Symptomatisch für den Fußball: Kritik zu “11 Leben – Die Welt von Uli Hoeneß”

von | Nov 13, 2021 | Kolumne, Uncategorized | 0 Kommentare

Bei dem Namen Hoeneß werden bei vielen Hertha-Fans Erinnerungen wach. Gab es da nicht mal einen Manager, der so hieß? Es gab sogar zwei. In seinem Podcast „11 Leben – Die Welt von Uli Hoeneß“ taucht der Journalist Max-Jacob Ost tief in die Geschichte des erfolgreicheren Hoeneß-Bruders ein. Herausgekommen ist ein spannende Zeitreise, in der Hertha zwar nur am Rande vorkommt, die aber mit dem heutigen Zustand der alten Dame eine Menge zu tun hat.

Achtung. Dieser Text enthält Spoiler zum Podcast „11 Leben – Die Welt von Uli Hoeneß.“ Lesen auf eigene Gefahr.

11 Leben in 17 Folgen

Was ist der Fußball? Sport, Unterhaltung, Geschäft. Einer, der alle Facetten des Fußballs miterlebt hat und maßgeblich daran beteiligt war, ihn deutschlandweit vom schönen zum profitablen Spiel zu machen, ist Uli Hoeneß. Der ehemalige Bayern-Spieler, Manager und Präsident steht wie kein zweiter für die Entwicklung und Kommerzialisierung dieses Spiels.

Viel wurde über den spiritus rector des modernen FC Bayern geschrieben. Auch Hoeneß selbst hat oft durch polemische und scharfe Äußerungen von sich reden gemacht. Zuletzt wurde wieder viel über und schlussendlich auch mit ihm geredet. In 17 Folgen widmete sich „Rasenfunk“-Moderator und Sportjournalist Max-Jacob Ost der Welt von Uli Hoeneß. Sein Podcast „11 Leben” zählt zu den beeindruckendsten deutschen Podcast-Projekten der jüngsten Zeit. 

Akribisch und hartnäckig arbeitet sich Ost an Hoeneß ab, kommt ihm mal ganz nah, nur um dann wieder weggestoßen zu werden. Wie ein Getriebener verfolgt er diesen Mann, der einen langen Schatten von der Säbener Straße auf ganz Fußball-Deutschland wirft. „11 Leben“ ist gerade deshalb so unterhaltsam, weil man merkt, wie Ost sich in bester Berti Vogtscher Terrier-Manier in das Vorhaben verbeißt, dem Menschen Uli Hoeneß auf die Schliche zu kommen. Man könnte fast meinen, dass Ost versucht, Hoeneß zu entzaubern, die Mediengestalt einzureißen und dem Menschen Hoeneß ins Gesicht zu blicken.

Was hat der denn noch verbrochen?

Dieses Vorhaben gelingt Ost dort, wenn er auf persönliche Anekdoten seiner Interviewpartner zurückgreifen kann. Neben den Wortmeldungen einstiger Weggefährten und Sekundärquellen, bleiben aber oftmals nur die Aussagen, die von Hoeneß selbst getätigt wurden. Damit muss Ost die anspruchsvolle Aufgabe vollziehen, diese Aussagen des Medien-Hoeneß kritisch einzuordnen und von der privaten Person zu trennen. Dabei hilft die Entscheidung, nicht nur das Leben von Uli Hoeneß nachzuerzählen, sondern anhand dessen die Entwicklung des deutschen Fußballs nachzuzeichnen. So können einzelne Aussagen im jeweiligen zeitlichen Kontext verstanden werden.

Es ist wahrscheinlich zu hoch gegriffen, Hoeneß für alle wirtschaftlichen Entwicklungen in der Bundesliga und speziell beim FC Bayern direkt und alleinig verantwortlich zu machen. Sein Einfluss ist zwar enorm, allmächtig ist er jedoch nicht und auch Fortuna hatte sicher das ein oder andere Mal ihre Finger im Spiel. Dass der Halo des Hoeneß‘schen Lebenswerks hell strahlt, bekommt auch Ost zu spüren. Die Geschichte des Genies, das alle Fäden in der Hand hält und die Last des Erfolgs alleine auf seinen Schultern trägt, ist ein verlockendes Narrativ und auch Ost bedient es teilweise, verheddert sich aber so in seiner eigenen Dramaturgie. An diesen seltenen Stellen lässt sich Ost von der Medienfigur blenden und verliert den Anschluss zum Menschen Hoeneß.

Hört man „11 Leben“, bekommt man den Eindruck, dass im deutschen Fußball kein Weg an Hoeneß vorbeiführt – vorausgesetzt, man kreuzt seinen Weg. Es ist bezeichnend, dass Hertha in der Welt von Uli Hoeneß kaum vorzukommen scheint. Sicher, Dieter Hoeneß hat versucht, es seinem Bruder karrieretechnisch gleichzutun, scheiterte aber. Wichtig wird Hertha aber nur, wenn es um die Bestechungsskandale in den 70ern geht und über den etwas anrüchigen Transfer von Sebastian Deisler gesprochen wird. Sonst bleibt Hertha die bekannte graue Maus, unwürdig der Aufmerksamkeit eines Uli Hoeneß. Das Leben des augenscheinlichen Bayern-Allvaters liest sich, wie eine Aneinanderreihung von wichtigen und visionären Entscheidungen. In welche Richtung diese Korrelation wirkt, ob also Hoeneß für die Wichtigkeit verantwortlich ist oder ob er das Narrativ einfach nur geschickt für sich genutzt hat, bleibt offen. Der Medien-Hoeneß würde natürlich Ersteres behaupten.

Von Hoeneß und Hertha

Um den modernen deutschen Fußball zu verstehen, muss man ihn allerdings nicht durch die Augen des Menschen Uli Hoeneß, sondern anhand der Medienfigur Hoeneß analysieren. Die im Podcast vorgenommene Sezierung beider Gestalten erlaubt es, so eine direkte, wenn auch verworrene Verbindung zwischen Uli Hoeneß, dem FC Bayern und Hertha BSC herzustellen.

Die Figur Hoeneß symbolisiert eine Erfolgsgeschichte. Aus der Baden-Württembergischen  Provinz führte er einen einstigen Provinzclub an die Weltspitze, zoffte sich öffentlich mit den Fußballgrößen ihrer Zeit und schaffte es irgendwie sie zu überdauern und zu überleben. Hoeneß steht für die patriachische und anachronistische Seite des Sports – das analysiert Ost treffend. Das Spiel aber ist schneller geworden, Hoeneß hat maßgeblich dazu beigetragen und bereits bestehende Entwicklungen klug für den FC Bayern zu nutzen gewusst. Er hat an den richtigen Stellen sein Fähnchen in den Wind und den Verein so auf Kurs gehalten. Hoeneß hat vorgemacht, wie man nicht nur einen Verein, sondern auch sich selbst erfolgreich vermarkten kann.

(Photo by Alex Grimm/Getty Images)

Er stellte dabei eine Messlatte auf, die kein anderer Verein in Deutschland langfristig überwinden konnte. Zeigte, dass ein goldener Topf unter dem Regenbogen steht. Hoeneß versprühte nicht nur den Duft angeblich exzellenter Bratwürste, sondern auch des ganz großen Geldes. Es ist daher kein Wunder, dass Andere versuchen, es ihm gleichzutun und damit unbewusst dem Hoeneß’schen Nimbus entgegenhandeln. Hoeneß betonte immer wieder stolz, dass der FC Bayern stets ohne Mäzen oder Investor ausgekommen sei. Im Versuch, sich den Erfolg zu erkaufen und vom Streulicht des Bayerns zu profitieren, unterminieren Investoren in deutsche Vereine aber genau diesen essentiellen Baustein für den Bayrischen Mythos. Das Geld allein nicht glücklich macht und man auch eine starke Identifikationsfigur braucht um die alteingesessenen Fans nicht zu verprellen, kann man nicht nur in der Zusammensetzung der Münchner, sondern auch Berliner Vereinsebene sehen.

Dass der FC Bayern dabei aber das medientaktische Geschick von Hoeneß zur Verfügung hatte, kann man als außerordentliches Glück, aber keinesfalls Selbstverständlichkeit sehen. Genauso wie es zu einfach wäre, allein Hoeneß für den Erfolg der Bayern verantwortlich zu machen, wäre es kurzsichtig anzunehmen, dass es eine unbedingte Erfolgsgarantie der Münchener gäbe.

Der Mann, der Mensch, das Symptom

Erfolg im Fußball funktioniert über das Prinzip des Risikomanagments. Man kann den Sieg nicht erzwingen, nur das Verlieren weniger wahrscheinlich machen. Das gilt auch für das Prinzip Hoeneß und jedes Investment, dass es versucht zu kopieren. Trotzdem schadet aus finanzieller Sicht aber nicht, das Spiel als gigantischen Unterhaltungskomplex zu begreifen und sein Handeln strategisch anzupassen. Das hat Hoeneß verstanden und wie kein zweiter zu nutzen gewusst. Seine Art als „echter Typ“ lässt einen dabei vergessen, dass seine Medienfigur in ein komplexes Netzwerk an Beziehungen eingeflochten ist, die den modernen Event-Fußball ausmachen. Hoeneß fungiert damit als psychoanalytisches Symptom eben dieses Systems.

An dieser Stelle lohnt sich ein Exkurs, wie der Französische Psychoanalytiker Jacques Lacan auf das Symptom im generellen blickte. Extrem vereinfacht gesagt, tritt ein Symptom zunächst als unangenehme Erfahrung zu Tage, sein Ursprung, lokalisiert im innerpsychischen Konflikt ergibt sich erst durch eine nachträgliche Analyse. Gleichzeitig braucht man das Symptom aber auch, man kann sich an ihm reiben und sich dadurch selbst behaupten. Uli Hoeneß wird entweder zum übermächtigen Vater oder zum Totengräber des Fußballs stilisiert. Beides kann nur im System des modernen Fußballs geschehen, in dem er entweder als Garant für totalen Erfolg oder als Begründer gesehen wird.  Die Auflösung des Symptoms kann nur in der Analyse geschehen. Nur so kann seine Bedeutung ergründet werden.

In diesem Sinne ist „11 – Leben“ die Podcast gewordene Psychoanalyse des Symptoms Uli Hoeneß, eines Phänomens, dessen Bedeutung sich erst im Nachhinein feststellen, das viele Menschen brauchen, um ihre Vorstellung des Fußballs aufrecht zu erhalten, aber auf ein grundlegendes und teilweise verdrängtes Problem verweist.

Seine Person und sein Auftreten ist sicher nicht für jeden erträglich und leitet sich direkt aus dem zeitgenössischen Horse-Race Sportjournalismus ab, es ist aber gleichzeitig unbedingt notwendig, damit die Illusion des „echten“ Fußballs aufrechterhalten wird. Ohne das Symptom, das das eigentliche System eigentlich unterminiert, kann das System aber nicht bestehen bleiben – es würde unerträglich werden und schließlich zusammenbrechen. Man stelle sich vor, dass statt seiner da ein glattgebügelter Managertyp, der Fußball nie gelebt hat, im Doppelpass sitzen würde. Für viele Fans ist es sicher nicht schön, dass Hoeneß da ist, seine Abwesenheit wäre aber viel schlimmer. Menschen wie Hoeneß aus dem System Fußball zu entfernen, würde bedeuten, dass dieses System endgültig in seiner ganzen Verkommenheit entblößt würde. Dieser Umstand wird nicht gerade dadurch einfacher, dass Hoeneß selbst dazu beigetragen hat, dass es soweit kommen konnte.

Der Mensch im Podcast

Uli Hoeneß ist so komplex, wie jeder andere Mensch auch. Teil dieser Komplexität ist eine recht unterkomplexe Medienfigur, die sich an vielen Stellen mit dem Menschen Hoeneß in die Quere kommt. Man sollte nicht den Fehler machen, zu denken, dass das eine ohne das Andere existieren, geschweige denn die gleichen heftigen Reaktionen hervorrufe könnte. Ost gelingt es in „11 – Leben“ die beiden Teile zu trennen, dann aber zu einem stimmigen Gesamtbild wieder zusammenzusetzen. Der Mensch Uli Hoeneß ist die Figur, die Figur ist der Mensch.

Schlussendlich wäre vieles im deutschen Fußball ohne Uli Hoeneß’ Zutun wohl anders verlaufen. Dennoch steht seine Person stellvertretend für einen Prozess, in dessen Verlauf auch die aktuellen Entwicklungen um Hertha BSC zu verorten sind. Das Hertha irgendwann aber zu einem zweiten FC Bayern wird, ist aber unrealistisch. Dafür fehlt der alten Dame ein Uli Hoeneß.

(Photo by Martin Rose/Getty Images)

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ÜBER DEN AUTOR

Niklas Döbler

Niklas Döbler

Hat Psychologie nur deshalb studiert um mit dem Frust des Hertha-Fan-Seins umgehen zu können. Schreibt viel zu komplizierte Texte über viel zu einfache Themen.

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