Vorschau: Hertha BSC – FC Schalke 04: Duell der Pessimisten

von | Jan 1, 2021 | Vorbericht | 0 Kommentare

Endlich ist 2020 vorüber: sehr viel Gutes konnten Hertha Fans im vergangenen Jahr nicht erleben, zumindest in sportlicher Hinsicht. Doch der Gegner der „alten Dame“ am Samstagabend erlebte ein Jahr, das so schnell nicht in Vergessenheit geraten wird. Der FC Schalke 04 beendete das Jahr mit einer Serie von 29 sieglosen Bundesligaspielen, nur vier Punkten aus den ersten 13 Spielen und eine hübsche rote Laterne. Wie groß die Sorgen in Gelsenkirchen sind, wie beide Mannschaften aktuell drauf sind und warum Hertha-Fans trotzdem noch vergeblich Ihren Optimismus für diese Partie suchen, wollen wir in unserem Vorbericht besprechen.

Dabei stand uns wieder Hassan Talib Haji (auf Twitter @hassanscorner) unterstützend zur Seite, der uns freundlicherweise seine Eindrücke aus dem Schalker Umfeld schilderte.

Horror-Serie und Trainerwechsel

Aus der Ferne betrachtet ist es weiterhin schwer vorstellbar, wie es zu dieser schwierigen Lage bei Schalke 04 kommen konnte. Wir wollten natürlich von unserem Experten wissen, ob er uns da weiterhelfen kann: „Aus der Ferne betrachtet ist das wirklich nicht ganz einfach. Ich glaube, dass es in der Mannschaft nicht ganz stimmt. Zudem macht Vorstand Jochen Schneider keinen souveränen Eindruck auf mich. Er vermittelt mir nicht das Gefühl, dass sich Schalke aus der schlechten Lage befreien kann.“

Foto: IMAGO

Nur vier Punkte aus 13 Spielen, dazu nur acht erzielte Treffer und 36 (!) Gegentore: das ist zweifellos eine schreckliche Bilanz. So wirklich lässt sich das nicht erklären, Hassan drückt es wie folgt aus: „Jeder Gegner hat Schalke bisher vor große Probleme gestellt. Manche mehr, manche weniger. Es ist auf den Punkt gebracht halt so: Schalke kassiert zu viele Gegentore, schießt selbst kaum welche. So kann man dann auch nicht erfolgreich sein.“

Kein Wunder also, dass es noch vor Ende des Jahres zum Trainerwechsel kam. Christian Gross wurde schließlich Cheftrainer und wird am Samstagabend sein erstes Spiel mit seiner neuen Mannschaft bestreiten. Viel über den neuen Coach kann uns Hassan nicht sagen, doch eines ist für ihn klar: „Dass etwas passieren musste, war längst abzusehen. Ob der Trainerwechsel hin zu Gross sinnvoll war, zeigt sich ja noch. Notwendig war der Abgang von Baum aber auf jeden Fall.“

Klar ist: in Gelsenkirchen kann man sich kaum noch Punktverluste leisten. Erste Siege müssen geholt werden, um nicht bereits nach Abschluss der Hinrunde quasi schon abgestiegen zu sein. „Gross wird zunächst mal versuchen, die Verunsicherung aus den Köpfen der Spieler zu bekommen“, sagt Hassan und fügt hinzu: „Das wird vermutlich ein hartes Stück Arbeit.“

Mark Uth wieder da– Kolasinac noch nicht

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Auf wen der neue Trainer insbesondere setzen wird, ist noch unklar. Der zuletzt noch am Kopf verletzte Mark Uth wird wieder fit sein und in die Mannschaft zurückkehren. Unsicher dafür sind noch Salif Sané und Knappen-Kapitän Omar Mascarell. Fest steht, dass der Rückkehrer Sead Kolasinac noch nicht für die Partie am Samstagabend zur Verfügung stehen wird, da dessen Leihe erst am 04. Januar beginnt.

Auf die Frage, auf welche Spielelemente und auf welchen Spieler bei Schalke 04 Hertha ganz besonders Acht geben muss, antwortet Hassan: „Schalke ist leider oft nur phasenweise gut (…). Im Moment macht Schalke generell als Mannschaft keinen guten Eindruck. Da gibt es im Speziellen jetzt keinen, der besonders heraussticht.“ Immerhin konnte man sich im DFB-Pokal zuletzt gegen den SSV Ulm 1846 mit 3:1 durchsetzen. Dabei erzielte Benito Raman gleich zwei Treffer, ein Spieler der leider besonders gerne auch gegen Hertha BSC trifft (fünf Treffer in drei Aufeinandertreffen).

Personell wird man in der Hauptstadt jedenfalls auf Dedryck Boyata verzichten müssen. Der Kapitän wird in den nächsten Wochen aufgrund einer Fußverletzung ausfallen. Dazu ist Santiago Ascacibar noch nicht wieder einsatzbereit und eine Einwechslung von Mathew Leckie werden Hertha-Fans ebenfalls nicht erleben. Der Australier hat Probleme an der Bauchmuskulatur. Ansonsten sind alle Profis aktuell fit.

Same procedure as last year? Same procedure as every year.

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Während man sich in Gelsenkirchen existenzielle Sorgen macht und verzweifelt Punkte braucht, basieren die Berliner Ängste vor allem auf subjektiver Ebene. Für viele steht es nämlich schon geschrieben: der unbeliebte Gegner aus dem Ruhrpott kommt angeschlagen in die Hauptstadt, hat seit 29 Spielen nicht mehr gesiegt und jagt den Negativ-Rekord von Tasmania Berlin. Wie soll es da anders kommen, als das Hertha das Spiel verliert? So kennt man die „alte Dame“, als Aufbaugegner, als Mannschaft, die mit der Favoritenrolle nicht umgehen kann. „Same procedure as every year“, würde man fast schon aus „Dinner for one“ zitieren wollen. All diese Elemente sind jedoch weder objektiv noch irgendwie mit Fakten zu belegen.

Bruno Labbadia zumindest wollte in der Pressekonferenz vor der Partie von Pessimismus oder Ängsten nichts hören: „Erstens geh‘ ich nie mit Furcht in ein Spiel, sondern mit Optimismus. Das sollte auch die Mannschaft machen. Und wenn einer die Serie fürchten muss, dann ist es der Klub, der die Serie hat. Wir machen uns weniger Gedanken darum, dass ein Rekord aufgestellt werden kann, da es ist nicht unserer ist.“

Warum sich Hertha trotzdem keine zu großen Hoffnungen machen sollte, erschließt sich aus der Beobachtung der letzten Partien. Tatsächlich zeigten Labbadias Spieler beim SC Freiburg im letzten Spiel des Jahres 2020 insbesondere in der ersten Halbzeit eine desolate Vorstellung. Grundlegende Elemente im Spiel funktionierten nicht, die Profs wirkten weder motiviert noch bereit, sich an taktische Vorgaben zu halten. Dazu traten sie erneut verstärkt als Individualisten auf, und nicht als geschlossene Einheit auf dem Platz.

Mal wieder zurück zu den „basics“

Ausreden gibt es nach dieser Partie also nicht. Das machte auch Bruno Labbadia nach dem Freiburg-Spiel klar, als er medial die Einstellung und taktische Disziplinlosigkeit seiner Mannschaft kritisierte. Zum ersten Mal gab es auch eine öffentliche Kritik des Chefcoachs an Matheus Cunha, der erneut enttäuschte. Während die Gerüchteküche im Berliner Umfeld wieder aufkocht, wird man sich am Schenkendorffplatz wieder um grundlegende Dinge kümmern müssen. Um die sogenannten fußballerischen „Basics“ und um die nötige Mannschaftseinstellung. Hertha-Fans werden sich zum Jahreswechsel jedenfalls wünschen, dass ihre Mannschaft diese Grundtugenden wieder auf dem Platz zeigen.

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Zum Jahreswechsel wünscht man sich schließlich einiges, bei Schalke 04 natürlich am allermeisten eine Rettung aus der schwierigen Lage. So geht es auch Hassan: „Selbstverständlich wünsche ich mir, dass der Klub da unten herauskommt und die Abstiegszone verlässt. Das wird ein harter und langer Weg.“ In Pandemie-Zeiten bleibt aber auch der Fußball nur eine Nebensache: „Persönlich hoffe ich natürlich, dass mein persönliches Umfeld und auch ich weiterhin gesund bleiben. Das wünsche ich euch natürlich auch.“ Dem können wir uns an dieser Stelle nur anschließen.

Duell der Pessimisten

Das Duell am Samstagabend wird sicherlich kein Wunschkonzert und sonderlich optimistisch scheint wohl keines der Beiden Fanlager zu sein. Unser Experte ist da keine Ausnahme und tippt auf eine knappe Niederlage seiner Mannschaft. Nach Berlin fährt mit Gelsenkirchen ein angeschlagener Boxer, der kurz vor dem K.O. noch zum letzten großen Schlag ausholt. Dabei muss die „alte Dame“ darauf achten, diesen Schlag auszuweichen, um nicht selbst k.o. zu gehen. Hertha wird jede Kraft brauchen, um nicht wieder in alte Muster zu verfallen, und im Jahr 2021 endlich ein neues, besseres Gesicht zu zeigen. Aufbaugegner war man bereits in jüngerer Vergangenheit zu oft.

Egal welche Taktik Labbadia wählt, wie der Rasen aussieht, wie der Schiedsrichter pfeift oder was die Spieler gefrühstückt haben: im ersten Spiel des Jahres muss Hertha BSC siegen, um das Ruder umzudrehen. Ansonsten werden auch den geduldigsten Anhänger die Argumente ausgehen und ein weiteres Chaos-Jahr kann starten.

Titelbild: IMAGO

ÜBER DEN AUTOR

Chris Robert

Chris Robert

Exilherthaner, Franzose, Student und Fußballromantiker. Egal wie wütend ihr nach Hertha-Spielen seid, ich bin wütender. Ich brauche keinen Videoschiedsrichter um zu wissen, dass der Schiri immer gegen Hertha pfeift.

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