Kaderanalyse 2020/21 – Herthas Mittelstürmer

by | Jul 4, 2021 | Spieler | 0 comments

Endlich ist die Alptraum-Saison 2020/2021 vorbei. Nach einer hochemotionalen Schlussphase gab es doch noch ein „Happy End“ für Hertha BSC. Diese verrückte Spielzeit haben wir sehr ausführlich in unserer Saisonrückblick-Podcastfolge besprochen. Doch jetzt wollen wir uns der Kaderanalyse widmen. Dabei gehen wir nicht nur auf die abgelaufene Saison ein, sondern werfen auch einen Blick nach vorne. Welche Kaderstellen müssen Bobic, Dufner, Friedrich und co. noch dringend bearbeiten? Wo hat man Bedarf, welche Spieler werden wohl den Verein verlassen?

Im sechsten und letzten Teil unserer Kaderanalyse widmen wir uns dem Mittelsturm. Wie haben sich Herthas Stürmer geschlagen und wie sieht die Lage für die neue Spielzeit aus?

Piatek und Córdoba – der unmögliche Vergleich

Foto: Matthias Koch / IMAGO

Wenn eine Mannschaft zwei so gute Stürmer wie Krzysztof Piatek und Jhon Córdoba in den eigenen Reihen hat, dann ist das grundsätzlich ein großes Glück. Auch wenn beide Spieler in ihrer Spielart und Rolle im Spielsystem völlig unterschiedlich sind, bringen sie eine große Qualität mit. Beide wurden für hohe Ablösesummen verpflichtet und mussten dementsprechend mit hohen Erwartungen in die Saison starten. Im Nachhinein muss man leider feststellen, dass die abgelaufene Spielzeit weder für den einen noch für den anderen optimal verlief.

Am Ende zählen bei Mittelstürmern die Torausbeute sowie die Anzahl der Torvorlagen: daran werden solche Spieler gemessen. Doch gerade da ist es unmöglich herauszustellen, wer von beiden Torjägern die bessere Saison spielte. Nicht nur wiesen beide jeweils sieben Tore und zwei Torvorlagen auf, sie erreichten diesen Wert auch in ähnlicher Spielzeit (Piatek 1.632 Minuten, Córdoba 1.541).

Zwar bewiesen beide ihre Stärken und ihr Torhunger, leider wurden sie immer wieder im Laufe der Saison zurückgeworfen und litten auch darunter, dass ihre Mannschaft so gut wie nie als Team funktionierte.

Jhon Córdoba – Fitness als Leistungsbarometer

Foto: Matthias Koch / IMAGO

So war es bei Jhon Córdoba die körperliche Fitness, die ihn im Laufe der Saison bremste. Erst verpasste er einen Großteil der Hinrunde aufgrund einer Bänderverletzung. Dann kehrte er erst 2021 zurück und stand in der wohl schwächsten Phase von Hertha (15. Bis 18. Spieltag) wieder in der Startelf. Ausgerechnet die ersten Spiele unter Cheftrainer Pal Dardai verpasste er erneut aufgrund eines Muskelfaserrisses.

Dass Dardai, sobald diese Verletzung auskuriert war, erneut auf den Kolumbianer setzte, kam nicht überraschend. Vom Spielertyp passte er genau zum neuen Trainerteam: „Er ist ein Krieger, tut 90 Minuten lang alles für sein Team.“, hieß es von Pal Dardai. „Vor einigen Jahren haben wir im Olympiastadion gesessen, ich habe versucht, ihn herzulocken. Aber wir hatten nicht genug Geld.“

Im Verlauf der Saison war mehrmals zu spüren, dass der 28-Jährige seiner Mannschaft bei seinen Einsätzen gut tat. Gerade seine Arbeit in der Sicherung von langen Bällen, seine körperliche Präsenz und sein Zug zum Tor waren wertvolle Elemente. Trotzdem kam er auch aufgrund seiner Ausfälle und die Schwierigkeiten seines Teams nicht wirklich dazu, einen Lauf zu starten. Am Ende verletzte er sich in der entscheidenden Phase erneut am Sprunggelenk und fiel für die letzten Saisonspiele aus.

Für die neue Spielzeit wird der Kolumbianer mit großer Sicherheit eine zentrale Rolle spielen. Ein Hauptaugenmerk wird dabei jedoch weiterhin die Fitness sein. Wenn der 28-Jährige über eine längere Zeit in Form bleibt, könnte er die Offensive von Hertha BSC auch in 2021/22 seinen Stempel aufdrücken.

Krzysztof Piatek – Hertha Edeljoker und Derbyheld

Foto: IMAGO

Etwas anders wird das Fazit bei Krzysztof Piatek ausfallen. Der Pole wurde über die gesamte Saison viel kritisiert, teilweise auch ohne sportlichen Grund. Wie beispielsweise ein Tousart wird der Ex-Mailänder stets ein seiner immens hohen Ablösesumme gemessen. Tatsächlich schien er, anders als sein Sturmpartner Córdoba, weniger gut zum Spielsystem seines Teams zu passen. Dass er dabei trotzdem immer wieder Torgefahr ausstrahlte und genauso gefährlich wurde wie der Kolumbianer wurde zu oft außer Acht gelassen.

Die hohe Ablösesumme und die hohen Erwartungen konnte der Pole bisher in der Höhe zwar nicht rechtfertigen. Doch individuelle Leistungen sind (wie wir bereits mehrmals im Verlauf unserer Kaderanalyse feststellen konnten) immer im Zusammenhang zu sehen: auch Piatek musste in einer schlecht zusammengestellten und dysfunktionalen Mannschaft agieren. Keine optimalen Zustände also, um als Torschütze und Vollstrecker zu glänzen. In einigen Partien bekam er so gut wie keine Bälle und kaum Möglichkeiten, seine Qualitäten in Szene zu setzen.

Immerhin erlebte der 25-Jährige einige Höhepunkte. Nach Sasa Kalajdzic war er in der abgelaufenen Saison der zweitbeste Joker der Bundesliga mit vier Treffern und zwei Vorlagen nach einer Einwechslung. Dazu konnte er ausgerechnet im Derby gegen Union Berlin beim 3:1 Erfolg von Hertha BSC seinen ersten Bundesliga-Doppelpack feiern.

Besonders bitter sollte es für Piatek zum Saisonende werden. Aufgrund einer Fraktur im Sprunggelenk im Spiel in Gelsenkirchen war nicht nur die Saison für ihn vorbei. Auch eine EM-Teilnahme wurde damit unmöglich. Nach dieser Verletzung ist trotz angeblichem Interesse von italienischen Vereinen wohl davon auszugehen, dass der Pole auch nächste Saison für Hertha stürmen wird. Wenn er zeitnah wieder gesund wird und voll in die Vorbereitung starten kann, hat der „Pistolero“ dann in der neuen Spielzeit genug Zeit um alle Zweifel aus dem Weg zu räumen.

Davie Selke – die unerwartete Rückkehr zu Hertha

Foto: nordphoto GmbH / gumzmedia / IMAGO

Lange hatten sich Fans von Werder Bremen darüber geärgert, wie hoch die Ablöse für Davie Selke kosten würde, sollten es die „grün-weißen“ am Ende doch schaffen, die Klasse zu halten. Zu selten konnte sich der 26-Jährige in anderthalb Saisons bei Werder Bremen als Torschütze auszeichnen. Nur drei Bundesligatore erzielte der 1,94 Meter große Stürmer in dieser Zeit.

Dass er ausgerechnet zwei dieser drei Treffer gegen Hertha erzielte, gehörte wohl auch zur traurigen Ironie dazu, die Davie Selke begleitete. Am letzten Spieltag rutschte Werder Bremen auf den vorletzten Tabellenplatz ab und Davie Selkes Rückkehr zu Hertha BSC wurde offiziell. Nun müssen die Hertha-Verantwortlichen auf die hohe Ablöse für Davie Selke verzichten. Doch seine Rückkehr bedeutet auch eine weitere Option für den Berliner Sturm in der neuen Saison.

Unter Pal Dardai konnte sich zwar Selke selten gegen seinen damaligen Konkurrenten im Sturm Vedad Ibisevic durchsetzen. Trotzdem erlebte er auch starke Phasen bei Hertha BSC, insbesondere in der Saison 2017/2018, wo er mit 14 Pflichtspieltoren und vier Vorlagen glänzte. Was also für viele eine Ironie des Schicksals zu sein scheint, könnte für den 26-Jährigen noch zur großen Chance werden.

Die Erwartungen und der Druck in Berlin werden geringer sein, als in Bremen in der vergangenen Saison. Nimmt Davie Selke die neue Situation und den Konkurrenzkampf sofort an, hat er eine gute Chance, seine Situation nochmal umzudrehen. Sein Cheftrainer bei der „alten Dame“ ist bereit ihm diese Chance zu geben: „Er ist ein feiner, fleißiger Junge. Hier hat er funktioniert. Ich würde nie sagen: Davie kann nicht helfen.”

Jessic Ngankam – Klassenerhalt-Held vor Ausleihe

Foto: Christopher Neundorf/Kirchner-Media/pool / IMAGO

Vom Sympathie-Faktor ist wohl Jessic Ngankam ganz oben auf der Liste der Hertha-Fans. Von der Jugend über die U23 dann zu den Profis, um sein erstes Profitor gegen Manuel Neuer zu erzielen. Schließlich die verrückte Schlussphase der Saison und das Spiel in Gelsenkirchen, wo Ngankam beim 2:1 zum Helden wurde und den Klassenerhalt wohl sicherte. Die Jubelbilder des 20-Jährigen werden noch lange in Erinnerung bleiben.

Doch diese Schlussphase kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Saison aus individueller Sicht für Ngankam keineswegs positiv verlief. Nur 284 gespielte Minuten bei den Profis, und das obwohl gerade in der Offensive bei Hertha BSC diese Saison phasenweise kaum etwas lief, können nicht zufriedenstellen. Besonders angesichts des Potenzials des gebürtigen Berliners ist eine solch geringe Spielzeit fast schon zu schade.

In der neuen Spielzeit wird die Konkurrenz sicher nicht kleiner geworden sein. Die bereits angesprochene Rückkehr von Selke sorgt sogar für mehr Konkurrenz in der Sturmspitze. Ähnlich denken wohl die Hertha-Verantwortlichen, die ihrem Schützling mehr Spielpraxis bieten wollen. Ngankam soll laut einigen Gerüchten für die neue Saison verliehen werden.

Was sportlich sicherlich Sinn ergeben, jedoch einen bitteren Beigeschmack hinterlassen würde. Schließlich verzichtet man ungerne auf den Spieler, der einem noch zum Saisonende so starke Glücksmomente bereiten konnte.

Daishawn Redan ohne Zukunft? Konkurrenz im Hertha-Sturm

Fraglich wird auch sein, was aus Daishawn Redan (20) wird, der in der abgelaufenen Saison nur 95 Spielminuten bei den Profis bekam. Zwar wurde er nochmal im letzten Spieltag gegen Hoffenheim eingewechselt. Auch bei ihm ist aber zu bezweifeln, dass er mehr Spielzeit in 2021/22 bekommen könnte.

Mit einem bis 2024 laufenden Vertrag ist eine erneute Leihe grundsätzlich denkbar. Ein Verkauf des jungen Niederländers wäre allerdings auch nicht überraschend. Talentierte junge Stürmer haben die „blau-weißen“ in der eigenen Jugend auch noch, Ruwen Werthmüller (20) und Marten Winkler (18). Letzterer feierte sogar einen sehr kurzen Profidebüt gegen den 1. FC Köln.

Der Mittelsturm bei Hertha BSC ist also für die neue Saison bereits jetzt sehr gut besetzt. Eine Verpflichtung auf dieser Position scheint unwahrscheinlich. Sollte es doch zu einem Abgang eines der genannten Spieler kommen, würde sich die Situation etwas ändern. Man kann jetzt schon gespannt sein, wer ab August für die „alte Dame“ die Tore schießen wird.

Titelbild: Matthias Koch/ IMAGO

ÜBER DEN AUTOR

Chris Robert

Chris Robert

Exilherthaner, Franzose, Student und Fußballromantiker. Egal wie wütend ihr nach Hertha-Spielen seid, ich bin wütender. Ich brauche keinen Videoschiedsrichter um zu wissen, dass der Schiri immer gegen Hertha pfeift.

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