Gegen die großen Mannschaften zeigte Hertha BSC in dieser Saison gute Leistungen. Für Zählbares reichte es aber nur gegen den VfL Wolfsburg. Oft fehlte das Glück, Pech und Ungeschick kamen hinzu. Auch die kommenden Teams werden Hertha alles abverlangen. Doch auch gegen sie muss nun gepunktet werden, will man Unruhen im Verein vermeiden. Gründe, um selbstbewusst zu sein, hat sich das Berliner Team erspielt. Ein Ausblick.

Es war der dringend benötigte Befreiungsschlag: Eine spielerisch starke Hertha besiegte am vergangenen Spieltag den FC Augsburg mit drei zu null. Und der Sieg war in mehrfacher Hinsicht wichtig. Einerseits, weil sich die Berliner bei einer Niederlage gefährlich nahe an den Abstiegsplätzen befunden hätten. Medial wäre es unruhig geworden. Die Kritik an den Verantwortlichen und der Mannschaft aufgrund des fehlenden Erfolgs trotz historischer Transferausgaben von Hertha wäre nicht mehr zu vermeiden gewesen. Aber auch, weil sich die Mannschaft mit dem Sieg endlich selbst belohnt hat. Darauf kann das Team nun aufbauen.

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Denn drei der nächsten vier Gegner sind Teams, mit denen sich Hertha mittel- bis langfristig vergleichen will: Borussia Dortmund, Bayer 04 Leverkusen und Borussia Mönchengladbach heißen sie. Und sie alle spielen in den europäischen Wettbewerben mit. Dort, wo Hertha auch hin möchte.

Den Anspruch gegen sie zu gewinnen, hat man bei Hertha BSC aktuell aber noch nicht. Dennoch muss nun auch gegen sie Zählbares her. Vorher hat es die Mannschaft verpasst, sich ein Punktepolster zu erspielen. Hätte man gegen Eintracht Frankfurt oder den VfB Stuttgart punkten können, wären Niederlagen gegen die kommenden Mannschaften verkraftbar gewesen.

So aber steht man mit sieben Punkten nach ebenso vielen Spieltagen auf dem zwölften Tabellenplatz. Das ist weit weg von Europa. Auch wenn man das bei Hertha gut einzuordnen weiß. Weder Manager Michael Preetz noch Trainer Bruno Labbadia werden darin müde, zu betonen, dass sich das Team in einem Umbruch befindet. Und die ewigen Parolen haben durchaus ihre Berechtigung. Doch holt man keine Punkte gegen die oben genannten Teams, verliert womöglich sogar alle Spiele, wird es vermutlich unruhig im Verein werden. Doch Hertha kann optimistisch sein – und selbstbewusst. Denn gegen die Top-Teams der Liga spielte die Mannschaft bisher zwar fast punktelos, spielerisch aber stark.

Ungeschick in den eigenen Reihen – trotz starker Leistungen

Gegen den FC Bayern München, RB Leipzig und VfL Wolfsburg zeigte das Team von Trainer Bruno Labbadia starke Leistungen. In München glich die blau-weiße Truppe gar drei Mal aus, bevor Maximilian Mittelstädt in der Nachspielzeit ungeschickt agierte und Robert Lewandowski im eigenen Strafraum umriss. Der Pole verwandelte den Strafstoß und schnürte seinen Viererpack.

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Zwei Spieltage später ging man gegen RB Leipzig sogar in Führung. Die Leipziger glichen drei Minuten später zwar schnell aus, dennoch bewies die Mannschaft Moral. Nach zwei Fouls zu Beginn der zweiten Halbzeit flog Deyovaisio Zeefuik mit gelb-rot vom Platz – fast 30 Minuten hielt Hertha in Unterzahl das Unentschieden. Erst als Jhon Córdoba im eigenen Strafraum Willi Orban zu Fall brachte, konnten die Leipziger per Elfmeter in Führung gehen. Vorher taten sich die Leipziger schwer, Wege an der Hertha-Abwehr vorbei zu finden. Sogar offensive Nadelstiche waren mit einem Mann weniger zu erkennen.

Und auch gegen den VfL Wolfsburg spielte die Mannschaft allen voran in der zweiten Halbzeit groß auf. Spielerisch stark, scheiterte die Truppe gleich mehrmals an der eigenen Chancenverwertung. Mehr als ein Punkt wäre wohl verdient gewesen. Doch alle drei Auftritte zeigen: Hertha hat Grund für Selbstvertrauen, auch gegen Top-Teams. Gegen den FC Augsburg hat das Team gezeigt, dass die Mannschaft ihre starken Leistungen auch in Punkte ummünzen kann.

Attraktiver Fußball in blau und weiß

Denn so langsam scheint das Gebilde zu stehen. Mattéo Gouendouzi scheint der erhoffte Mittelfeldmotor zu sein. Mit ihm auf dem Platz läuft das Spiel nach vorne agiler und zielstrebiger. Auch unter Druck hält er den Ball und kann ihn passsicher nach vorne verlagern. Mattheus Cunha spielt schon seit Saisonbeginn überragend. Vier Tore und zwei Vorlagen in sieben Bundesligaspielen bestätigen das. Gegen Augsburg stand hinten auch endlich die Null. Nur der Ausfall von Jhon Córdoba tut der Hertha weh, – umso motivierter wird Krzystof Piatek sein, endlich seinen Durchbruch in Berlin feiern zu können.

In Augsburg hat er mit einem Tor und einer Vorlage schon gezeigt, wie er dem Team helfen kann. Er ist ein gänzlich anderer Stürmertyp als Córdoba – gelingt es Labbadia und dem Team aber den Strafraumstürmer in Szene zu setzen, könnte er ein Torgarant werden. Und womöglich ist auch Lucas Tousart eine Option für das Spiel gegen Dortmund, der nach überstandener Verletzung diese Woche wieder mit dem Team zusammen trainiert.

Inzwischen ist auch der 7.Spieltag rum, vor mehr als zwei Monaten begann die Saison. Trotz Länderspielpausen, Corona-Erkrankungen einiger Spieler und Verletzungen scheint sich ein Gebilde gefunden zu haben. Auch Neuzugang Omar Alderete vertritt den verletzten Jordan Torunarigha in der Innenverteidigung stark.

Es wird Zeit für Punkte

Doch nun geht es gegen die restlichen Top-Teams der Liga. Und selbst Stadt-Rivale Union Berlin, aktuell auf dem vierten Tabellenplatz, spielt bisher eine überragende und mit 16 Treffern vor allem eine torreiche Saison. Das Derby gibt es am zehnten Spieltag. Erwartbar sind gegen die Teams keine neun beziehungsweise zwölf Punkte. Aber wegen des fehlenden Punktepolsters, steht Hertha jetzt schon unter Druck, punkten zu müssen.

Zugegeben, nach Dortmund, Leverkusen, Union und Gladbach folgt ein vergleichsweise einfaches Restprogramm. Mainz, Schalke und Bielefeld heißen die Gegner dann etwa. Doch auch diese vermeintlich „leichten“ Gegner dürfen nicht unterschätzt werden.

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Erzielt man in den kommenden Spielen zu wenig Punkte, werden die Verantwortlichen sehr wahrscheinlich unter Druck geraten. Insbesondere, weil man dann vermutlich auch in der Tabelle abrutscht. Die Berliner Haupstadtpresse ist nicht dafür bekannt, geduldig zu sein. Und Investor Lars Windhorst scheint es ebenso wenig. Medial wird diskutiert, dass ihm die Entwicklung der Mannschaft nicht schnell genug gehen könne.  

Dennoch scheint sich die Mannschaft unter Labbadia und dank der Transfers spielerisch stark weiterentwickelt zu haben. Torchancen und Tore gibt es. Daraus sollte das Team schöpfen und den Mut haben, trotz der bisher mageren Punkteausbeute frei aufzuspielen. Gegen drei starke Teams klappte das schon – nur müssen jetzt auch die Punkte her.

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