Es ist soweit

Es ist soweit

Noch nie geriet die Herthaner Gefühlswelt in der Amtszeit von Pal Dardai so ins Wanken wie in den vergangenen Wochen. Noch nie waren die Zweifel an dem Ungar so groß, die Fragen so zahlreich, die Tristesse so bleiern – es folgt die Kolumne eines Redakteurs, der an einem für ihn neuen Punkt der “Ära Dardai” steht.

Für mich ist es zur Routine geworden, am Tag nach einem Hertha-Spiel auf den Blog von Marxelinho, einer Galionsfigur seines Faches, zu wandern und mir seine klugen und wohl formulierten Gedanken zu dem beobachteten Spiel durchzulesen. Nach dem vergangenen gegen Fortuna Düsseldorf konnte ich das nicht. Der Link zur PK nach dem Spiel und die Worte “Pal Dardai kann der Mannschaft keinen Vorwurf machen. Dann bleibt eigentlich nur der, dass er sie betreut. Michael Hartmann sollte für die letzten sechs Spiele in dieser Saison diese Aufgabe übernehmen” waren sein ganzer Blog-Eintrag zu dem enttäuschenden 1:2. Ernüchterung, Frustration, Leere und weitere Adjektive beschreiben seine Gefühlswelt und die vieler weiterer Herthaner Anhänger.

Auch wenn ich es nicht so drastisch wie mein geschätzter Kollege formulieren würde, macht sich auch in mir eine Lustlosigkeit breit, die ich in dieser Form seit wohl fünf Jahren nicht mehr gespürt habe. Bereits nach der herben 0:5-Klatsche gegen RB Leipzig umgab mich eine massive Ratlosigkeit, die dazu führte, dass ich nicht wie gewohnt eine Einzelkritik zu diesem Spiel schrieb. Dieses Format betreibe ich nun schon seit vielen Jahren, fasziniert davon, in wie vielen Blickwinkeln man auf ein Spiel schauen kann und welche Nuancen bei jedem Akteur auf dem Feld zu erkennen sind, die den Unterschied machen können. Seit einigen Wochen geht es bei Hertha aber nicht mehr um Nuancen, sondern um grundsätzliche Aspekte. Einen Artikel zu schreiben, der mich einen halben halben Tag kosten und letztendlich keinem Leser Spaß bereiten würde, erschien mir sinnlos. Da hat niemand etwas von und glücklicherweise handelt es sich bei Hertha BASE weiterhin um einen Blog, auf dem nur Dinge passieren, wozu die Redaktion Lust hat.

Ich wollte diesen Text bereits am Sonntag anfangen zu schreiben, verbrachte den Tag aber lieber spontan mit Freunden im Treptower Park. Ein herrlicher Frühlingstag, der die ganze Schönheit Berlins offenbart und zur Aktivität eingeladen hat. Vier oder fünf Stunden verbrachte ich mit meinen Freunden – essend, spielend, lachend und nicht an Hertha denkend. Es tat gut, sich nicht mit seinem Verein zu befassen, regelrecht gedrückt habe ich mich davor und das kann sowohl als Fan als auch als Blogger kein gutes Zeichen sein.

Nein, Hertha nervt aktuell. Mehr als sonst.

Blau-weiße Tristesse

Bereits vor dem Spiel gegen Düsseldorf herrschte bei mir und meinem Umfeld große Ernüchterung. Das 0:5 in Leipzig stand wie ein großes hässliches Symbol stellvertretend für Herthas anhaltenden „Rückrunden-Fluch“, für das Gemüt erschwerend kam der geplatzte Stadionplan der Vereinsführung für das Olympiagelände hinzu. Auf einmal war Hertha nicht mehr der aufstrebende Verein, dem die Zukunft gehört, sondern dem zunächst einmal die Gegenwart gehörig um die Ohren fliegt.

Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images

Einmal mehr schafft es die Mannschaft nicht, eine Saison konstant gestalten. Einmal mehr bricht Hertha in der Rückrunde auseinander und lässt die Spielzeit mit einem mehr als faden Beigeschmack ausfasern. Hierbei geht es keinesfalls im Partien wie gegen Werder Bremen (1:1) oder Bayern München (0:1), die unglücklich ausgingen, in denen aber der Wille zu spüren war. Nein, erschreckend waren die Partien gegen den SC Freiburg (1:2), RB Leipzig (0:5) und Fortuna Düsseldorf (1:2). Auch der Sieg gegen Mainz 05 (2:1) fußte keinesfalls auf einer starken Vorstellung des Teams, sondern wurde von seinem Ausgang beschönigt.

Und so wabert die “alte Dame” einmal mehr irritierend motivationslos durch die Rückserie einer eigentlich vielversprechenden Spielzeit. Kein Feuer, kein Wille, kein Kampf, kein Aufbäumen, kein Stemmen gegen Hindernisse – das Ergebnis ist aktuell Platz elf, jenseits von gut und böse, das Niemandsland der Tabelle. Platz neun, also das formulierte Minimalziel (“einstelliger Tabellenplatz” beinhaltet nun einmal noch acht weitere Plätze) des Vereins ist mit sieben Punkten Abstand nicht mehr zu erreichen, Platz 14 mit neun Punkten Differenz ebenso wenig in Reichweite.

Dardais Krisenmanagement in der Krise

Ebenso irritierend wie die jüngsten Vorstellungen der Mannschaft ist das aktuelle öffentliche Auftreten von Pal Dardai. Der Berliner Trainer wirkt angeknockt, verrennt sich in Kleinkriege mit Medien oder Spielern und scheint die Wahrheit beinahe zu leugnen.

“Wenn ich die Statistik sehe, kann ich meiner Mannschaft keinen Vorwurf machen. Zweikampfwerte, Ballbesitz, Torschüsse – das ist Hertha BSC”, sagte Dardai auf der Pressekonferenz nach dem Spiel. Zuvor beantwortete der Ungar im sky-Interview die Frage nach den Gründen für diese erneut miese Rückrunde mit “Das muss man den lieben Gott fragen”. Wer nach solch einem enttäuschenden Auftritt wie dem gegen Düsseldorf wirklich sagen kann, er habe ein gutes Spiel seiner Mannschaft gesehen und dass es keine objektiven Gründe für das erneute Einbrechen der Mannschaft gibt, dem muss man eine gewisse Ratlosigkeit attestieren. Nein, Pal, das war kein gutes Spiel, nicht einmal ein mittelmäßiges. Und nein, Pal, da geht die Frage nicht an Gott, sondern an den Trainer selbst.

Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images

Aber laut dem Trainer gilt: “Es gibt keine Krise, das ist Hertha BSC.” Wenn vier Niederlagen infolge, elf Punkte aus den bisherigen Rückruckenspielen und damit das Verpassen des erklärten Saisonziels Hertha BSC sind, dann muss die Frage nach der Anspruchshaltung von Dardai gestellt werden. Realismus ist eine wichtige Eigenschaft im Fußballgeschäft, da er einen vor einem tiefen Fall bewahren kann, doch scheint der 43-Jährige momentan weniger realistisch, als vielmehr unverbesserlich zu sein.

Anstatt eine inhaltliche Debatte über die derzeitige sportliche Lage zu führen, reagiert Dardai bei leisester Kritik ungewöhnlich gereizt. Ohnehin sei das Umfeld daran Schuld, wenn die Mannschaft nun den Ansprüchen nicht gerecht werden würde. “Wir dürfen die Erwartungen nicht hochschrauben, das habt ihr gemacht“, sagte Dardai am Sonntag zu den Journalisten. Der europäische Wettbewerb: “Das war nie realistisch, das kommt von außen.” Wer das nicht einsehe, der lüge. “Das ist wahrscheinlich so genannter geplanter Mord”, griff Dardai sogar zu sehr martialischer Sprache, denn die Medien würden Hertha bewusst in den Himmel heben, um den Verein dann wieder grillen zu können. “Ab und zu habe ich das Gefühl, ihr lebt von der Schadenfreude. Das ist nicht gut. Wahrscheinlich war euch langweilig”, beendete Dardai seine Medienkritik – unsachlich, gereizt, fast schon verschwörerisch und dem ansonsten so konstruktiv argumentierenden Trainer überhaupt nicht ähnlich. So hat man Dardai noch nicht erlebt und das spricht zusätzlich dafür, in welch prekärer Lage er sich befindet.

Es wird nicht am gleichen Strang gezogen

Prekär deshalb, weil Dardai in seiner Argumentationslinie auch im Verein alleine zu sein scheint. Sowohl einzelne Spieler als auch Geschäftsführer Sport Michael Preetz üben deutlich mehr Kritik, sodass öffentlich keine Einheit zu erkennen ist.

“Ich habe die Schnauze voll davon. (…) Es gibt keine Ausreden. Es ist einfach irgendwas drin in der Mannschaft, dass sich Leute denken, es geht vielleicht um nichts mehr. Diese letzten paar Prozente, sich reinzubeißen, keine Ahnung, vielleicht will sich keiner verletzen. Wie gesagt, wir sind alle Angestellte des Vereins, wir sollen uns bis zur letzten Sekunde der Saison den Arsch aufreißen”, positionierte sich Valentino Lazaro im kicker deutlich und somit gänzlich anders als sein Trainer. Der Österreicher war einer der vielen Spieler, die vor und während der Saison öffentlich von ihrem Traum, mit Hertha den europäischen Wettbewerb zu erreichen, erzählten. Der Wunsch, großes in dieser Saison zu erreichen, wurde also von den Spielern in die Mannschaft hineingetragen, nicht von den Medien, wie Dardai es behauptet hatte.

Foto: Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images

Während Dardai von einem “sehr guten” Spiel seiner Mannschaft gegen Fortuna Düsseldorf sprach, konstatierte Michael Preetz: “Wir dürfen die Augen nicht davor verschließen, dass das zu wenig ist. Da ist jeder angesprochen – in erster Linie die, die auf dem Platz stehen” – deutliche Kritik also von Preetz, der nicht auf einer Linie mit seinem Trainer zu sein scheint. “Das ist nicht einfach so hinzunehmen, dass wir immer in der Rückrunde einbrechen”, betonte der 51-Jährige. “Es gibt da auch keinen logischen Zusammenhang. Es sind jetzt noch sechs Spiele, wo es genug Punkte gibt. Da will ich jetzt eine Reaktion sehen.” Es ist nicht das erste Mal in der laufenden Saison, dass die Vorstellungen von Dardai und Preetz auseinanderdriften. Immer wieder ließ sich erkennen, dass die beiden Vereinsverantwortlichen verschiedene Anspruchshaltungen und Visionen für die Zukunft haben, wobei Dardai meist auf die Bremse tritt und Preetz hoch hinaus will. Intern soll es auch gerne zu Reibungen kommen, ein Diskurs ist immer wichtig, doch nach außen sollte der Verein als Einheit auftreten und das ist aktuell sowohl im Verhältnis von Trainer zur Mannschaft wie auch zum Manager nicht der Fall. So wirkt es, als würde Dardai langsam die Souveränität entgleiten.

Die Gretchenfrage

Doch was heißt das alles nun? Ist Pal Dardai nicht mehr der richtige Trainer für Hertha BSC und dessen Zukunft? Hat er sich aufgebraucht?

Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images

Die klare Antwort darauf: Ich weiß es nicht. Ich muss ehrlich sagen, dass ich noch nie so große Zweifel daran hatte, wie jetzt. Schaut man stumpf auf Herthas Tabellenpositionierung der letzten Jahre (sechs, zehn, ?), wird sich der Hauptstadtverein im zweiten Jahr infolge verschlechtern. Das kann keinesfalls der Anspruch sein, nicht mit diesem ambitioniert zusammengestellten Kader. Man kann 0:5 in Leipzig verlieren, solch ein Katastrophenspiel passiert jeder Mannschaft (ich schiele leicht Richtung Dortmund), doch wichtig ist dann die Reaktion darauf und dann die Reaktion auf diese Reaktion. In beiden Fällen ist es wohl zum Wort-Case-Szenario gekommen. Die Mannschaft konnte sich gegen Düsseldorf nicht aufraffen und Dardai wütete daraufhin wie ein provozierte Bulle durch die Medien. Es könnte der Anfang vom Ende gewesen sein. Dardai wirkt ausgelaugt und es stellt sich die Frage, ob er sich aufgebracht hat, oder ob ein neuer Co-Trainer an seiner Seite und gewisse Neuverpflichtungen zum Ausgleich der personellen Unwucht (zu junger Kader, kein Mittelblau von 25-28-Jährigen, die Hertha als ihren Zenit ansehen) nicht den entscheidenden Unterschied machen können.

Da, wo der Verein jahrelang in ein Loch gefallen und nur mit größter Mühe wieder herausgekraxelt ist, hat Pal Dardai ein erstaunlich solides Fundament gebaut. Das wird bleiben, ob er jetzt geht oder in ein paar Jahren, es wird ihn womöglich zum Vater etwaiger kommender Erfolge machen. Doch Hertha BSC will nicht nur ein Fundament haben, sondern in die Höhe bauen, um ein Wolkenkratzer zu werden, welcher der Stadt Berlin gerecht wird. Es muss analysiert werden, ob Dardai noch der richtige Architekt für dieses Großbauprojekt ist oder nicht. Dabei darf nicht zu kurzfristig gedacht werden. “Stürzt man sich Hals über Kopf in attraktive Affären, kostet die Höhenflüge in vollen Zügen aus und nimmt nach dem anschließenden Kater wieder Abstand? Oder wünscht man sich eher eine langlebige Ehe, erträgt die unvermeidlichen Abnutzungserscheinungen und geht gemeinsam auch durch schlechte Zeiten, so wie etwa der SC Freiburg mit Trainer Christian Streich?”, formulierte es Morgenpost-Redakteur Jörn Lange sehr passend. Ich habe die Antwort auf diese Frage nicht – wie auch? Ich verlange nur, dass Dardai keine Nibelungentreue genießt und kritisch hinterfragt wird, dass die Angst vor etwas neuem und ungewissen nicht lähmt. Kommen die Verantwortlichen in ihrer Analyse zu dem Schluss, dass der ewige Herthaner Dardai auch weiterhin die Zukunft der Mannschaft gestalten soll, dann trage ich diese Entscheidung mit, denn so viel Kredit hat man sich über die letzten Jahre definitiv erarbeitet.

Hertha und seine Torhüter: Vergangenheit, Torwart und Zukunft

Hertha und seine Torhüter: Vergangenheit, Torwart und Zukunft

Das letzte Drittel der Bundesliga-Saison 18/19 ist längst angebrochen, es wird um die Meisterschaft, Europa und den Nicht-Abstieg gespielt. Doch neben dem Rennen um begehrte Tabellenplätze setzen sich die Geschäftsstellen der 18 Vereine aktuell auch mit längerfristigen Zukunftsentscheidungen auseinander. Erste Vorkehrungen bezüglich des Spielerkaders werden getroffen, sodass zwecks einer produktiven Sommervorbereitung möglichst frühzeitig das Aufgebot für die kommende Spielzeit feststeht. Bei Hertha BSC ist es nicht anders, zahlreiche Vertragsgespräche laufen und vor allem auf der Torhüter-Position bedarf es einer weitsichtigen Planung. In diesem Artikel sollen die sieben realistischen Torhüter für Herthas Profi-Team und deren Verbleibschancen bzw. weiterer Weg beleuchtet werden.

Herthas Torhüterteam ist im Bundesliga-Vergleich ein Sonderling – das zeigt allein das aktuelle Mannschaftsfoto der Berliner, auf dem ganze fünf Keeper nebeneinander sitzen: Rune Jarstein, Thomas Kraft, Jonathan Klinsmann, Marius Gersbeck und Dennis Smarsch. Jeder von ihnen gehört zum Profi-Team des Hauptstadtvereins, allerdings mit verschiedensten Ausgangslagen und Ambitionen. Zahlreichen Medienberichten zufolge steckt Herthas Geschäftsführer Sport Michael Preetz mitten in Gesprächen, welche die Zukunft einiger der genannten Namen klären soll. Es folgt eine Übersicht und Einordnung der aktuellen Berichterstattung, sodass am Ende des Artikels ersichtlich wird, wie die Nahrungskette der Berliner Keeper in der kommenden Spielzeit oder den nächsten Jahren aussehen könnte.

Die etablierten Routiniers

Neben den vielen aufstrebenden Torhüter-Talenten in Herthas Reihen gibt es mit Rune Jarstein und Thomas Kraft auch zwei erfahrene Recken, die Vergangenheit und Gegenwart des Berliner Tores widerspiegeln. Jahrelang konnte an ihrem Status nicht gerüttelt werden, doch der Zahn der Zeit nagt auch auch an gefühlt Ewigen zwischen den Pfosten.

Rune Jarstein – Der Unüberwindliche bis 2021

Zugegeben, um Rune Jarstein ist es momentan sehr ruhig. Aufgrund seiner vorzeitigen Vertragsverlängerung im April letzten Jahres bis 2021 lassen sich keine Medienberichte zu seiner Zukunft finden – die ist soweit geklärt. Der Norweger hat allerdings den begehrten Platz an der Sonne, also bei Pflichtspielen der Profi-Mannschaft zwischen den Pfosten und ist somit stets in die Torwartfragen bei Hertha eingebunden.

Foto: Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images

Seit 2015 hat Jarstein den Status als Stammkeeper der “alten Dame” inne, nachdem er den verletzungsbedingt lange ausfallenden Thomas Kraft als dessen Nachfolger ablöste. Verdrängen ließ sich der 34-Jährige nicht mehr, 132 Pflichtspiele absolvierte er seitdem und den absoluten Großteil dieser in herausragender Manier. Jarstein entwickelte sich trotz des bereits vorangeschrittenen Fußballeralters merklich weiter und dadurch zu einem der beständigsten Torhüter der Bundesliga.

Auch für den starken Berliner Start in die laufende Saison war Jarstein immens wichtig, sicherte durch überragende Leistungen viele Punkte (seine ersten vier Spieltagsnoten in unserer Einzelkritik: 1, 1, 1-, 2). Dieses Top-Niveau konnte Norwegens Nummer eins zwar nicht gänzlich halten, dennoch spielte er eine wirklich starke Hinrunde. Die aktuelle Rückrunde Jarsteins ist allerdings die vielleicht schwächste Halbserie seiner Hertha-Zeit. Sowohl im DFB-Pokal als auch im Liga-Rückspiel gegen den FC Bayern München gingen die Niederlagen zu keinem unwesentlichen Anteil auf sein Konto, da er sich zweimal beim Herauslaufen verschätzt hatte und so zu entscheidenden Gegentreffern hinleitete. 2019 konnte Herthas Schlussmann seinem Team in noch keiner Partie Punkte retten, vielmehr wirkt er in seiner Stafraumbeherrschung verunsichert.

Überbewerten sollte man seine letzten Leistungen jedoch nicht, denn Jarstein brilliert aktuell zwar kaum, von “schlechten” Vorstellungen kann (ausgenommen die beiden Spiele gegen Bayern) allerdings auch keine Rede sein. Auch in seinem Alter sind gewisse Durststrecken legitim, sodass nicht sofort von einem altersbedingten Leistungsabsturz ausgegangen werden kann. Jarstein genießt weiterhin vollstes Vertrauen und das wird voraussichtlich bis zu seinem Vertragsende 2021 auch so bleiben. “Ich bin hier zur richtigen Zeit am richtigen Ort und will mein Niveau halten, bis ich 40 bin”, sagte der 34-Jährige dem kicker vor genau einem Jahr. Ob er so lange in Berlin bleiben wird, ist aufgrund der nachrückenden Torhütergeneration in Berlin fraglich, doch gute zweieinhalb Jahre sind Jarstein noch zuzutrauen. Es gibt also keinen Grund, bereits an seinem Status als Herthas Nummer eins zu zweifeln.

Thomas Kraft – noch ein letztes Jahr in Berlin

Ebenso wenig Zweifel lässt die Rolle von Thomas Kraft zu, der seit der Wachablösung Jarsteins die klare Nummer zwei der Blau-Weißen ist. Diese Rangordnung wird dem so ehrgeizigen Kraft nicht immer geschmeckt haben, doch mit der Zeit gewöhnte sich der 30-Jährige an sie und wurde zu einem äußerst verlässlichen und dadurch wichtigen Zahnrad im Herthaner Getriebe.

Foto: ODD ANDERSEN/AFP/Getty Images

Es sind nur diese ein bis zwei Spiele pro Saison, in denen ein Ersatztorhüter sich beweisen darf. Dann gilt es, auf den Punkt 100 Prozent Leistung zu zeigen, fehlender Rhythmus darf kein Argument sein. Für Kraft waren es in dieser Saison bislang zweieinhalb Halbzeiten in der Liga und ein Einsatz in der ersten DFB-Pokalrunde. Zweimal spielte der ehemalige Münchener dabei zu Null, gegen Werder Bremen (1:3) kassierte er nach seiner Einwechslung nur einen der drei Gegentreffer. Besonders in der Begegnung mit seinem Ex-Verein, dem deutschen Rekordmeister, machte Kraft nach längerer Zeit wieder auf sich aufmerksam, indem er seinen Kasten trotz größerer Bemühungen der Münchener sauber hielt. Seit Jahren beweist Kraft, dass auf ihn Verlass ist und sich wohl jeder Bundesligist eine Nummer zwei wie ihn wünscht.

Tatsächlich wünschen sich ein paar Vereine wohl sogar mehr als das. Wie der kicker berichtet, zeigen die beiden vom Abstieg bedrohten Vereine aus Hannover und Nürnberg Interesse an Herthas Ersatztorwart. Sowohl Hannover 96 als auch der “Club” sollen Kraft im Falle eines Abstiegs gerne als neuen Stammtorhüter verpflichten wollen. Trotz dieser Angebote und einer damit einhergehenden Beförderung zur Nummer eins wird der 30-Jährige aber wohl ein weiteres Jahr in Berlin bleiben. Hertha soll ihm eine einjährige Verlängerung seines am Saisonende auslaufenden Vertrages angeboten haben, welches er dem Bericht nach annehmen wird. 2020 wird Krafts Sohn eingeschult, weshalb der Keeper erst in einem Jahr über seinen neuen Lebensmittelpunkt und eine langfristige Vertragsbindung entscheiden möchte.

In Berlin wird man ein weiteres Jahr mit Kraft auf der Bank gut annehmen können. Der 30-Jährige wird neben seinem sportlichen Wert vor allem für seine Führungsrolle innerhalb der Mannschaft geschätzt. Kraft lebt Professionalität vor, nimmt jede Trainingseinheit ernst und ist somit ein Vorbild für die vielen jungen Spieler bei Hertha. Der Abschied von Fabian Lustenberger im Sommer ist bereits offiziell, weitere Abgänge von erfahrenen Säulen der Mannschaft (Ibisevic, Darida, Pekarik) ist nicht ausgeschlossen, sodass ein Verbleib Krafts gegen ein Vakuum an Führungsqualität helfen könnte.

Ihnen gehört die Zukunft

Hinter den zwei etablierten Routiniers Jarstein und Kraft scharrt ein ganzes Quintett an aufstrebenden Torhüter-Talenten mit seinen Hufen. Ein größere Rolle in den Planungen Hertha dürften allerdings nur folgende drei Namen spielen.

Nils Körber – Der König der Dritten Liga

Hertha wird immer mutiger, was das Ausleihen seiner Spieler angeht. Im Winter wurden mit Sidney Friede, Alexander Esswein, Muhammed Kiprit und Maximilian Pronichev gleich vier Berliner Kicker für ein halbes Jahr abgegeben. Die Tür für diese neue Transferpolitik wird Nils Körber aufgrund seines derzeitigen Erfolgs mit geöffnet haben.

Der 22-Jährige wurde im zurückliegenden Sommer zum VfL Osnabrück verliehen. Versuch Nummer zwei, denn zuvor war das Berliner Eigengewächs bereits für ein Gastspiel bei Preußen Münster, fand dort nach einer Verletzung aber keinen Anschluss mehr, sodass die Leihe als wenig erfolgreich gewertet wurde. In Osnabrück sollte es gänzlich anders laufen, denn Körber wurde auf Anhieb Stammkeeper der Niedersachsen und einer Hauptfaktoren für deren derzeitigen Höhenflug.

Foto: Thomas F. Starke/Bongarts/Getty Images

Der VfL belegt mit 61 Punkten nach 30 Spielen den ersten Tabellenplatz der dritten Liga, der erste Zweitligaufstieg seit 2010 ist zum Greifen nahe. Osnabrück dominiert die Liga regelrecht, stand an 22 von 30 Spieltagen an der Tabellenspitze und stellt mit gerade einmal 21 Gegentoren die ligaweit beste Defensive. Maßgeblichen Anteil daran hat Leihgabe Körber, der eine atemberaubende Saison spielt. Der kicker bemisst seine Durchschnittsnote mit 2,46 – niemand in der Liga schneidet bislang besser ab. In 29 Einsätzen hat Körber 14 Mal, also statistisch in jedem zweiten Spiel, zu Null gespielt, weshalb er auch immer öfter auf dem Radar des DFB auftaucht und für die U21-Nationalmannschaft nominiert wurde. Es ist also legitim zu sagen, dass Körber seine Leihe vollends ausnutzt und sich im Profibereich etabliert. Er gehört zu den absoluten Leistungsträgern seines Vereins, wird von den Osnabrücker Fans sehr geschätzt und wirkt mit seinen erst 22 Jahren schon äußerst reif.

Diese Entwicklung bleibt nicht unbemerkt, denn laut dem kicker hat Körber das Interesse eines deutschen Zweitligisten und dem niederländischen Erstligisten VVV-Venlo geweckt. Hertha soll gewillt sein, seinen 2020 auslaufenden Vertrag zu verlängern und ihn dann erneut zu verleihen. Fraglich ist nur wohin und das hängt sicherlich mit der Endplatzierung Osnabrücks ab. Sollte der VfL aufsteigen, könnte Körber in einem bereits bekannten Umfeld eine Etage höher spielen und wichtige Erfahrungen sammeln. Die niederländische Eredevisie stellt allerdings auch eine spannende Option dar, denn gegen Ajax Amsterdam oder PSV Eindhoven zu spielen, wäre eine interessante Herausforderung. Es scheint zumindest festzustehen, dass Körber auch die kommende Saison außerhalb Berlins verbringen wird, um sich durch regelmäßige Einsatzzeiten weiterzuentwickeln. Stück für Stück wird das Eigengewächs darauf vorbereitet, eine ernsthafte Alternative für Herthas Bundesliga-Mannschaft zu werden.

Dennis Smarsch – ein weiteres Lehrjahr steht an

Mit seinen 1,95 und geschätzten 90 Kilo ist Dennis Smarsch mit seinen gerade einmal 20 Jahren bereits eine sehr imposante Erscheinung. Dabei unterschrieb das Eigengewächs erst im vergangenen Sommer seinen ersten Profi-Vertrag. “Dennis hat sich in den vergangenen Jahren stets entwickelt und in unseren Nachwuchsteams als großer Rückhalt überzeugt. Auch im Training der Profis zeigt er sein großes Talent, das wir ­weiter fördern wollen”, erklärte Michael Preetz damals.

Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

Vorschusslorbeeren konnte Smarsch in der vergangenen A-Bundesliga-Saison sammeln, als er mit seiner Mannschaft die deutsche Meisterschaft nach Berlin holte. Arne Maier, Muhammed Kiprit, Dennis Jastrzembski, Palko Dardai, Florian Baak, Julias Kade – die Liste an Spielern, die es aus diesem Team bis in die Bundesliga geschafft haben, ist lang und soll irgendwann durch Smarsch erweitert werden. Das Torhüter-Talent hat großen Anteil an der ersten A-Jugend-Meisterschaft Herthas, er überzeugte sowohl mit seinem Torwartspiel, als auch durch seine Führungsqualitäten. Bereits mit jungen Jahren strahlt Smarsch eine große Sicherheit aus, die sich auf seiner Vordermänner überträgt. Auch bei dem A-Jugend-Hallenturnier in Sindelfingen, welches Hertha ebenfalls gewinnen und konnte und bei dem Herthas BASE vor Ort war, war der gebürtige Berliner eine der prägenden Figuren. Trotz seiner Statur zeigte Smarsch auf dem Kleinfeld, über welch starke Reflexe er verfügt und so war er wohl der stärkste Keeper dieses Turniers.

All diese Leistungen blieben offensichtlich nicht unbeobachtet und so darf Smarsch in der laufenden Spielzeit erste Erfahrungen im Männerbereich sammeln. Das durchgängige Mittrainieren im Profi-Torwart-Aufgebot Herthas und die regelmäßigen U23-Einsätze in der Regionalliga (Smarsch darf in rund der Hälfte der Partien von Anfang an spielen) gewöhnen den 20-Jährigen an den Männerbereich, dazu kommen zwei Nominierungen für die Bundesliga-Mannschaft. Es gibt keinerlei Medienberichte, die nahelegen, dass Hertha plant, Smarsch in der kommenden Saison zu verleihen und wie der weitere Verlauf dieses Artikels aufzeigen wird, scheint der Keeper in der kommenden Spielzeit die feste Berliner Nummer drei und in der U23 der Stammtorhüter zu werden – kleine aber bedächtige Schritte für den Hünen.

Luis Klatte – Profi-Vertrag in Aussicht?

Herthas Kader verfügt aktuell über sechs Torhüter mit Profi-Verträgen, drei davon wurden in der eigenen Jugendakademie ausgebildet. Auch hier zeigt sich, über welches Talent der Hauptstadtverein in seinen eigenen Reihen verfügt und wie gezielt er eben jenes weiterentwickelt und zu Bundesliga-Material formt. Der nächste Name, der in diese Riege stoßen könnte, ist Luis Klatte.

Foto: Sebastian Widmann/Bongarts/Getty Images

Vielen vielleicht noch kein Begriff, konnte der 19-Jährige, der seit 2012 für Hertha spielt, in den letzten Wochen im Rahmen der UEFA Youth League auf sich aufmerksam machen. Besonders bei der 0:3-Niederlage im Rückspiel gegen Titelverteidiger Barcelona zeigte der gebürtige Berliner eine grandiose Leistung, für die er anschließend Lob von Michael Preetz erhielt. In der laufenden Saison hat Klatte den zur U23 beförderten Smarsch als Stammtorhüter der Herthaner A-Jugend-Mannschaft beerbt, nachdem er in vergangenen Spielzeit noch als Ersatzkeeper acht Liga-Spiele bestritt. Nun führt kein Weg mehr an Klatte vorbei, der mittlerweile sogar internationale Erfahrung sammeln durfte.

Es ist aufgrund der guten Leistungen des U-Nationalspielers davon auszugehen, dass Hertha ihm für die kommende Saison einen Profi-Vertrag und die Rolle der Nummer zwei mit ersten Einsätzen in der U23 anbieten wird. Ob das Eigengewächs diesen Weg einschlagen wird oder qua der internen Konkurrenz keine attraktive Perspektive bei Hertha sieht, bleibt abzuwarten. Dass die “alte Dame” ihn aber gerne halten und somit den wahrscheinlichen Abgang von zwei Keepern auffangen will, scheint wohl sicher.

Zwei wohl sichere Abgänge

Die Länge dieses Artikels macht bereits das Dilemma offensichtlich, dass Hertha über wohl zu viele Torhüter verfügt und sich im kommenden Sommer auf dieser Position verändern muss. Zwei leidtragende werden Jonathan Klinsmann und Marius Gersbeck sein.

Jonathan Klinsmann – eine gute Ausbildung, aber keine Übernahme

“Er ist bei Hertha in die Lehre gegangen und hat in den letzten 20 Monaten sein Handwerk gelernt. Jetzt steht er vorm Gesellenbrief”, resümierte Jonathans Vater Jürgen Klinsmann die zwei Jahre seines Sohnes in Berlin. Und auch wenn Hertha ein Ausbildungsbetrieb ist, der nach Möglichkeit all seine Lehrlinge übernehmen wollen würde, stehen die Zeichen bei dem 21-Jährigen auf Abschied.

Foto: TOBIAS SCHWARZ/AFP/Getty Images

2017 wechselte Klinsmann von der UC Berkeley an die Spree, erstmals weit weg von zu Hause und der Familie. Nicht überraschend brauchte der Torhüter mit berühmten Nachnamen einige Monate der Eingewöhnungszeit, in denen er sich an die Ansprüche einer deutschen Profi-Mannschaften und die Stadt Berlin anpassen musste. In dieser Zeit rief der US-Nachwuchsnationalspieler nur unregelmäßig sein volles Potenzial ab, was ihm vor einem Jahr größere Kritik seitens Torwarttrainer Zsolz Petry einbrachte. Es waren harte Worte, die der Ungar damals gewählt hatte und auch die Art der öffentlichen Kritik war diskutabel, doch letztlich sollte Petrys Ansage etwas in Klinsmann ausgelöst haben. Der 21-Jährige tritt seitdem deutlich selbstbewusster auf, zeigt mehr Willen, sich im harten Profi-Geschäft durchsetzen zu wollen. “Zsolt Petry hat einen gigantischen Job gemacht. Ich muss auch Jonathan ein riesen Kompliment machen. Er ist hier zum Mann geworden, hat Deutsch gelernt und fährt durch die Stadt, als sei er hier aufgewachsen”, lobte Vater Jürgen die Entwicklung seines Sohnes in der Berliner Zeitung.

Durchsetzen wird sich Jonathan Klinsmann bei Hertha dennoch nicht. Wie der kicker berichtet, planen die Vereinsverantwortlichen nicht über den Sommer hinaus mit ihm, denn die Rolle der Nummer zwei ist vergeben und eine Leihe steht nicht im Raum. “Jetzt liegt es am Klub, zu sagen: Wir ziehen ihn hoch als Nummer zwei – oder er geht auf Wanderschaft”, blickte Vater Jürgen voraus. Da Kraft Medienberichten zufolge ein weiteres Jahr bleiben wird, wird Klinsmann wohl die Wanderschuhe auspacken müssen – das Experiment zwischen ihm und Hertha scheint im Sommer zu enden und so bleibt es bei einem Profi-Einsatz für die Blau-Weißen in der Europa League gegen Östersund (1:1), in dem er einen Elfmeter halten konnte. “Das Spiel war eine Erleuchtung für ihn. Er hat gemerkt, dass er mithalten kann.” In drei Monaten wird Klinsmann mit dem Gesellenbrief in der Hand Berlin verlassen. Wo er seine Meisterprüfung absolvieren wird, ist unklar, doch laut Papa Jürgen wird Jonathan in Europa bleiben.

Marius Gersbeck – eine Verletzung bremste den Publikumsliebling aus

Auf unterschiedlichstem Wege sind Jonathan Klinsmann und Marius Gersbeck zu Hertha BSC gekommen, doch eine Bilanz werden sich die beiden Keeper im Sommer wohl teilen: nach nur einem Einsatz für die Berliner Profi-Mannschaft folgt der Abschied.

Foto: Dean Mouhtaropoulos/Bongarts/Getty Images

Dabei schien der Weg von Gersbeck schon vorprogrammiert: ein überraschendes Highlight-Spiel gegen Borussia Dortmund (2:1) im Jahr 2013, das ihn als gebürtigen Berliner und originalen Ostkurvengänger bei den blau-weißen Fans gefühlt schon unsterblich machte, daraufhin zwei Leihen, die ihn auf die Bundesliga vorbereiten sollten und dann der offene Kampf um die Nummer eins – es sollte anders kommen. Nachdem sich das Eigengewächs durch seine starke Leistung als Bundesliga-Debütant gegen den BVB als Nachwuchshoffnung etabliert hatte, lieh ihn Hertha zweimal in die dritte Liga aus – zunächst nach Chemnitz (nur fünf Einsätze), dann für zwei Jahre zum VfL Osnabrück, bei dem er durch 74 Pflichtspiele an Erfahrung dazugewonnen hatte. Der nächste Schritt sollte eine Leihe zu einem deutschen Zweitligisten oder in eine mittelstarke europäische Liga sein, doch Gersbeck riss sich im April 2018 das Kreuzband und sollte für elf Monate ausfallen. Am vergangenen Donnerstag gab der 23-Jährige im Testspiel gegen Holstein Kiel (1:3) sein Comeback und überzeugte auf Anhieb mit starken Szenen. “Es macht wieder Spaß. Das ist das, worauf ich hingearbeitet habe”, sagte er nach dem Spiel.

Nun hofft Gersbeck auf ein paar Einsätze bei Herthas U23, um wieder Matchpraxis zu sammeln und in den Rhythmus zu kommen. Sein Vertrag wurde im Juni vergangenen Jahres bis 2020 verlängert, da die Verantwortlichen ihn nach seiner schweren Verletzung nicht fallen lassen wollten. Trotz seines noch laufenden Kontrakts werden sich die Wege im Sommer nach 15 gemeinsamen Jahren wohl trennen. Gersbeck wird im Sommer 24 Jahre alt, somit nicht mehr als Talent gelten und auf allen relevanten Positionen in Herthas Torwart-Hierarchie haben sich andere Namen etabliert. Laut dem kicker ist sein Abgang bereits sicher.

Fazit – Herthas Plan bis 2021 und darüber hinaus

Schenkt man den Informationen des kicker Glauben und schätzt den Rest persönlich ein, so ergibt sich bei Hertha für die kommende Saison und folgenden Jahre eine recht klare Struktur auf der Torhüter-Position.

Grundlage für Herthas Zukunftsplan für seine Keeper ist, dass Rune Jarstein bis zu seinem Vertragsende im Sommer 2021 der Stammtorhüter bleiben wird. Der Norweger wird dann 37 Jahre alt und bis dahin noch zwei Saisons für Hertha zwischen den Pfosten gestanden haben. Was folgt, wäre eine sehr saubere Trennung nach siebeneinhalb Jahren und wohl über 200 Pflichteinsätzen für die “alte Dame”.

Ebenso geklärt scheint die Zukunft von Thomas Kraft, der noch ein weiteres Jahr Herthas Nummer zwei sein wird und dann das Feld für einen jüngeren Keeper räumt, der Jarstein in seinem letzten Jahr für Hertha herausfordern soll. Um diese Rolle werden voraussichtlich Nils Körber und Dennis Smarsch konkurrieren, die noch zwei Jahre Zeit haben, sich ohne Druck weiterzuentwickeln. Ziel scheint zu sein, Jarstein in der Saison 2020/21 ein aufstrebendes Eigengewächs an die Seite zu stellen, dass Ansprüche auf die Stammelf hat und als Nummer zwei dazulernen kann. Wie offen der Kampf um die Nummer eins sein wird, lässt sich heute noch nicht abschätzen.

Für die kommende Saison gilt: Nummer eins – Rune Jarstein, Nummer zwei – Thomas Kraft, Nummer drei und U23-Stammtorhüter – Dennis Smarsch, Nummer vier und damit U23-Ersatztorhüter – Luis Klatte, Leihspieler in einer höheren Liga – Nils Körber, Abgänge – Jonathan Klinsmann und Marius Gersbeck.

Wenn ich so schreiben würde, wie Hertha spielt

Wenn ich so schreiben würde, wie Hertha spielt

Seid ihr bereit für einen richtig geilen Artikel? Lest auf jeden Fall bis zum Ende! Es wird spannend Freunde! Die Vorfreude ist bei euch jetzt sicherlich mindestens so groß wie bei mir, oder? Das wird ein richtig guter Text, das habe ich im Gefühl. Meine Verfassung ist ordentlich, ich war echt lange nicht krank, mein Kreativitätslevel ist mindestens auf Grujic-Niveau, mein Potenzial zwar insgesamt nicht titelreif, aber es reicht doch, um im Blog-Business eine ordentliche Rolle zu spielen. Gut, manchmal kommt es stark auf die Tagesform an, aber bei wem ist das nicht so?

Selke doch schon wieder da?

Foto: Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Fangen wir also an. Es soll hier natürlich um Hertha gehen. Klar, da könnte man mal über die nicht mehr ganz so sattelfeste Defensive schreiben oder über das manchmal eher auf Zufall ausgelegte Mittelfeldspiel. Oder über den Angriff, der nach der Verletzung von Davie Selke sehr schwer auf den Schultern von Opa Ibisevic lastet? Wobei ich neulich etwas verwirrt war, als ich las, dass Selke nach dem Dortmund-Spiel vielleicht schon wieder zurück ist. Ich dachte, der fällt viel länger aus. Ja, das sind so die Themen. Vielleicht geh ich da nochmal näher drauf ein. Wenn’s gleich passt vielleicht.

Aber erstmal interessiert mich, ob Ondrej Duda eigentlich mit der Rolex zufrieden ist, die er von Salomon Kalou geschenkt bekommen hat? Weiß man da was? Und wie lange will Kalou eigentlich noch spielen? Von mir aus lange, so ist es nicht. Schade, dass Fabian Lustenberger aufhört. Und irgendwie auch nicht. Ich kann mich noch nicht entscheiden. Ist Florian Baak dann sein Nachfolger? Das sind so die Fragen. Wobei, es gibt noch mehr, aber wir haben ja nicht ewig Zeit.

Hälfte ist schon rum

Was mich allerdings wirklich mal interessieren würde: Wann macht endlich mal einer eine Home-Story mit den Dardais? Ich will endlich Pals Ehefrau kennenlernen! “BILD sprach mit Frau Dardai!” Sorry, ich schweife ab. Wir reden hier schließlich übers Sportliche. Sollte ich zumindest. Dafür schreibe ich diese Zeilen, dafür ist die Kolumne gedacht. Aber die Hälfte des Textes ist gleich schon rum und wenn ich ganz ehrlich zu uns bin, dann ist bis hierhin noch nicht eine substanzielle Zeile erschienen. Sad!

Foto: Thomas Starke/Bongarts/Getty Images

Aber gut, abhaken, die zweite des Hälfte des Textes wird jetzt besser, weil die erste, sind wir nochmal ehrlich, war gar nichts. Obwohl ich natürlich wusste, dass ich sie schreiben muss, hab ich sie so ein bisschen verschlafen. Egal, ich bin nun wach. Jetzt gilts. Und los:

Macht ihr euch manchmal Gedanken darüber, was passiert, wenn Vedad Ibisevic aufhört? Diese Frage treibt mich schon seit längerem um, denn obwohl Davie Selke gezeigt hat, dass er den Bosnier für ein paar Wochen oder sogar Monate ersetzen kann, hat er noch nicht beweisen können, dass er das auch mal über ein Jahr schaffen kann. Selke ist eine Maschine, wenn er fit ist. Aber wer garantiert, dass er das mal länger als sechs Monate ist? Und kann er die Torquote von Ibisevic erreichen? Ist er kaltschnäuzig genug? Und was, wenn nicht?

Angst ist historisch gewachsen

Foto: FRANCISCO LEONG/AFP/Getty Images

Meine Angst, dass Hertha plötzlich ohne echten Knipser dastehen könnte, ist historisch gewachsen. Mit Michael Preetz stieg Hertha auf, danach traf jahrelang Marcelinho nach Belieben, dann Pantelic und später sogar zusätzlich Voronin, doch als diese Weltklasse-Leute nicht mehr da waren und die Last des Toreschießens auf einem gewissen Adrian Ramos lag, da ging es so unfassbar bergab, dass ich eine Korrelation erfühle, die die Wahrscheinlichkeit abzusteigen mit dem Vorhandensein eines echten Torjägers verbindet.

Hat Nürnberg dieses Jahr einen bundesligareifen Torjäger? Wie sieht es in Hannover aus? Und warum ist der 1. FC Köln vergangene Saison abgestiegen? Wieso der HSV? Die Antwort auf diese Frage ist natürlich nicht nur in einem fehlenden Knipser zu finden. Andererseits: Wirklich nicht? Ich hoffe sehr, dass Michael Preetz diese neuralgische Position in der Kaderplanung bewusst ist und bereits mögliche Alternativen parat hat, die besser sind, als die dritte Verpflichtung von Artur Wichniarek (guter Typ übrigens).

Wer wird Ibisevic-Nachfolger?

So, guter Zwischenteil. Aber jetzt wäre es Zeit für eine noch bessere Schlusspointe. Der Ibisevic-Teil hat hoffentlich zum Nachdenken angeregt. Aber die Leute sollen ja mit einem guten Gefühl aus dem Text herausgehen. Andererseits: Reicht auch, oder? Man muss ja nicht immer gleich alles rausholen. Manchmal reichen auch Ansätze. Vielleicht ist das mit diesem Text auch so. Die Leute sind sicher schon zufrieden. Da ist ja auch die Sache mit der Fallhöhe.

Oder soll ich jetzt doch noch raushauen, wer der neue Ibisevic wird? Ich habe da ein ziemlich spannendes Gerücht gehört. Die Quelle hatte bei den letzten drei Hertha-Transfers recht. Also eigentlich könnte ich das hier problemlos schreiben. Wir sind ja unter uns!

Andererseits – nee, ich lass es. Ihr kommt auch so klar. Beim nächsten Mal vielleicht. Oder eventuell auch nicht.

[Eine Kolumne von Daniel Otto]

Hertha BSC 2019: Erwarte das Unerwartbare – aber nie zuviel

Hertha BSC 2019: Erwarte das Unerwartbare – aber nie zuviel

Es war so ein typischer Move von Pal Dardai. Der ungarische Trainer von Hertha BSC, der “Männerfußball” dem normalen vorzieht und zu Hause gerne mal ein ganzes Schwein isst, verbot seinem Team nach 120 Minuten Leidensfußball im DFB-Pokal gegen die Bayern einfach mal das Jammern.

Der Jammer-Impuls war groß

Zum Mäuse melken: Rune Jarstein nach dem 2:3 gegen die Bayern. (TOBIAS SCHWARZ/AFP/Getty Images)

Vielleicht hatte er seinen mittlerweile nur noch selten genutzten Twitter-Account (letzter Tweet am Tag nach Heiligabend) am Abend vor dem Einschlafen dafür verwendet, mal in die blau-weiße Fanseele reinzuhören. Denn auch wenn es die Presseabteilung von Hertha BSC nach dem 2:3 gegen den Rekordmeister versucht hatte, anders darzustellen: Das Pokal-Aus wirkte aufgrund der Art und Weise, dass Hertha 117 Minuten nur hinterhergelaufen war, wie eine vertane Chance. Verbunden mit dem 0:1 gegen Wolfsburg ein paar Tage zuvor, war der Impuls zu Jammern, zumindest bei mir, wieder mal sehr groß.

Und während ich mir noch vorstellte, wie Valentino Lazaro sich nach gefühlten 400 Hüftwacklern und danach gelungenen Flanken von Kingsley Coman und später Franck Ribery in die Fötusstellung begibt und von Dardai einen Tag später unsanft in den Schnee geschmissen wird, da schwang sich die Mannschaft – ohne den gesperrten Lazaro, dafür mit einem aus dem Hut gezauberten Lukas Klünter – zu einem Auftritt auf, den ich ihr nicht mal in einer perfekten Parallelwelt zugetraut hatte. 3:0 in Gladbach?! Keinen Cent, nicht mal einen am Straßenrand liegenden Kiefernzapfen hätte ich darauf gesetzt. Ich hatte nach dem anstrengenden Pokalabend vielmehr das genaue Gegenteil erwartet.

Meilenweit drunter her

Aber ich schrieb es ja am Anfang der Saison: Die Sache mit den Erwartungen ist bei Hertha so eine Sache. Dieser Verein hat in den letzten zehn Jahren eine Kunst daraus entwickelt, Erwartungen, sobald sie auch nur über ein „Dit wird eh nix“ hinausgehen, meilenweit zu unterlaufen. Immer wenn man glaubt, jetzt sind sie stabil und sollten am Wochenende eigentlich gewinnen, verlieren sie 1:2 in Stuttgart oder 1:4 in Düsseldorf. Entspannt zurücklehnen? Das geht für Hertha-Fans nur noch außerhalb der Saison.

Aber dann gibt es auch wieder solche wie Spiele wie am Wochenende in Gladbach oder wie vor ein paar Monaten zu Hause gegen die Bayern. Spiele, vor denen du nicht mal Gegenwehr erwartest, weil Hertha nüchtern betrachtet gegen solche Gegner – entweder wegen ihrer individuellen Qualität oder wegen ihres Laufs – eigentlich keine Chance hat. Spiele, vor denen du dir genau überlegst, ob du sie dir überhaupt anschaust, weil Quälen lassen kannst du dich ja auch beim Zahnarzt.

Herrlich – und deprimierend

Gemeinsam erfolgreich: Hertha nach dem 3:0 in Gladbach(Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Und dann gewinnen sie nicht nur, nein, sie sind taktisch besser, sie lassen defensiv bis auf eine Aktion gar nichts zu, sie schenken einem Gegner drei Tore ein, der in diesem Jahr noch gar keins kassiert hat und holen drei Punkte aus einem Stadion, in das man zehn Jahre lang eigentlich nur gefahren ist, weil es halt auf dem Spielplan stand. Sie schießen Tore, die jedes für sich wunderschön sind, eine traumhafte Einzelleistung, ein Konter, bei dem Davie Selke mal zeigen konnte, was er eigentlich alles kann und endlich auch mal wieder ein Standard, der das Spiel zumachte. Herrlich! 

Und gleichzeitig auch deprimierend. Denn solche Leistungen sind es, die dich drei Wochen später bei 5 Grad im Olympiastadion wieder verzweifeln lassen, wenn gegen Mainz gar nichts mehr funktioniert. Wenn sie wieder so spielen, als hätten sie sich monatelang nicht gesehen. Stockfehler hier, Verstolperer da. Na gut, dann verlieren wir halt …

Wie eine Affäre

Man muss diesen Verein schon sehr ins Herz geschlossen haben, um nicht an den Erwartungen zu zerbrechen. Hertha gibt sich wie diese eine Affäre, die dir an einem Abend Hoffnungen macht, dass sie wirklich eines Tages mit dir durchbrennen wird und dir an einem anderen Tag zwanzig Minuten vor dem gemeinsamen Karibik-Urlaub absagt, weil sie halt doch keine Lust hat. Völlig unzuverlässig. Eigentlich unliebbar. Und doch irgendwie geil.

Denn wenn man so will, ist Hertha auf sehr bescheidenem Niveau das, was im Fußball seit einigen Jahren alle suchen. Eine Mannschaft, bei der alles passieren kann, bei der auch manchmal alles passiert, aber sehr oft eben auch nichts. Ein sehr großer Haufen Unberechenbarkeit. Mehr kann man heutzutage nicht erwarten.

[Eine Kolumne von Daniel Otto]

Ein bisschen mehr Selke darf es sein

Ein bisschen mehr Selke darf es sein

Die deutliche 1:4-Niederlage gegen Fortuna Düsseldorf erinnerte an die schwachen Zeiten der vergangenen Rückrunde und lässt die Mentalitätsfrage an die Mannschaft von Hertha BSC zu. 

Normalerweise würde an dieser Stelle die allwöchentliche Einzelkritik stehen, doch nicht nach dem 12. Spieltag, nicht nach solch einem Offenbarungseid. Ja, das Wort “Offenbarungseid” ist ein großes, doch beschreibt es die letzten Wochen recht treffend, ohne eine massive Krise ausrufen zu wollen. Es wäre nicht zielführend und schon gar nicht unterhaltend, wenn nun die Einzelkritik zu einer erschreckenden Mannschaftsleistung in Düsseldorf folgen würde. Bei den Offensivspielern gäbe es nichts zu holen und bei den Abwehrleuten zu viel. Das Schöne an so einem Blog ist, dass man sich eben nicht an feste Formate zwingend halten muss und in besonderen Situationen einfach mal drauf los schreiben kann. Und ja, nach einem 1:4 gegen (das damalige) Tabellenschlusslicht Fortuna Düsseldorf ist einem danach.

45 ordentliche Minuten

(Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Im ersten Durchgang war die Partie gegen Fortuna Düsseldorf noch eine sehr offene. Es war durchaus zu erkennen, welchen Plan Trainer Pal Dardai und seine Mannschaft verfolgten. Hertha wollte den Ball lange im Zentrum halten, um dann die Außenbahnen mit jeweils zwei Spielern zu überladen. So entstand auch die größte Chance der ersten 45 Minuten – die Gelegenheit für Ondrej Duda, der den Ball aber nicht an Fortuna-Keeper Michael Rensing vorbeigeschoben bekam. Insgesamt fehlte es den Blau-Weißen jedoch an Genauigkeit in seinen Offensivaktionen, sodass zwar ein konstruktives Spiel zu erkennen war, aber der “vorletzte Pass”, wie Vladimir Darida nach der Begegnung analysierte, nicht sauber genug gespielt wurde. Defensiv ließ sich nichts beanstanden, die Berliner Abwehr stand gut. Ehrlicherweise muss aber auch gesagt werden, dass der Gastgeber bis dahin auch keine Herausforderung darstellte.

Dies sollte sich mit dem Platzverweis für Maxi Mittelstädt ändern. Die gelb-rote Karte nach 40 Minuten für Herthas Linksverteidiger war sicherlich eine harte, aber dennoch regelkonforme Entscheidung von Schiedsrichter Robert Hartmann. Sie sollte allerdings die gesamte Statik des Spiels maßgeblich verändern.

Die Sache mit dem Momentum

Für die zweite Halbzeit stellte Dardai seine Elf um, brachte Jordan Torunarigha für Vedad Ibisevic in die Partie, um Stabilität auf der linken Abwehrseite herzustellen. Dies scheiterte jedoch auf ganzer Linie, Hertha ging nach dem Pausentee vollständig unter. “Wir hatten in der ersten Halbzeit genug Möglichkeiten, in Führung zu gehen. Dann stellen wir uns naiv mit der Gelb-Roten Karte an. Nach den Umstellungen hat die linke Seite in der zweiten Halbzeit versagt. Das war aber auch insgesamt viel zu dünn. Wir haben immer die spielerische Lösung gesucht. Dabei sollten wir beißen, dem Gegner weh tun”, erklärte Pal Dardai nach dem Spiel.

(Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Dem Ungar und wohl auch jedem Berliner Zuschauer fehlte die vollständige Aufopferung der Mannschaft. “Hertha hatte in Düsseldorf gestern also zwei Herausforderungen – 40 Minuten lang hatte sie Zeit, sich eines Spiels zu bemächtigen, das weiter offen nicht sein konnte. Danach musste sie 45 Minuten lang in Unterzahl versuchen, sich gegen Widrigkeiten zu behaupten und vielleicht Andeutungen des Charakters einer Spitzenmannschaft zu machen. Ich weiß nicht, welches der beiden Versäumnisse gravierender ist, vermutlich aber doch zuerst einmal das erste”, schrieb Hertha-Blogger Marxelinho sehr passend zu dem Verlauf der Partie. Und nein, Charakter bewies die Truppe am Samstagnachmittag nicht.

Das Spiel gegen die Fortuna erzählte viele Geschichten, die allesamt nicht die Berliner Mannschaft als Helden vorsahen. Bereits mit der erneuten Verletzung von Abwehrchef Niklas Stark schien die Begegnung nicht zu Gunsten der “alten Dame” zu verlaufen, der spätere Platzverweis Mittelstädts und damit zwei sehr frühe notwendige Wechsel von Dardai erzählten die tragische Komödie weiter. Auch Schiedsrichter Robert Hartmann war mit seiner äußert fragwürdigen Leitung des Spiels zweifellos ein Faktor. “Der Schiedsrichter kann das von mir aus als Foul werten, wenn er dafür aber Gelb gibt, muss er in dem Spiel 25 Gelbe Karten und fünf Rote Karten verteilen”, sagte Mittelstädt wohl gezielt übertreibend nach dem Spiel und tatsächlich war keine klare Linie des Spielleiters zu erkennen. Es hätte eigentlich zig gelbe Karten für die Düsseldorfer geben müssen und auch dadurch wird ein Spiel in andere Bahnen gelenkt.

Diese ganze Aufzählung von Dingen, die gegen Hertha liefen, wie auch der Sonntagsschuss von Takashi Usami zum zeitlich denkbar ungünstigen 0:1-Rückstand, sind in jedem Fall zu nennen und dennoch dürfen sie keine Generalerklärung für das Auseinanderfallen der Hauptstädter sein.  All diese Widrigkeiten können nicht verargumentieren, warum die Spieler nicht alles aus sich herausholten und sich schlichtweg ergaben. Es ist vollkommen klar, dass das Momentum spätestens nach dem Führungstreffer Düsseldorfs auf Seiten des Aufsteigers lag. Es war förmlich zu spüren, wie das Eindringen des Balls in die Berliner Tormaschen ein Brustlöser für das gesamte Stadion war und den Aufsteiger aus einer tiefen Lethargie herauspulte. Auf einmal schien alles zu funktionieren – aber Hertha ließ es auch funktionieren.

Selke macht’s vor

Es war abenteuerlich, wie Herthas Innenverteidigung (insbesondere Luckassen und Torunarigha) Düsseldorf bei allen Toren einfach gewähren ließen. Das Berliner Mittelfeld war an diesem Tag durchlässiger als Herthas Einbindung von Eigengewächsen und so war es der besagte Offenbarungseid. Es ist nämlich ein immer wiederkehrendes Charakteristikum dieser Mannschaft, sich großen Widerständen gegenüber zu ergeben, anstatt gegen sie anzukämpfen. Das erlebte man vor allem in der leblosen Rückrunde der vergangenen Spielzeit und auch im letzten Heimspiel gegen RB Leipzig, das mit dem Treffer zum 0:2 beendet war. Kein Aufbäumen, keine “jetzt erst recht”-Attitüde lässt sich erkennen.

(Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

Einer der vormacht, wie es geht, ist Davie Selke. Zwar befindet sich der Mittelstürmer in keiner berauschenden Form, vieles will ihm nicht gelingen, doch eines kann man ihm nicht absprechen: er gibt sich nie zufrieden – mit keinem Zweikampf, keiner Torchance, keinem Ergebnis. Der 23-Jährige hat exakt die Einstellung, die vielen seiner Mannschaftkameraden abgeht, weil er Dinge auf dem Feld nicht einfach akzeptiert. Dadurch wirkt er oftmals unbeholfen und übermotiviert, aber eben auch gallig, erfolgsversessen und nimmersatt. Sein Treffer zum 1:3 in Düsseldorf steht beispielhaft für seinen unbedingten Willen. Er ließ sich in seinem langen Sprint zum Tor einfach nicht vom Ball trennen, biss sich leidenschaftlich in den Zweikampf und hatte den Ehrgeiz, seine Aktion mit einem Tor zu krönen. Genau diese Attitüde fehlte den meisten Herthanern an nicht nur diesem Tag. Auch in bei den beiden Unentschieden gegen Mainz 05 und den SC Freiburg war eine gewisse und grundlose Genügsamkeit zu spüren.

Auf den Hinweis von sky, dass Hertha gegen Düsseldorf sein erstes Jokertor in der laufenden Bundesliga-Saison erzielt hatte, erwiderte Selke nur: “Das ist uns heute so dermaßen egal” und genau dieser Satz porträtiert, wie die Einstellung der Mannschaft eigentlich aussehen sollte. So war es sicherlich nicht klug, als sich Valentino Lazaro in der 82. Minute beinahe zu einem Platzverweis aufregte, doch auch der Österreicher ließ erkennen, dass er brennt und sein Schicksal nicht einfach hinnimmt. Ein Zeichen, welches man sich auch von vielen anderen Spielern an diesem Tag gewünscht hätte. Stattdessen sah man zahlreiche hängende Köpfe, halbgare Zweikämpfe und viel Herumgetrabe. Es ist sehr kritisch, wenn sich seine Mannschaft, die zuvor Schalke, Mönchengladbach und Bayern München schlug, nach einem 0:1-Rückstand gegen den Tabellenletzten aufgibt.

Ist denn schon wieder Rückrunde?

Fünf Spiele ohne Sieg und zuletzt zwei Niederlagen mit einem Torverhältnis von insgesamt 1:7 zeichnen ein düsteres Bild von einer Mannschaft, die zuvor als einer großen Überraschungen der Saison galt und seine Fans mit attraktiven, wie erfolgreichen Fußball verwöhnte. “Fünf Spiele am Stück, und keines davon gewonnen – das ist nicht zu erklären”, ärgerte sich Karim Rekik nach der Niederlage am Niederrhein. Diese Serie lässt sich aber eben, wenn vielleicht auch nur teilweise, mit der gesamten Einstellung der Mannschaft erklären.

Seit dem ersten Spiel nach dem euphorisierenden 2:0 über den FC Bayern München fühlt sich die Saison bereits stark nach einer üblichen Rückrunde Herthas an, in der man sich alles einreißt, was man sich vorher aufgebaut hatte. Mit der Kaderqualität ist dieses Phänomen nicht zu erklären, denn bereits vergangene Saison hatte man genug davon im Kader und mittlerweile ist noch mehr hinzugekommen. Es kann auch nicht an dem Fehlen von einem einzigen Spieler, Marko Grujic, abhängig gemacht werden – diese Erklärung ist zu dünn, denn Hertha besitzt auch ohne ihn genug Akteure, die ein Spiel lenken und entscheiden können. Nein, in der Analyse bleibt man immer an dem Aspekt der Einstellung hängen. Damit soll nicht gesagt sein, Herthas Spieler hätten keinen Charakter, mitnichten. Es fehlt der Mannschaft aber schlichtweg das Gen, sich gegen Widrigkeiten zu stemmen und den Bock einfach mal umzustoßen. Zu selten nimmt man das Schicksal in die eigene Hand.

Schaffen Trainer und Mannschaft es nicht, endlich eine neue innere Kultur von stetigem Hunger auf mehr zu etablieren, wird es erneut eine trostlose Saison, die von ein paar Highlights gelebt haben wird, aber auch von sehr viel Ernüchterung und “Was wäre wenn”-Momenten. “Die Mannschaft aus diesem Loch, körperlich oder mental, herauszuführen, das ist das Wichtigste”, so Dardai. Das kommende Heimspiel gegen Hoffenheim und die darauffolgende Partie in Hannover werden zeigen, wie gut die Länderspielpause zur Aufarbeitung genutzt wurde und was für eine Saison Hertha BSC spielen will.