Nach dem im Ergebnis doch recht überzeugenden 3:0-Heimsieg gegen die damaligen Tasmania-Jäger aus Gelsenkirchen in der Vorwoche wollte unsere Hertha gegen zuletzt harm- und zahnlose Bielefelder nachlegen und sich weiter von den Abstiegsrängen entfernen und auf Tuchfühlung mit den Mannschaften der oberen Tabellenhälfte gehen.

Doch davon war im Spiel nicht viel zu sehen. Nach einer unkreativen und recht ereignisarmen ersten Halbzeit verpatzte Bruno Labbadias Elf den zweiten Durchgang nach allen Regeln der Kunst und versagte eklatant auf ganzer Linie.

Wir schauen auf einige ausgewählte Herthaner bei dieser in allen Belangen enttäuschenden 0:1-Auswärtsniederlage.

Omar Alderete – Wieso Weshalb Warum?

Gegen die sieglosen Gäste aus Gelsenkirchen hatte Omar Alderete zu Beginn des Jahres noch ziemlich gut ausgesehen, sich so seine Startelfnominierung verdient und gezeigt, warum Bruno Labbadia ihn recht überraschend Jordan Torunarigha vorgezogen hatte.

Seine Zweikampfstärke mit dem richtigen Timing und der ordentliche Spielaufbau aus kreativeren und häufig vertikalen Bällen belebte das Hertha-Spiel.

Doch alles, was Omar Alderete gegen Schalke 04 ausgezeichnet hatte, ließ er nun in Bielefeld vermissen. Schon nach elf Sekunden (!) setzte er übermotiviert zu einem Roulette-Trick an und hatte Glück, dabei gefoult zu werden, um nicht direkt einem fatalen Ballverlust nacheilen zu müssen. In Sekunde 40 folgte direkt der erste unbedrängte Fehlpass ins Bielefelder Mittelfeld und ließ für das Spiel schon nichts Gutes erahnen.

Konnte Alderete in der ersten Hälfte trotz Unkonzentriertheit und Tollpatschigkeit noch einige Zweikämpfe für sich entscheiden und manche seiner langen Bälle bei Jhon Córdoba anbringen, ging es nach der Pause rapide bergab. Schon mit dem unbedrängten Fehlpass ins Seitenaus bei erstem eigenen Ballbesitz zeigte sich, dass die erste Hälfte hier wohl ein schlechtes Omen gewesen war.

(Photo by Stuart Franklin/Getty Images)

In der 48. Minute war Alderete dann mit dem Kopf wohl schon wieder beim Rausrücken, als er an einem in den Strafraum gespielten Ball dermaßen vorbeisäbelte, dass der völlig freie Bielefelder Sergio Córdova komplett überrascht war und den Ball schlussendlich nur an den rechten Außenpfosten setzen konnte.

Auch in der Folge kam der Innenverteidiger in keinen Zweikampf mehr, auch im Aufbau funktionierte nicht mehr viel und es häuften sich die langen Ball, die anders als in Halbzeit Eins nicht mal mehr den Stürmer ins Kopfballduell schickten, sondern direkt beim Gegner landeten. So scheint nach den mäßig konstanten Leistungen des Paraguayers als Torunarigha-Ersatz im November das Spiel gegen Schalke nur ein (positiver) Ausrutscher gewesen zu sein und der Sommerneuzugang noch zu sehr mit seiner Inkonstanz zu kämpfen.

Kaum vorzustellen, dass Omar Alderete nach dieser maximal unglücklichen Leistung im nächsten Spiel wieder in der Startelf steht. So dürfte also Eigengewächs Jordan Torunarigha zurückkehren und versuchen, seine unsicheren Auftritte nach der Corona-Erkrankung abzuschütteln und der Hertha-Abwehr wieder die Stabilität zu verleihen, wie er dies in der Rückrunde der letzten Saison unter Labbadia schon getan hatte.

Mattéo Guendouzi – Auf Tauchstation

Wie in den letzten Spielen ließ sich Mattéo Guendouzi zu Beginn im Aufbau im Wechsel mit Lucas Tousart zwischen die Innenverteidiger oder auf die freie linke Seite fallen, trieb den Ball dann mit großen Schritten den Blick über das Feld schweifend durch die eigene Hälfte und suchte seine Anspielstation.

Doch mit der Zeit wurde Guendouzi wie auch seine Mitspieler immer unauffälliger und erlaubte sich in der Offensive viele Unkonzentriertheiten, stemmte sich aber auch nicht gegen diesen unglückbringenden Verlauf. Bezeichnend auch ein Missverständnis mit Peter Pekarik in der 32. Minute, als den beiden ein Doppelpass misslang und Guendouzi gestisch relativ unmissverständlich klarmachte, dass er sich selbst nicht für den Schuldigen hielt.

(Photo by Stuart Franklin/Getty Images)

In der zweiten Halbzeit war von Guendouzi dann eigentlich gar nichts mehr zu sehen. Hertha gab den Spielaufbau komplett auf und kloppte die Bälle eigentlich nur noch hinten raus in die Bielefelder Abwehrkette. Von Vladimir Darida und Guendouzi war in dieser Phase kaum etwas zu sehen.

Erst in der Nachspielzeit, als Hertha schon eine unsägliche Halbzeit hinter sich hatte, riss Guendouzi das Spiel noch einmal an sich und zeigte einen Hauch kämpferischen Willens, den man zuvor komplett vermisst hatte. Auch wenn der junge Franzose ein Neuzugang und nur zur Leihe bei Hertha ist, muss er sich hinterfragen, wo dieser Wille weite Teile der ersten und die komplette zweite Hälfte gewesen war.

Bezeichnenderweise verendete in der letzten Aktion des Spiels seine Hereingabe in der 97. Minute nach starkem Dribbling dann auch recht kläglich in den Armen des Bielefelder Torwarts. Dieser Hertha-Auftritt hätte aber auch einfach kein Unentschieden verdient gehabt.

Natürlich ist es vermessen, Mattéo Guenduozi eine Führungsrolle aufzwingen zu wollen. Trotzdessen darf man auch von ihm Kampf und Willen erwarten, wenn es mal nicht so läuft. Guendouzi wird mit seiner spielerischen Klasse dennoch auch weiter eine wichtige Stütze im Hertha-Spiel bleiben und es bleibt zu hoffen, dass sich in der Mannschaft langsam aber sicher Wortführer finden, die das Team in einer solchen Phase in Spielen aufrütteln und mitreißen kann – sei es Guendouzi oder (gern auch) jemand anderes.

Hertha Bubis Jessic Ngankam und Luca Netz – Gebrauchter Abend & leise Hoffnung

Nach dem verletzungsbedingten Ausfall von Matheus Cunha stellte sich schon vor Spielbeginn die Frage, ob sich Jessic Ngankam nicht langsam aber sicher einen Startelf-Einsatz verdient hatte. Bruno Labbadia vertraute zunächst aber auf die erfahrenere und defensivstärkere Variante Maxi Mittelstädt.

Nach dem harmlosen ersten Durchgang war es dann aber soweit und Jessic Ngankam ersetzte Marvin Plattenhardt, sodass Maxi Mittelstädt auf die Position des Linksverteidigers rückte und Ngankam über die linke Seite in der Offensive mehr Betrieb machen sollte.

(Photo by Stuart Franklin/Getty Images)

Doch wie so häufig blieb der Wunsch Vater des Gedanken. Ngankam kam in eine verunsicherte Hertha-Mannschaft, die gerade im Begriff war, sich ihrem Schicksal hinzugeben und ließ sich von dieser Atmosphäre anstecken. So fiel er in dem ohnehin schwachen Hertha-Spiel zunächst nur durch Ballverluste und Fehlpässe auf und ließ dann in der 56. Minute in Koproduktion mit Mittelstädt nach schwacher Zweikampfführung Ritsu Doan passieren, der Alexander Schwolow zu einer Parade zwang. Zu allem Überfluss verletzte sich Jessic Ngankam kurz danach und musste in der Folge schon in der 65. Minute das Feld wieder verlassen.

Kurze Zeit später wurde mit Luca Netz ein weiterer Nachwuchsspieler gebracht, der zuletzt gegen Schalke sein Bundesliga-Debüt feiern durfte. Etwas überraschend ordnete sich Netz nicht auf seiner angestammten Linksverteidiger-Position ein, sondern spielte den offensiven Part auf der linken Seite, während hinter ihm weiterhin Maxi Mittelstädt sein Glück versuchte.

Auch an Luca Netz ging die spürbare Verunsicherung der Mannschaft nicht spurlos vorbei. Sein Einsatz begann direkt mit einem ziemlich unnötigen Hackenfehlpass, der ihm in der Folge noch etwas nachhing, was sich in zwei, drei schwächeren defensiven und offensiven Aktionen zeigte.

Das 17-jährige Toptalent biss sich aber ins Spiel und traute sich mehr als seine Vorgänger auf der linken Seite. In der 83. Minute brach er nach Zusammenspiel mit Dodi Lukébakio bis zur Grundlinie durch, versuchte sich im Dribbling und konnte so wenigstens eine Ecke herausholen – die gefährlichste Hertha-Aktion von der linken Seite in den gesamten 90 Minuten.

(Photo by Stuart Franklin/Getty Images)

Seinen insgesamt ordentlichen Auftritt rundete Netz durch Einleitung einer Schusschance von Krzysztof Piątekin der Nachspielzeit ab.

Ngankam konnte seine zuletzt stärkeren Joker-Auftritte nicht bestätigen und fällt nun möglicherweise auch noch aus – ein völlig gebrauchter Tag, der für ihn schon vorbei war, bevor es richtig angefangen hatte.
Luca Netz spielt zwar nicht die Sterne vom Himmel, fiel aber gegenüber seinen Konkurrenten auf der linken Seite unter keinem Aspekt ab und dürfte somit bald weitere Minuten bekommen – ob wieder im linken Mittelfeld oder auf seiner Stammposition als Linksverteidiger, wo derzeit weder Marvin Plattenhardt noch Maxi Mittelstädt vorzeigbare Leistungen abliefern.

Kampfgeist – VERMISST  – Bitte um Hinweise und Mithilfe

In Prä-Corona-Zeiten schallte es gerne mal durchs Olympiastadion: „Wie unser Gegner heißt ist scheißegal, denn wir wollen gewinnen – jedes Mal! Jeder singt so laut wie er nur kann, wir sind Herthas zwölfter Mann!“ Die erste Zeile dieses Herthaner Fangesanges kann sich momentan zweifelsohne nicht auf die Mannschaft beziehen. Wie schon die gesamte Saison über fehlte der Hertha-Elf gestern der Biss, der Wille, die „Mentalität“, der Kampfgeist oder wie man es sonst nennen mag.

Schon von Anpfiff weg gab es unnötige Ballverluste und einen kopflosen und unkonzentrierten Aufbau – und das äußerte sich direkt in der Körpersprache. Als sich nach etwa fünfzehn Minute zeigte, dass man Bielefeld wohl nicht herspielen würde, hingen die Köpfe mit jeder missglückten Aktion minütlich tiefer. Da hätte der Elfmeter für Bielefeld nach vermeintlichem Foul von Niklas Stark an Fabian Klos perfekt ins Bild gepasst, doch der Schiedsrichter kassierte die Entscheidung nach ellenlangen vier Minuten Korrespondenz mit dem VAR wieder, sodass sich das anbahnenden Unheil in die zweite Hälfte verschob.

Dann aber war es nicht mehr zu übersehen. Nach dem üblen Bock von Omar Alderete direkt nach der Halbzeit bahnte sich ein Bielefelder Tor immer mehr an. Das Mittelfeld wurde kampflos hergeschenkt. Die eigenen Defensive prügelte den Ball weg wie ein Sechstligist im Pokal, der in der Nachspielzeit noch das Unentschieden halten möchte. Alle Zweikämpfe, die nicht in letzter Linie geführt wurden, gingen verloren, das Stellungsspiel wurde schludrig, der Spielaufbau fahrig bis non-existent.

Und Bielefeld wurde zu Chancen eingeladen. In der 54. Minute konnte Lucas Tousart den Ball noch in höchster Not per Grätsche aus der Gefahrenzone entfernen. Auch Doans Schuss in der 56. Minute wurde noch glücklich überstanden.

Und in dieser Phase war (wieder einmal) kein Herthaner zu sehen, der die anderen wachrüttelt und anführt. Etwas auszunehmen ist dabei Alexander Schwolow, der schon die ganze Saison sowohl lautstark als auch von der Körpersprache her die richtige Einstellung an den Tag legt. Von der Torwart-Position fällt es aber naturgemäß schwer, die Mannschaft mitzureißen, soweit nicht einige Spieler auf dem Feld solche Ansagen aufnehmen und verkörpern.

Doch bei den Hertha-Spielern findet sich kein Wortführer, auch niemand der in solchen Momenten mit Leistung und Kampf vorangeht. Am ehesten kann man dieses Bemühen noch Lucas Tousart zugutehalten, der sich dafür aber im Gespräch mit seinen Teamkollegen auffallend zurückhält. Das Tor in der 64. Minute fiel dann folgerichtig. Während Jessic Ngankam an der Seitenlinie behandelt wurde, schafften die restlichen zehn Spieler es nicht, einen Einwurf zu verteidigen. Schon wieder ein Einwurf – man erinnere sich an das 2:1 der Freiburger.

(Photo by Stuart Franklin/Getty Images)

Passend zur Leistung des Tages gingen Lucas Tousart und Omar Alderete gemeinsam zum Kopfball, behinderten sich gegenseitig, sodass der Ball von Tousarts Kopf zu Reinhold Yabo verlängert wurde. Der stellte seinen Körper hin, ließ Peter Pekarik daran abprallen und netzte dann zu seinem ersten Bundesliga-Tor ein. Ob man hier auf Foulspiel entscheiden kann, tut mit Hinblick auf Herthas Leistung insgesamt und auch in dieser Situation eigentlich nichts zur Sache.

Auch in der Folge hatte man zu keiner Zeit das Gefühl, dass Hertha noch zum Ausgleich kommen könnte. Kein Aufbäumen in der Mannschaft zu sehen. Bielefeld überließ Hertha in den letzten Minuten zwar noch einmal den Ball, wirklich gefährlich wurde es bis auf den abgepfiffenen Zufallstreffer von Piątek aber nicht mehr

Das Team ist keine Mannschaft, man sieht kein wirkliches Zusammenspiel. Auch ein funktionierendes taktisches Offensiv-Konzept ohne Alleinunterhalter Cunha, an dem sich die Spieler festhalten und aufrichten könnten, fehlt. Ein Team bildet sich nur über Zeit. Aber Zeit hatte diese Mannschaft jetzt schon – und noch immer hat sich kein Führungsspieler hervorgetan oder sich eine Geschlossenheit entwickelt.

Das hat zwar auch die Mannschaft selbst zumindest phrasenhaft erkannt. Aber auch das nicht zum ersten Mal. Und bisher hat sich da noch nicht viel getan. Besserung ist also nicht wirklich in Sicht. Kommt Zeit, kommt Rat? Wir können nur abwarten – und hoffen.

Und da war da noch:

Jhon Córdoba, der in Hälfte Eins noch einige Male zeigen konnte, dass er als Zielspieler in Labbadias System mehr taugt als sein polnischer Sturmkumpane. Blieb in der zweiten Halbzeit mangels Anspielen komplett unsichtbar. Der Kolumbianer kam nach der Einwechslung von Krzysztof Piątek häufiger über links und agierte noch unsichtbarer als vorher. Baute wie das gesamte Team mit fortschreitender Spielzeit immer weiter ab und konnte so seine ordentliche Leistung aus dem Schalke-Spiel nicht bestätigen.

Krzysztof Piątek, der nach seiner Einwechslung für den verletzten Jessic Ngankam in der 65. Minute im Rahmen des grauenhaft schlechten Offensivspiels noch so etwas wie Gefahr ausstrahlte. Traf nach einem abgefälschten Mittelstädt-Abschluss zum vermeintlichen Ausgleich. Nachdem der insgesamt wenig überzeugende Schiedsrichter noch auf Abseits entschieden hatte (war es nicht), konnte der VAR ein Handspiel Piąteks ausfindig machen, sodass das Tor regelkonform aberkannt wurde. Hertha hatte aber bei aller Liebe den Ausgleich in keinster Weiser verdient. Kurz später kam Piątek noch zu zwei Schusschancen, die aber das Tor nicht mehr ernsthaft gefährdeten.

Dodi Lukébakio, der nach dem verletzungsbedingten Cunha-Ausfall als Kreativspieler der Herthaner Offensive besonders im Fokus stand – und wieder einmal nicht abliefern konnte. Weder konnte Lukébakio die Offensive mit klugen Seitenverlagerungen steuern noch die Bielefelder Abwehr mit Tempodribblings vor Probleme stellen. Lukébakios Formtief nimmt trotz der unzweifelhaft vorhandenen Anlagen beängstigende Ausmaße an.

Maxi Mittelstädt, der Cunha auf dem linken Flügel vertrat und naturgemäß nicht ersetzen konnte. Das war auch nicht zu erwarten, nichtsdestotrotz hätte offensiv mehr von ihm kommen müssen. Immerhin konnte er sich in der ersten Hälfte mit zwei Ball-Rückeroberungen auszeichnen. Im zweiten Durchgang rückte er für Marvin Plattenhardt auf die Linksverteidigerposition, wurde dort von Gegenspieler Ritsu Doan immer wieder vor Probleme gestellt und reihte sich so nahtlos in die schwer enttäuschende Leistung der Hertha ein.

[Titelbild: (Photo by Stuart Franklin/Getty Images]