Kaderanalyse 2019/2020 – Herthas Flügelstürmer

Kaderanalyse 2019/2020 – Herthas Flügelstürmer

Eine turbulente Spielzeit hat am 27. Juni ihr Ende gefunden. Zwar hat COVID-19 alle Bundesliga-Team gleichermaßen getroffen, vor der Pandemie hat Hertha BSC das Rennen als von Krisen gebeutelster Verein aber zweifellos gemacht. Selten ist es in der vergangenen Saison um Sportliches gegangen, doch genau diesem Thema wollen wir uns mit dieser Artikelserie widmen: In unserer Kaderanalyse wollen wir die einzelnen Positionen genauer unter die Lupe nehmen und die Frage beantworten, ob Hertha dort nach Verstärkungen für die kommende Saison suchen sollte. In diesem Teil wird die Position der Außenstürmer näher beleuchtet.

Lukebakio und die Veränderung des Stellenprofils

Er war der Spieler, dessen Transfer im Sommer an der Spree für das größte Erstaunen sorgte. Mit der Verpflichtung von Dodi Lukebakio landete Michael Preetz zum wiederholten Male einen echten Coup. Wie schon bei Mitchell Weiser, Valentino Lazaro und Niklas Stark – um nur einige zu nennen – schaffte es „Der Lange“ erneut, einen jungen Spieler mit hohem Entwicklungspotenzial in die Hauptstadt zu lotsen. Ein typischer Preetz-Transfer also? Nicht ganz. Denn die Ablösesumme von rund 20 Millionen Euro war ein Wert, an den man zu diesem Zeitpunkt im blau-weißen Umfeld noch nicht gewohnt war. Dass der Preis nach Lukebakios erster Bundesligasaison in Düsseldorf, in der er 14 Torbeteiligungen in 31 Spielen verzeichnete, seine Berechtigung hatte, daran gab es kaum Zweifel. Dass Hertha jedoch bereit ist, derartige Summen zu zahlen – das war neu. Doch Hertha war im zurückliegenden Transfersommer zweifelsohne zum Handeln gezwungen. Nachdem Valentino Lazaro den Klub gen Mailand verlassen hatte, war klar, dass es zwingend offensive Qualität für die rechte Seite brauchen würde. Auch, weil Mathew Leckie, der diese Position mehr oder weniger im Wechsel mit Lazaro bekleidete, zum einen in der Vorsaison primär durch Verletzungen auffiel und zum anderen auch bei vollständiger Gesundheit weit von der Form zu Beginn seiner Berlin-Zeit entfernt war. Da man sich entschied, auf der Rechtsverteidiger-Position nicht nachzurüsten und stattdessen auf Klünter und Pekarik zu vertrauen, war klar, dass es von nun an ein klar offensiv denkender Mann für den Flügel richten muss, der die fehlende Kreativität und Torgefahr seiner Hinterleute ausgleicht. Dementsprechend groß waren die Erwartungen an den – zu diesem Zeitpunkt – Rekordtransfer.

Lukebakios Treffer zum 2:0 im Derby gegen Union. (Photo by STUART FRANKLIN/POOL/AFP via Getty Images)

Der Start sollte dann jedoch, analog zu dem des Vereins, etwas holprig verlaufen. War er am ersten Spieltag mit dem Tor in München, das Hertha zum Remis verhalf, noch obenauf, ging es danach ebenso rasant bergab. Die folgenden drei Spiele, die Hertha allesamt verlor, sah auch Lukebakio alles andere als gut aus. Immer wieder schlichen sich Schwächen in der Ballbehandlung sowie der Chancenverwertung ein, sodass Trainer Ante Covic seinen Königstransfer am fünften Spieltag erstmals auf die Bank beorderte. Nachdem Hertha gegen Paderborn den ersten Saisonsieg einfuhr, sollte sich Lukebakio auch bei den kommenden beiden Siegen gegen Köln und Düsseldorf sowie dem Remis in Bremen nicht in der Startelf wiederfinden.

Statt Stunk zu machen, bewies der Belgier jedoch Moral und empfahl sich über vielversprechende Kurzeinsätze, in denen er in allen drei Spielen jeweils an einem Treffer beteiligt war, wieder für die Startelf, aus der er seitdem auch nicht mehr wegzudenken ist. Sieben Treffer und ebenso viele Vorlagen können sich, insbesondere angesichts der durchwachsenen Saison von Hertha, durchaus sehen lassen. Dennoch ist es keineswegs so, als wäre der Offensivmann frei von Kritik. Zum Saisonendspurt hin wurde er von Labbadia nach schwacher Vorstellung in Dortmund öffentlich für seine Leistung kritisiert und trotz Herthas zu dem Zeitpunkt dünner Personaldecke im Spiel darauf auf die Bank gesetzt. Insbesondere die fehlende Bereitschaft zur Defensivarbeit und seine vermehrt lustlose Körpersprache standen in der Kritik. Doch auch aus diesem Zwischentief konnte sich Lukebakio befreien – erzielte zunächst ein Traumtor gegen Freiburg, das jedoch aberkannt wurde und war beim Überraschungssieg gegen Leverkusen – dann auch regulär – an beiden Treffern direkt beteiligt.

Fazit: Bei all der (berechtigten) Kritik, die sich Lukebakio in seinen beiden Schwächephasen anhören musste, sollte nicht vergessen werden, dass es hierbei um einen 22-jährigen geht, der noch weit entfernt von seinem Leistungszenit ist und aller Widerstände zum Trotz 14 Scorerpunkte vorweisen kann. Wenn Labbadia es schafft, Lukebakios klar benennbare Defizite zu beheben, dann kann Hertha in den kommenden Jahren noch viel Freunde an ihm haben.

Das Juwel im Entwicklungsstopp

Zahlen, wie sie Lukebakio vorweisen kann, hätte man sich in der abgelaufenen Saison auch von Javairo Dilrosun erhofft. Der bis zur Verpflichtung von Matheus Cunha wohl talentierteste und technisch versierteste Spieler im Berliner Kader, bringt in seinen Anlagen alles mit, das es braucht, um eine wichtige Rolle in Herthas ambitionierten Zukunftsplänen zu spielen. Zu Beginn der Saison sah es so aus, als könnte er diesen Erwartungen bereits jetzt schon gerecht werden. Nachdem er den Saisonauftakt verletzungsbedingt verpasste, zählte er ab dem fünften Spieltag zum Stammpersonal und war maßgeblich dafür verantwortlich, dass Hertha zwischenzeitlich zehn Zähler aus vier Partien einheimsen konnte. Vier Torbeteiligungen sammelte er in diesen Partien. Die drei Tore, die er dabei selbst schoss, waren allesamt solche für die Galerie. In dieser Phase war allein Dilrosuns Spielfreude das Eintrittsgeld wert.

Ließ sein Können leider viel zu selten aufblitzen: Javairo Dilrosun by Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Doch leider waren mit dem abrupten Ende des zwischenzeitlichen Aufschwungs Herthas auch die Jubel-Wochen von Dilrosun vorbei. Zwar gehörte er unter allen drei Trainern bis zu Labbadia zum Stammpersonal, allein seine Leistungen rechtfertigten das Vertrauen nicht mehr. Vom siebten bis zum 28. Spieltag gelang dem Niederländer keine einzige Torbeteiligung mehr. Regelmäßig tauchte er komplette 90 Minuten ab. Zweifelsohne kann man die Schuld nicht allein ihm zuschreiben. Auch der fußballverneinende Stil von Klinsmann/Nouri tat sein Übriges. Dennoch darf und muss man von einem Spieler dieser Güteklasse mehr erwarten. Es passt zur Saison Dilrosuns, dass dieser sich, gerade, als Labbadia begann, auf ihn zu setzen und er sich gegen Augsburg mit einem – natürlich – sehenswerten Treffer für das Vertrauen revanchierte, erneut eine Verletzung zuzog und für den Rest der Saison ausfiel.

Fazit: Die nächste Saison könnte der Wegweiser sein, in welche Richtung sich Dilrosuns Karriere entwickelt. Bleibt er im Status des Talents hängen, das hin und wieder seine außergewöhnliche Klasse aufblitzen lässt, oder gelingt es ihm, Konstanz in seine Leistungen zu bringen? Viel wird auch davon abhängen, inwieweit er dabei von Verletzungen verschont bleibt. Ein anderer Faktor ist, welche Position Labbadia für den Flügelflitzer vorsieht. Denn auf Dilrosuns Stammposition – dem linken Flügel – fühlt sich neuerdings noch ein anderer Spieler recht wohl.

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Matheus Cunha – ein Spieler für die besonderen Momente (Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Hacunha Matata

Wo soll man da nur anfangen? All den Ärger, den man mit Hertha in den letzten Jahren, ach, Jahrzehnten hatte; all die verpassten Chancen auf das europäische Geschäft; all die Stresspickel, die hervortreten, wenn man an Jens Lehmann und Jürgen Klinsmann denkt – all das rät für ein paar Minuten in Vergessenheit, wenn man diesen Spieler auf dem Feld bewundern darf. Was Matheus Cunha seit seiner Ankunft aus Leipzig im Winter auf den Rasen zaubert, erinnert phasenweise tatsächlich an den großen Marcelinho.

In gerade einmal elf Partien brillierte sich der Brasilianer ins Herz aller blau-weißen Anhänger. Seine Torgefahr, seine Kreativität, seine Technik, seine Abschlussstärke – eigentlich kann man sich Spiel um Spiel nur verwundert die Augen reiben und fragen, wie sich ein Spieler dieser Qualität nach Berlin verirren konnte. Natürlich kann, wenn die rosa-rote Brille abgesetzt wird, auch hier an der einen oder anderen Stelle noch Luft nach oben erkannt werden. So darf sich Cunha hin und wieder auch gern mal etwas früher vom Ball trennen und sich des eigenen Spielwitzes etwas weniger bewusst sein. Andererseits: Wenn das Resultat dessen solche Tore, wie das gegen Hoffenheim sind, wer möchte ihm dann derartige Aktionen verbieten? In diesem Sinne: Einfach genießen, solange er noch nicht gemerkt hat, dass er eigentlich für Höheres bestimmt ist.

Fazit: Über den Sommer in Watte einpacken und beten, dass er fit bleibt.

Der unwürdige Abgang eines Superstars

Während man bei Cunha aus dem Schwärmen kaum herauskommt, verlief die Saison von Salomon Kalou gänzlich anders. Dabei wurde schon früh deutlich, dass es wohl nicht sein Jahr werden würde. Neu-Coach Ante Covic ließ Kalou lediglich bei der Niederlage gegen Wolfsburg von Beginn an spielen. Unter Klinsmann/Nouri wurde die Bilanz gar noch düsterer. Nur ein Kurzeinsatz über zwölf Minuten am 13. Spieltag gegen den BVB sollte hinzukommen. Dies waren gleichzeitig seine letzten Minuten im blau-weißen Trikot. In das Wintertrainingslager unter Jürgen Klinsmann durfte er nicht mehr mitfahren, ein frühzeitiger Abgang stand im Raum.

Gerade in den großen Spielen trumpfte Kalou immer wieder auf. (Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images)

Wie es dann letzten Endes zum finalen Aus bei Hertha kam, wurde hinlänglich durch jedes Medium getrieben und soll an dieser Stelle nicht wiederholt werden. Die Umstände des Ganzen werfen aber doch ein paar Fragen auf. Dass Kalou für seine Aktion bestraft gehört, ist wohl unstrittig. Ob es aber angemessen war, ihn allein für die Verfehlungen eines ganzen Vereins, oder besser gesagt einer ganzen Branche, verantwortlich zu machen, darf zumindest in Frage gestellt werden. So muss sich Hertha, mal wieder, den Vorwurf gefallen lassen, einen verdienten Spieler nicht den ihm zustehenden Abschied bereitet zu haben. Immerhin muss man sich an der Stelle nochmal in Erinnerung rufen, dass hier von einem Spieler die Rede ist, der in 151 Spielen 65 Torbeteiligungen für Hertha sammelte und maßgenblich daran beteiligt war, aus der einstigen Fahrstuhlmannschaft einen Europa League-Teilnehmer zu machen. Doch nicht nur sportlich war auf den Ivorer Verlass.

Auch für die Kabine war „Sala“ ein enorm wichtiger Spieler, der stets für gute Laune sorgte und für Späße zu haben war. Der letzte „Spaß“ war nun zu viel des Guten. Es würde seiner Karriere aber nicht gerecht werden, wenn man ihn dadurch in Erinnerung behielte. Stattdessen sollte man sich lieber an seine Tore in den großen Spielen gegen Bayern und Dortmund erinnern, seinen Dreierpack zu Hause gegen Gladbach, seinen Hattrick in Hannover mit eingewickeltem Kopf. Und natürlich an dieses unvergessliche Grinsen, das jeden ansteckt.

Fazit: Danke, Sala!

Zeit für neue Aufgaben

Dass sich Hertha derzeit im Umbruch befindet, das zeigen die Transfers eindeutig. Verpflichtungen wie die von Piatek und Cunha wären noch vor einem Jahr ins Reich der Fabeln verwiesen worden. Mit den neuen Ansprüchen – ganz gleich, wie man diese empfindet – muss es zwangsläufig auch zu Abgängen kommen. Die Trainersöhne Palko Dardai und Maurice Covic werden unter Labbadia wohl keine Rolle spielen. Selbiges gilt für Mathew Leckie. Der Australier, der vor drei Jahren an die Spree wechselte und einen beeindruckenden Start hinlegte, konnte seither, teils wegen Verletzungen, teils aufgrund endlos scheinender Länderspielreisen, nicht mehr an seinen Beginn anknüpfen. Vor einigen Monaten gab er öffentlich zu Protokoll, im Sommer einen neuen Verein suchen zu wollen. Angesichts der Konkurrenz auf seiner Position und seinen sehr überschaubaren Spielminuten ein absolut nachvollziehbarer und konsequenter Schritt.

Empfehlung: Ein weiterer Allrounder muss her

Wenn man die aktuellsten Gerüchte um Cunha mal als solche verbucht und darauf vertraut, dass Herthas neue Liquidität auch dazu führt, größere Summen ablehnen zu können, hat man in dem Brasilianer sowie Lukebakio wohl die feste Flügelzange für die anstehende Saison. Dahinter hat man in Javairo Dirosun allerdings aktuell nur einen Spieler, der ein würdiger Vertreter sein kann und das auch nur, wenn er fit und in Form ist – beides hatte in seinen nun zwei Jahren in der Hauptstadt Seltenheitswert. Ein Spieler mit Offensivdrang, der im Idealfall beide Seiten bespielen kann und speziell Lukebakio unter (Leistungs-)Druck setzt, sollte in diesem Sommer auf Michael Preetz’ Einkaufsliste stehen.

Titelbild: STUART FRANKLIN/POOL/AFP via Getty Images

Weeste noch? Als Salomon Kalou mit einem blau-weißen Turban in Hannover dreimal traf

Weeste noch? Als Salomon Kalou mit einem blau-weißen Turban in Hannover dreimal traf

Auswärtsspiele in Hannover waren für mich drei Jahre lang keine. Das Studium brachte mich zwischenzeitlich aus Berlin-Moabit nach Hannover-List und bevor ihr mit der Hauptstadt-Arroganz, die auch mir noch beim Umzug anhaftete, in die Tasten haut: Hannover ist eine geile Stadt. Viele urige Kneipen, im Stadtteil Linden die größte Späti-Dichte Deutschlands, dazu ein ganz schickes Stadion.

Am 6. November 2015 bekam ich Besuch aus Berlin von einem meiner besten Freunde seit Kindertagen, mit dem ich, sofern nicht die Arbeit ruft, alle Heimspiele gemeinsam in der Ostkurve besuche. Ein Freitagstermin, Hertha bei 96, ach, du schöne, graue Bundesliga. Aber sei’s drum. Mit einem Auswärtssieg winkt der Sprung in die Champions-League-Ränge und das lokale Herrenhäuser Pils schmeckt eh und spült die Zweifel ob der 1:4-Heimniederlage gegen Borussia Mönchengladbach am Vorspieltag runter, super Bedingungen also.

Ziemlich Hannover gegen Hertha

Wir kommen vor den Toren des Auswärtsblocks an und die Stimmung ist typisch Freitagsspiel. Anstoßtermin 20:30, ergo: Mehr Zeit zum Vorglühen. Ergo: Alles nochmal einen Zacken kerniger. „Wir sind alle Friedenauer Jungs“, grölen sich vier Herthaner gegenseitig ins Gesicht, die vor geschätzten 40 Jahren letztmals Jungs waren aber es beim Fußball halt doch noch sind. Wenig später treffen wir zwei Endzwanziger im allerbesten Modus. Die Augen angerötet, die Stimme geölt. Sie schenken uns zwei kleine Jägermeister, wir nehmen dankend an. Spannend und fraglich zugleich, dass das Gefühl von Heimweh in solchen Moment besonders reinkickt.

Aber weiter, rein ins Stadion. Wir stehen im Oberrang recht weit unten, das Spiel geht los. Schon beim Anpfiff auffälligster Mann: Salomon Kalou, der mit einem blau-weißen Verband auf dem Kopf spielt, nachdem er sich gegen Gladbach eine dicke Platzwunde zuzog. Pal Dardai bezeichnete ihn später als „Badekappe“. Das Spiel ist zu Beginn ziemlich Hannover gegen Hertha. Es folgt Liveticker-Poesie vom Kicker aus der neunten Minute: „Bech macht Druck auf Plattenhardt, der Außenverteidiger lässt sich aber nicht verunsichern. Es folgt der ruhige Rückpass zu Torwart Jarstein.“ Der Auswärtsblock singt seine Lieder.

Drei Tore, zwei Fläschchen

Foto: Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Hertha ist in der Folge nicht wirklich gut, aber besser, und dann schlägt Sala erstmals zu. Genki Haraguchi (es sei nochmal daran erinnert, dass Michael Preetz es fertiggebracht hat, diesen Mann nach vier durchwachsenen Jahren mit einem Transferplus von vier Millionen Euro an 96 zu verkaufen) bedient Kalou, der flach ins linke Eck einschiebt. Es ist ein typisches Kalou-Tor: Ansatzlos und gekonnt. Dann ist Halbzeit. Die Jägermeister-Jungs erblicken uns aus dem Unterrang und werfen uns aus Freude am Leben zwei weitere kleine Fläschchen nach oben, wir greifen sicher zu. Der Stadionverweis bleibt glücklicherweise aus.

Hannover startet besser in die zweite Halbzeit und dann kontert Hertha. Über Lustenberger, Weiser und Darida landet der Ball bei Kalou, der rennt und rennt und das Eins-gegen-Eins gegen Zieler ganz sicher für sich entscheidet.

Das Spiel ist damit eigentlich im Sack. Hiroshi Kiyotake verkürzt zwar per Elfmeter, aber kurz vor Schluss wird auch Hertha ein Strafstoß zugesprochen. Kalou tritt an und trifft wie Kalou eben oft trifft: Ansatzlos und gekonnt. Drei Schüsse, drei Tore, das siebte Saisontor nach dem 12. Spieltag. Kalou auf dem Peak.

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Nach der Partie spielt sich eine dieser Szenen ab, anhand derer die Anhänger anderer, manche würden sagen „kultiger“, Vereine so oft gelobt und romantisiert werden, die bei der Betrachtung von Hertha aber nicht selten einfach hintenüberfallen. „Wir spielen im Europacup, Power von der Spree!“ singt ein euphorisierter Auswärtsblock noch 50 Minuten nach Abpfiff ins leere Stadion, bis die Mannschaft in Trainingsanzügen aus den Katakomben zurück vor den Mob schlufrt. „Olé, Salomon Kalou!“ und Sala setzt, sich vor der Szenerie selbst filmend, sein breitestes Lächeln auf.

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Kalou, die Legende

Sollte es das nach dieser Saison mit Hertha BSC und Salomon Kalou gewesen sein, zählt dieses Spiel zu den besten, die der Mann in bald sechs Jahren für Blau-Weiß gemacht hat. Mit den Vereinsfarben auf dem Kopf einen Hattrick zu erzielen, immer im richtigen Moment zu treffen, das Spiel oftmals nur passiv beobachten, um sich den perfekten Moment zur bestmöglichen Interaktion mit dem Ball rauszusuchen – so oft in der Ostkurve oder in den Auswärtsblocks des Landes nach einem misslungenen Dribbling auch auf Salomon Kalou geflucht sein mochte, so genial war dieser Typ in vielen Spielen einfach auch.

Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images

53 Tore in 173 Spielen erzielte Kalou bislang für Hertha. Wenige der Marke Traumtor, umso mehr durch die pure Erfahrung und Abgezocktheit. Von den Qualitäten, die der Mann als mannschaftsinternes Bindeglied mitgebracht hat, ganz zu schweigen. Salamon Kalou kam als Champions-League-Sieger und einstiger Stammspieler beim FC Chelsea. Er wird als Vereinsikone und treuer Herthaner gehen.

Mal ehrlich: Nur wenige Transfers von vermeintlichen Stars, die ihren Zenit eventuell schon überschritten haben, nehmen so ein gutes Ende. Olé, Salomon Kalou![Titelbild: Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images]

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – TSG 1899 Hoffenheim

Herthaner im Fokus: Hertha BSC – TSG 1899 Hoffenheim

Es war eine sehr unglückliche Niederlage von Hertha BSC gegen die TSG Hoffenheim, und doch kann man die verlorenen Punkte nicht einfach mit Pech erklären. Aluminumtreffer und ungünstige Schiedsrichter-Entscheidungen sind nur ein Aspekt des 2:3. Auch die defensiven Fehler und phasenweise schwache Einzelleistungen sorgten dafür, dass man sich nicht belohnen konnte. Und das obwohl es phasenweise ein gutes Fußballspiel der Blau-weißen war und Ante Covic wieder ein gutes Händchen bewies.

In unserer Einzelkritik zum spektakulären Heimspiel haben wir uns wieder Spieler genauer angeschaut, die uns sowohl negativ als auch positiv besonders aufgefallen sind.

Marko Grujic – noch ein langer Weg bis nach Liverpool

Hoch waren die Erwartungen an Marko Grujic, als er im Sommer noch einmal vom FC Liverpool ausgeliehen wurde. Bisher tut sich der Serbe allerdings schwer, diese Vorschusslorbeeren gerecht zu werden. Auch allein im Mittelfeld konnten Vladimir Darida oder Per Skjelbred bis heute mehr auf sich aufmerksam machen. Dabei konnte er in den ersten Spieltagen bereits zwei Mal treffen. Dass der 23-Jährige große Fähigkeiten hat, weiß in Berlin jeder. Am Samstag gegen TSG Hoffenheim allerdings zeigte er seine bisher wohl schwächste Leistung in dieser Spielzeit.

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Und das obwohl er noch vor zwei Wochen den Wunsch äußerte, endlich beim FC Liverpool spielen zu dürfen. Viele Vorstellungen wie am Samstag sollte es dafür nicht geben, denn was in der Bundesliga nicht ausreicht, wird erst recht nicht in der Mannschaft von Jürgen Klopp zu Einsatzzeiten führen. Inbesondere bei seinen Defensivaufgaben war Grujic erneut nicht auf der Höhe.

Die zugegeben sehr starke zentrale der Gäste konnte im Olympiastadion zu oft ungestört agieren und Konter durch das Zentrum konnten frei ausgespielt werden. Grujic ließ seine Gegenspieler mehrmals sträflich frei im Mittelfeld größere Distanzen laufen. Diese konnten dann vor dem Berliner Strafraum angespielt werden und abschließen. So entstanden größere Chancen (z.B. 29. und 30. Minute) und auch das erste Gegentor zum 0:1. Gefühlt den halben Platz konnte Florian Grillitsch ungestört entlangsprinten, um dann auf Jürgen Locadia zu spielen, der die Führung erzielte – Grujic fungierte hier nur als Begleitschutz.

In dieser sowie in einigen anderen Aktionen stand Grujic zu weit weg vom Gegenspieler, was sich auf einem so hohen Niveau wie in der Bundesliga rächt. Da wo ein anderer Spieler sicherlich ein taktisches Foul gezogen oder im Vollsprint die Anspielstation behindert hätte, lief die Leihgabe teilweise nur hinterher. Dabei hätte er seine schwache Leistung kurz vor der Halbzeit noch retten können. Sein Schuss nach guter Vorarbeit von Dodi Lukebakio landete jedoch nur an den Pfosten.

Die Körpersprache, die Präzision und das Stellungsspiel – all diese Aspekte stimmten bei Grujic in der gestrigen Partie überhaupt nicht. Das spiegelt auch seine Zweikampfquote wieder (nur 33% gewonnene Zweikämpfe). Cheftrainer Covic reagierte beim 0:2-Rückstand in der Pause und wechselte Ondrej Duda ein. Angesichts der Leistung des Liverpool-Leihspielers ist es kein Wunder, dass Grujic weichen musste. Zu der Auswechslung sagte Ante Covic: “Ich war der Meinung, dass wir auf der Position etwas ändern mussten. Wir haben zur Pause auch im Grundsatz das System verändert, weil wir im letzten Drittel mehr Zugriff benötigt haben.”

Aktuell scheint beim Serben die Luft ein wenig raus zu sein. Es bleibt zu hoffen, dass der so oft gelobte Mittelfeldspieler schon nächste Woche gegen Union Berlin ein anderes Gesicht zeigt. Dann muss nämlich der Ausfall von Vladimir Darida (gelb-rot Sperre) spielerisch wie läuferisch kompensiert werden.

Dedryck Boyata – Die tragische Figur

Wenn wir bei den schwächeren Einzelleistungen des Spieles sind, müssen wir zum ersten Mal die Leistung von Dedryck Boyata ansprechen. Der Sommer-Neuzugang brachte zuletzt viel Stabilität in die Berliner Defensive und wurde auch von uns viel gelobt. Leider war er eine der “tragischen” Figuren im Spiel gegen die TSG aus Hoffenheim und verletzte sich zudem in der zweiten Halbzeit.

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Doch gerade inm ersten Durchgang konnte er in der starken Phase der Hoffenheimer nicht die gewohnte Sicherheit ausstrahlen. In der 30. Minute hätte er durch einen voreiligen und dadurch zu kurz greifenden Klärungsversuch im Strafraum bereits ein Gegentreffer verursachen können. Beim 0:1 durch Jürgen Locadia stand er ein paar Schritte zu weit weg vom Gegenspieler und wurde bei dessen Schuss unglücklich getunnelt, sodass Rune Jarstein im Kasten keine Abwehrchance hatte. Auch seine Zweikampfwerte blieben unterdurchschnittlich, der Belgier gewann nur die Hälfte seiner Duelle (im Vergleich gewann Karim Rekik 73 % seiner Zweikämpfe).

Obwohl es nicht sein Tag war: ein Mentalitätsproblem hat Boyata sicher nicht. Dies zeigte sich ganz besonders kurz nach Wiederanpfiff zur zweiten Halbzeit, als er den Ball in gefährlicher Position verlor und einen sehr gefährlichen Angriff für den Gegner zuließ. Mit aller Kraft lief er hinterher und konnte den Schuss von Skov abblocken. Trotzdem zeigte auch diese Szene, dass der 28-jährige Innenverteidiger nicht wirklich auf der Höhe des Geschehens war.

Es passiert jedem Spieler gelegentlich eine schwache Partie zu spielen und für Dedryck Boyata ist es wohl die erste schwächere Leistung, seitdem er im Hertha-Trikot Pflichtspiele absolviert. Es bleibt zu hoffen, dass dieses Spiel aus Gesundheitsgründen nicht zu teuer für ihn wird. Wie die Berliner Morgenpost berichtet, hat er Beschwerden in der Leistengegend, eine MRT-Untersuchung soll am Montag folgen. Da Boyata allerdings in den letzten Jahren immer wieder für längere Zeit aufgrund von Muskelproblemen ausfallen musste, ist auch an dieser Stelle eine längere Pause nicht auszuschließen.

Lukebakio – Per Traumtor zum Stammspieler?

Bereits gegen Werder Bremen war Dodi Lukebakio nach seiner Einwechslung einer der auffälligsten Spieler und konnte durch eine starke individuelle Szene einen Punkt an der Weser retten. Gegen Hoffenheim stand der Rekordtransfer von Hertha von Beginn an in der Startelf und wusste in den ersten gut 20 Minuten der Hauptstädter zu überzeugen. Dribbelstark und gefährlich, mit guten Sprints in die Spitze (wie zum Beispiel in der 16. Minute) und intelligenten Läufen – Lukebakio war in der Berliner Offensive omnipräsent und bildete mit Marius Wolf auf der anderen Seite eine sehr ansehnliche Flügeloffensive.

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Sein Fallrückzieher zum zwischenzeitlichen 1-2 war nicht nur ein wunderbarer Treffer, sondern auch ein Hoffnungsschimmer, welcher der gesamten Mannschaft und den Fans neuen Schwung gab. Ein Tor, das gute Technik und einen stark ausgeprägten Torriecher verkörpert. Auch wenn bei ihm nicht immer alles funktionierte, war er hochmotiviert und mit guter Mentalität unterwegs.

Eine Szene, die gerade diesen unbedingten Willen zeigt, konnte man in der 60. Minute sehen. Ein guter Angriff von Hertha wurde eingeleitet und der Ball kam zum Flügelstürmer, der in aussichtsreicher Position einige Möglichkeiten zur Weiterverarbeitung hatte. Sein Pass in die Spitze misslang jedoch völlig, was ihn aber selber am meisten ärgerte. Lukebakio warf sich kurz hin und schlug vor Ärger auf dem Boden, bevor er aber gleich wieder aufstand und weiter lief. Dieser kurze Frust-Moment, obwohl er wenige Minuten zuvor ein Traumtor erzielen konnte, ist auch ein Anzeichen dafür, dass der junge Belgier hohe Ansprüche an sich und sein Team hat.

Besonders viel lief der Belgier mit 9,98 Kilometer nicht. Allerdings nutzte er die ihm gebotenen Räume sinnvoll, konnte 69 intensive Läufe und 23 Sprints aufweisen. Marius Wolf, der ebenfalls ein gutes Spiel zeigte, lief ganze 11,69 Kilometer und wies sogar 80 intensive Läufe auf. Mit vier Torschüssen, einer Torschussvorlage und einer beachtlichen 87-prozentigen Passquote kann sich die Statistik von Dodi Lukebakio sehen lassen.

Der Wille, die Körpersprache und die einzigartigen Momente wie beim 1:2 – es passt momentan beim Stürmer, der langsam seine Ablösesumme vergessen lässt. Das, was ihm auch gegen Hoffenheim fehlte, ist die Präzision. Insbesondere seine Flanken sind ausbaufähig, gleiches gilt für flache Hereingaben in den Strafraum. Wenn auch diese besser ankommen, könnte er den Hertha Fans noch viel Freude bereiten. Über ein paar weitere Fallrückzieher-Tore im Olympiastadion wird sich wohl auch keiner beschweren. Sein Cheftrainer bringt es ganz gut auf dem Punkt: “Er ist ein Spieler, der für die Überraschungsmomente sorgt – aber manchmal auch für zwei graue Haare.”

Duda und Kalou – Wechsel kann Covic

Wer die gute Leistung der beiden Joker Ondrej Duda und Salomon Kalou am Samstagnachmittag lobt, muss auch A wie Ante Covic sagen. Jokertore entwickeln sich fast schon zu einer Art Leitmotiv bei Hertha BSC in dieser Hinrunde. Dieses Mal war es Salomon Kalou, der seinen Treffer nach Einwechslung erzielen konnte. In der 64. Minute kam er für den verletzten Boyata ins Spiel und brauchte für sein erstes Saisontreffer nur etwa fünf Minuten.

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Bei der Hereingabe von Vladimir Darida fackelte er nicht lange und bezwang aus kurzer Distanz den Hoffenheim Schlussmann Oliver Baumann. Damit baut der 34-Jähriger seine Torbilanz im Hertha-Trikot aus (53 Tore). Noch drei Treffer und er würde Marko Pantelic einholen. Dieser steht aktuell mit 56 Toren auf Patz neun der ewigen Hertha-Torschützenliste. Kalou war nach seiner Einwechslung ein Aktivposten. Er konnte in seiner relativ kurzen Einsatzzeit drei Torschüsse abgeben und einen vorbereiten und zeigte sich in guter Verfassung.

Das Tor durch den Ivorer wurde sehenswert von Ondrej Duda eingeleitet, der zur Halbzeit für Marko Grujic eingewechselt wurde. Durch ein sehr intelligentes und gut getimtes Abspiel in den Lauf von Vladimir Darida zeigte der Slowake endlich wieder, was ihn letzte Saison so wertvoll für die „alte Dame“ gemacht hatte. In Ansätzen war in der zweiten Halbzeit viel Gutes vom 24-Jährigen zu sehen, der sehr präsent war und viele interessante Pässe spielte. Seine Passquote blieb dabei mit 84 % sehr gut und er war deutlich öfter am Ball (31 Mal) als Marko Grujic in der ersten Halbzeit (17 Mal).

Trotz der Niederlage wird die positiv verlaufene Einwechslung beiden Spielern mit großer Wahrscheinlichkeit gut tun. Die bereits angesprochene Sperre von Vladimir Darida könnte Ondrej Duda im Derby gegen Union Berlin eine Einsatzgarantie geben. Sollte „Number 10“ dort ein starkes Spiel machen, könnte er das Ruder wieder umdrehen. Offensive Optionen auf der Bank wird Ante Covic auch in den nächsten Spielen genug haben. Wir können hoffen, dass dabei die Jokertore auch wieder zum Sieg für Hertha führen.