sowohl aus der Europa League als auch aus dem DFB-Pokal ausgeschieden. Somit stehen weitaus weniger Partien zur Verfügung, um eine gesunde Rotation zu gewährleisten. Wie wollen Sie sicherstellen, dass die jungen Spieler trotz mangelnder Einsatzzeiten in der Bundesliga weiter gut entwickeln können?
“Wir werden an unserem Weg nichts grundsätzliches ändern. Wie ich bereits sagte, werden wir uns Anfang der Woche austauschen und die bestmögliche Entscheidung für jeden einzelnen Jungen treffen. Das Ausscheiden aus den Wettbewerben beeinflusst unsere Arbeit mit den Talenten nicht.”
Wer die Abenteuer von Jim Knopf aus der Augsburger Puppenkiste kennt, wird auch mit der Geschichte des Scheinriesen vertraut sein. Ein Mann namens HerrTur Tur, der aus weiter Ferne wie ein angsteinflößender Riese aussieht, jedoch bei näherer Betrachtung immer kleiner und friedlicher wird. Ähnlich verhält es sich mit der aktuellen sportlichen Situation von Hertha BSC, die zunächst äußerst kritisch anmutet, aber bei genauerem Hinsehen sehr gut erklärbar ist.
Die Definition des deutschen Dudens sagt zum Wort “Krise”: “schwierige Lage, Situation, Zeit, die den Höhe- und Wendepunkt einer gefährlichen Entwicklung darstellt.” Wendet man diese Bedeutung auf Herthas Lage an, so scheint das Wort recht extrem. Weder ist die Entwicklung “gefährlich”, noch stellt sie einen Höhepunkt dar. Vielmehr scheint sie wie eine erste größere Durststrecke zu sein, die jeder Verein in seiner Entwicklung kennenlernt, davor waren auch Teams wie Borussia Dortmund oder Mönchengladbach in den vergangenen Jahren nicht gefeit.
Im modernen Fußball ist es zur Normalität geworden, erste negative Serien und Stolpersteine in einer Entwicklung sofort als “Krise” zu bezeichnen, ungeachtet der möglichen Gründe. Besonders in den letzten drei Spielen war zu sehen, dass die Mannschaft in Takt ist. Gegen Sorja Luhansk (2:0) sah man eine sehr runde Leistung, gefolgt von einem Arbeitssieg gegen den HSV (2:1) und dem glücklichen Punkt gegen den VfL Wolfsburg (3:3), der im zweiten Durchgang jedoch von einer kämpfenden und mutigen Mannschaft geholt wurde. Ohne die Partien genau unter die Lupe zu nehmen, lässt sich sagen, dass die Mannschaft weiterhin viele Probleme in ihrem Spiel hat, jedoch die Mentalität stimmt und sicherlich kein Bruch zwischen Spieler und Trainer zu spüren ist, den einige Fans bereits heraufbeschwören.
Eine Krise wäre es, wenn Herthas Spieler bereits völlig verunsichert auf das Feld kämen und zu keiner Sekunde wüssten, was sie zu tun haben. Eine Krise wäre es, wenn Spieler eher abwinken als weiterkämpfen würden. Eine Krise wäre es, wenn Mannschaft und Verantwortliche Ratlosigkeit und Wut ausstrahlen würden, anstatt ruhig weiterzuarbeiten.
All das ist nicht der Fall. Vielmehr zeigt das Team erste Unsicherheiten in einer großartigen Entwicklung der letzten Jahre, die normal sein sollten, jedoch von Fans und Medien in ein sehr negatives Licht gestellt werden. Vieles wird hinterfragt oder harsch kritisiert. Doch dazu ein Fakt: Gegen die gleichen Gegner der bisherigen Hinrunde holte Hertha letzte Saison genau gleich viele Punkte (14 aus elf Spielen), es wurde also nicht schlechter.
Gründe für Herthas Lage
Herthas Scheinkrise wird beim Analysieren ihrer Ursachen zu einem nachvollziehbaren Zusammenspiel von vielen Problemen, die letzte Spielzeit nicht in dieser Form vorherrschten.
Das Verletzungspech
Eine der Schwierigkeiten begann bereits in der Sommervorbereitung. Mit Davie Selke und Valentino Lazaro verpflichtete Hertha BSC zwei Spieler, die der Mannschaft sofort weiterhelfen sollten, es aber nicht konnten. Sowohl Selke, als auch Lazaro verpassten die gesamte Vorbereitung aufgrund von Verletzungen, wodurch Pal Dardai zwei eingeplante Kräfte fehlten. Selke fehlte Hertha drei Monate, Lazaro konnte rund zwei Monate lang nicht eingreifen. Aufgrund ihrer Verletzungspausen verpassten sie die elementare Saisonvorbereitung, die in Sachen Fitness und Taktik den Grundstein legt und mussten mit Trainingsrückstand in die bereits laufende Spielzeit einsteigen, weshalb sie nur zaghaft an die Mannschaft herangeführt werden konnten. In den letzten Wochen traf das Verletzungspech Vladimir Darida, Sebastian Langkamp und Mathew Leckie, allesamt Grundpfeiler (traf bereits auf Leckie zu) des Teams, die nicht ohne weiteres ersetzt werden konnten.
Formtiefs einiger Leistungsträger
Auch Niklas Stark musste eine längere Zeit aussetzen (nun erneut). Der Defensivspieler plagte sich nach der U21-EM mit einem Rippenbruch herum und meldete sich erst im laufenden Betrieb wieder fit, spielte erstmals am 2. Spieltag gegen Borussia Dortmund. Er und Mitchell Weiser gewannen im Sommer die U21-Europameisterschaft, mussten dafür aber einen Preis zahlen und fielen erstmals in ihrer Berliner Zeit in tiefes Formloch. Weiser wirkt längst nicht wie der spielentscheidende Spieler, der er vergangene Saison war, sein Zweikampfverhalten und Spielwitz lassen deutlich zu wünschen übrig. Auch Stark zeigt sich ungewohnt inkonstant. Als Sebastian Langkamp verletzt ausfiel, sollte dies die große Chance für den 22-Jährigen werden, sich endlich einmal festzuspielen. Stark aber scheiterte daran, Langkamps Rolle auszufüllen, Herthas Innenverteidigung war selten so unsicher wie zu Starks Arbeitszeiten.
Öffentlich weitaus öfter werden Salomon Kalou und Vedad Ibisevic an den Pranger gestellt. Die beiden Routiniers sollten die Mannschaft mit ihrer Erfahrung durch die ungewohnten Wochen der Doppelbelastung führen, haben aber viel mehr mit sich selbst zu tun. Ibisevic traf gegen den VfL Wolfsburg das erste Mal seit drei Monaten und lud seinen Frust während der Torflaute oftmals in Aktionen aus, die ihm zahlreiche Sperren einbrachten. Salomon Kalou hingegen zeigte eine noch akzeptable Quote vor dem Kasten, sein restliches Spiel erlahmte aber oftmals völlig, weshalb er nicht selten unsichtbar wurde und seinem Team kaum weiterhalf, offensiv wie defensiv. Es wird von Vorteil sein, dass beide (Ibisevic bereits offiziell) ihre Nationalmannschaftskarriere an den Nagel hängen werden und sie sich dadurch einzig auf Hertha konzentrieren können.
Die Mannschaft ist nicht in der Lage, solche massive Leistungseinbrüche von vier etablierten Stammkräften aufzufangen, besonders nicht, wenn sie sich aufgrund der englischen Wochen nicht einspielen kann.
Fehlende Automatismen
Die Mannschaft hat vor allem nicht die Möglichkeit, auf Verletzungspech und schwächelnde Leistungsträgern zu reagieren, wenn ihr die Automatismen fehlen.
“Unter einem Automatismus wird in Bezug auf den Fußball die Fähigkeit verstanden, bestimmte Lauf- und Passwege der Mitspieler situationsbedingt und intuitiv zu erahnen bzw. vorherzusehen. Im Defensivverhalten führen funktionierende Automatismen dazu, dass die Räume effektiver zugestellt und so ein Ballverlust des Gegners erzwungen wird.” – Fussballtraining.de
Automatismen – eine der wichtigsten Vokabeln in Pal Dardais Trainerwortschatz. Durch sie hat er es geschafft, den Verein einst vor dem Abstiegs zu bewahren und an dieser Formel schraubte er jedes Jahr. Hertha ist eine Mannschaft, die von festen Abläufen lebt, eben weil Dardais Fußball durch eine sehr kompakte Defensive und gewissen Offensivschemata funktioniert, sowohl mit als auch gegen den Ball.
Durch die neuartige Doppelbelastung kommt das Trainerteam nicht mehr dazu, diese Zahnräder der Mannschaft regelmäßig zu ölen. Ein typisches Szenario der vergangenen Wochen sah wie folgt aus: Hertha spielt am Donnerstag in der Europa League, fliegt am Freitag zurück und kann an dem Tag nur noch auslaufen. Die erste richtige Trainingseinheit ist das Abschlusstraining am Samstag für das Bundesliga-Spiel am Sonntag. Am Montag wird die erste lockere Einheit vollzogen, gefolgt von einem wirklichen Trainingstag am Dienstag, woraufhin am Mittwoch das Abschlusstraining für die Partie im europäischen Wettbewerb ansteht. Effekt bleibt dem Trainerteam also mit dem Dienstag eine einzige Trainingseinheit, in der Abläufe trainiert werden können, da in den Abschlusstrainings spielspezifische Dinge einstudiert werden.
Dadurch und durch die Belastungssteuerung bedingte Rotation in der Startelf kann die Mannschaft ihre Automatismen kaum noch trainieren – ein eklatantes Problem.
Seit der Begegnung in Östersund gab es keine einzige, in der Hertha nicht gut angefangen hatte. Sowohl in der Bundesliga (Schalke, Freiburg, HSV, Wolfsburg), im DFB-Pokal (Köln), als auch der Europa League (Östersund, 2x Luhansk) wusste Hertha ganz genau, was in den ersten 20 Minuten zu tun war. Oftmals belohnte sich die Mannschaft in diesen Phasen nicht mit der Führung, weshalb sie aufgrund der fehlenden Automatismen immer weiter verunsichert wurde und grobe Fehler im Spiel produzierte. Es handelt sich hierbei um einen Lernprozess – “Was mache ich, wenn Plan A nicht aufgeht?” Das gilt für die Spieler und das Trainerteam gleichermaßen.
Rolle des Trainers
Eben das darf nicht vergessen werden. Mit Pal Dardai hat Hertha BSC einen Trainer, der noch nicht viel Erfahrung in seinem Beruf hat. Der Ungar hat solch eine Doppelbelastung noch nie moderieren müssen, sprach oft genug an, dass er auch dazulernen muss. Dinge wie Belastungssteuerung, Rotation oder mangelnde Trainingseinheiten unterhalb der Woche sind Herausforderungen, die erst einmal bewältigt werden müssen.
Zudem wurde in diesem Artikel bereits aufgeführt, dass ein Trainer auch nicht für alles verantwortlich zu machen ist. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Verletzungspech und seine Folgen. Es wäre sicherlich auch in Dardais Interesse gewesen, die formschwachen Kalou und Ibisevic durch eben Selke und Lazaro auszutauschen, jedoch konnte er das lange Zeit nicht tun. Aufgrund der Verletzung von Mathew Leckie musste auch ein Mitchell Weiser durchspielen, auch wenn er deutliche Anzeichen einer Überspieltheit gezeigt hatte.
Des Weiteren kann Dardai es auch nicht jeder Fan-Meinung recht machen. Gegen Sorja Luhansk ließ er viele Talente oder auch Spieler wie Stocker auflaufen, was sehr zweigeteilte Reaktionen hervorbrachte. Die eine Hälfte der Berliner Anhänger lobt ihn für seinen Mut, auch “mal die Jugend ranzulassen”, während die andere ihn für das scheinbar Abschenken des Wettbewerbs tadelte.
Sowie das Herbeireden einer Krise zum modernen Fußballgeschäft gehört, ist es zum natürlichen Reflex geworden, negative Aspekte einer Saison allein am Trainer festzumachen. Und auch hier lassen sich viele Kritikpunkte durch einfache Ursachenforschung lösen.
Pal Dardai wiederholte es auf vielen Pressekonferenzen: “Ich spüre keine Krise!” Er muss es wissen, er übernahm diese Mannschaft einst in solch einer Situation.
Die letzten Spiele zeigen, dass der 41-Jährige in solchen Phasen aufblüht, er wird zum Auge eines Sturms der medialen Hysterie, in dem völlige Windstille herrscht. Er vertraut seinem Kader, das zeigt der vermehrte Einsatz von jungen Talenten wie Maier oder Lazaro und auch das Bauen auf formschwache Spieler wie Ibisevic oder Kalou. Dadurch spürt der Kader eine Form der Ruhe, die ihm sonst fehlt. Zudem weiß Dardai, wie er seine Mannschaft anzupacken hat. Nicht grundlos wurden die ersten Phasen der vorangegangenen Partien äußert motiviert und mit einem klaren Plan angegangen und nicht grundlos zeigte beispielsweise ein Mitchell Weiser nach einer grausigen ersten Hälfte gegen Wolfsburg, im zweiten Durchgang, was er kann. Auch die Schlussphasen zeigen, dass Dardai seinen Spielern den Glauben an sich selbst vermitteln kann, so kam Hertha gegen Wolfsburg und Freiburg noch einmal zurück, um sich den Punkt zu sichern. Kurzum: Die Mannschaft zeigt immer wieder Moral, was auch ein Verdienst des Trainerteams sein muss.
Ein versöhnliches Fazit
Der Artikel soll nicht in Abrede stellen, dass Hertha bisher keine berauschende Saison spielt. Es gibt einige Kritikpunkte, die absolute Berechtigung haben und die werden wir in unseren Einzelkritiken und anderen Artikeln weiter aufzeigen, dennoch zeigt sich bei genauerem Hinsehen, dass eben viele negative Aspekte der laufenden Spielzeit erklärbar und somit verständlich sind.
Durch Verletzungspech, einige Formtiefs, der Doppelbelastung und einem unerfahrenen Trainer ergibt sich ein Cocktail, der bitter schmeckt, aber nicht das einzige Getränk der Saison sein sollte.
Das Fazit soll daher lauten: In der aktuellen Situation heißt es Ruhe bewahren und rationale Ursachenforschung betreiben, um viele Dinge nüchterner zu sein. Die vielen unansehnlichen Partien der vergangenen Wochen sind eine unglückliche Phase, aber eben nur eine Phase.
Hertha BSC wurde am 25. Juli 125 Jahre alt, genau 20 davon wird die “alte Dame” bereits von einem Menschen begleitet, der ihr als Spieler und Trainer schon so viel gegeben und wohl noch lange nicht genug hat. Pal Dardai ist sowohl Herz, als auch Gesicht dieses Vereins und soll anlässlich der Herthaner Jubiläumswoche geehrt werden.
Dabei wäre ihm das wohl gar nicht recht. Er mache doch nur seinen Job und einem Bauarbeiter würde ja auch nicht applaudiert werden – solche Antwort bekäme man wohl, nachdem er die folgende Huldigung gelesen hätte. Denn das ist Pal Dardai – bodenständig. Eitelkeit kennt er nicht.
Seine Anfänge
So war das bereits als Spieler. Neben all den extrovertierten Ballkünstlern Südamerikas im Team war er stets jemand, der sich zurückhielt und einfach seiner Arbeit nachging. Ohne großes Aufmucken in den Medien, ohne unbedingtes Ausschöpfen der Möglichkeiten, die eine Stadt wie Berlin zu bieten hat, egal wie unprofessionell sie für einen Fußballprofi vielleicht seien. Durchzechte Partynächte, verrückte Frisuren oder das Schwänzen von Trainingseinheiten hätte ihm nicht fremder sein können.
Dardai stand auf und neben dem Feld für Verlässlichkeit und unbedingte Disziplin. Er räumte für die Marcelinhos, Gilbertos und Bastürks auf, brachte den nötigen Kampf in die Partie und zeigte Attribute, die dieser Mannschaft voller Diven und Schönwetterfußballern sonst gefehlt hätten.
Und genau diese Eigenschaften ließen ihn all diese Spieler und verschiedene Phasen von Hertha BSC überleben. Diese Eigenschaften sind der Grund für die Rekordanzahl von 297 Spielen für die “alte Dame”. Dardai durchlebte Herthas glanzvolle Jahre in der Champions League, den stetigen Rutsch ins Mittelmaß, die Fast-Meisterschaft 2009 und den darauffolgenden Abstieg. Und immer war er ein essenzieller Teil der Mannschaft, des Vereins, der blau-weißen Geschichte. Eben weil er zeitlose Eigenschaften in sich vereint. Auf dem Feld zeichneten ihn selbstloser Einsatzwille, eine große Lauf- und Zweikampfstärke, aber auch ein herausragendes taktisches Verständnis für Räume und Laufwege aus. Dadurch kam nahezu kein Trainer an ihm vorbei, obwohl sein Stil so oft als “überholt” galt.
So schien es eigentlich ausgeschlossen, dass Pal Dardai jemals aufhören könnte, doch irgendwann einmal trifft das unausweichliche Karriereende jeden Fußballer, auch den scheinbar ewigen. Bei dem Ungar war es der 15. Mai 2011. Nach 15 Jahren als Hertha-Spieler war die Zeit gekommen, die Fußballschuhe an den Nagel zu hängen.
Diese und die Zahl seiner Spiele für diesen Verein hätte wohl niemand für möglich gehalten, als er 1997 als unbekannter Jugendspieler nach Berlin kam. Auch er selbst nicht, so sagte er einmal in einem Spox-Interview: “Ich dachte mir, ich mache es wie viele andere Ausländer auch: Eine Weile bleiben, gutes Geld verdienen und dann wieder ab nach Hause. Mir war dabei nicht klar, dass Berlin nicht irgendeine Stadt in Deutschland ist. Ich habe schnell gesehen, dass mein Leben hier gut ist, der Verein ist gut, die Trainingsbedingungen sind gut. Wohin hätte ich denn gehen sollen? Alle vier, fünf Jahre wurde unser Kabinentrakt renoviert, das war für mich wie ein Vereinswechsel.”
Es sollte nicht seine letzte Kabinenrenovierung in Berlin bleiben. Es sollte nicht das Ende seiner blau-weißen Zeit sein.
Eine Ära prägen
“Eins ist sicher: Ich werde bis zum Tod dafür arbeiten, dass wir uns frühzeitig sichern, damit unsere Fans nicht zittern müssen. Ich werde alles dafür geben, die Dinge so schnell wie möglich zu stabilisieren”, so äußerste sich Pal Dardai bei seinem Amtsantritt am 5.2.2015. Hertha BSC hatte gerade Jos Luhukay entlassen, steckte tief im Abstiegskampf und stellte ihn überraschend als Lösung für diese große Aufgabe vor.
Zweieinhalb Jahre ist aus der Interims- eine Traumlösung geworden. Pal Dardai ist immer noch Trainer bei Hertha BSC und ja, er hat die Dinge stabilisiert – und wie!
Was seit seiner Amtsübernahme mit diesem Verein passiert ist, hätte sich wohl keiner ausmalen können. Hertha hielt in seiner ersten Saison die Klasse, um sich in den beiden Jahren darauf für den europäischen Wettbewerb zu qualifizieren.
Doch nicht nur das, Hertha besitzt wieder eine klare Philosophie, sei es der Spielstil, oder die Einkaufs- und Personalpolitik. Der Verein hat wieder Galionsfiguren, die Hertha verkörpern: Mitchell Weiser, Niklas Stark oder Marvin Plattenhardt – Spieler, die Dardai formte.
Hertha spielt einen klar wiedererkennbaren Fußball, fördert junge Spieler und vor allen Dingen die Eigengewächse, wie Torunarigha oder Mittelstädt. Der Kader und Taktik wird sukzessive verbessert, so auch die Trainings- und Methoden. Dardai bringt diesen Verein mit seinem Team in einer Weise voran, die es seit vielen Jahren nicht mehr gab.
Und all das in einer Bescheidenheit und Klarheit, die ihresgleichen sucht. Dardai brüstet sich nicht mit seinen Erfolgen, er sucht sie nur durchgängig. Dabei agiert er ehrlich, fair und direkt: Bringt ein Spieler keine Leistung oder Motivation, ist er raus. Zieht er mit und zeigt, dass er sich verbessern will, ist Dardai der letzte im Verein, der ihn hängen lassen wird. Dadurch verließen schon viele Spieler den Verein, doch die Folge war, dass er ein Team geformt hat, das diesen Namen verdient. Eine Mannschaft, die Teamgeist, Professionalität und Erfolgshunger versprüht und somit Mannschaften wie Wolfsburg, Mönchengladbach, Leverkusen oder Schalke in den letzten Jahren hinter sich ließ.
Dadurch ist auch noch lange kein Ende der Dardai-Ära zu sehen, die es höchstwahrscheinlich werden wird. Hertha verbessert sich dank eines klaren Konzeptes von Jahr zu Jahr, was ohne Dardai in dieser Weise kaum möglich wäre.
Dardai lebt Hertha aber nicht Berlin
Doch warum ist das Verhältnis von Hertha und Dardai so fruchtbar? Das lässt sich an seinen einzigartigen Charaktereigenschaften festmachen.
“Ich muss sagen, ich bin sehr wenig in der Stadt unterwegs, ich brauche den Trubel nicht. Mir ist die Stadt zu voll, zu viele Leute, zu viele Autos. Ich bin lieber in meinem Haus samt Garten. Da habe ich alles, was ich brauche: meine Familie, nette Nachbarn, meinen kleinen Weinkeller”, sagt er in einem Interview mit der Berliner Zeitung.
Das verrät viel über sein Wesen, das diesem Club so gut tut. Für Dardai gibt es in Berlin nur Hertha, dem widmet er seine volle Aufmerksamkeit und Leidenschaft. Dadurch ist er im Verein omnipräsent, kümmert sich um sein Profi-Team, erarbeitete aber mit Ante Covic ein einheitliches Konzept für die Jugendförderung und mit Michael Preetz eine klare Einkaufsstrategie, um den eingeschlagenen Spielstil immer weiter zu fördern und variantenreicher zu gestalten.
So herrscht gerade der feuchte Traum eines Fußballliebhabers: Mit Preetz, Herthas Rekordtorschützen und Dardai, der Rekordspieler leiten zwei absolute Vereinslegenden die erfolgreichste Phase der letzten Jahren ein.
Darüber hinaus brachte Dardai die Fans hinter sich und das nicht nur aufgrund seiner Spielerhistorie. Es ist seine bereits oft erwähnte Bodenständigkeit, die ihn so sympathisch macht. Der Vereinsanhänger weiß zu jeder Sekunde, dass Dardai alles für Hertha BSC gibt und wie kein anderer mit der “alten Dame” verbunden ist. So waren seine Worte zum Amtsantritt keine Floskeln, sondern Aussagen, die seine Liebe zu Hertha ausdrückten und wie nahe er sich den Fans fühlt. Auch ihm tat es damals weh, Hertha in solch einer Situation zu sehen.
Zudem macht ihn seine so menschliche Art so greifbar. Wenn er vom “Bayern-Bonus” spricht, nachdem dieser noch den Ausgleich gegen seine Mannschaft schoss, dann ist das vielleicht ungeschickt, spricht aber eben auch dafür, dass noch sehr viel Spieler und Fan in ihm steckt, dass vom mittlerweile so kalten und aalglatten Profi-Geschäft immer häufiger unterbunden wird. Wenn er einen Journalisten auf einer Pressekonferenz zusammenfaltet, weil er einen Spieler von ihm kritisiert hat, dann könnte man das zwar eleganter lösen, jedoch spricht es eben auch für seinen ausgeprägten Beschützerinstinkt, weil er sich zu jedem Zeitpunkt vor seine Mannschaft stellen will. Es sind schließlich “seine Jungs” und viele von ihnen noch “Babys” – eben Teil seiner großen Hertha-Familie, für die er alles gibt.
Und sollte seine hoffentlich immer währende Profi-Trainerkarriere bei Hertha BSC doch irgendwann ihr Ende finden, so geht er eben einen Schritt zurück und arbeitet wieder im Jugendbereich.
“Niemand glaubt mir das, aber genau so wird es sein! Ich kenne den Verein und diese Kabine seit gefühlt hundert Jahren. Wenn man mir bei Hertha sagt, es geht nicht mehr – ob das in sechs Wochen ist oder in sechs Jahren –, dann sage ich: Dankeschön, und alles ist gut. Ich gehe im Kabinentrakt einfach eine Etage höher. Mein Schreibtisch steht immer noch in der Nachwuchsabteilung.”
Pal Dardai – So wenig Berlin und doch geht mehr Hertha nicht!
Er war eine der großen Hoffnungen im Deutschen Fußball, Gewinner der Fritz-Walter-Medaille und jüngster Bundesliga-Debütant der Geschichte Herthas. Lennart Hartmann, heute 24 Jahre alt, hatte eine große Zukunft im Fußball vor sich, jedoch kam alles anders. Verletzungen, Nichtberücksichtigungen und schlechtes Timing ließen ihn die „Schattenseiten“ des Sportlerlebens erleben. In unserem Interview erzählt er uns ausführlich von seiner höchst interessanten Karriere, wie er wieder auf die Beine kam und warum er noch heute von Hertha BSC enttäuscht ist.
Hertha BASE 1892:Hallo, Herr Hartmann! Zunächst einmal Glückwunsch zur Meisterschaft und dem damit verbundenen Aufstieg mit TeBe (Tennis Borussia Berlin)! Wie wir gerade gesehen haben, müssen Sie die Feierlichkeiten ja gut überstanden haben, haben Sie doch gerade erst Ihren Vertrag verlängert (News dazu kam am 24.6. um 11:20 Uhr, Interview fing um 12.30 Uhr an).
Bis wann geht denn der neue Kontrakt?
Lennart Hartmann:Genau! Der Vertrag läuft nun für ein weiteres Jahr.
HB1892:Welche Ziele verfolgen Sie denn nun mit dem Verein. Gibt es eine genaue sportliche Perspektive mit TeBe?
LH: Ich glaube, dass man zunächst einmal darauf achten muss, dass alles nicht zu schnell geht, um den Verein auch wirtschaftlich bzw. finanziell nicht zu sehr zu belasten. So schnell kann der Verein gar nicht wirtschaften, so schnell wie wir aufgestiegen sind und uns sportlich entwickeln. Wir „dürfen“ gar nicht innerhalb von zwei Jahren von der Berlin-Liga in die Regionalliga aufsteigen. Es geht erst einmal darum, die Klasse zu halten, um dann im darauffolgenden Jahr anzugreifen.
HB1892:Wir sind ja auch Studenten und uns würde interessieren, wie schaffen Sie es denn eigentlich, Ihre Tätigkeiten bei TeBe mit Ihrem Jura-Studium und ihrem Model-Dasein als Nebenberuf zeitlich zu vereinbaren?
LH: Das geht klar, deshalb habe ich ja den Schritt zurück gemacht, von Berliner AK zu TeBe, weil es zeitlich bei BAK durch das viele Training und die (Auswärts)Spiele nicht mehr gepasst hat. Bei TeBe war das zumindest in der Berlin-Liga sehr gut machbar: Dreimal Training die Woche, meist erst ab 18.30 Uhr, sodass ich es mit der Universität vereinbaren konnte und die weiteste Auswärtsfahrt war wahrscheinlich nach Hermsdorf. Das war also alles auf kleinem Raum und dadurch sehr passend für mich.
HB1892:Soll heißen, Sie denken jetzt erst einmal kurzfristig mit TeBe, je nachdem, wie es sich dort sportlich entwickelt und wie Sie es mit ihrem Privatleben vereinbaren können?
LH: Genau! Für mich wird das nächste Jahr natürlich spannend, weil ich gucken muss, wie die Balance zwischen der Oberliga und dem Jura-Studium ist. In der Oberliga trainiert man viermal die Woche, hat dann auch weitere Fahrten. Klar, dann muss ich mir die Auswärtsfahrten von drei, vier Stunden zu Nutze machen und auf diesen lernen. Wie gesagt, das Jahr wird sehr spannend für mich, um herauszufinden, ob die Oberliga machbar ist, das muss man dann sehen.
HB1892:Aber Ihre Priorität liegt dann schon ganz klar beim Jura-Studium, wenn wir das richtig verstanden haben, oder?
LH: Ja, es wäre ja alles andere als konsequent, wenn ich jetzt sagen würde, ich werde wieder alles auf die Fußball-Karte setzen. Ne, das wäre Quatsch, deswegen habe ich jetzt die ganzen Schritte zurück gemacht, um im Endeffekt die Uni im Fokus zu haben. Alles andere ist, ich will nicht sagen, zweitrangig, dafür haben wir bei TeBe zu gut gearbeitet, um den Verein wieder hochzubringen.
HB1892:Gemäß dem Fall, dies ließe sich aufgrund der sportlichen Entwicklung TeBes zeitlich nicht mehr vereinbaren, könnten Sie sich vorstellen, erst einmal komplett mit dem Fußball Spielen aufzuhören oder würden Sie sich dann wieder einen Verein in der Berlin-Liga suchen, wo der momentane Lebensrhythmus möglich wäre?
LH: Aufhören würde ich sicher nicht, dafür ist der Fußball eine zu große Leidenschaft. Ich spiele, seit ich vier Jahre alt bin Fußball und aufzuhören wäre zu einschneidend für mein Leben. Ich würde dann wahrscheinlich wieder probieren in die Berlin-Liga zu kommen, da hat es auf jeden Fall schon gute und interessante Gespräche gegeben, für den Fall der Fälle, aber momentan gibt es nur TeBe für mich.
HB1892: Ich kann Ihnen da meinen Stammverein, den Nordberliner SC empfehlen. Diese kicken ja in der Berlin-Liga und sind in dieser Saison Rückrundenmeister geworden, haben in der zweiten Saisonhälfte sogar mehr Punkte als TeBe geholt.
LH: *lacht*
HB1892:Nun gut, kommen wir zu Ihrer Karriere. Diese fing ja ganz oben an: Im August 2008 haben sie die Fritz-Walter-Medaille als zweitbester Jugendspieler Deutschlands ihres Jahrgangs (U17) bekommen. Im selben Jahr bekamen diese auch der spätere Nationalspieler Sebastian Rudy und Weltmeister Toni Kroos (beide U18). Am 17. August durften Sie dann auch in der Bundesliga debütieren. Im Alter von 17 Jahren, vier Monaten und 14 Tagen wechselte Sie Lucien Favre gegen Eintracht Frankfurt ein. Sie sind damit der jüngster Hertha-Debütant aller Zeiten und einer der jüngsten Bundesliga-Spieler der Geschichte. Bis dahin liest sich Ihre Karriere wie der Traum eines jeden deutschen Jungen. Wie verarbeitet man als so junger Spieler so einen steilen Aufstieg?
LH: Unglaublich schwer! Ich sage es mal so: Bis zu diesem Zeitpunkt, wo das alles stattgefunden hat, hatte ich nicht einen einzigen Gedanken daran verschwendet. Ich hatte mich damit beschäftigt Profi zu werden. Ich war mit meinem Leben glücklich so wie es war. Ich war immer in den höchsten Spielklassen meines Jahrganges, ich war mit Hertha immer in den besten Mannschaften Deutschlands und ich hatte einfach Spaß an der Sache. Dieses Ziel Profi zu werden hat man nicht wirklich. Klar hat man als kleines Kind immer davon geträumt, wenn man z.B. „die Kickers“ gesehen hat, mal bei Barcelona zu spielen. Aber ob man so darauf fokussiert war, Bundesligaprofi zu werden bei Hertha, wage ich doch zu bezweifeln. Das hat sich dann alles irgendwie schnell ergeben und gerade als 16-Jähriger rechnet man nicht damit, plötzlich von Lucien Favre angerufen zu werden um fürs Training der ersten Mannschaft gebeten zu werden. Das ging alles sehr sehr schnell. Der Verlauf, wie alles kam, war natürlich auch ein wenig glücklich und ist natürlich immens viel dem Trainer Lucien Favre zu verdanken, der Talente haben wollte und auch spielen lassen hat.
HB1892:Leider folgten ja dann Ihre schlimmen Verletzungen. Die Folge war, dass sie nicht mehr berücksichtigt wurden, zudem hatten Sie das Pech, dass mit Friedhelm Funkel ein Trainer kam, der bekanntermaßen nicht auf junge Spieler setzte. Sie wechselten nach Aachen und andere Stationen (Babelsberg, Berliner AK, TeBe). Sie sind ja das positive Gegenbeispiel für Spieler, die den Sprung ins Profigeschäft nicht schaffen und in ein tiefes Loch fallen, da sie vor dem Nichts stehen. Wie kriegt man diese Kurve?
LH: Das war für mich persönlich relativ leicht. Meine Karriere ist ja ein Paradebeispiel für die Schattenseiten des Fußballs. Du kommst also 16, 17-Jähriger in Profibereich, machst kurz darauf dein erstes, zweites, drittes Spiel, kriegst in diesem Jahr durch den damaligen Erfolg Herthas sogar Europacup-Einsätze, spielst im DFB-Pokal, machst alles mit, bist bei jedem Spiel dabei, doch plötzlich siehst du, wie dein Körper nicht mehr mitmacht, wie du jeden Tag beim Aufstehen erneut Schmerzen hast.
Die Hüftprobleme, die ich damals hatte, wurden immer drastischer, sodass der Körper morgens kaum noch Energie hatte aufzustehen. Das war für mich das erste Warnzeichen. Ich war jung und naiv und habe im Endeffekt mich von einem Physiotherapeuten der Hertha zutexten lassen, Sätze wie „sei keine Mimose! Das läuft sich raus“ und alles Mögliche erzählte er mir. Das war dann ein Riesenfehler, ich habe weitergespielt, solange bis es dann wirklich nicht mehr ging. Ich hatte dann eine Pause gemacht und war im Endeffekt die ersten fünf Monate meiner Verletzung in einer Berliner Reha und bei verschiedensten Ärzten, dir mir allesamt nicht helfen konnten.
Das ging so lange, bis ich letztendlich über meine damaligen Berater Jens Jeremies und Jürgen Milewski nach München zu Dr. Müller-Wohlfahrt geholt wurde. Dieser wiederum hatte mich zu einem sogenannten „Wunderheiler“ gebracht. Das war an der Schweizer Grenze, in irgendeinem bayerischen Dorf. Dieser Arzt war der Wahnsinn! Dort gingen Persönlichkeiten wie Boris Becker oder Franz Beckenbauer ein und aus, alle haben diesen Mann aufgesucht, der in der hintersten Ecke Deutschlands praktiziert hat. Dieser Mann hatte es dann auch geschafft, mich innerhalb von zwei Wochen wieder fit zu bekommen und zwar mit einfachsten, konservativen Methoden, die wirklich nichts mit neuem medizinischen Firlefanz zu tun hatten. Ich kann nur sagen, dass ich ihm bis heute sehr dankbar bin. Er hatte mir auch mental viel Zuspruch gegeben, was ich in Berlin vermisst hatte, worüber ich bis heute von meinem Ex-Verein (Hertha BSC) sehr enttäuscht bin.
Dann war es wie gesagt so, dass ich nach zwei Wochen wieder fit war doch war es mit meiner Verletzungspause von sieben Monaten in dieser Zeit ohnehin sehr schwer für mich, fand auch noch der Trainerwechsel statt, von Lucien Favre, der wirklich auf junge Spieler steht, zu Friedhelm Funkel, der die konservative Art des Fußballs mochte und darauf beharrt alte Spieler zu haben, fertige Profis, der er nicht weiterentwickeln muss, sondern einfach nach seinen Vorstellungen spielen lassen konnte. Das war für Funkel das wichtigste im Abstiegskampf und das hatte er den jungen Spielern wie Bigalke, Riedle, Radjabali-Fardi und mir auch recht schnell gesagt und somit war unsere Laufbahn bei Hertha erst einmal beendet. Wir wurden in die U23 befördert und das war natürlich der nächste Rückschlag.
Dann ging es weiter, Markus Babbel kam irgendwann und hatte uns eine neue Chance gegeben. Mir persönlich hatte er dann gesagt, dass es für mich schwer wird an Raffael, der zu dieser Zeit überragend in der Zentrale spielte, vorbeizukommen. Er hatte mir geraten, mir einen neuen Verein zu suchen. Ein erneuter Rückschlag.
Dann bin ich nach Aachen gegangen, wo Peter Hyballa, den ich für einen sehr guten Jugendtrainer halte, der den Jugend- gut in den Profibereich führen konnte. Ich hatte aber wieder mal das „Glück“, dass zwei bis drei Monate nach der Vorbereitung entlassen wurde und dann hieß es „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Ich war ja nicht alleine dort, Shervin Radjabali-Fardi hatte dort zusammen mit mir gespielt. Wir wussten natürlich schnell, dass dies erneut unsere Endstation war. Dann musste man sich wieder Gedanken machen.
Dann finde mal als junger, unerfahrener Profi, der kaum Spiele im Profibereich gemacht hatte, im Winter wieder einen neuen Verein. Man ist rumgereicht worden und auf einmal landest du in Babelsberg, wieder eine Spielklasse runter, in die dritte Liga. Mehr oder weniger der nächste Rückschlag. Ich hatte somit einen Verein gefunden, der gegen den Abstieg spielte, was mit meiner fußballerischen Qualität gar nicht übereinstimmte, denn meine Art Fußball zu spielen war ja die technisch starke Variante, ein Spiel zu bestimmen und nicht mit zehn Mann hinten verteidigen und die Bälle lang herauszuschlagen. Das war nie meine Stärke. Ich habe das Jahr trotzdem irgendwie überwunden.
Daraufhin ging es mit Babelsberg auch steil bergauf. Es kam Christian Benbennek, ein für mich sehr kompetenter Trainer, der uns auch ganz gut eingestellt hatte und dann lief es für mich auch relativ gut. Ich hatte dann auch wieder das eine oder andere Zweitligaangebot, war kurz davor zu sagen, dass es mich doch nochmal reizt, in Liga 2 den Schritt nach oben zu probieren. Doch genau als ich beobachtet wurde, wurde ich so schlimm verletzt, dass ich wieder vier Monate pausieren musste. Es kam halt wirklich eins zum anderen, jedes Mal kam zu so einem Moment eine lange Verletzung, so ein Rückschlag, wobei man das vom Anfang seiner Karriere gar nicht kannte. In der Jugend ging der Weg immer nur steil nach oben, sodass all dies sehr schwer zu verarbeiten war – vom Kopf her, aber auch körperlich. Ich war wirklich am Ende, sodass ich teilweise auch echt psychische Probleme hatte. Ich hatte morgens überhaupt keine Lust aufzustehen und alles fiel mir nur noch schwer. Das war für mich auch ein Warnzeichen. Ich hatte in dieser Zeit viel mit meinen Eltern geredet, meine Mutter hatte mit viel Verständnis reagiert und sagte, ich müsse auch echt wissen, was ich da mache, bevor ich mich selber körperlich komplett kaputt mache. Gerade wenn man solche Sachen, wie von Sebastian Deisler gelesen hatte.
So war für mich nicht schwer, langsam darüber nachzudenken, einen Plan B zu haben. Wir sind dann auch noch mit Babelsberg abgestiegen, wodurch man sich in Liga 4 wiederfand. Dort rentierte es sich finanziell ohnehin nicht mehr, als dass man sagen kann, man spielt dort 20 Jahre und hat ausgesorgt. Dann war klar, dass Plan B hermusste. Wie kann man das am besten vereinbaren? Am besten, wenn man seinen Standort nach Berlin verlegt. So kam dann auch der Kontakt mit Berliner AK zustande, sodass ich dorthin gewechselt bin. Der Plan B war dann das Studium, denn ich konnte damals ja Gott sei Dank mein Abitur absolvieren. Favre bestand nämlich darauf, dass wir alle unsere Schullaufbahn vernünftig zu Ende führten.
Ich wollte eigentlich Psychologie studieren, bin dann aber bei meiner Zweitwahl Jura gelandet und wollte mir dieses Studium erst einmal anschauen. Mittlerweile bin ich im Übergang zum fünften Semester und finde es mehr als spannend und hoffe, dass ich in ein bis zwei Jahren mein erstes Examen machen kann.
HB1892:Es freut uns natürlich sehr, dass Sie das alles in dieser Form bewältigt haben, aber hadern Sie im Nachhinein mit ihrem Schicksal?
LH: Das werde ich ganz oft gefragt! Also ich hadere überhaupt nicht damit, weil ich wirklich sagen muss, dass ein Mario Götze oder Toni Kroos etwas anderes behaupten würden, denn diese haben natürlich viel mehr die Sonnenseiten des Fußballs erlebt. Doch was ich erlebt habe, im Übergang zwischen Jugend- und Männerfußball, da überwiegen ganz klar die negativen Aspekte. Ich habe die kompletten Schattenseiten des Fußballs kennengelernt: Trainerunglück, Verletzungen uvm., sodass ich wirklich überhaupt keinen Spaß mehr hatte, seitdem ich 18 oder 19 Jahre alt war. Es hat mir nichts mehr gegeben, den ganzen Tag rumzulungern, nach einer 10-Uhr-Trainingseinheit wieder den ganzen Tag vor der Playstation zu hocken. Du merkst den schleichenden Prozess, der dich regelrecht verblöden lässt, wenn du dich mit keinem Fernstudium o.ä. beschäftigst. Und aufgrund der vielen sozialen Aspekte, man geht in die Uni, in den Vorlesungen sitzen ca. 300 Leute, bereue ich es nicht. Man hat nicht jeden Tag die gleichen 20 Menschen um einen herum, die vor und nach dem Training einzig und allein über sehr beschränkte Themen reden. Das ist also ein guter Ausgleich.
Und ich muss sagen, dass TeBe im Endeffekt kein vollwertiger Amateurverein ist. Die waren einmal groß und ich bin fest davon überzeugt, dass wenn wirtschaftlich auf die Beine kommt, man auch wieder groß werden kann. Teil des Projekts zu sein, macht mir großen Spaß, einen Verein von ganz unten in der Berlin-Liga zumindest wieder in die nächsthöhere Spielklasse zu bringen, ist mir eine wirklich große Ehre.
HB1892:Das hört sich alles doch sehr schön und versöhnlich an. Es freut uns, dass man da anscheinend nicht immer vor dem Nichts stehen muss, wenn man den Profialltag nicht packt. Sie haben vorhin erwähnt, dass Sie sich eine andere Unterstützung seitens Hertha BSC gewünscht hätten. Glauben Sie denn, dass Ihre Karriere mit beispielsweise einer anderen Medizinabteilung anders verlaufen wäre?
LH: Nein, der Medizinabteilung würde ich da gar keine Schuld zuschieben. Dr. Schleicher war ja schon damals Mannschaftsarzt und ist ein super kompetenter Mann und hat nicht umsonst so viel Erfolg und auch die anderen Therapeuten waren allesamt sehr gut.
Das Problem an der ganzen Sache, dass der Verein als Ganzes mich relativ schnell hat fallen lassen und mir nicht wirklich die Stütze gegeben hat. In meiner kompletten Verletzungspause von sieben Monaten war Favre, selber Angestellter des Vereins, die ganze Zeit damit beschäftigt, sich nach mir zu erkundigen, anzurufen und das obwohl ich nur drei Spiele gemacht hatte, eigentlich gar keinen wirklichen Draht zu ihm haben konnte. Er war wirklich jemand, der auf diese menschliche Komponente geachtet hat. Er hat stets probiert seine Spieler bei Laune zu halten, selbst wenn sie nicht am Trainingsbetrieb teilgenommen haben.
Wenn man sieben Monate verletzt ist, verliert man ja immer mehr die Nähe zur Mannschaft, das geht ganz schnell. Wenn du dann null Unterstützung vom Verein erfährst, der dich einfach anrufen könnte, um dir ein paar Aufgaben zu geben und zu fragen wie es dir geht, wenn du merkst, dass du im Endeffekt als Mensch überhaupt keine Rolle spielst, sondern nur dieser Nutzen aus der herausgezogen werden soll und wenn er nicht gezogen werden kann, dann wirst du uninteressant. Das ist schon eine Enttäuschung, sowas kennst du als junger Fußballer natürlich nicht, als dem es einem nicht um wirtschaftliche Dinge geht, nicht um Geld, nicht um Finanzen, sondern einfach nur um Spaß zu haben und möglichst erfolgreich zu sein. Das ist im Männerfußball halt etwas anderes, da geht es mehr um Geld und das Menschliche steht dabei im Hintergrund und das ist das, was mir auch in der heutigen Zeit viel Kraft gibt, mich für mein restliches Leben auf jeden Fall gestärkt hat, so etwas zu erfahren.
HB1892:Sie sprachen in einem Interview mit der FAZ von „Menschenhandel“ im Fußball. Sie haben es in Ihrer Zeit bei Hertha sicherlich auch generell beobachten können, dass es anscheinend vielen Leuten so erging, z.B. bei einem Radjabali-Fardi oder ähnlichen Spielern aus Ihrem Jahrgang, dass wenn diese ihre Leistung nicht auf Anhieb bringen konnten, diese auch fallen gelassen wurden oder sind Sie dabei ein explizites Beispiel?
LH: Nein, ich glaube, ich bin ein Beispiel für eine ganz ganz große Masse in Deutschland. Diese „Sonnenkarrieren“ á la Götze und Kroos sind einzelne Schicksale. Ich glaube, die überwiegende Masse hat eine ähnliche Karriere wie ich, vielleicht nicht solch einem „krassen“ Kontrast, aber schon ähnlich. Ich glaube, es gibt selbst in Berlin genug Spieler, die wirklich so talentiert sind, es aber nicht gepackt haben. Im Fußball spielen etliche Dinge eine Rolle und da entscheidet letztendlich nicht nur das Talent an sich. Ich habe sehr viele Leute erlebt, egal ob es bei Aachen, Hertha oder Babelsberg war, die mir wirklich gesagt haben, dass sie von Liga Eins bis Drei nicht glücklich mit ihrem Leben sind und die sicher lieber vorstellen könnten, etwas anderes zu machen, anstatt dieses Leben zu führen. Man denkt zwar immer, dieses Zwei-Stunden-bis-vier-Stunden-arbeiten am Tag, dieses viele Geld, dieses Luxusleben macht dich glücklich, aber wenn ich eins gelernt habe, dann dass dich das nicht auf Dauer glücklich macht.
HB1892:Würden Sie denn im Nachhinein mit den Erfahrungen, die Sie jetzt besitzen, den Schritt noch einmal probieren, im Profifußball Fuß zu fassen?
LH: Nein, also ich bekam jetzt zum Sommer hin wieder ein Angebot von Viktoria Köln, was an sich aus fußballerischer Sicht überragend wäre, denn die wollen ja seit Jahren wieder hoch aus der Regionalliga-West, spielen dort jedes Jahr eine Riesenrolle und wollen mittelfristig in die zweite Liga. Das wäre für mich, wenn ich diesen Weg gewählt hätte, eine super Option gewesen, ich habe es aber einfach abgelehnt, weil ich denke, dass es einfach inkonsequent gegenüber meinem bisherigen Weg gewesen wäre, einfach das Studium abzubrechen und mich auf Fußball zu fokussieren. So wie das Leben, wie es jetzt ist, dass man Fußball und Uni unter einen Hut bekommt, davon noch irgendwie leben kann und mit Tebe auch noch einen super Verein hat, der für mich wirklich alles andere als ein Amateurverein ist, ist es für mich optimal. Besser kann mein Leben im Moment nicht laufen.
HB1892:Ich bin selber Jura-Student und weiß daher um einen optionalen Zusatz des Sportmanagements im Jura-Studium. Könnten Sie sich denn vorstellen, mit Ihren Erfahrungen im Profifußball irgendwann einmal eine funktionelle Position des Fußballs zu bekleiden?
LH: Klar, also ich glaube, man ist sein Leben lang tief im Inneren mit dem Fußball verbunden und verfolgt das Ziel zumindest irgendetwas im Fußball tun zu können. Als Spieler würde ich keine höheren Aufgaben mehr annehmen und würde es meinem Sohn auch niemals empfehlen, sich darauf zu fokussieren Fußballer zu werden, nachdem was für Erfahrungen ich gemacht habe, denn ich glaube, dass der „Glückfaktor“ eine zu große Rolle spielt. Wie ich es schon in der FAZ gesagt hatte: Der Fußball kann dir ganz viel geben, aber noch mehr nehmen. Das habe ich am eigenen Leibe erfahren, mir wurde ziemlich viel genommen und gerade mental lag ich eine Zeit lang echt am Boden und allein diese Dinge möchte ich keinem anderen Menschen wünschen.
Was ich meine, ist, dass man sich im Sport keine Option verschließen sollte, aber ich glaube, dass im sportlichen Bereich eher weniger tätig werden wollen würde.
HB1892:Wie können denn Vereine und Verbände dazu beitragen, dass Fußballer, die es eben nicht schaffen Profi zu werden, trotzdem eine berufliche Perspektive haben?
LH:*Überlegt* Ich glaube, das ist gar nicht machbar. Selbst bei Hertha BSC wurde damals sehr darauf geachtet, dass man seine Hausaufgaben gemacht hatte und auch unbedingt einen möglichst guten Schulabschluss vorweisen konnte. Du kannst niemandem den Weg vorgeben. Jeder Mensch ist seines eigenen Glückes Schmied und habe damals gemerkt, dass viele Leute einfach kein Abitur wollten, sich keine weiteren zwei Jahre hinsetzen wollten, hatten sie doch schon ihren Realschulabschluss. Du kannst als Fußballverein es unmöglich schaffen, auf zwei Wegen den Menschen so voranzubringen, sodass diese immer Plan B in der Tasche haben. Das muss dieser Mensch selber wollen.
HB1892:Was uns als Hertha-Fans natürlich besonders interessiert, ist, inwieweit verfolgen Sie denn die Hertha und wir beurteilen Sie die sportliche Entwicklung der letzten Jahre?
LH: Die sportliche Entwicklung? Also ich finde, dass seit dem Jahr, in dem wir fast die Champions League erreicht hätten, nicht mehr viel passiert ist. Es war ein stetiger Abbau und dieses Jahr ist man wieder knapp dem Abstieg entkommen. Ich vermisse ein gewisse Konstanz nach oben, dass man nicht nur versucht die Saison irgendwie zu überstehen, das kann für mich für langfristig kein Plan sein, gerade als Hauptstadtclub. Wenn man in die anderen Länder guckt, England, Spanien oder Frankreich, dort spielen diese Vereine in den höchsten Wettbewerben mit und Hertha taumelt zwischen der ersten und zweiten Liga herum. Das ist für eine Hauptstadt relativ enttäuschend und es muss meiner Meinung nach wieder ein anderer Weg eingeschlagen werden.
HB1892:Und inwieweit verfolgen Sie es noch? Gehen Sie z.B. noch ins Stadion oder sind Sie da gar nicht mehr wirklich mit verbunden und haben mit Hertha an sich abgeschlossen?
LH: Die Bindung, muss ich sagen, die hatte ich bis zur Jugend immer, war voll mit dem Verein identifiziert und habe viel für diesen Verein getan, aber nachdem, was ich dort miterlebt habe, wenn man älter wird und uns Profigeschäft kommt und auch einen Blick hinter die Kulissen werfen kann, merke ich, dass dieser Verein nicht rund läuft. Was man bei Bayern hört, ist kein Zufall, schaut man auf den sportlichen Erfolg und wie es dort auch menschlich läuft. Dass dich ein Uli Hoeneß auch einmal zum persönlichen Gespräch bittet, um zu fragen, wie es dir geht, das sind Komponenten, die waren zumindest damals nicht vorhanden. Ich glaube, es ist kein Zufall, wo Bayern steht und wo Hertha steht. Ich persönlich verfolge es nicht mehr, habe seitdem auch nicht mehr wirklich in den Profifußball geschaut. Das einzige, was ich in den Jahren angemacht habe, war die Champions League und die Nationalmannschaft. Ich war nie der große Fußball-Gucker, habe es immer lieber selber gespielt und deswegen gibt es da keinen großen Unterschied zu früher.
Es ist nicht so, dass ich Hertha nichts gönne. Ich wünsche dem Verein alles Gute und hoffe, dass er sich längerfristig wieder weiter oben etabliert und alles andere ist mir nicht mehr so wichtig.
HB1892:Dann danken wir Ihnen für Ihre Zeit und die vielen ehrlichen Worte!
LH: Alles klar, gerne! Viel Erfolg noch!
[Die Fragen stellten Marc Schwitzky und Alexander Jung.]
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