Nach der unsagbar intelligenten Idee, inmitten einer Pandemie Länderspiele rund um den Globus stattfinden zu lassen, geht nun der Spielbetrieb in der Bundesliga weiter. Aus Berliner Sicht gibt dies die Möglichkeit, die ärgerliche Last-Minute-Niederlage in München schnellstmöglich wieder vergessen zu machen. Dass das gegen den kommenden Gegner aus Stuttgart keine Selbstverständlichkeit wird, sollte spätestens seit dem Remis des VfB gegen Bayer Leverkusen klar sein.

Gemeinsam mit Lennart vom VfB-Podcast und Blog „Rund um den Brustring“ blicken wir auf die Situation der Schwaben und die Stimmungslage nach dem gelungenen Saisonstart.

Eine gesunde Portion Realismus

Mit vier Punkten aus drei Spielen ist der VfB erfolgreich in die Saison gestartet. (Photo by Adam Pretty/Getty Images)

Kaiserslautern, 1860 München, Alemannia Aachen – die Liste der Traditionsvereine, die sich in den vergangenen Jahren unaufhaltsam immer weiter von der Erstklassigkeit entfernten, ließe sich beliebig fortführen. Wann immer jemand der Größenordnung des VfB Stuttgart den Gang in die zweite Liga antreten muss, schwingt zumindest die Sorge mit, dass ein ähnlicher Weg eingeschlagen wird. Um dies zu verhindern, ist ein direkter Wiederaufstieg in der Regel die sicherste Methode, ein derartiges Szenario abzuwenden. Hertha ist hierbei nur ein positives Beispiel. Auch dem VfB Stuttgart ist es nun zum zweiten Mal binnen der letzten vier Jahre gelungen, gleich im Jahr nach dem Abstieg den Betriebsunfall zu reparieren.

Doch in diesem Jahr ist die Situation anders, als noch beim letzten Wiederaufstieg. Die Ansprüche haben sich den sportlichen Leistungen der Stuttgarter in den letzten Jahren angepasst: „Die Erwartungshaltung ist eindeutig: Es geht um nichts anderes als den Klassenerhalt. Da ist man sich zur Abwechslung mal zwischen Verein und Umfeld einig, nachdem sich Michael Reschke ja bereits im Sommer 2018 darauf festlegte, dass der VfB 2019 nichts mit dem Abstieg zu tun haben werden. Wir waren vielleicht nach dem ersten Wiederaufstieg nicht der klassische Aufsteiger, weil wir gefühlt nur mal kurz weg waren. Jetzt aber müssen wir uns ganz hinten anstellen, was die Ansprüche angeht. Der schöne Nebeneffekt: Bisher spielen wir wie der klassische Aufsteiger, nämlich überraschend gut.“, sagt Lennart.

„Wundertüte“ VfB

„Überraschend gut“ trifft es nicht nur in Bezug auf die Punkteausbeute. Gerade die Offensivabteilung der Stuttgarter weiß in der noch jungen Saison das eine oder andere unerwartete Ausrufezeichen zu setzen. Überraschend ist das gerade deshalb, da man die Stärken im Stuttgarter Umfeld eigentlich in anderen Mannschaftsteilen sah.

Die Offensivabteilung des VfB Stuttgart läuft in den ersten Spielen auf Hochtouren. (Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images)

So sagt Lennart: „Der VfB 2020/21 ist eine Wundertüte: Vor der Saison sahen wir uns defensiv gut aufgestellt und haben uns eher um unseren Sturm Sorgen gemacht, der ohne den verletzten Nicolas Gonzalez über keinerlei Bundesligaerfahrung verfügte. Jetzt haben wir mit Sasa Kalajdzic (3), Silas Wamangituka (2) Mateo Klimowicz (1) und dem natürlich bundesligaerfahrenen Daniel Didavi (1) schon sieben Tore in den ersten drei Spielen geschossen, so viele wie seit 2004 nicht mehr.“ Während auf die Sturmreihe also offensichtlich Verlass ist, besteht in der Absicherung nach hinten und insbesondere in der Verteidigung von Standards, wo man teils „hanebüchene Gegentore“ kassiert, noch Luft nach oben.

Ähnlich schwankend stellt sich dementsprechend auch die Spielweise der Stuttgarter dar, die Lennart wie folgt beschreibt: „Die Dreierkette, deren beste Besetzung wohl aus Kempf, Anton und Mavropanos besteht, kriegt bis auf diese aufsehenerregenden Stellungsfehler schon ganz gut was wegverteidigt und dann ist der Plan ein kontrolliertes, aber trotzdem vertikales und schnelles Spiel nach vorne. Unglaublich wichtig ist auch der eben erwähnte Endo, der vor der Abwehr unglaublich viele Bälle erkämpft, entweder im Zweikampf oder im Raum und damit auch wichtig für die Offensive ist. Die wiederum lebt zum einen von der Schnelligkeit und Unberechenbarkeit eines Silas Wamangituka, zum anderen von der Physis eines Sasa Kalajdzic. Klingt jetzt erstmal alles spielerisch super positiv, trotzdem hätten wir sowohl gegen Freiburg, als es zwischenzeitlich 0:3 stand, als auch gegen Leverkusen, als die zahlreiche Großchancen versiebt haben, ganz böse untergehen können.“

Im Kontrast zu vergangenen VfB-Kadern lobt Lennart in diesem Zusammenhang vor allem die Einstellung der Mannschaft: „Sie gibt sich weder auf, noch zufrieden. Kalajdzic macht gegen Leverkusen noch die Bude zum Ausgleich, in Mainz sind sie torhungrig und gegen Freiburg hätten wir das 0:3 beinahe noch aufgeholt.“

Länderspiele in Zeiten von Corona

Eigentlich sollte an dieser Stelle die Freude über das mögliche Debüt von Arsenal-Leihgabe Mattéo Guendouzi, dessen Transfer wir an anderer Stelle unter die Lupe genommen haben, zum Ausdruck gebracht haben. Ein positiver Corona-Test infolge der Länderspielreise mit der französischen U21-Nationalmannschaft wird den ersten Auftritt des Neuzugangs allerdings verschieben. Das unterstreicht einmal mehr, was vorher jeder wusste: Spieler in Zeiten von Corona um den gesamten Erdball zu schicken, ist völlig überraschend doch keine so gute Idee. Als wäre das nicht genug, muss man aus Herthaner Sicht hoffen, dass Jhon Cordoba und Matheus Cunha nach ihren Reisen mit Kolumbien und Brasilien nicht zu sehr unter Jetlag leiden. Gerade Cordobas Kopfballstärke und Cunhas Qualität als Freistoß- bzw. Eckenschütze wären gegen standardschwache Schwaben ein nicht unwesentlicher Trumpf.

[Titelbild: Maja Hitij/Getty Images]