Herthas U23 – Wie schlägt sich Berlins Zukunft?

Herthas U23 – Wie schlägt sich Berlins Zukunft?

Während die erste Bundesliga bisher nur zum dritten Spieltag fortgeschritten ist, spielte die Truppe von Andreas „Zecke“ Neuendorf in der Regionalliga bereits gegen neun verschiedene Gegner aus dem Nordosten Deutschlands. Zeit für einen Blick auf den Saisonstart, den Kader und einige Einzelspieler der U23.

Noch läuft nicht alles

Bei der zweiten Mannschaft von Hertha BSC hat sicherlich die Weiterentwicklung der Jugendspieler Vorrang gegenüber dem sportlichen Erfolg. Dennoch wollen wir hier einen kurzen Blick auf die gesamtmannschaftliche Lage in der Anfangsphase der Regionalligasaison werfen.  Schaut man auf die Ergebnisse der ersten neun Spiele bis zur Länderspielpause, deutet sich ein recht durchwachsener Saisonbeginn an. Drei Siege, drei Niederlagen und drei Remis bei einem Torverhältnis von elf geschossenen zu viertzehn kassierten Toren konnte die U23 verbuchen. Anders als in der vergangenen Saison, in die man mit sechs Siegen aus den ersten sieben Spielen sehr erfolgreich gestartet war, glich die Anfangsphase dieser Saison eher einem Auf und Ab. Denn den zwei siegreichen ersten Spielen folgte eine Phase aus sechs Spielen in denen man sieglos blieb, darunter auch eine 2:5-Niederlage gegen den Berliner AK. Zuletzt konnte man sich wieder etwas fangen und die Spiele vor der Unterbrechung etwas erfolgreicher gestalten. Dennoch läuft in einigen Bereichen noch nicht alles wie gewünscht.

Foto: IMAGO

Ein paar mögliche Ursachen und Umstände dafür, dass bei der Mannschaft von Andreas „Zecke“ Neuendorf noch nicht alles optimal läuft, lassen sich aber herausarbeiten. Ein Grund dafür mag sicherlich der Umbruch im Kader sein, der in diesem Jahr besonders groß war. Insgesamt sieben Spieler aus der U19 sind nun fester Bestandteil der zweiten Mannschaft und müssen sich teilweise erst an den Männerfußball in der Regionalliga gewöhnen. In der verkürzten Vorbereitung fehlte außerdem Zeit, um sich als Team besser zusammenzufügen und das Zusammenspiel zu verbessern. Das Resultat: in der Mannschaft fehlt es an Abstimmung und man ist auf dem Platz noch nicht so gut aufeinander eingespielt. Ganz ähnliche Probleme also wie in der Profimannschaft von Bruno Labbadia.

Dass viele junge Spieler die Vorbereitung nicht in der zweiten Mannschaft mitmachten, sondern zunächst bei den Profis trainierten und teilweise eher spontan zum Team stoßen, mag ein weitere Ursache für dieses Problem sein. Darunter litt auch das Offensivspiel der Mannschaft, bei dem viel Wert auf gut abgestimmte und schnelle Kombinationen gesetzt wird. Man zeigte zwar fast nie eine schlechte Leistung, doch die aus den vergangenen Jahren bekannte offensive Wucht und Dominanz konnte man bis jetzt kaum zeigen. Trotz mehr Ballbesitz blieb man oft zu ungefährlich und zeigte sich defensiv wiederum anfällig. Die Länderspielunterbrechung könnte der zweiten Mannschaft hier jetzt entgegenkommen. Zwar muss man auch einige Spieler für die Jugendnationalmannschaften abstellen, jedoch ist die Zahl der Spieler hier deutlich geringer als beim Team von Bruno Labbadia. So kann man die Trainingszeit gut nutzen, um besser als Team zusammenzuwachsen und die Abstimmung zu verbessern, sodass man in der Tabelle wieder etwas nach oben klettert.

Erwartbare Inkonstanz

Der kleinere Leistungseinbruch soll hier aber auch gar nicht größer gemacht werden, als er war. In einer Krise befindet sich die Mannschaft keineswegs und eine gewisse Inkonstanz war sogar zu erwarten. Denn die Mannschaft ist das jüngste Team der Liga und gleicht in vielen Teilen eher einer U21 als einer U23. So ist nach dieser ersten Saisonphase unter den zehn Spielern mit den meisten Einsatzminuten nur ein Spieler gewesen, der älter als 21 ist. Und das ist der 30-jährige Kapitän Tony Fuchs. 16 Spieler aus dem Kader sind 19 Jahre alt oder jünger. Ein so junges Team darf Fehler machen. 

Umso erstaunlicher ist es, dass man weiterhin nahezu jeden Gegner, was die Ballbesitz und Passzahlen angeht, dominiert. Und das gegen Spieler, die zum Teil zehn Jahre älter und körperlich deutlich weiter und robuster sind. Nur an offensiver Durchschlagskraft und Effizienz vor dem Tor mangelt es dem Team aktuell ein wenig. Aber auch das ist wenig überraschend, da der Toptorschütze der letzten Saison, Muhammed Kiprit, zum Drittligisten Uerdingen wechselte und Jessic Ngankam, Spieler mit den meisten Scorerpunkten in der letzten Saison, zuletzt vor allem bei den Profis zu finden war. Nachrückende Spieler benötigen meist etwas Zeit, um sich an das gesteigerte Niveau zu gewöhnen. Geduld ist gefragt und die bringt Trainer „Zecke“ Neuendorf mit.

Auffällige Einzelspieler

Abgänge und Umbruch bedeuten auch es gibt einige neue Gesichter, die sich nun in der Mannschaft von Zecke Neuendorf zeigen können. Wir wollen nun einen kurzen Blick auf einige Einzelspieler werfen, die über die letzten Wochen aufgefallen sind oder neu im Team sind.

Jonas Michelbrink

Michelbrink ist einer von nur drei Spielern, die bisher in jedem Spiel der Saison auf dem Platz standen. Diese Zeit nutzte er gut und machte mächtig auf sich aufmerksam. Michelbrink spielt in der U23 auf der Zehn und war in der letzten Saison Stammspieler in der U19. Dort stand er aber immer ein wenig im Schatten von Lazar Samardzic. Nun nutzte der 19-Jährige seine Chance und konnte besonders zu Saisonbeginn seine Stärken fantastisch auf den Platz bringen. Der gebürtige Hannoveraner bringt eine tolle Technik sowie eine gute und vor allem enge Ballführung mit. Das macht ihn für seine Gegenspieler schwer zu greifen und er kann sich auch im dicht besetzten Zentrum mit Ball am Fuß behaupten.

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Außerdem verfügt er über eine gute Übersicht. Immer wieder gelingt es ihm mit seinem starken rechten Fuß seine Mitspieler gut einzusetzen und Gefahrensituationen zu kreieren. Wenn sich die Gelegenheit bietet, setzt Michelbrink auch gerne mal zu einem Dribbling an. Wie zum Beispiel am dritten Spieltag beim Auswärtsspiel gegen Chemie Leipzig als er mit einem tollen Dribbling an seinem Gegenspieler vorbeiging und so von links in den Strafraum eindringen konnte. Kurz vor dem Tor legte er dann überlegt zu Muhammed Kiprit rüber, der dann zum 1:0 verwandeln konnte.

In den letzten Spielen zeigte Jonas Michelbrink sich nicht mehr ganz so auffällig, gehörte aber definitiv zu den besseren Spielern im Team. Insgesamt ist Michelbrink aber ein Spieler, der das Offensivspiel der U23 mit seiner Kreativität beleben kann und dem zurzeit recht dezimierten Regionalligapublikum mit seinen Aktionen immer wieder ein Raunen entlockt. Schafft er es, sich auch in schwierigen Spielen noch mehr zu zeigen, kann man mit einer tollen Saison bei der U23 von ihm rechnen. Seine gute Leistung wurde nun auch von Cheftrainer Bruno Labbadia honoriert indem er Michelbrink während der Länderspielpause erste Trainingseinheiten bei den Profis mitmachen ließ.

Luca Netz

Netz gilt als eines der größten Talente bei Hertha und sogar in Deutschland. Hinter ihm liegt ein turbulenter Sommer mit einer Verletzung, einer Auszeichnung mit der Fritz-Walter-Medaille und seiner ersten Saisonvorbereitung bei den Profis. Als die Saison bei den dann Profis begann, sammelte Luca Netz seine ersten Einsätze bei der zweiten Mannschaft, um Spielpraxis zu bekommen. Netz ist der einzige Spieler aus dem 2003er-Jahrgang im Team von „Zecke“ Neuendorf und er könnte mit seinen 17 Jahren eigentlich noch bei der U17 spielen.

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Drei Spiele machte der Linksverteidiger bisher in der Regionalliga und konnte seine Qualitäten bereits recht gut einbringen. Er ist ein Linksverteidiger, der sich sehr gerne am Offensivspiel beteiligt und immer wieder tief in der gegnerischen Hälfte zu finden ist. Mit Ball sucht er gerne den direkten Weg in den Sechzehner, auch mal mit einem cleveren Dribbling, oder zur Grundlinie. So kommt er gut in Positionen aus denen er gefährliche Hereingaben ins Zentrum spielen kann. Besonders im Spiel gegen den Chemnitzer FC am 8. Spieltag konnte mehrfach solche Hereingaben von ihm beobachten. Halbherzige Halbraumflanken sieht man also von ihm eher weniger.

Um rechtzeitig wieder auf seine Position im Spiel gegen den Ball zu kommen, verfügt er über das nötige Tempo und ist außerdem recht laufstark. Er muss bei seiner Defensivarbeit aber noch etwas konsequenter werden. Die Regionalliga ist da sicher ein guter Zwischenschritt für ihn, um auch sein Zweikampfverhalten noch zu verbessern.

Ruwen Werthmüller

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Werthmüller kam genau wie Michelbrink dieses Jahr von der U19 zur zweiten Mannschaft von Hertha BSC und stand ebenfalls bisher in jedem Spiel auf dem Platz. Er spielt bevorzugt im Sturmzentrum oder auf der linken Außenbahn. Seine größte Stärke ist sicherlich seine hohe Endgeschwindigkeit gepaart mit einem guten Antritt. So kann er immer wieder zu gefährlichen Tiefenläufen ansetzten und sorgt besonders dann für Gefahr, wenn er mit hoher Geschwindigkeit auf das gegnerische Tor oder die Abwehr zu laufen kann. Wie zum Beispiel am ersten Spieltag, als Lok Leipzig in der Schlussphase noch einmal Druck machte, aber der eingewechselte Werthmüller bei einem Konter denn Ball entscheidend in Richtung des Strafraums trieb und so das entschiedene 3:1 vorbereitete.

Da Hertha jedoch sehr häufig gegen tiefstehende Gegner spielt, kommt es nicht allzu oft zu solchen Situationen. Das Kombinationsspiel und die Technik gehören nicht zu Werthmüllers größten Stärken. So gab es Spiele, in denen er kaum auffiel und wenig Gefahr ausstrahlte. Und auch vor dem Tor muss der Schweizer noch effizienter werden. Unter Trainer Neuendorf erhält die nötige Spielpraxis, um sich in diesen Bereichen noch zu verbessern und weiterzuentwickeln.

[Titelbild: IMAGO]

Vorerst keine Berichterstattung zum Spielbetrieb

Vorerst keine Berichterstattung zum Spielbetrieb

Liebe Hertha BASE Gemeinde,
nach längeren Überlegungen haben wir uns dazu entschlossen, unsere gewohnte Berichterstattung rund um Vorberichte, Nachberichte, Einzelkritik, etc. zu den bevorstehenden Spielen von Hertha BSC vorerst einzustellen. Hierbei spielt das Wort “vorerst” eine bedeutende Rolle.

Wir sind der Meinung dass in der aktuellen Situation andere, wesentlich wichtigere und sinnvollere Themen mehr Aufmerksamkeit verdient haben oder benötigen. Der Fußball, wie wir Ihn lieben, hat einen wichtigen Platz in unserem Leben, aber bei weitem keine Sonderstellung gegenüber wichtigeren Themen wie Gesundheit und Gleichberechtigung.

Wir werden den Rest der Rückrunde sicherlich nicht schweigen und Dinge, wenn sie uns denn auffallen, kritisch benennen. Hier geht es eher um die Frage, ob man in diesen Zeiten und mit unserer Haltung zur Wiederaufnahme des Spielbetriebs einen ganz normalen Vorbericht veröffentlichen kann und wie gewohnt nach dem Spiel die Leistungen der Spieler bewertet. So zu tun, als wäre alles wieder normal – es fühlt sich schlichtweg falsch an, oder zumindest grotesk.

Wir wollen uns die Ausführungen des DFL-Konzepts zunächst einmal mit kritischem Blick ansehen und eventuell in ein paar Wochen wieder einsteigen. Wir lassen es also für uns offen, ggf. doch noch über die Restsaison zu berichten. Wir alle sollten uns in der aktuellen Zeit davor hüten, definitive und endgültige Aussagen/Voraussagen zu treffen – wir wissen einfach zu wenig und können die momentanen Entwicklungen nicht vorausahnen. Wie alle anderen müssen auch wir als Blog unseren Weg finden, mit der aktuellen Situation umzugehen, weshalb wir auch nicht sagen können, wie wir den Sachverhalt in beispielsweise drei Wochen beurteilen werden.

Selbstverständlich werden wir weiterhin allgemeine Artikel schreiben und unseren Podcast weiterführen. Den Podcast wollen wir hierbei ein wenig ausklammern, weil es in diesem Rahmen leichter sein wird, alle Themen der bevorstehenden Spiele miteinander zu vermischen. Es lässt sich leichter wiedergeben, dass man das Spiel gesehen hat und was gut/schlecht war, aber es einen emotional z.B. nicht berührt hat. Emotionen sind im Podcast noch viel leichter wiederzugeben, zumal dieser weniger feste Formate hat, als es beispielsweise ein Vorbericht ist.

Wir hoffen, ihr versteht unsere Überlegungen. Bleibt gesund und glücklich!

HaHoHe,
euer Hertha BASE (sorry.)

Kann Michael Preetz (Co-)Trainer auswählen?

Kann Michael Preetz (Co-)Trainer auswählen?

Hertha BSC erlebt derzeit turbulente Zeiten – nicht nur wegen den Querelen, ob und wo das neue Stadion hinkommen soll. Auch bei der sportlichen Leitung stehen Umbrüche an, denn Co-Trainer Widmayer wird gehen. Auch diese Herausforderung muss Michael Preetz bewältigen.

Bereits länger offiziell: Co-Trainer Rainer Widmayer wird Hertha BSC zum Saisonende verlassen und zu seinem Heimatverein VfB Stuttgart wechseln. Sicherlich ist der Abgang von Widmayer mit seinen Fähigkeiten im taktischen Bereich ein Verlust. Er kann jedoch auch eine Chance für die Berliner sein. Hier muss Manager Michael Preetz einen geeigneten Nachfolger finden, der dem Trainerteam und damit der Mannschaft neue Impulse gibt und so die Entwicklung vorantreibt. Doch kann Michael Preetz Co-Trainer aussuchen?

Die derzeitige sportliche Situation ist enttäuschend

Nach der 5:0 Klatsche gegen Leipzig herrscht bei Hertha BSC große Ernüchterung. Das (heimliche) Ziel Europa ist in fast unerreichbare Weite gerückt und auch der aktuelle Trend (nur ein Sieg aus den letzten fünf Spielen) enttäuscht. Das Saisonziel “einstelliger Tabellenplatz” ist nur noch mit viel Mühe und Anstrengung zu erreichen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Berliner einstellig abschließen, liegt zusammengerechnet bei 13%.

Tabelle von Goalimpact

In Reaktion auf die desaströse Niederlage gegen Leipzig hat Manager Michael Preetz an der Mannschaft Kritik geübt, aber auch gegenüber Pal Dardai die Zügel angezogen. Gegenüber dem Kicker sagte er:

Den vom Coach gern geäußerten Verweis auf die Zukunft (“Wenn die Mannschaft zusammenbleibt, kann etwas entstehen.”) kontert Preetz: “Im Moment ist die Mannschaft zusammen. Da darf gern jetzt mehr kommen.” 

Bereits in der Winterpause – in Reaktion auf eine desolate Leistung in Leverkusen (1:3) – hat Preetz Dardai angezählt und ein besseres Abschneiden in der Rückrunde als in den vergangenen Jahren gefordert:

Den Namen Pal Dardai nannte der Manager nicht. Aber der Trainer sollte sich ebenfalls angesprochen fühlen. Für Einstellung und Fokussierung zu sorgen, ist elementarer Teil des Trainer-Handwerks. Das Verletzungspech, das Hertha zweifellos geplagt hat, lässt Preetz nur zum Teil gelten. […] Dann nimmt Preetz sowohl den Trainer als auch die Mannschaft in die Pflicht: „Wir sollten auch mal den Beweis antreten, dass wir in der Lage sind, eine bessere Rückrunde als Hinrunde zu spielen.“ Hintergrund: Hertha hat unter Pal Dardai in allen drei ­Saisons auf eine gute Hin- eine ­schwächere Rückserie ­folgen lassen.

Nicht nur neuer Co- sonder auch neuer Cheftrainer?

Bislang konnte der Trainer und die Mannschaft in der Rückrunde nicht vollends überzeugen. Es ist auch mehr als fraglich, ob in den verbleibenden Spielen, in denen es für die Herthaner um nichts mehr geht, noch die große Trendwende geschafft wird. So ist überaus wahrscheinlich, dass Hertha BSC sportlich enttäuscht die Saison 2018/19 abschließen wird.

Der Super-GAU wäre jedoch, wenn die Mannschaft die verbleibenden sieben Spiele komplett abschenken würde. Sicherlich bieten sich die restlichen Partien dafür an, jungen Spielern Einsatzzeiten zu geben, aber darunter darf nicht der sportliche Erfolg leiden. Unter anderem geht es noch gegen Düsseldorf, Hannover, Stuttgart und Augsburg – Gegner bei denen Hertha BSC den Anspruch haben muss, zu gewinnen. Schafft es Dardai nicht, die Saison ordentlich und gesichtswahrend zu Ende zu bringen, könnte auch er – trotz Vertragsverlängerung im Dezember 2019 – in Frage gestellt werden.

In der Bundesliga kann immer alles passieren

Es gibt also die (aktuell sehr unwahrscheinliche) Möglichkeit, dass Michael Preetz am Ende der Saison nicht nur einen neuen Co-Trainer, sondern unter Umständen auch einen neuen Cheftrainer suchen muss. Das in der Bundesliga die komischsten Sachen passieren können, sieht man derzeit sehr gut bei Borussia Mönchengladbach, wo Dieter Hecking zum Saisonende gehen muss. Bevor aber voreilig ein Trainerwechsel auch bei Hertha BSC gefordert wird, sollte man sich anschauen, wie gut Michael Preetz überhaupt im Bereich “Trainerauswahl” ist.

Bislang hat Preetz neun Trainer eingestellt. Davon waren drei (Karsten Heine, Rainer Widmayer und René Tretschok) nur interimsweise eingesetzt. Sechs Cheftrainer hat Preetz bislang berufen und seine Erfolgsquote dabei kann durchaus als durchwachsen bezeichnet werden.

Funkel – unangefochten in den Abstieg

Nachdem Lucien Favre im September 2009 überraschend sich selbst entließ, holte Preetz Friedhelm Funkel, um die arg abstiegsgefährdeten Berliner zu retten. Funkel war insgesamt 270 Tage im Amt, hat die Berliner 33 Spielen (Liga und Europa League) betreut und dabei in der Bundesliga im Schnitt 0,94 Punkte pro Spiel geholt. Trotz sportlicher Talfahrt konnte Preetz sich nicht zu einem erneuten Trainerwechsel durchringen und hielt an Funkel fest. Konsequenz war dann der Abstieg als Tabellenletzter.

Funkel konnte den Abstieg nicht verhindern (Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

Babbel – sportlich erfolgreich, privat fraglich

Um einen Neustart in der 2. Bundesliga zu garantieren, wurde dann zur neuen Saison Markus Babbel geholt. Der damals noch junge Trainer war zuvor nur beim VfB Stuttgart als Co- und dann Cheftrainer tätig. Preetz ist mit dieser Personalie durchaus ins Risiko gegangen. Dies hatte sich jedoch gelohnt, da Babbel Aufbruchstimmung verbreitete und mit der Mannschaft den sofortigen Wiederaufstieg schaffte. Die Zusammenarbeit endete jedoch abrupt im Dezember 2011, kurz vor einer eigentlich schon sicheren Vertragsverlängerung. In Reaktion auf den Vorwurf der Lüge entließt Preetz den Trainer kurzerhand. Trotz eines wohl bewegten Privatlebens war Babbel mit den Berlinern sportlich durchaus erfolgreich. Zum Zeitpunkt seiner Entlassung stand Hertha BSC als Aufsteiger auf einem soliden 11. Tabellenplatz mit vier Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz. Insgesamt erzielte Babbel in seiner Amtszeit einen Punkteschnitt von 1,87.

Schaffte den direkten Wiederaufstieg: Markus Babbel (Foto: Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)

Skibbe – kurz und schmerzvoll

Als Nachfolger von Babbel holte Preetz dann in der Winterpause “im Alleingang” Michael Skibbe. Preetz zahlte für Skibbe sogar eine Ablöse in Höhe von 250 000 Euro an den türkischen Klub Eskisehirspor. Der Gelsenkirchener konnte bis dahin eine solide Trainerkarriere ohne große Erfolge (Vize-Weltmeister 2002 als Co-Trainer und Türkischer Supercupsieger 2008 mit Galatasaray Istanbul) vorweisen. Als Vereinstrainer war er unter anderem bei Bayer Leverkusen und Eintracht Frankfurt tätig, wurde dort jedoch jeweils entlassen.

Michael Skibbe war bereits nach sechs Woche nicht mehr Trainer bei Hertha BSC (Foto: Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)

Die Zeit bei Hertha BSC endete für Michael Skibbe bereits im Februar nach nur fünf Spielen. In vier Liga- und einem Pokalspiel kassierten die Berliner unter Skibbe nur Niederlagen. Preetz hatte hier aus der Abstiegssaison 2009/10 und dem zu langem Festhalten an Friedhelm Funkel gelernt und im Winter 2012 umso früher die Reißleine gezogen. Doch obwohl Preetz schnell handelte, kam damals Kritik am Manager auf. Ihm wurde vorgeworfen, dass er weder “Kenntnis der Branche noch [eine] stringente Strategie” habe.

Rehhagel – betreutes Absteigen

Um die Saison zu retten und das Minimal Klassenerhalt zu erreichen, wurde Trainer-Legende Otto Rehhagel (damals 73 Jahre alt) reaktiviert. Zu diesem Zeitpunkt war “König Otto” bereits zwei Jahre im Ruhestand und hatte seit zwölf Jahren keine Vereinsmannschaft mehr trainiert. Von 2001 bis 2010 hatte er die griechische Nationalmannschaft trainiert und dabei im Jahr 2004 wohl eines der größten Fußballwunder vollbracht: den Gewinn der Europameisterschaft mit Griechenland.

War in Berlin kein König mehr: Otto Rehagel (Foto: PATRIK STOLLARZ/AFP/GettyImages)

Mit Hertha BSC gelang Rehhagel – unterstützt vom Co-Trainergespann René Tretschok und Ante Covic – jedoch kein erneutes Fußballwunder. Die Saison endete im größten Schockerlebnis der jüngeren Hertha-Geschichte: der Abstieg in der Relegation gegen Fortuna Düsseldorf. Rehhagel holte in 14 Spielen nur drei Siege, drei Unentschieden und kassierte 8 Niederlagen (Punkteschnitt 0,86).

Luhukay – sicher und einfach

Nach dem Abstieg brauchte Hertha BSC dann wieder einen neuen Trainer. Diesen fand Preetz in Person von Jos Luhukay. Der Niederländer hatte zuvor in Augsburg seinen Vertrag gekündigt. Mit Luhukay konnte Preetz die lang ersehnte Kontinuität auf der Trainerposition herstellen – insgesamt 949 Tage war er bei Hertha BSC im Traineramt. Jos Luhukay hatte zuvor bereits mit Borussia Mönchengladbach und dem FC Augsburg den Aufstieg in Liga 1 geschafft. Dies gelang ihm auch in Berlin.

Vor Dardai war Jos Luhukay der Trainer mit der längsten Amtszeit unter Preetz (Foto: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images)

Auch in seiner ersten Bundesligasaison konnte Luhukay überzeugen. Er führte die Berliner mit einfachen taktischen Mitteln und einem Punkteschnitt von 1,21 pro Spiel auf einen soliden 11. Tabellenplatz am Ende der Saison. In seiner dritten Saison mit Hertha ging es sportlich allerdings bergab. Luhukays erfolgreicher Ansatz war mittlerweile von den Ligakonkurrenten entschlüsselt. Er konnte der Mannschaft auch im Wintertrainingslager 2015 keine neuen Impulse mehr geben. Luhukay holte in dieser Saison nur noch 0,95 Punkte pro Spiel. Es wurde schließlich am 19. Spieltag von Preetz entlassen, als Hertha auf einen direkten Abstiegsplatz abgerutscht war und in den ersten beiden Rückrundenspielen keinerlei spielerische Entwicklung deutlich wurde.

Dardai – von der Interims- zur Dauerlösung

Als kurzfristigen Ersatz nahm Michael Preetz dann den damaligen U15-Nachwuchstrainer Pal Dardai in die Pflicht. Dardai sollte die verunsicherte Mannschaft übernehmen und stabilisieren. Die Wahl von Vereinslegende und Rekordspieler Dardai war für Preetz durchaus riskant. Der junge Trainer hatte noch nicht einmal sein Trainerdiplom, weswegen ihm der erfahrene Rainer Widmayer an die Seite gestellt wurde. Ebenso war der Ungar auch noch nebenbei als Nationaltrainer seines Heimatlandes beschäftigt. Doch Dardai lieferte ab und verhinderte hauchdünn den Abstieg. Insgesamt schaffte er es, den schlingernden Verein in der Bundesliga fest zu verankern und mit geringen finanziellen Mitteln eine junge Mannschaft mit vielen Talenten und Eigengewächsen zu formen. Dardai baute kontinuierlich den Kader um, indem er Spielern, die er nicht mehr brauchte, rigoros den Abschied nahe legte. Seit Amtsantritt kommt Dardai in der Liga auf einen Schnitt von 1,39 Punkte pro Spiel. Nach Helmut Kronsbein und Jürgen Röber ist Dardai der Trainer mit der drittlängsten Amtszeit.

Seit 2015 sagt Dardai bei Hertha BSC wo es lang geht (Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images)

Dardai war für Preetz ein Glücksfall, denn der Erfolg des Duos Dardai/Widmayer war nicht vorhersehbar. Mit dem Ungarn herrscht seit vier Jahren Kontinuität auf der Trainerposition. Dabei ist der Trainer Dardai nicht mehr der gleiche wie 2015. Er hat es immer wieder durch seine Lern- und Wandlungsfähigkeit geschafft, sich weiterzuentwickeln. Dadurch konnte er auch immer wieder dem Team neue Impulse geben. So spielt Hertha BSC seit dieser Saison öfters mit Dreierkette und zeigt sich taktisch variabler, als in den vergangenen Spielzeiten. Sollte Dardai irgendwann an das Ende seiner Entwicklung als Trainer gelangen und deswegen dem Team keine neuen Impulse mehr geben können, droht der Stillstand. Und Stillstand ist im umkämpften Geschäft der Bundesliga quasi mit Rückschritt und Misserfolg gleichzusetzen.

Die Trainerbilanz von Preetz ist ausbaufähig

Sollte Preetz zu der Einschätzung kommen, dass Dardai am Ende seiner Entwicklung ist oder die aktuelle Saison in einem Desaster enden oder Dardai von selbst das Traineramt aufgeben, dann müsste ein neues Trainergespann gefunden werden. Die Suche wäre vornehmlich die Aufgabe von Preetz. Der Manager hat in solchen Situationen bislang ganz unterschiedliche Lösungen gefunden. Dabei ist seine Erfolgsbilanz eher gemischt. Zwei Mal konnte Preetz mit seinen Trainerentscheidungen nicht den Abstieg verhindern. Dafür hat er den direkten Wiederaufstieg mit zwei klugen (und teilweise mutigen) Besetzungen gesichert.

Preetz musste – oder durfte – bislang noch nie einen Trainer verpflichten, der in der ersten Liga den nächsten Entwicklungsschritt in einer weitgehend gefestigten Mannschaft vollziehen soll. Bislang hat er nur in Krisensituationen Trainer verpflichtet oder wenn es um den Neustart in der zweiten Bundesliga ging.

Kein gutes Auge für Trainer? (Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

Bei den Trainer-Entscheidungen gab es immer wieder Kritik, dass es Preetz an “Kenntnis der Branche [und einer] stringenten Strategie” mangelt. Inwieweit dies 2019 immer noch zutrifft, ist fraglich. Allen Trainerentscheidungen ist jedoch gemein, dass sie nicht im Lichte einer von der sportlichen Führung vorgegebenen Ausrichtung oder Spielidee getragen wurden. Alle Trainer konnte ihre eigenen Vorstellungen einbringen und bekamen auch die jeweils gewünschten Spieler. Dies wurde insbesondere unter Babbel, Luhukay und Dardai deutlich.

Vor der (Co-)Trainerfrage sollten andere Fragen beantwortet werden

Bevor also die Fragen diskutiert werden, ob Pal Dardai noch der richtige Trainer ist und wer als Nachfolger von Co-Trainer Rainer Widmayer am besten geeignet wäre, müssten zunächst auf der strategischen Ebene einige Fragen diskutiert und beantwortet werden. Welche Art von Fußball will Hertha BSC spielen? Darf es pragmatisch sein oder soll das Team offensiv-mitreißend spielen? Was ist die Anspruchshaltung des Vereins? Möchte Berlin nur Ausbildungsverein und Sprungbrett für potentielle Nationalspieler sein oder zukünftig auch mal Leistungsträger langfristig halten?