Am Dienstag stand der zweite Test der diesjährigen Sommervorbereitung an. Nach Viktoria Köln wartete nun mit Ajax Amsterdam ein renommierter Name auf unsere Hertha. In der Johan Cruijff ArenA zu Amsterdam konnten sogar über 5.000 Zuschauer das Spiel live vor Ort verfolgen und den Spielern schon einen kleinen Ausblick auf die Stimmung in zukünftigen Spielen vor corona-gerechtem Publikum geben.

Wir blicken auf die auffälligsten Herthaner in diesem internationalen Härtetest.

Alexander Schwolow – Hand und Fuß – Licht und Schatten

Der Neuzugang vom SC Freiburg durfte sich auch im zweiten Testspiel von Anfang an beweisen und in der ersten Hälfte gegen das international vertretene Ajax Amsterdam auf mehr Arbeit als gegen Drittligist Viktoria Köln hoffen.

Und so kam bereits in der dritten Minute nach einem Freistoß von halbrechts per Kopfballverlängerung ein Amsterdamer frei am Fünfmeterraum zum Kopfball, setzte diesen aber knapp rechts am Tor vorbei, sodass Alexander Schwolow nicht eingreifen musste.

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In der zwölften Minute war Herthas Keeper dann allerdings chancenlos. Der durch Krzysztof Piątek abgefälschte Freistoß von Zakaria Labyad trudelte ins rechte Eck zur Führung für die Niederländer.

In der Folge war „Schwolli“ größtenteils per Fuß gefordert – im Spielaufbau. Weil sich die Herthaner Viererkette sowie die beiden Sechser Lucas Tousart und Vladimir Darida mit Ball am Fuß äußerst schwer taten, folgte häufig zwangsläufig der Pass zurück zum Torwart, der seinerseits ebenfalls kaum Anspielstationen vorfand und das Leder entsprechend oft auf die weite Reise schicken musste. Dabei ging meistens spätestens der zweite Ball verloren, häufiger mussten die Balljungen auch ausschwärmen, um die Spielbälle vom angrenzenden Parkplatz zurückzuholen. Das war man in der letzten Saison so oder ähnlich auch von Rune Jarstein gewohnt gewesen.

Die große Stunde des ehemaligen Freiburgers schlug schließlich in der 25. Minute als er nach einer halbhohen Hereingabe von links den Schuss des heranrauschenden Stürmers aufs kurze Ecke mit einer starken Fußabwehr vereiteln konnte.

Der rechte Fuß des 28-Jährigen stand also heute im Fokus und zeigte dabei Licht und Schatten. Im Spielaufbau wurde er zu häufig allein gelassen und musste sich mit dem langen Hafer zufriedengeben. In seiner Haupttätigkeit, dem Tore verhindern, klappte das Ganze allerdings schon hervorragend und bewies, dass sich Hertha nach den schwächeren Auftritten von Rune Jarstein in der Vorsaison auf der Torhüterposition verstärkt hat.

Tousart / Darida vs. Ascacíbar / Maier – Doppelsechs-Duo-Duell

Herthas Doppelsechs-Besetzung steht weiter unter Beobachtung. Wie schlägt sich Neuzugang Lucas Tousart, wie das zuletzt lange verletzte Talent Arne Maier? Auch Santiago Ascacíbar kam verletzungsbedingt unter Bruno Labbadia erst zu einem Bundesliga-Einsatz über drei Minuten. Und dann gibt es da nach wie vor die Gerüchte um einen neuen Zentrumsspieler…

Hertha-Coach Labbadia ließ Tousart in der ersten Hälfte diesmal mit dem wiedergenesenen Vladimir Darida anstelle seines Vertreters Niklas Stark auflaufen, in Halbzeit zwei durften sich Arne Maier und Santiago Ascacíbar in der gleichen Zusammensetzung zusammenfinden, wie schon gegen Viktoria Köln.

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Lucas Tousart zeigte sich von Anfang an engagiert, lief viel von links nach rechts und von rechts nach links, meist mit einem Ajax-Gegenspieler im Schlepptau. Das Aufbauspiel, das wie für Labbadia üblich vorsah, die beiden Außenverteidiger sehr hoch stehen zu lassen und dafür einen der Sechser in eine der freien Positionen auf außen fallen zu lassen, kam trotzdem nicht so richtig in Gang. Herthas Angriff blieb größtenteils unbeweglich und fiel so fast dauerhaft als Anspielstation von hinten heraus aus. Schwolows Versuche, die Stürmer über lange Bälle ins Spiel zu bringen, schlugen meist fehl. Auch Tousart konnte die Ideenlosigkeit im Aufbau nicht wirklich beseitigen, bot sich zwar immer wieder auch an den Seiten an, konnte dann aber seinerseits nur selten einen freien Mitspieler in der Offensive finden.

In der Defensive zeigte er sich wie auch schon gegen Köln unaufgeregt und souverän bis auf die elfte Minute, als er von einem Amsterdamer Doppelpass übertölpelt wurde und Deyovaisio Zeefuik so zum Foulspiel greifen musste, das zum Treffer per Freistoß für Ajax führte. Dahingegen konnte der französische Neuzugang sowohl in der 16. als auch in der 21. Minute starke Ballgewinne verbuchen und seinen Ruf als intelligenten, spielstarken Abräumer bestätigen.

Als er sich in der 34. Minute dann doch einmal so richtig ins Offensivspiel einschaltete, wurde es auch direkt gefährlich. Tousart verfolgte einen hohen Ball, gewann das Kopfballduell und konnte so die Kugel zu Piątek bringen, der seinerseits auf Matheus Cunha verlängern konnte. Dem Brasilianer aber versprang der Ball leicht, sodass die Ajax-Abwehr die Situation bereinigen konnte.

Das Offensivspiel wäre in dieser Konstellation wohl eher eine Sache für Vladimir Darida gewesen. Der tschechische Nationalspieler blieb aber die gesamte Halbzeit unsichtbar und konnte weder defensiv noch offensiv nennenswerte Akzente setzen. Von seinen omnipräsenten Leistungen am Ende der zurückliegenden Saison scheint er noch weit entfernt, auch wenn dem 30-Jährigen zugute gehalten werden muss, dass das defensive Mittelfeld wohl nicht unbedingt zu seinen Fähigkeiten passt und er weiter vorne eingesetzt werden müsste.

Im Halbzeit zwei durften sich dann wieder Arne Maier und Santiago Ascacíbar gemeinsam auf dem Feld tummeln. Und es scheint, als hätten die gemeinsamen Minuten das Zusammenspiel schon ordentlich verbessert.

Der Argentinier hielt sich mit offensiven Ausflügen sehr zurück, räumte aber wie üblich als Staubsauger auf und hielt Maier den Rücken frei. Seine defensiven Künste konnte er eindrücklich in den Minuten 53 und 68 per kompromissloser (sauberer!) Grätsche wie auch in der 71. Minute zeigen, als er einen Schuss auf das Tor wenige Meter vor der Linie klärte.

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Maier dahingegen riss das Spiel an sich und zeigte auf, was in Halbzeit eins gefehlt hatte – ein Taktgeber, der mit seinen Pässen den Raum öffnen kann.

Der Offensivdrang und die Spielfreude waren unübersehbar. Der Spielaufbau funktionierte insgesamt wesentlich besser als in Halbzeit eins, wobei das gesamte Team einen besseren, dynamischeren Eindruck hinterließ. Über Maier lief das Offensivspiel, schon in der 51. Minute dribbelte er stark nach vorne, später leitete er in der 59. Minute den Pfostenschuss von Daishawn Redan ein. Auch in der 64. Minute schickte er Leckie mit einem lässigen Doppelpass zu einer guten Chance in den Strafraum, wo der Australier allerdings noch an einem Abwehrbein scheiterte.

Insgesamt zeigte Maier, was man von einem spielmachenden Sechser erwartet. Im Zusammenspiel mit Ondrej Duda auf der Zehn kamen einige vielversprechende Angriffe zustande, wenngleich es häufig doch noch am letzten Pass haperte und Hertha nicht mit hundertprozentigen Chancen aufwarten konnte. Maier verband, ganz anders als Darida im ersten Durchgang, die Mannschaftsteile aus Defensive und Offensive. Auch das Zusammenspiel mit Ascacíbar funktionierte noch einmal besser als gegen Köln.

Vielleicht hat Hertha seine Doppelsechs nun also schon gefunden?

Vladimir Darida wird sich jedenfalls noch ordentlich steigern müssen. Lucas Tousart gilt als spielstärkerer Abräumer als Ascacíbar – es könnte sich dort also eine kreative Zentrale mit Arne Maier anbieten, die Bruno Labbadia mit Sicherheit in den kommenden Testspielen ausprobieren wird. Der junge Berliner scheint jedenfalls nach seiner langwierigen Verletzung endlich wieder auf dem richtigen Weg gen Topform zu sein. Auch der argentinische Staubsauger Ascacíbar machte seine Sache jetzt zwei Mal sehr ordentlich – ihm könnte nur Neuzugang Tousart oder die anvisierte Neuverpflichtung im Mittelfeld im Wege stehen.

Herthas Zentrale stellt zurzeit noch die größte Baustelle dar. Die Ansätze in Halbzeit zwei und die sichtbare Verbesserung im Zusammenspiel machen aber Hoffnung, dass auch schon mit dem vorhandenen Personal eine mehr als ordentliche Besetzung der Doppelsechs möglich ist.

Spannend bleibt abzuwarten, welcher Zusammensetzung auf dem Herzstück seiner Spielidee Bruno Labbadia in den nächsten Testspielen den Vorzug gibt und welches Duo sich so langsam aber sicher in der Zentrale festspielt.

Jessic Ngankam – Dauergast in der Testspiel-Startelf

Wie schon im ersten Test gegen Viktoria Köln durfte sich Jessic Ngankam von Anfang an auf der linken Angriffsseite neben Matheus Cunha und Dodi Lukébakio im offensiven Dreiermittelfeld beweisen.

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Und er machte seine Sache ordentlich. Im eher statischen Spiel der Hertha belebte er einige Male mit beherzten Dribblingeinlagen die Offensive und konnte so nach schöner Ballverlagerung von Niklas Stark den ersten Abschluss von Hertha-Seite in Minute 26 verzeichnen und eine Ecke herausholen. Nur drei Minuten später kam Hertha wirklich gefährlich vors Tor, nachdem Cunha einen Konter nach links in den Strafraum zu Ngankam verlagerte, dessen Hereingabe aber viel zu ungenau geriet. Auch in der 45. Minute bewies der Herthaner Nachwuchsangreifer noch einmal Übersicht und zog mit einem Dribbling von der linken Seite nach innen und verlagerte das Spiel auf die rechte Seite, wo der Ball schließlich im Zusammenspiel zwischen Lukébakio, Piątek und Zeefuik versandete.

Wenig überraschend, aber dennoch bemerkenswert zeigte sich Ngankam auch immer wieder in der Defensive und unterstütze Plattenhardt mit helfendem Fuß, wo er nur konnte. Gemeinsam hatten die beiden die linke Abwehrseite im Griff.

Jessic Ngankam konnte im eher lahmen Spiel der ersten Hälfte einige Akzente setzen und zeigt so, warum Labbadia ihn offenbar weiterhin als ernsthaften Kandidaten für den Bundesliga-Kader sieht und ihm in der Vorbereitung schon einiges an Spielzeit einräumt. Möglicherweise kann er in etwas veränderter Mittelfeldkonstellation seine Stärken im Eins-gegen-Eins in Strafraumnähe und den wuchtigen Abschluss noch besser ausspielen. Das müssen die nächsten Testspiele zeigen.

Maxi Mittelstädt – Berliner Reinkarnation Willy Sagnols

Der Berliner hatte im ersten Testspiel gegen Köln noch angeschlagen ausgesetzt und wollte nun den Kampf um den Stammplatz links in der Viererkette aufnehmen.

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Seiner Hauptaufgabe in der Defensive kam Mittelstädt routinemäßig nach, bügelte beispielsweise in der 66. Minute in einem Laufduell eine etwas zu zaghafte Zweikampfführung von Mathew Leckie aus. Im Spiel nach vorne klebte er nicht mehr so sehr an der Seitenlinie wie noch Marvin Plattenhardt in der ersten Halbzeit und konnte die sich ihm bietenden Räume gefährlicher bespielen. Auffällig oft griff der 23-Jährige dabei zum einem Stilmittel, dass zu Willy Sagnols Zeiten beim FC Bayern Hochkonjunktur hatte. So ergab sich die große Chance für den nachsetzenden Daishawn Redan nach einer abgefälschten Halbfeldflanke.

Diese Tormöglichkeit bestärkte Mittelstädt offenbar in seiner Vorgehensweise, sodass der Linksverteidiger auch in der Folge noch das eine oder andere Mal in bester Willy Sagnol-Manier zur Halbfeldflanke griff und damit gefährliche Chancen kreierte. Auch abseits davon präsentierte er sich im Offensivspiel ideenreicher und kombinationssicherer als zuvor noch Plattenhardt, der allerdings auch keinen spielfreudigen Torunarigha neben sich wusste.

Sehenswert auch noch Mittelstädts technisch versierte Volleyflanke in der 61. Spielminute aus dem eigenen Strafraum die ganze Seitenlinie entlang auf den startenden Redan, der schlussendlich aber im Laufduell den Kürzeren zog.

Maxi Mittelstädt wusste in Halbzeit zwei zu überzeugen. Dabei kamen ihm neben dem aktiveren Hertha-Mittelfeld auch leichte Ermüdungserscheinungen in der Ajax-Abwehr zugute, die er allerdings auch klug ausnutzte. Im engen Kampf um den Stammplatz auf der Linksverteidiger-Position konnte er sich so aber einen kleinen Vorteil gegenüber Plattenhardt erarbeiten.

Und dann war da noch:

Karim Rekik, der  sich in der 44. Minute nach einem zu riskanten Pass von Schwolow sehenswert per Hackentrick gegen zwei Ajax-Stürmer durchsetzen konnte, sonst aber wie der Rest des Hertha-Teams in Halbzeit eins ziemlich ideenlos im Spielaufbau wirkte. Defensiv agierte der Niederländer gemeinsam mit Partner Niklas Stark dabei durchaus solide, in der Offensive verzeichnete er die beste Hertha-Chance in Minute 35, als  Ajax-Keeper Maarten Stekelenburg an einer Ecke von Matheus Cunha vorbeisegelte, Rekik unter Bedrängnis den Ball aber per Aufsetzer über das verwaiste Tor bugsierte.

Deyovaisio Zeefuik, der anders als noch gegen die Kölner keine nennenswerten Akzente in der Offensive setzen konnte – was aber auch an der schwachen Performance von Vordermann Dodi Lukébakio lag. Zeefuik verursachte in der elften Minute zwar den Freistoß, der zum 1:0 führte, bügelte dabei aber eigentlich eher einen vorangegangen Fehler von Tousart aus. In der Defensive zeigte sich der Neuzugang insgesamt wieder grundsolide, obwohl er auch mal die Hacken seines Gegenspielers zu Gesicht bekam.

Rune Jarstein, der in der 52. Minute einen Schuss aus dem Strafraum noch gerade an den Pfosten lenken konnte und im Nachschuss dann den Torschützen zum 1:0 Zakaria Labyad derart bedrohlich angeschaut haben muss, dass dieser den Ball aus wenigen Metern haushoch über das leere Tor jagte.

Jordan Torunarigha, der in der zweiten Hälfte mit seinen punktgenauen, riskanteren Pässen zeigte, was Hertha in der ersten im Spielaufbau gefehlt hatte. Wie üblich ließ er es sich auch nicht nehmen, einige Male das Heft des Handelns selbst in die Hand bzw. in den Fuß zu nehmen und per Dribbling bis tief in die Amsterdamer Hälfte vorzustoßen, um dann einen öffnenden Pass zu spielen. Torunarigha fehlte auch im ersten Testspiel noch – und wie. Aus der Startelf nicht wegzudenken.

Daishawn Redan, der sich wie auch schon gegen Viktoria Köln sehr bemüht und umtriebig zeigte und sich ein paar vielversprechende Angriffe selbst erarbeitete. Dabei vereitelte er per unfreiwilliger Hackenabwehr einen Angriff in der 75. Minute selbst und agierte auch sonst öfters unglücklich in den entscheidenden Situationen. Die beste Hertha-Chance in Durchgang zwei verzeichnete in der 59. Minute dennoch der nimmermüde Stürmer aus der Ajax-Jugend, als er bei einer abgefälschten Flanke aus dem linken Halbraum von Maxi Mittelstädt nachsetzte, tatsächlich vor Ajax-Torwart Stekelenburg an den Ball kam und die Kugel an den Außenpfosten setzte.

Ondrej Duda, der sich wie schon im letzten Test nominell auf der Zehn vergnügen durfte, aber eigentlich überall auf dem Platz anzufinden war und insbesondere mit Javairo Dilrosun und Arne Maier einige schnelle Passkombinationen auf den Rasen zauberte. Seine Volleyabnahme in der 90. Minute nach einer abgewehrten Hertha-Ecke setzte den Schlusspunkt unter die 0:1-Niederlage gegen die Niederländer.

Herthas Aufstellungen

1. Halbzeit: Schwolow – Zeefuik, Stark, Rekik, Plattenhardt – Darida, Tousart – Lukébakio, Cunha, Ngankam – Piątek

2. Halbzeit: Jarstein – Pekarik, Dardai, Torunarigha, Mittelstädt – Ascacíbar, Maier – Leckie, Duda, Dilrosun – Redan

[Titelbild: IMAGO]