Die Verpflichtung von Lucas Tousart bringt viele Fragen mit sich, die ohne interne Informationen nur schwer für Fans zu beantworten sind. Ist er die hohe Ablösesumme wert? Wieso kommt der Franzose erst im Sommer zu Hertha? Warum wollten ihn zahlreiche Fans in Lyon nicht mehr? Welche Rolle kann er bei Hertha einnehmen?
Wir widmen uns im nachfolgenden Text zunächst der Vorgeschichte von Lucas Tousart, bevor wir versuchen, einige dieser Fragen bestmöglich zu beantworten. Dafür haben wir uns bei “Coeur de Gone“, einem der größten Fanblogs rund um den Olympique Lyonnais, Verstärkung geholt. Idèr, der sein Club schon sehr lange intensiv verfolgt, gab uns viele nützliche Informationen rund um Lucas Tousart und dessen Laufbahn in Lyon. Seine Antworten gab er uns auf Französisch. Die Zitate sind also frei von unserem Redakteur Chris übersetzt.
Von der Reserve zum Stammspieler
Bevor wir uns den Fragen widmen, wollen wir uns die Laufbahn des neuen Rekordtransfers von Hertha BSC genauer anschauen. Wie er sehr jung zu „OL“ (Olympique Lyonnais) kam, seine Chance nutze in die Profi-Startelf zu kommen und sich zum Stammspieler etablierte. Das alles erzählt uns Idèr: „Als er 2015 bei uns angekommen ist, war er zuerst lange bei der Reserve (U23). Danach hat er in der Saison 2016/2017 angefangen stark aufzuspielen. Maxime Gonalons, damals der Stammspieler auf seiner Position, bekam eine rote Karte und vier Spiele Sperre im Spiel gegen Bordeaux. Tousart wurde daraufhin regelmäßig eingesetzt, konnte sehr gute Leistungen zeigen. Er brachte genau die Frische und Energie, die Gonalons zuletzt fehlte.”
“So stark war die Leistung von Tousart in dieser Zeit, dass ihn sein Trainer Genesio nicht mehr aus der Startelf nahm, auch nicht als Gonalons zurückkehrte. Dieser war als Kapitän nicht wegzudenken, sodass beide Spieler nunmehr als „Doppel-Sechs“ sehr erfolgreich agierten. Später wechselte Gonalons und Tousart wurde zum unumstrittenen Stammspieler. Zunächst mit viel Erfolg, dann jedoch leidete seine Entwicklung unter der fehlenden Konkurrenz.“
Tousart wurde als Kapitän von Frankreichs U19 Europameister (Foto: Daniel Roland/AFP/Getty Images)
Während er sich in der Ligue 1 hocharbeitete, glänzte Herthas Neuzugang schon im frühen Alter in der Junioren-Nationalmannschaft Frankreichs. Er gewann 2016 als Kapitän der U19 zusammen mit Spielern wie Kylian Mbappé, Markus Thuram und Amine Harit die Europameisterschaft. Er ist auch aktuell der meistberufene Spieler der U19 Frankreichs, mit 21 Spielen. Im Sommer 2019 trug er erneut die Kapitänsbinde, dieses Mal bei der U21-EM, und führte seine Mannschaft bis ins Halbfinale, wo man sich allerdings gegen Spanien geschlagen geben musste.
Schwierige Saison für OL und Tousart
Dann kam die Saison 2019/20. Eine Saison, die für Lyon alles andere als gut begann. Man verpflichtete die Clublegende Juninho als Sportdirektor und wechselte den Trainer. Bruno Génésio musste gehen und wurde von Sylvinho ersetzt.
„Der Sportdirektor Juninho erklärte zum Saisonstart, dass er auf der Position von Tousart Neuverpflichtungen holen wolle. Dieser aber zauberte im August förmlich, insbesondere gegen Monaco (0:3 Sieg der Lyonnais, wo Lucas Tousart sogar ein Tor erzielte). Letzten Endes wurde Thiago Mendes rekrutiert (für 22 Millionen Euro), der aber keine Leistung brachte. Der Stammplatz von Tousart war also weiterhin nicht in Gefahr.“
Der Saisonstart verlief noch gut für Tousart und OL. (Foto: Valery Hache/AFP/Getty Images)
So spielte Tousart also auch fast jede Partie, konnte aber nicht die Negativserie seines Vereins verhindern. Lyon spielte monatelang schwach und im Oktober war nach weniger als sechs Monaten für Neutrainer Sylvinho Schluss. Rudi Garcia übernahm die Verantwortung und setzte ebenfalls auf Tousart. Aktuell läuft es deutlich besser für Lyon, die Negativserie hat aber viel Zeit und Punkte gekostet. Ganze fünf Punkte trennen die Lyonnais noch von Platz drei in der Ligue 1.
„Warum wollen ihn so viele OL-Fans wechseln sehen?”
Wie also festgestellt, setzte sich Lucas Tousart recht zügig als Stammspieler durch, war in den Junioren-Nationalmannschaften einer der wichtigsten Spieler Frankreichs und ließ sich auch nicht im Konkurrenzkampf hängen. Warum also wird Herthas Neuzugang dann von so vielen Lyon-Anhänger verspottet und zum Teil sogar in sozialen Netzwerken als Witzfigur betrachtet? Wir haben diese Frage auch Idèr gestellt:
„ (Tousart) ist jung, aber mit einer Entwicklung, die seit etwa zwei Jahren stockt. Technisch ist er nicht sehr stark. Er hat auch Schwierigkeiten im Spiel nach vorne, sucht oft auf den Seiten und hinter ihm Anspielstationen.“
„In den Spielen, wo OL den Ball hat und das Spiel machen muss, hat er Schwierigkeiten, das Offensivspiel zu organisieren, obwohl er auf einer Position ist, in der er ein Dreh- und Angelpunkt der Mannschaft sein müsste. Man hört oft, dass seine Abwesenheit im Ligaspiel gegen Marseille (1:2 Niederlage) ein Zeichen dafür ist, dass er unumstritten sein sollte. Ich bin nicht ganz einverstanden. Außerdem: wenn er gegen Marseille gefehlt hat, dann nicht aufgrund einer Verletzung, sondern weil er wegen zu vielen gelben Karten gesperrt war: ein Sinnbild dafür, wie viele Fouls er begeht.“
Kritikpunkt: Tousart sieht viele Karten. (Foto: Anne-Christine Poujoulat/AFP/Getty Images)
Hauptkritikpunkt der Fans ist jedoch das, was im Fußball immer zuerst auffällt: technische Defizite. „Seine Schwächen im technischen Bereich hindern ihn daran, sich vom gegnerischen Pressing zu lösen und nach vorne zu gehen.“ Sein Rolle ist zwar eher in der Stabilität und Kompaktheit im zentralen Mittelfeld, doch viele Lyon-Fans waren insbesondere in den schlechten Phasen ihrer Mannschaft auf der Suche nach einem Sündenbock.
Dass Tousart in einer schlecht funktionierenden und verunsicherten Mannschaft Schwierigkeiten hatte, nach vorne zu arbeiten, ist eine Sache, die man kritisieren kann. Sich nur darauf zu fokussieren, wäre aber auch zu engstirnig. Gerade auf der defensiven Position im zentralen Mittelfeld sind die meisten Aspekte des Spiels unsichtbar. Ob das Positionsspiel, das Spiel gegen den Ball und die physische Präsenz: diese Aspekte sind schwieriger für Fans zu erkennen als eine schlechte Ballannahme oder misslungene Dribblings.
Auch Idèr gibt zu: „Alles ist nicht so schlecht, wie teilweise dargestellt. (…) Er könnte sich woanders zeigen, aber ich glaube er hat in Lyon eine Art „Plateau“ erreicht, da der theoretische Spielstil des Vereins nicht unbedingt zu seinen primären Stärken passt.“
„25 Millionen Euro? Ist er die hohe Ablöse wert?“
Wer sich über hohe Ablösesummen im aktuellen Fußball ärgert, wird viele Nerven verlieren. Tatsächlich steigen diese Summen immer weiter, und auch Hertha BSC ist da nicht isoliert zu betrachten. Betrachtet man den Marktwert von Lucas Tousart auf transfermarkt.de, kommt man auf rund 20 Millionen Euro.
Tousart beim Tor gegen den FC Barcelona (Foto: Josep Lago/AFP/Getty Images)
Für einen 22-jährigen zentralen Mittelfeldspieler, der bereits jetzt viele Jahre Profifußball-Erfahrung hat, ist dies nicht unüblich. Insgesamt weist der junge Mittelfeldspieler 108 Spiele in der Ligue 1 (drei Tore, drei Vorlagen), 16 in der Europa League (Ein Treffer, eine Vorlage) und sogar 14 in der Champions League (Ein Treffer, eine Vorlage) auf. Um einen Vergleich bei Hertha BSC zu machen: Arne Maiers Marktwert auf transfermarkt.de beträgt ebenfalls 20 Millionen Euro. Seine Bilanz beträgt 44 Bundesligaspiele (keine Tore, eine Vorlage) und drei Internationale Partien (in der Europa League). Maier ist aber mit seinen 21 Jahren noch ein dreiviertel Jahr jünger.
Der genaue Kaufpreis ist beim Transfer von Tousart zu Hertha BSC nicht bekannt. Er soll aber um die 25 Millionen Euro betragen. Dass ein junger Spieler mit viel Potenzial über Marktwert verkauft wird, ist leider insbesondere im Wintertransfermarkt üblich. Als Hertha-Fan kann man sich darüber ärgern, als Lyon-Fan darüber freuen. Doch unverhältnismäßig hoch ist die Summe nicht, man kann sie mit einem Wort beschreiben: Marktüblich.
Jean-Michel Aulas, der Präsident von „OL“, ist dafür bekannt, seine jungen Spieler für sehr hohe Ablösesummen zu verkaufen. Er hat einen Ruf, besonders hartnäckig in Transferverhandlungen zu sein. Im letzten Sommer beispielsweise wechselte Tanguy Ndombélé von „OL“ zu Tottenham Hotspurs. Die Ablösesumme ging sogar bis etwa 60 Millionen Euro.
„Warum erst im Sommer? Hertha braucht ihn jetzt!“
Viele waren darüber überrascht, dass Lucas Tousart zwar bereits bei Hertha BSC unter Vertrag steht, allerdings erst im Sommer in der Hauptstadt zur Verfügung stehen wird. Für den Rest der Saison wird er weiter in Lyon als Leihspieler spielen. Dies hat zwei Gründe:
Der erste Grund ist, dass wie bereits angesprochen Jean-Michel Aulas gut verhandeln kann und Lyon Lucas Tousart für den Rest der Saison noch braucht. Seine Konkurrenz konnte bisher nicht überzeugen und auch der junge Maxence Caqueret weist mit seinen 19 Jahren noch nicht die gleiche Sicherheit auf. „OL“ wollte sich also nicht schon im Winter von Tousart trennen. Es ist also davon auszugehen, dass Hertha Tousart gar nicht erst bekommen hätte, hätte man der anschließenden Leihe für die Rückrunde nicht zugestimmt. Ein saurer Apfel, in den Preetz und co. wohl beißen mussten.
Doch auch für Hertha ergibt der Deal Sinn. Aktuell ist der Kader der Berliner sehr groß und die Unzufriedenheit mancher Spieler kommt immer mehr zum Vorschein. In dieser komplizierten Lage noch einen weiteren Spieler mit Stammelfansprüchen zu holen, würde noch mehr Unruhe schaffen. Im Sommer werden allerdings einige Spieler gehen, allen voran Marko Grujic, dessen Leihe bei Hertha BSC endet. Auch Per Skjelbred wird wohl den Haupstadtclub verlassen, sodass gleich zwei zentrale Mittelfeldspieler weniger im Kader stünden. Manager Michael Preetz sagte zum Deal: „Diese Verpflichtung ist ein Vorgriff auf den Sommer und ein Investment in die Zukunft von Hertha BSC“.
„Kommt Tousart als Ersatz für Arne Maier?“
Gerade als die Verpflichtung von Lucas Tousart offiziell wurde, äußerte sich Arne Maier in den Medien und forderte einen Wechsel. Ob es sich da tatsächlich um eine tiefe Unzufriedenheit handelt, eine Flucht vor Konkurrenzkampf oder um Gehaltsverhandlungen geht, ist den meisten Fans unklar.
Michael Preetz jedoch äußerte sich diese Woche deutlich dazu, dass die Verpflichtung von Lucas Tousart keineswegs regelmäßige Einsätze von Arne Maier gefährde. Im Gegenteil: der Franzose sei als Ersatz für den Abgang von Marko Grujic gedacht. Preetz bestätigte außerdem auch, dass Tousart und Maier unterschiedliche Spielertypen sind und nicht dieselbe Position auf dem Platz haben.
Tatsächlich hat Lucas Tousart eher eine defensive Rolle und Arne Maier eher eine strategische, offensivere Aufgabe. Der 22-Jährige Franzose kommt also gerade nicht als Ersatz für Arne Maier, sondern könnte ein gutes Pendant sein.
„Wie stark ist er überhaupt? Warum will ihn Hertha unbedingt?“
Unser Lyon-Experte Idès sagt zu den Stärken von Tousart: „Er ist ein körperlich starker Spieler, gut in den Zweikämpfen und mit einer guten Mentalität. (…) In den schwierigen Spielen, besonders auswärts, sind seine Power und seine Durchsetzungskraft unheimlich wertvoll.“
Herthas Neuzugang glänz mit Zweikampfstärke und Robustheit. (Foto: Carlos Costa/AFP/Getty Images)
Auf seiner Position im defensiven Mittelfeld bringt Tousart also genau das mit, was überaus wichtig ist. Robustheit, Handlungsschnelligkeit und Spielintelligenz zeichnen ihn aus. Er ist ein Spieler, der eine Sache wie kaum einer in Lyon beherrscht: das Kämpfen. Auch wenn es nicht seine primäre Stärke ist, weiß er auch wo das Tor steht, trifft gerne auch aus der Distanz oder gibt Vorlagen. Sogar im Camp Nou gegen den FC Barcelona gelang ihm ein Treffer.
Dazu kommt seine Erfahrung. Wie bereits festgestellt, bringt der Franzose trotz seines jungen Alters große Routine mit. Durch diese vielen absolvierten Spiele wird er im Mittelfeld von Hertha BSC in einer jungen Mannschaft die nötige Ruhe und Gelassenheit einbringen. Auch seine Erfahrung in der Junioren-Nationalmannschaft könnte sehr wertvoll werden. Das langjährige Tragen der Kapitänsbinde zeigt, dass Verantwortung übernehmen kann und ein wahrer Charakter-Spieler ist. Bei den Blau-Weißen gibt es nicht allzu viele Führungsspieler und mit Skjelbred und Ibisevic könnten weiterer dieser Sorte im Sommer gehen. Tousart könnte diese Lücke füllen.
Für Idèr glänzt der U19-Europameister vor allem dann, wenn er gefordert wird: „Ich denke vor allem, dass er ein guter Spieler ist wenn er in einer Konkurrenzsituation gestellt wird. Sobald er in seiner Komfortzone ist, wie seit etwa zwei Jahren in Lyon, steigert er sich weniger.“ Komfortzonen gibt es in neuen Klubs nicht, egal wie teuer die Ablöse war. Tousart wird sich zwischen starken zentralen Mittelfeldspielern wiederfinden und sich seinen Platz erkämpfen müssen. Die Ausgangslage erscheint also perfekt, damit sich der Franzose auch spielerisch weiterentwickelt.
Was für den 22-Jährigen auch spricht, ist, dass er bisher jeden seiner Trainer überzeugen konnte. In den letzten Jahren musste er unter drei verschiedenen Trainern agieren, dazu die Übungsleiter in den Jugend-Nationalmannschaften und bekam immer seine Einsätze. Es ist eine Sache, wenn Fans und Beobachter von außerhalb über Spieler urteilen, eine ganz Andere wenn es seine Trainer sind, die deutlich näher dran stehen und die Qualitäten am besten beurteilen können.
Insgesamt können sich Hertha-Fans über einen kampfstarken und durchsetzungsfähigen Spieler freuen, der gerade im Konkurrenzkampf aufblüht, sich nicht aufgibt und mit seinen 22 Jahren noch viel Entwicklungspotenzial hat.
Wo wird er im Spielsystem von Hertha BSC spielen?
Foto: Loic Venance/AFP/Getty Images
Mit seinen angesprochenen Schwächen und Qualitäten wird er vor allem eine Option im defensiveren Mittelfeld sein, bestenfalls als Sechser, notfalls auch als Achter. Der Franzose kann im System mit zwei Sechsern spielen, oder die Rolle als alleiniger defensiven Mittelfeldspieler übernehmen. Hertha spielte zuletzt immer wieder mit drei zentralen Spielern im Mittelfeld. Zwei mit einer eher defensiveren Rolle, einer eher offensiv. Genau dieses System kennt der U19-Europameister auswendig und würde sich da perfekt einordnen können. Als Schalter zwischen den sehr defensiven Santiago Ascacibar und einen offensiveren Arne Maier oder Vladimir Darida wäre er ähnlich wie Grujic sehr wertvoll.
Idèr sagt zum Mittelfeldmann weiter: „Er ist keineswegs ein schlechter Spieler, aber er würde sich sicherlich wohler und wichtiger in einer weniger dominanten Mannschaft fühlen. In der Liga muss „OL“ gegen 90 Prozent der Mannschaften das Spiel machen. Das ist nicht seine Stärke. Seine Power und seine Zweikampfstärke würden ihn aber in einer weniger spielerischen Mannschaft zum sehr guten Spieler machen.”
So sehr sich Hertha BSC ein attraktives Offensivspiel wünscht: um die spielerische Entwicklung voranzutreiben, braucht es die nötige Stabilität. Ansonsten ist die Gefahr groß, komplett zusammenzufallen, wie zu Beginn der Saison unter Ante Covic. Ohne das Fundament lässt sich kein Haus bauen. Genau dafür wird Lucas Tousart unglaublich wertvoll werden. Und auch darauf können sich die Hertha-Fans im Sommer bereits freuen.
Bereits seit Jahrzehnten gilt Hertha BSC als herausragende Talentschmiede, schließlich fanden hier die Karrieren von Namen wie Jerome & Kevin-Prince Boateng, Ashkan Dejagah, Sejad Salihovic oder Nico Schulz ihren Anfang. Auch heute noch schafft es die blau-weiße Jugendakademie, vielversprechende Talente herauszubringen, wie das aktuell prominenteste Beispiel: Arne Maier. Doch nicht alle zunächst “gehypten” Namen schaffen es letztendlich auch, einen großen Fußabdruck im Profi-Fußball zu hinterlassen. Hier ist Teil 1 der Auflistung von verschiedenen Karrierewegen, die Herthaner Eigengewächse nahmen.
Anstoß für diesen Artikel ist der jüngst erschienene Kommentar beim Berliner Kurier. In diesem heißt es, die neue Ausrichtung unter Investor Lars Windhorst und Trainer/Aufsichtsratmitglied Jürgen Klinsmann würde den Weg für Eigengewächse verbauen. Große Namen und Summen würden verhindern oder es zumindest massivst erschweren, dass sich Talente wie Sidney Friede (nun bei Wehen Wiesbaden unter Vertrag), Palko Dardai, Maurice Covic (ausgeliehen nach Italien), Florian Baak oder Muhammed Kiprit bei den Profis durchsetzen können.
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Hierzu muss konstatiert werden, dass sich die genannten Namen allerdings auch vor dem “Richtungswechsel” des Vereins und der Installation von Windhorst & Klinsmann nicht durchgesetzt hatten – und das in zwei bis drei Profi-Jahren und unter zwei verschiedenen Cheftrainern (Pal Dardai und Ante Covic). Es greift also zu kurz, nur die Zeit unter Klinsmann zu betrachten. Sicherlich gilt es weiterhin, mehr als nur ein Auge auf die eigene Jugend zu haben, doch Durchlässigkeit als Selbstzweck funktioniert nicht. Bringen Eigengewächse nicht das benötigte Niveau/Potenzial mit sich, wäre es unlogisch, diese dennoch krampfhaft in den Profi-Kader zu integrieren. Es bleibt abzuwarten, wie sich die genannten Spieler noch entwickeln, doch ist festzuhalten, dass es wohl nicht am aktuellen Trainerteam liegt, dass sie sich bei den Profis (noch) nicht durchsetzen. Sollten sie den Verein im Winter oder kommenden Sommer letztendlich doch verlassen, wird der Aufschrei nichtsdestotrotz groß sein.
Denn man kennt es ja: sobald ein Eigengewächs den Verein verlässt, ohne vorher 50 Spiele für die Profis absolviert zu haben, schreien viele Fans, die Verantwortlichen seien “blind”, würden der Jugend nicht vertrauen und nicht langfristig genug denken. Es gilt: verlässt ein Talent den Verein, das in den Jugendmannschaften auf sich aufmerksam gemacht hat, liegt der Fehler erst einmal beim Verein, der das Potenzial desjenigen falsch eingeschätzt habe. Doch stimmt das? Hat Hertha in den letzten Jahren grobe Fehleinschätzungen bei Eigengewächsen vorgenommen, die dann bei anderen Vereinen auf sich aufmerksam machten? Schauen wir nach.
Bigalke, Morales, Holland
Um nicht zu weit zurückzublicken, behandeln wir für diese Artikel-Reihe die Herthaner Eigengewächse ab dem Jahrgang 1990. Zu eben jenem gehören Sascha Bigalke, Fabian Holland und Alfredo Morales. Die heute allesamt 29-Jährigen tummeln sich aktuell zwischen Liga eins und drei Deutschlands. Alle drei wachen auch Junioren-Nationalspieler: Bigalke und Holland für Deutschland, Morales für die USA. Die Karrierewege der gebürtigen Berliner verliefen jedoch durchaus unterschiedlich.
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Der erste der drei, der sein Glück abseits von Hertha suchte, war Sascha Bigalke. Der quirlige Spielmacher, dem in seinen jungen Jahren ein durchaus schwieriger Charakter nachgesagt wurde, gehörte dem Berliner Profi-Kader seit 2008 drei Jahre an, kam in der Zeit allerdings – auch aufgrund drei Mittelfußbrüchen – auf nur vier mickrige (no pun intended) Einsätze, sodass es ihn 2011 im Alter von 21 Jahren zur SpVgg Unterhaching zog. Bei dem Drittligisten avancierte Bigalke unverzüglich zum Leistungsträger und heuerte 2012 beim 1. FC Köln an, der damals in der zweiten Bundesliga spielte. Auch dort konnte der zentrale Mittelfeldspieler durchaus auftrumpfen, ehe ihn ein Kreuzbandriss aus der Bahn warf. Wirklich auf die Füße sollte Bigalke nach dieser schweren Verletzung erst einmal nicht mehr zurückfinden – es folgte nur noch ein einziger Einsatz für den “Effzeh”, ehe der Berliner 2014 nach Unterhaching zurückkehrte. Doch auch dort machten ihm Verletzungen zu schaffen, sodass er zwischen 2015 und 2016 sogar ein Jahr ohne Verein dastand. Ins Fernsehen sollte er es dennoch schaffen. “Alle guten Dinge sind drei”, dachten sich Bigalke und Unterhaching und gingen 2016 eine erneute Zusammenarbeit ein, die bis heute anhält. In mittlerweile knapp 200 Einsätzen für die Oberbayern gelangen Bigalke 48 Tore und 78 Vorlagen, also insgesamt 126 direkte Torbeteiligungen – eine überragende Quote, aber halt in der dritten und vierten Liga zusammengesammelt. Sicherlich wäre für den heute 29-Jährigen mehr drin gewesen, doch nach all den Verletzungen und einer einjährigen Arbeitslosigkeit wird er einfach nur froh sein, auf professionellem Niveau spielen zu können und das volle Vertrauen seines Vereins zu genießen.
Auch Alfredo Morales entschied sich ab einem gewissen Punkt gegen eine Zukunft bei seinem Heimatverein – 2013 war dies der Fall, als der zentrale Mittelfeldspieler zum FC Ingolstadt wechselte und damit lieber in der zweiten Liga blieb, als mit Hertha zusammen aufzusteigen und Erstligafußball zu erleben. Eine durchaus verständliche Entscheidung des damals 23-Jährigen, denn Morales hatte unter Trainer Jos Luhukay insgesamt nur neun Einsätze verbuchen können, gehörte also zu den Egänzungsspielern des Kaders und hätte in der ersten Liga vielleicht keine besseren Aussichten gehabt. Etwas verwundert waren die Fans dennoch, da Morales all seine neun Spiele in der Rückrunde absolviert hatte, also zunehmend wichtiger für das Team wurde und im Begriff war, eine wichtige Rolle bei Hertha einzunehmen. Nun gut, seinen Wunsch, absoluter Stammspieler zu werden, erfüllte er sich mit diesem Wechsel zumindest. Ganze fünf Jahre spielte Morales für die “Schanzer” und war sowohl in vier Zweitliga-Spielzeiten wie auch der einen im deutschen Oberhaus (2015/16) Stammkraft. 150 Pflichtspieleinsätze sammelte der Schulweltmeister von 2007 (wusstet ihr eigentlich, was “Chicharito” bedeutet?!), ehe er 2018 eine neue Herausforderung suchte und bei Fortuna Düsseldorf unterschrieb. Bei dem Bundesligisten gehört Morales zum erweiterten Kreis der Stammspieler, ohne im besonderen Maße auf sich aufmerksam zu machen. Ein etwas unterdurchschnittlicher Bundesligaspieler scheint aus dem Herthaner Eigengewächs geworden zu sein, das im September 2019 das letzte seiner bislang 16 Länderspiele für die USA absolviert hatte.
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Zwar ist aus Fabian Holland kein Nationalspieler geworden, eine solide Karriere legt der heute 29-Jährige aber dennoch hin. Ganze zwölf Jahre war der Linksverteidiger Teil von Hertha BSC, ehe man ihn 2015 fest an den SV Darmstadt 98 abgab. In seiner Zeit bei der “alten Dame” hatte Holland mit mehreren Verletzungen zu kämpfen, vor allem aber mit Herzrhythmus-Störungen (Wolff-Parkinson-White-Syndrom), wegen denen er 2010 am Herzen operiert werden musste. Die meiste Zeit war der gebürtige Berliner Teil von Herthas U23, nur 2012/13 war Holland ein ernstzunehmender Part der Profis (18 Einsätze in Liga zwei). Da Holland nicht über die Rolle des Ergänzungsspieler hinauskam, ließ er sich 2014 zu den Darmstädtern ausleihen. Bei den Hessen wurde er auf Anhieb Stammspieler, sodass sie ihn ein Jahr später fest verpflichteten und seitdem konstant auf ihn setzen. Seit nunmehr sechs Spielzeiten trägt der Abwehrspieler das Trikot der “Lilien”, mittlerweile sogar deren Kapitänsbinde. Sicherlich ist aus Holland kein Star geworden, das war aber auch nicht zu erwarten. So will man meinen, er habe das bestmögliche aus seinem Potenzial und Verletzungsschicksal gemacht. Kapitän und Leistungsträger bei einem deutschen Zweitligisten zu sein, ist aller Ehren wert.
Radjabali-Fardi und Neumann
Mit deutlich mehr Talent als Holland, aber auch mit einer eindeutig tragischeren Laufbahn versehen – Shervin Radjabali-Fardi. Mit 17 Jahren galt der Linksverteidiger noch als eines der größten Talente des deutschen Fußballs. Damals – 2008 -gewann Radjabli-Fardi als Kapitän von Herthas B-Jugend die deutsche Meisterschaft und wurde daraufhin mit bronzenen Fritz-Walter-Medaille ausgezeichnet. Jugend-Nationalspieler war er bereits seit der U15 gewesen und sollte es bis zur U21 bleiben. Es schien alles für eine große Karriere zu sprechen und auch die ersten Schritte im Profi-Fußball schienen zu gelingen. Der gebürtige Berliner wurde von Profi-Trainer Lucien Favre mit ins Trainingslager genommen und am 17. Juli 2008 im Europapokal-Spiel gegen FC Nistru Otaci aus Moldawien erstmals eingewechselt – mit nur 17 Jahren und zwei Monaten ist Radjabali-Fardi bis heute der jüngste Spieler, der jemals in einem Pflichtspiel für Hertha auflief. Der erste Profi-Einsatz verdrehte dem noch jungen Spieler allerdings den Kopf. Die vielen Schulterklopfer ließen in dem Außenbahnspieler voreilige Zufriedenheit aufkommen.
Foto: Juergen Schwarz/Bongarts/Getty Images
“Ich glaube, mein Fehler war es, zu denken, dass der nächste Schritt von allein kommen würde. Vielleicht war ich einfach noch zu jung”, erklärte Radjabali-Fardi in einem Interview aus 2013. Eine Leihe (2011/12) zu Zweitligist Alemannia Aachen sollte ihm den Kopf waschen, denn dort entwickelte sich der heute 28-Jährige zum Stammspieler. Als es bei der Rückkehr nach Berlin hieß, mit der gewonnen Reife und Spielpraxis anzugreifen, ließ sein Köpfer Radjabali-Fardi im Stich – ein Kreuzbandriss, der ihn die gesamte Vorbereitung unter Trainer Jos Luhukay kostete und im darauffolgenden Winter letztendlich das Aus bei seinem Ausbildungsverein bedeuten sollte. Hertha plante nicht mehr mit seinem Eigengewächs, das einfach nicht die gewünschte Entwicklung genommen hatte. “Das ist unglaublich schade, weil Shervin hoch veranlagt ist“, sagte Manager Michael Preetz damals. 2013 schloss sich der Berliner mit iranischen Wurzeln Hansa Rostock an, wo seine Karriere neu angekurbelt wurde. In seinem ersten Jahr bei dem Drittligisten war Radjabali-Fardai unabdingbarer Stammspieler, absolvierte ganze 36 Spiele. Auch in seiner zweiten Spielzeit bei Hansa startete er als Stammkraft, doch dann der Schock: am 4. Spieltag riss erneut sein Kreuzband. Erst am 29. Spieltag konnte er sein Comeback feiern, nur um sich am 37. Spieltag die Achillessehne zu reißen. Von dieser so bitteren Saison sollte sich seine Karriere nicht mehr erholen. Nach der Saison 2014/15 trennten sich die Wege von Rostock und Radjabali-Fardi, der danach für keinen einzigen Verein mehr auflaufen sollte. Karriereende mit Mitte 20. Erst wollte der Kopf nicht, dann die Beine. Ein tragisches Ende für einen so vielversprechenden Spieler.
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Auch Sebastian Neumann hat seine Fußballschuhe aufgrund von anhaltenden Verletzungsproblemen an den Nagel hängen müssen, aber immerhin erst mit 28 Jahren. Diese Entscheidung fiel vor erst knapp einer Woche. Doch der Reihe nach: auch Neumann wurde 1991 in Berlin geboren und wechselte in jungen Jahren in die Hertha-Akademie. Dort entwickelte sich der Innenverteidiger zum Profi, der 2010/11 unter Trainer Markus Babbel seine ersten Gehversuche im Männerbereich (elf Einsätze in Liga zwei) hatte. Nachdem der Hauptstadtverein in dieser Spielzeit wieder in die Bundesliga aufstieg, blieb wenig Platz für Neumann, der nach lediglich zwei Einsätzen im deutschen Oberhaus abgegeben wurde. Bei seinem neuen Klub, dem damaligen Drittligisten VfL Osnabrück, avancierte der Abwehrmann auf Anhieb zum Stammspieler. 2014 erfolgte dann der Wechsel zum VfR Aalen und auch dort machte Neumann auf sich aufmerksam, sodass ihn nur ein Jahr später Zweitligist Würzburg verpflichtete. In seinen beiden Jahren (das zweite in Liga drei) war der Berliner ebenfalls Leistungsträger und erneut wurde der Versuch gewagt, in der 2. Liga Fuß zu fassen – dieses Mal beim MSV Duisburg. Neumann konnte das Trikot der “Zebras” in zwei Jahren jedoch nur zehn Mal überstreifen. Grund hierfür waren anhaltende Verletzungsprobleme, vor allem eine Hüftverletzung setzte ihn außer Gefecht. Seine ganze Karriere hatte Neumann mit körperlichen Problemen zu kämpfen, seit Januar 2015 spielte er wegen einer Herzmuskel-Erkrankung sogar mit einem eingesetzten Defibrillator. Im Januar diesen Jahres dann die Entscheidung, die Karriere zu beenden. Eine Karriere, die ebenfalls vielversprechend begann – immerhin sammelte Neumann elf Einsätze für die deutsche U21-Nationalmannschaft – doch aufgrund von Verletzungen leider nie ihr volles Potenzial ausschöpfen sollte.
In den vergangenen Jahren war es bei Hertha BSC am “Deadline Day”, also dem letzten Tag des Sommer-Transferfensters, stets ruhig geblieben. Während der Rest Europas und der Bundesliga noch hektisch überprüfte, ob denn das Stromkabel des Fax-Gerätes auch wirklich eingesteckt ist, damit nichts mehr schiefgehen kann, war es an der Hanns-Braun-Straße ein Tag wie jeder andere.
In diesem Jahr hat aber auch die “Alte Dame” die Möglichkeit gesehen und genutzt, ihren Kader noch zu verstärken. Mit Marius Wolf haben die Berliner einen flexiblen Flügelspieler von Borussia Dortmund an die Spree gelockt. Der 24-Jährige wird ein Jahr auf Leihbasis in blau-weiß spielen, anschließend besitzt Hertha eine Kaufoption, die laut Bild bei 20 Millionen Euro liegen soll. Die Leihgebühr soll zwei Millionen Euro betragen, hinzu kommt das Übernehmen von Wolfs Gehalt, welches laut Bild bei 4,5 Millionen, doch laut kicker bei 2,5 Millionen Euro liegen soll. Kein billiger Deal also, doch das der finanziell nicht allzu schlecht aufgestellte BVB einen Spieler am letzten Tag der Transferperiode nicht verschenkt, ist auch zu erwarten.
Es stellen sich nun die Fragen zu der Qualität und den Einsatzmöglichkeiten Wolfs, wie auch, ob er potenziell 20 Millionen Euro wert sein könnte. Um diese Dinge herauszufinden, haben wir mit BeobachterInnen seiner Ex-Vereine, Eintracht Frankfurt und Borussia Dortmund, geredet.
Nachholbedarf auf rechts
“Wir haben immer betont, dass wir den Markt beobachten und noch aktiv werden, sollte sich eine gute und sinnvolle Option ergeben. Mit Marius Wolf bekommen wir einen Spieler, der mit seiner nachgewiesenen Dynamik, Flexibilität und Mentalität unsere Möglichkeiten noch erhöhen wird”, kommentierte Manager Michael Preetz den Transfer Wolfs. Medial wurde in den vergangenen Wochen immer wieder davon berichtet, dass sich Hertha nach Möglichkeit noch auf der rechten Außenbahn verstärken wollen würde.
Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images
Der Verlust von Valentino Lazaro wiegt schwer und wurde bislang nur offensiv durch die Verpflichtung von Dodi Lukebakio kompensiert. Defensiv haben Michael Preetz und Trainer Ante Covic dem letztjährigen Lazaro-Backup Lukas Klünter das Vertrauen geschenkt, doch sowohl für den 23-Jährigen als auch Lukebakio fehlte es noch an Alternativen bzw. einem gesunden Konkurrenzkampf. Rechts offensiv ist der Hauptstadtverein mit Mathew Leckie, der auch als Verteidiger aushelfen sollte, und Alexander Esswein als Reserve zu dünn besetzt gewesen. Palko Dardai und Maurice Covic scheinen fürs erste auch keine ernstzunehmenden Alternativen zu sein. Der verletzungsanfällige und in die Jahre gekommene Peter Pekarik stellt ebenfalls keine allzu große Konkurrenz für Klünter dar.
Es herrschte somit noch Bedarf, der nun mit Wolf gedeckt wurde. Für den beim 1. FC Nürnberg und 1860 München ausgebildeten Flügelspieler spricht u.a. seine große Polyvalenz. In seiner Zeit bei Eintracht Frankfurt und Borussia Dortmund wurde Wolf als Rechtsverteidiger, Rechtsaußen und Schienenspieler einer Dreier/Fünferkette eingesetzt. “Ich würde ihm taktisch auf jeden Fall Freiheiten nach vorne lassen. Gerne auch mit einem Rechtsverteidiger im Rücken, sprich Viererkette und ihn dann als Rechtsaußen davor einsetzen. Er kann gute Impulse setzen und ist mir persönlich eher als Offensivkraft im Kopf geblieben (was ja auch seine Hauptposition ist), als als defensiver Fixpunkt. Praktisch ist aber natürlich, dass er auch als Verteidiger eingesetzt werden kann, da es auch taktisch gewisse Freiheiten lässt”, erklärte uns Frankfurt-Bloggerin Patricia. 2017 wechselte der gebürtige Coburger ebenfalls leihweise von Hannover 96 zu den Hessen, ehe die Eintracht ihn 2018 für die irrwitzige Summe von 500.000 Euro fest verpflichtete. In 38 Partien für die SGE gelangen Wolf sechs Tore und elf Vorlagen.
Athletisch, aber technisch limitiert
Nur wenige Tage nach dem festen Wechsel zur Eintracht zog es Wolf sofort weiter zu Borussia Dortmund – Ablösesumme: fünf Millionen Euro. Dort wurde der 1,87m große Außenbahnspieler jedoch nicht glücklich – nur 23 Einsätze, 15 von Anfang verbuchte der Franke. “Ich denke, dass man einfach eine günstige Gelegenheit sah, einen deutschen Kaderspieler zu holen, dessen Talent man vielleicht etwas falsch (zu hoch) eingeschätzt hat. Schließlich war er in der Anschaffung sehr günstig. Man musste früh einsehen, dass er als Winger nicht geeignet ist, weil die technischen Fähigkeiten zu sehr fehlen, um bei einem Team wie Dortmund zu spielen. Als sehr athletischer Flügelverteidiger hätte er sicher Platz gefunden, wenn man da nicht mit Piszczek, Hakimi und Morey sehr gut besetzt wäre”, resümierte Journalist und Dortmund-Experte Lars Pollmann die Zeit von Wolf beim BVB. “Seine Schwächen sind ganz klar die technischen Fähigkeiten in allen Bereichen: Ballan- und -mitnahme, Pass-Repertoire. Ich weiß auch nicht, ob er sonderlich spielintelligent ist. Wenn er bei Hertha einen recht simplen Auftrag bekommt, über die rechte Seite Alarm zu machen, wird er das sicher gut hinbekommen”, erklärte uns Pollmann.
Foto: Joe Robbins/Getty Images
“Er ist ein sehr agiler, schneller Spieler, der perfekt für die Außenbahn ist. Bringt Frische ins Spiel und war bei uns vor allem offensiv wichtig. Er dribbelt sich da gerne seinen Weg durch. Sein Kumpel Prince (Boateng) erzählte auch, dass er sich vor Spielen gerne Videos von seinem Idol Cristiano Ronaldo anschaut. Ich finde, das merkt man seinem Spielstil an, wenn auch selbstverständlich auf deutlich niedrigerem Niveau”, bescheinigt ihm auch Patricia athletische Stärken, jedoch auch eine nicht allzu ausgeprägte Technik, “Aber dass er sich in Sachen Dribblings und Zug nach vorne gerne was von ihm abschaut, merkt man. Dass das dann nicht immer so gut klappt, da er technisch auch limitiert ist, ist die Kehrseite. Trotzdem ist er immer wieder für die ein oder andere Torvorlage gut.” Für sie stehen die Schnelligkeit, Beweglichkeit und der Zug zum Tor bei Wolf im Vordergrund. “Als Schwäche sehe ich seinen Körper, denn er ist nicht so robust und keiner, an dem die Gegenspieler jetzt unbedingt abprallen. Wolf ist groß, aber eben auch relativ schmal gebaut. Zudem leider auch anfällig für muskuläre Probleme.”
Der benötigte “Drecksack”?
“Die Kombination aus seinen sportlichen Fähigkeiten und seiner hervorragenden Mentalität macht ihn zu einem perfekten Spieler für Borussia Dortmund“, sagte BVB-Sportdirektor Michael Zorc bei Wolfs Vorstellung vor etwas mehr als einem Jahr. Immer wird von mehreren Stellen betont, welch zielstrebiger und kampflustiger Spieler Wolf sei. “Ich bin ein hungriger Spieler, der sich immer voll in den Dienst der Mannschaft stellt und in jeder Situation 100 Prozent gibt”, stimmte Wolf in seine Charakterisierung mit ein.
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So sehen auch nicht alle Seiten den Abgang des 24-Jährigen aus Dortmunder Sicht für positiv an, da mit diesem ein dringend benötigter Kämpfer den Verein verlassen würde. So heißt es in einem Artikel von 90.min.de: “Wenn du nur Starköche in der Küche rumstehen hast, aber keinen, der die Kartoffeln schält oder das Huhn rupft, kann aus dem geplanten Sterne-Menü nichts werden – Wolf wäre eben einer aus der Kartoffelschäler-Kategorie. Da müssen sich auch die Bosse um Watzke, Zorc und Co. hinterfragen.” Auch Frankfurt-Experte Christopher Michel attestiert Wolf “Mentalität und Fleiß”.
Hertha scheint also einen eher geradlinigen Spieler zu bekommen, der sich durch seine Athletik, Vielseitigkeit und Mentalität auszeichnet, jedoch technische Mängel aufweist – also ein ähnliches Profil wie Lukas Klünter hat, jedoch offensiver und spielerisch etwas stärker. Taktisch schafft Wolf durch die vielen Positionen, die er bekleiden kann, neue Möglichkeiten für Trainer Ante Covic, der nun beispielsweise Dodi Lukebakio auf die linke Außenbahn oder ins Sturmzentrum stellen kann. Auch eine Dreierkette mit Klünter, der diese Rolle in München bravourös ausfüllte, in der Innenverteidigung ist nun eine Option, da Neuzugang Wolf als rechter Außenspieler fungieren könnte.
Es ist aber vor allem die Art Wolfs, die Hertha gut tun könnte. Zwar bekommt der Hauptstadtverein keinen so technisch beschlagenen Spieler wie es Lazaro ist, jedoch einen mit echtem Kämpferherz. Wolf zerreißt sich auf dem Feld, gibt sich nicht zufrieden und will auch mal mit dem Kopf durch die Wand, ähnlich wie ein Davie Selke. Diese Mentalität hat in den vergangenen zwei Liga-Partien bei Hertha gefehlt, als sich die Mannschaft nach Rückständen aufzugeben schien und nicht mehr den unbedingten Willen zeigte, den Spielverlauf zu ihren Gunsten zu drehen. “Den kriegst du nicht tot”, sagte Frankfurts Vorstandschef Fredi Bobic einst über Wolf, der für seine Attribute als ständiger Antreiber und großer Teamplayer geschätzt wird. Einen gesenkten Kopf wird man bei der neuen Nummer 30 nicht so schnell erleben. “Ich denke, er kommt überall dort gut zurecht, wo er seine “Buddies” hat. Bei uns war das z.B. vor allem Kevin Prince Boateng. Die beiden haben sich hervorragend verstanden”, beschreibt Patricia die damalige Integration Wolfs in Frankfurt, “Er hängt sich gern an die “coolen Kids”. Alles in allem hat er sich aber schnell gut eingefunden, Kontakte geknüpft und als Teamplayer auch mit allen anderen an einem Strang gezogen.” Bereits in seinem ersten Interview für Hertha ließ der DFB-Pokalsieger von 2018 seine Einstellung durchklingen: “Ich möchte der Mannschaft so schnell wie möglich helfen – auf welcher Position, entscheidet der Trainer. Nach Mainz werden wir fahren, um dort zu kämpfen und unser Ding durchzuziehen. Unabhängig von der Tabellensituation: Als Fußballer willst du ohnehin jedes Spiel gewinnen!”
Wie bei jedem Transfer muss auch bei Wolf abgewartet werden, wie schnell er sich integrieren kann, doch aufgrund seiner starken Vorbereitung beim BVB, seiner Vertrautheit mit der Bundesliga und bereits bekannten Gesichtern wie Kumpel Pascal Köpke und Niklas Stark sollte die Eingewöhnung recht fix gehen. Aufgrund seiner Athletik und Mentalität könnte der Flügelspieler ein wichtiges Puzzleteil für die laufende Spielzeit sein. Kein Schönspieler, aber jemand mit einer gesunden Portion Wucht, um das eigene Spiel durchzudrücken. “Hertha bekommt einen deutschen potenziellen Stammspieler, der ja bei Eintracht gezeigt hat, dass er bei einer Mannschaft, die aus dem Mittelfeld den Schritt nach vorn machen will, funktionieren kann. Dortmund spart sich eine Menge Gehalt und erzielt womöglich ein saftiges Transferplus 2020”, skizziert Pollmann einen möglichen positiven Verlauf dieses Leihgeschäfts.
Eine Frage bleibt noch vor dem ersten Pflichtspiel dieser Saison am Sonntag ungeklärt: wer soll bei Hertha in der Spitze stürmen? Selke und Ibisevic sind beide in der Vorbereitung fit geblieben und liefern sich bereits jetzt einen gnadenlosen Konkurrenzkampf. Es gibt im neuen System unter Neutrainer Ante Covic wohl auch nur eine Startposition als Stoßstürmer. Wer startet am Sonntag für Hertha gegen den VfB Eichstätt? Wer steht gegen den FC Bayern in der Startelf?
Luxusproblem oder „Warten auf Selke“?
Eigentlich gab es eine klare Vorstellung bei Hertha BSC, als man 2017 die Rekordsumme von geschätzten 8,5 Millionen Euro hinlegte, um sich die Dienste von Davie Selke zu sichern. Der aus Leipzig gewechselte Mittelstürmer sollte mittelfristig Nachfolger von Vedad Ibisevic in der Sturmspitze werden.
Bis zur Verpflichtung von Lukebakio Herthas Rekordtransfer – Davie Selke (Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)
1,94 Meter groß, schnell, kopfballstark und vor allem eiskalt vor dem Tor: Selke war vom Profil her genau der Richtige, um in die großen Fußstapfen von Vedad Ibisevic zu treten. Doch bis heute hat sich keine endgültige Fackelübergabe ergeben, im Gegenteil. Vergangene Saison kam der Bosnier auf 1.821 Spielminuten in der Bundesliga, Selke auf 1.730. Dabei konnten beide Stürmer Scorerpunkte sammeln.
Ibisevic konnte zehn Treffer erzielen und drei Tore vorbereiten. Selke hat eine nahezu umgekehrte Statistik: er konnte nur drei Treffer erzielen, gab jedoch neun Torvorlagen ab. Beide Stürmer haben nicht die schlechteste Saison gespielt, aber eben auch keine so gute, als dass sich einer von beiden hätte klar durchsetzen können. Nicht einfach also für Trainer Covic, anhand der Statistik der letzten Saison eine Entscheidung zu treffen.
Selke mit der ersten kompletten Vorbereitung
Es lohnt sich also ein individueller Blick auf beide Spieler. Einer der Hauptgründe, warum sich Selke bisher noch nicht durchsetzen konnte, ist die Fitness. Sowohl 2017/18 als auch 2018/19 konnte er aufgrund von Verletzungen keine komplette Vorbereitung absolvieren, brauchte viel Zeit, um wieder in Form zu kommen. 2017/18 verpasste der ehemalige deutsche U-Nationalstürmer den kompletten Saisonstart, machte sein Bundesligadebüt für Hertha erst am 14.10.2019 gegen den FC Schalke 04. Damals folgten jedoch zehn Treffer in der Bundesliga und vier in der Europa League.
Im letzten Sommer erlitt Selke eine noch kompliziertere Verletzung (Pneumothorax). Er verpasste ebenfalls den Saisonauftakt, kam dann lange nicht in Schwung und wurde erst am 01.12.2019 in der Startelf eingesetzt. Sein Konkurrent Ibisevic hingegen ist durchgehend fit, war bis auf seine Sperren fast immer einsetzbar.
Diese Vorbereitung jedoch verläuft für Davie Selke bisher verletzungsfrei. Wie wichtig eine sorglose Vorbereitung sein kann, hat sich in jüngerer Vergangenheit bereits bei anderen Hertha-Spielern gezeigt. „Ich fühle mich sehr gut, fit und bereit. Immer wenn ich diesen körperlichen Stand hatte, konnte ich auf dem Platz Leistung zeigen“, sagte der 24-Jährige diese Woche im Interview.
Tore als Hauptargument
Selke und Ibisevic werden auch diese Saison eher selten zusammen stürmen (Foto: Thomas Starke/Bongarts/Getty Images)
Unter Leistung versteht Selke auch die Fähigkeit, viele Tore zu schießen. Wie bereits angesprochen, konnte er vergangene Saison viele Vorlagen geben. Aufzulegen sei jedoch nicht sein primäres Ziel. „Ich will jetzt wieder auf Tore umschalten. (…) Mein Ziel ist es, zweistellig zu treffen. Das ist mein Anspruch”, so der junge Stürmer. Auch im Konkurrenzkampf zwischen Ibisevic und Selke werden die Tore das Hauptargument sein. Das sieht auch Deutschlands Nationaltrainer Joachim Löw so. Dieser sagte diese Woche in Bezug auf Davie Selke: „Er ist ein positiver Spielertyp mit unglaublichem Engagement und Tempo. Das sind positive Ansätze, aber da muss auch noch ein Entwicklungsschub kommen. Ich würde mir wünschen, dass solch ein Spieler auch mal 12, 15 Tore in einer Saison erzielt.“
Wenn man sich die Vorbereitungsspiele diesen Sommer heranzieht, stehen beide Stürmer jeweils bei drei Treffern. Allerdings hinterließ bisher Ibisevic den besseren Eindruck. Fallrückziehertor und -Vorlage, schönes Kombinationsspiel, wie auch viel Kampf und Intensität in den Zweikämpfen – der Bosnier zeigte im Laufe der Vorbereitung, dass er trotz seines vorangeschrittenen Alters keineswegs abzuschreiben ist.
Die Bestätigung von Vedad Ibisevic als Kapitän durch Ante Covic könnte ein Hinweis darauf sein, dass dieser erneut eine zentrale Rolle spielen wird. Doch ein Kapitänsamt sichert keineswegs eine Stammplatzgarantie. Außerdem wird es auch wichtig sein, dass der temperamentvolle Angreifer seine Nerven im Griff hat. Eine erneute lange Rotsperre würde sicherlich kein gutes Argument für ihn sein.
Konkurrenz belebt das Geschäft
Selke soll wieder mehr Tore als Vorlagen schießen (Foto: Thomas Starke/Bongarts/Getty Images)
Wenn man von Fitness und guter Trainingsarbeit im Sturm von Hertha BSC spricht, muss man auch auf die restlichen Stürmer im Kader schauen. Pascal Köpke zählte bereits letzte Saison zu den Spielern, die im Training am meisten arbeiteten, jedoch aufgrund der Konkurrenzsituation keine wirkliche Rolle spielten. Auch in dieser Vorbereitung war er sicher nicht der Schlechteste, erzielte im Testspiel gegen West Ham United sogar einen Doppelpack.
Doch der von Erzgebirge Aue nach Berlin gewechselte Stürmer konnte in der letzten Spielzeit bei den Profis nur 68 Pflichtspielminuten sammeln. Auch in der neuen Saison wird es für den 23-Jährigen wohl nur wenige Einsatzchancen geben. Zuletzt sollte es Interesse von Dynamo Dresden geben, eine Leihe wäre sicher eine sinnvolle Lösung für alle Parteien. Eine weitere Saison auf der Bank oder Tribüne wäre sowohl für Hertha als auch für Köpke alles andere als optimal.
Redan und Kiprit für die Zukunft
Bisher nur Stürmer Nummer drei – Pascal Köpke (Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)
Weitere ernsthafte Konkurrenten in der Sturmspitze gibt es wohl erst einmal nicht. Der junge Muhammed Kiprit wird im Moment in der Regionalliga eingesetzt und scheint noch weit weg von einer Stammposition in der Profi-Mannschaft zu ein. Neuzugang Daishawn Redan konnte bereits im Trainingslager positiv auf sich aufmerksam machen. Er soll sich langfristig in die erste Elf spielen, diese Saison erstmal für die U23 stürmen. Er könnte aber, ähnlich wie sein Landsmann Javairo Dilrosun vergangene Saison, bereits in der neuen Saison einige Pflichtspielminuten sammeln und mit Joker-Einsätzen bei den Profis reinschnuppern.
Rekord-Neuzugang Dodi Lukebakio kann zwar auch in der Spitze spielen, wird allerdings mit großer Wahrscheinlichkeit eher auf den Außen eingesetzt werden. Dort hat Hertha am meisten Bedarf. Es wird also in der Sturmspitze ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Selke und Ibisevic. So oder so: Tore müssen her und beide Spieler haben bewiesen, dass sie wissen, wie man Tore schießt. Für Ibisevic ist es wohl die letzte Saison für den Hauptstadtverein, doch auch für Selkes Karriere ist es eine äußerst entscheidende Spielzeit. Für Herthas Zukunft wäre es von großer Bedeutung, wenn er jetzt endlich den nächsten Schritt machen würde.
Schweigen ist Silber, Redan ist blau-weiß! Gut, nachdem der obligatorische Wortwitz durchgekaut wurde, soll in diesem Artikel die Verpflichtung von Nachwuchsstürmer Daishawn Redan analysiert werden. Der 18-jährige Niederländer schließt sich bis 2024 der “Alten Dame” an und soll mit Maier, Dilrosun und co. die Zukunft des Vereins sein. Redan ist jedoch nicht nur eine Wette auf die kommenden Jahre, sondern auch ein weiterer Meilenstein in der Prestige-Entwicklung von Hertha BSC.
2,5 Millionen Euro ist keine Summe mehr, bei der Hertha-Fans wirklich hellhörig werden. So viel Geld hat man auch für Alexander Esswein in die Hand genommen und das war ein nur mäßig erfolgreiches Geschäft. Mittlerweile braucht es schon deutlich größere Zahlen, um einen Bundesliga-Kader zu verstärken und Aufmerksamkeit auf dem Transfermarkt zu erhaschen. Das hat sich auch in Berlin herumgesprochen und so fließen seit jüngstem spürbar mehr Taler von der Spree ab: ein Davie Selke kostete acht Millionen Euro, Valentino Lazaro insgesamt (Leihgebühr plus Ablösesumme) sogar 10,5 und Eduard Löwen, in diesem Sommer aus Nürnberg gekommen, ist mit sieben Millionen der bisherige Toptransfer der aktuellen Transferperiode. Zahlt Hertha angesprochene 2,5 Millionen Euro für einen gerade einmal 18-Jährigen mit absolut null Profi-Erfahrung, dann lohnt es sich hingegen, einmal genauer hinzuschauen.
Dey-Schon Re-dann. Bei Redan die Betonung auf der zweiten Silbe.
Ihr freundlicher Aussprechservice vom Team Damenwahl. #HaHoHe#Redan
— Damenwahl Podcast (@damenwahlberlin) July 19, 2019
Exzellente Ausbildung
Denn mit Daishawn Redan wechselt ein Talent nach Berlin, das vor lauter Vorschusslorbeeren wohl kaum noch laufen kann. Der gute Eindruck stellt sich bereits mit seinem abgebenden Verein, dem FC Chelsea, ein. Der Londoner Klub steht seit über einem Jahrzehnt für ein herausragendes Jugendspielerscouting, welches Talente sehr früh erkennt und in den europäischen Spitzenfußball geführt hat – zu nennen sind beispielsweise Romelu Lukaku, Kevin De Bruyne oder Mohamed Salah. Auch ein Callum Hudson-Odoi, seit Monaten vom FC Bayern München umgarnt, steht stellvertretend für die starke Jugendarbeit der “Blues”.
Foto: Marc Atkins/Getty Images
Hinzu kommt Redans Vergangenheit bei Ajax Amsterdam, eine der bekanntesten Talentschmieden der Fußballwelt. Dort haben zuletzt Spieler wie Matthijs de Ligt (Juventus Turin) oder Frenkie de Jong (FC Barcelona) den Weg in den Weltfußball gefunden, auch Herthaner Javairo Dilrosun hat eine Ajax-Vergangenheit. “Ich bin als Achtjähriger zu Ajax gekommen und habe dort das Fußballspielen wirklich von klein auf gelernt. Mit 16 bin ich dann nach England gegangen. Zu Beginn war es nicht leicht. Ich habe die Sprache nicht gut gesprochen, die Familie war weit weg und ich kannte das Leben in einem anderen Land nicht. Aber nach vier, fünf Monaten fühlte ich mich wohler”, beschreibt der Redan seinen Weg von seiner Heimat auf die Insel.
Hertha fasst die bisherige Karriere des Niederländers wie folgt in Zahlen zusammen: “Im Jahr 2017 wechselte Redan im Alter von 16 Jahren als amtierender niederländischer U17-Meister zum Chelsea FC. Für die U18 und U19 der Engländer gelangen dem flinken Offensivspieler in 29 Partien 18 Tore und sieben Vorlagen – darunter neun Treffer und fünf Assists in der UEFA Youth League. Zudem holten seine Teams ein Mal die Meisterschaft und ein Mal den Pokal. Für die U23 der ‘Blues’, in die Redan im Januar 2018 aufrückte, schoss er in 34 Pflichtspielen 14 Tore. Für die niederländischen Junioren-Nationalmannschaften lief das Nachwuchstalent 51 Mal auf (42 Tore), die U17 führte er 2018 als Kapitän zur Europameisterschaft.” Fakten, die sich allesamt sehen lassen.
Drogba, Kluivert, Redan
Doch Zahlen isoliert zu betrachten, ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Welchen Spielertypen bekommt Hertha mit Redan? “Daishawn ist schnell, laufstark und passt perfekt in unser Anforderungsprofil”, so die kurze Einschätzung von Manager Michael Preetz. Diese lässt sich mit den Eindrücken anderer gut abgleichen, denn ein aufmerksamer Beobachter des internationalen Jugendfußball beschrieb den 1,77m großen Mittelstürmer wie folgt: “Seine starke Physis erinnert an ein Droga-ähnliches Profil. Er kann das Spiel aufrechterhalten und kreiert Chancen für sich selbst oder seine Teamkollegen. Generell hat er einen starken rechten Fuß, aber auch einen anständigen linken”, sodass der 18-Jährige auch auf beide Flügel ausweichen kann. Weiter führt er aus: “Generell ist er auf den ersten Metern sehr schnell und gut darin, sich von seinem Verteidiger zu lösen, sodass er sich schnell mit und ohne Ball drehen kann. Das macht ihn unvorhersehbar und nur schwer greifbar.”
In der für einen Mittelstürmer wichtigsten Disziplin, dem Erzielen von Toren, brilliert Redan ebenso: “Seine größte Stärke ist allerdings sein Instinkt vor dem Tor. Er besticht mit sehr viel Ruhe und Coolness. Er kann quasi aus dem Nichts Tore erzielen.” Das belegen auch die bereits aufgeführten Zahlen im Verein wie Nationalmannschaft. Piet de Wisser, langjähriger Profi-Trainer und Mit-Entdeckter von Spielern wie Ronaldo, De Bruyne und Ajren Robben, sagte über Redan: “Er ist ein eiskalter Stürmer, der sehr leicht Tore schießt, was etwas ganz Besonderes ist, weil so schwer fassbar und hart zu trainieren – und das macht ihn wiederum zu etwas Besonderem.” So verwundert es nicht, dass 2017 neben Chelsea auch Vereine wie Manchester United und co. an Redan interessiert waren. Redan selbst sagt über sich: “Als eine Art Vorbild habe ich Patrick Kluivert. Ich mag es, vorne früh zu attackieren, um dann umzuschalten und zu treffen. Darum geht es!”
Lockvogel Bundesliga
Es stellt sich nach all den Lobpreisungen natürlich die Frage, warum solch ein talentierter Spieler den Schritt weg vom großen FC Chelsea hin zum Tabellenelften der zurückliegenden Bundesliga-Saison macht. Wenn Redan über solch ein riesiges Potenzial verfügt, neben Hudson-Odoi als eines der größten Academy-Talente Chelseas galt und mit Artikeln a la “Do Chelsea have a future world class striker in Daishawn Redan?” geadelt wird, warum dann Hertha?
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“Hertha BSC hat mir die beste Perspektive geboten! Ich hatte in den Gesprächen das Gefühl, dass ich hier den nächsten Schritt gehen kann. Ich möchte mich bei den Profis durchsetzen und in der Bundesliga spielen”, beantwortet Redan diese Frage und führt weiter aus:” Die Liga ist qualitativ stark, aber ich möchte meine Partien bekommen und auch Tore schießen. Nach meiner ersten Saison möchte ich sagen können, dass ich ein besserer Spieler geworden bin. Das ist mein Ziel.” Perspektive ist also das Stichwort. Mit Olivier Giroud, Michy Batshuayi und Tammy Abraham tummeln sich nicht gerade die schlechtesten Stürmer der Premier League bei den “Blues”, zumal die englische erste Liga als äußerst hartes Pflaster für Nachwuchsspieler gilt. Die Chancen, bei den Chelsea-Profis durchzustarten, hätten daher gen null gezeigt.
Und so geht Redan einen Weg, den zuletzt zahlreiche Talente von der Insel vorgemacht haben. Wenn es bei dem großen englischen Verein nichts wird, dann scheint der Umweg über die Bundesliga äußerst beliebt. Zuletzt haben Jadon Sancho (BVB), Ademola Lookman (Leipzig), Reiss Nelson (Hoffenheim) oder Reece Oxford (M’Gladbach und Augsburg) aufgezeigt, welch positiven Einfluss ein Wechsel nach Deutschland für die eigene Karriere haben kann. Seit einigen Jahren hat sich die Bundesliga einen Ruf als ausgezeichnete Ausbildungsliga erarbeitet, so zeigte die Statistik von ran.de aus dem Oktober letzten Jahres auf: “in der Bundesliga kommen schon 65 Spieler, die 21 oder jünger sind, auf mindestens zehn Einsätze. Das sind fast doppelt so viele wie in England.” Deutschlands U21-Nationalspieler Lukas Nmecha, der aktuell bei Manchester City unter Vertrag steht, bestätigte in einem Interview, dass sich die Erfolge von Sancho und co. bei den Jugendspielern in England herumsprechen, “Natürlich nehmen das alle wahr.” Aufgrund dessen ist die Bundesliga ein solch attraktives Ziel für Talente aus Großbritannien.
Auch bei Hertha hat ein Spieler diesen Karrieresprung bereits vorgemacht – Javairo Dilrosun. Der 21-jährige Landsmann von Redan wechselte vergangene Saison für 300.000 Euro von Manchester Citys zweiter Mannschaft nach Berlin und brauchte nicht einmal die komplette Hinrunde, um sich zum A-Nationalspieler Hollands zu mausern. “Javairo und ich kennen uns noch aus Amsterdam. Er ist ein wenig älter und hat immer eine Mannschaft über mir gespielt, aber wir haben uns immer gut verstanden und abseits des Platzes viel Zeit miteinander verbracht. Er ist ein guter Freund von mir”, erzählt Redan über ihr Verhältnis.
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Der Weg eines Dilrosuns wird Eindruck bei Redan und seinem Umfeld hinterlassen haben – “Wenn es bei Javairo klappt, warum dann nicht auch mit Daishawn?” Genauso Eindruck werden auch die Karrieren von Mitchell Weiser, Niklas Stark, Valentino Lazaro oder Marko Grujic hinterlassen haben, die durch den Wechsel zu den Blau-Weißen einen deutlichen Sprung machen konnten. Hertha hat sich durch seine exzellente Jugendarbeit, sei es mit Eigengewächsen oder extern dazugewonnen Talenten, einen Ruf erarbeitet, der ihnen neue Möglichkeiten schenkt. Im Rennen um Redan soll sich Hertha gegen Vereine wie Hoffenheim, Leverkusen und Dortmund durchgesetzt haben – allesamt keine Leichtgewichte auf dem Transfermarkt. Das ist das Ergebnis von nun schon jahrelanger Talentförderung und hoher Durchlässigkeit zu den Profis, die Manager Michael Preetz in den Gesprächen mit potenziellen Neuzugängen stolz präsentieren kann. Der Ruf Herthas arbeitet mittlerweile für und nicht gegen den Verein und lockt Spieler an die Spree, die vor ein paar Jahren vielleicht noch nicht einmal von Hertha gehört haben und für den nächsten Schritt lieber nach Dortmund, Lissabon oder Monaco gewechselt sind.
Damit ist nicht gesagt, dass Hertha in diese Riege von Vereinen vorgestoßen ist, jedoch scheint es für international angesehene Talente wie Dilrosun oder Redan mittlerweile sehr reizvoll, den Zwischenschritt in Berlin zu vollführen. Schließlich hat man hier alles: die Bundesliga als eine der stärksten Ligen Europas, gute Trainingsbedingungen, erfahrene Spieler wie Salomon Kalou oder Vedad Ibisevic als Ratgeber und mit Pal Dardai wie nun Ante Covic einen Trainer, der auf die Jugend setzt. Viel mehr braucht ein 18- bis 23-jähriger Spieler für seine Entwicklung nicht.
Eine Wette auf die Zukunft
Es wurde bereits aufgezeigt, welch großes Talent in Daishawn Redan zu schlummern scheint und welch starken Zuwachs an Prestige sich Hertha BSC in den vergangenen Jahren erarbeitet hat. Dennoch muss jeder etwaige Hype ausgebremst werden, denn damit ist überhaupt nicht in Stein gemeißelt, welchen Weg der 18-Jährige beim Hauptstadtklub nehmen wird. Redan ist blutjung, hat keinerlei Profi-Erfahrung und soll zunächst über die U23 aufgebaut werden – niemand kann sagen, ob und wie schnell der Mittelstürmer sich an das Profi-Geschäft gewöhnen wird.
Sicherlich hat Redan das Potenzial, ein überaus guter Spieler zu werden, doch wer kann das mit Gewissheit prognostizieren? Ein Muhammed Kiprit ist (noch) nicht zu dem Über-Stürmer geworden, den man zu seiner A-Jugend-Zeit versprochen bekommen hatte und ein Maximilian Mittelstädt hat sich in der vergangenen Saison deutlich besser entwickelt als von vielen vermutet. Will sagen: wie bei jedem Nachwuchsspieler muss abgewartet werden. Aktuell ist Redan somit nur eine Wette auf die Zukunft, doch bereits ein Statement für die aktuelle Situation von Hertha BSC.
Die Saisonvorbereitung ist bereits voll im Gange, doch werfen wir unseren Blick noch einmal auf die vergangene Spielzeit, insbesondere auf unsere Erwartungen in der Vorbereitung. Im Sommer 2018 hatten wir eine Artikelreihe über die Spieler veröffentlicht, für die wir besondere Erwartungen hegen. Wie haben sich diese „Prospects“ denn in der Saison 2018/19 geschlagen? Wie stehen ihre Chancen unter Neutrainer Ante Covic? Den Anfang machen wir mit Ondrej Duda.
„Diese Saison 2018/19 muss die des Ondrej Duda werden“ – diese These hatten wir im Artikel über den offensiven Mittelfeldspieler gewagt. Zweifellos hat die „Number Ten“ der Blau-Weißen auf sich aufmerksam gemacht. Die Saison des Slowaken hatte es in sich, mal mit Glanzleistungen, doch auch einige Male völlig unsichtbar. Die Leistung von Duda in der vergangenen Spielzeit zeigte einige Parallelen zur gesamten Mannschaftsleistung von Hertha BSC auf.
He Scores when he wants – ein Traumstart in die neue Saison
Die erste Parallele gab es schon früh in der Saison. Hertha startete mit zehn Punkten aus den ersten vier Spielen und stellte den Klub-eigenen Startrekord ein. In diesen ersten vier Partien erzielte Ondrej Duda vier Tore, darunter ein Doppelpack in Gelsenkirchen.
(Foto: Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images)
Im Anschluss konnten Duda und Hertha ihren Traumstart perfekt machen: Zuhause wurde der FC Bayern mit 2:0 geschlagen, der Slowake steuerte das zweite Tor der Blau-weißen bei. Die fehlende Konkurrenz auf seiner Position konnte er eindeutig für sich nutzen. Vor allem in dieser Phase zeigten sich auch die Stärken der Nummer Zehn, darunter auch die neue Gefahr durch Standards (zwei direkte Freistoßtreffer). Der Hauptstadtclub hatte nach langer Zeit wieder einen Spieler, der die Torjägerliste der Bundesliga anführte.
Doch nach dem historischen Erfolg gegen den FC Bayern stockte es bei der „alten Dame“. Es folgten drei Unentschieden und zwei Niederlagen. Duda selbst erzielte zwar einen Treffer gegen den SC Freiburg, verfiel jedoch in dieser Phase zu oft in alte Muster. Er war unauffällig, verlor viele Bälle durch Fehlpässe oder misslungene Dribblings. Insbesondere als es im November 2018 zu zwei Niederlagen kam, das 0:3 gegen RB Leipzig und das 1:4 gegen Fortuna Düsseldorf, ging das Spiel komplett an Ondrej Duda vorbei. Erneut zeigte sich, dass der 24-Jährige vor allem dann funktioniert, wenn er körperlich hundertprozentig fit ist. In dieser Phase schien er allerdings müde, hatt Schwierigkeiten so frei aufzuspielen, wie noch zu Beginn der Saison.
Die Hertha-Rückrunde
Dann startete die Rückrunde und dieses Mal begann diese für Hertha sogar vielversprechend. Ein 3:1-Sieg in Nürnberg (Doppelpack von Duda) und eine sehenswerte erste Halbzeit gegen Gelsenkirchen, in welcher Ondrej Duda das „Tor des Jahrzehnts“ von Marko Grujic per Hackentrick vorbereitete, machten Hoffnung auf eine lang ersehnte gute Rückrunde.
(Foto: Odd Andersen/AFP/Getty Images)
Die Hauptstädter besiegten sogar auswärts Borussia Mönchengladbach mit 3:0 und sorgten für großartige Stimmung an der Spree. Ein guter Rückrundenstart für Hertha, und auch für Duda: der Spielmacher sammelte in den ersten vier Rückrundenpartien drei Tore und zwei Vorlagen. Doch es sollte bis zum 04. Mai (32. Spieltag) dauern, bevor er sein nächstes Tor erzielen konnte. Die schlechteste Phase von Hertha in der Saison 2018/19 ist gleichzeitig auch Dudas schwächste Phase. Absoluter Tiefpunkt ist dabei die 0:5 Pleite in Leipzig am 27. Spieltag.
Die Saison endete für Hertha und Duda noch recht versöhnlich, wenn man die Pleite am letzten Spieltag gegen Bayer Leverkusen (1:5) außer Acht lässt. „Number Ten“ erzielte in den letzten drei Saisonspielen noch ein Tor und zwei Vorlagen und Hertha beendete die Spielzeit auf dem elften Tabellenplatz.
Eine Bilanz, die sich sehen lässt
Am Ende sprechen die Zahlen definitiv für Ondrej Duda. Elf Treffer, sechs direkte Torvorlagen und fünf Mal „Mann des Spiels“ in 30 Bundesliga-Einsätze sprechen eine eindeutige Sprache. Mit insgesamt 17 Torbeteiligungen war der Slowake bester Scorer der “Alten Dame”. Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, dass sein Marktwert seit dem 05.06.2019 stolze 17 Millionen Euro beträgt (im Vergleich: am 05.06.2018 waren es „nur“ 3 Mio. €). Die „letzte Chance“, die hohen Erwartungen als Königstransfer von 2016 zu erfüllen, hat er eindeutig genutzt.
Was auch auffällt: zeigte Duda starke Leistungen, so spielte Hertha auch gut. War Hertha schwach, war auch Duda schwach. Doch wer ist von wem abhängig? Was war zuerst da: die Henne oder das Ei? Fakt ist: wenn es mal nicht lief, konnte Ondrej Duda allein das Ruder nicht umreißen (muss er als einer von elf Spielern auf dem Feld auch nicht), aber er ist zweifellos einer der wichtigsten Säulen unter Ex-Trainer Pal Dardai gewesen.
Seine Chancen unter Ante Covic
(Foto: Odd Andersen/AFP/Getty Images)
Was Herthas neuer Coach Ante Covic vom Slowaken hält, zeigte sich bereits beim Trainingsauftakt. Dort konnte man unter anderem die Vertragsverlängerung des besten Torschützen der vergangenen Saison feiern. Dazu kommen die Verlängerung von Marko Grujic und die Verpflichtung von Eduard Löwen. Das zentrale Mittelfeld von Hertha kann sich personell sehen lassen, die Konkurrenzsituation wird dieses Jahr also intensiver werden als im vergangenen. Mit Arne Maier, Vladimir Darida, Per Skjelbred und Sidney Friede stellen sich zahlreiche Mitbewerber für die Startelf an. An Duda wird jedoch wohl, sollte er fit bleiben, auch für Covic kein Weg vorbei gehen.
Abschließend lässt sich sagen, dass unsere Erwartungen an Duda erfüllt wurden und es wirklich „sein Jahr“ wurde. Es bleibt also nur noch zu hoffen, dass er fit bleibt, eine ganze Vorbereitung durchmacht und das „He scores when he wants“-Lied von Salomon Kalou kein One Hit Wonder bleibt. Auf die nächste Rolex!
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