Herthaner im Fokus: Borussia Mönchengladbach – Hertha BSC

von | Dez 13, 2020 | Einzelkritik | 0 Kommentare

Nach einem 1:1-Unentschieden gegen Borussia Mönchengladbach steht Hertha mit zwölf Punkten vorerst auf dem 11. Tabellenplatz. Nach in der Saison teils sehr schwankenden Leistungen – insbesondere in der Defensive – war das Spiel gegen die Borussen vor allem eines: stabil. Und so steht im heutigen Rückblick die geschlossene Mannschaftsleistung im Vordergrund. Bis auf eine hervorstechende Ausnahme: Matteo Guendouzi.

Die Innenverteidigung – Boyata und Torunarigha sorgen für Sicherheit

61. Spielminute: Der Mönchengladbacher Patrick Herrmann taucht plötzlich alleine vor Alexander Schwolow auf, Herthas Keeper zögert eine Sekunde zu lang, Herrmann nutzt dies und hebt den Ball elegant in Richtung Tor. Doch kurz vor der Torlinie rettet Dedrick Boyata und schlägt den Ball ins Seitenaus. Diese Szene zeigt ganz gut, wie man sich als Herthafan im Spiel gegen Borussia Mönchengladbach mit der eigenen Defensive fühlte: sicher und stabil.

(Photo by Sascha Steinbach – Pool/Getty Images)

Selbst als ‚Gladbach nach dem Rückstand in der zweiten Hälfte noch mehrere schlagkräftige Stürmer brachte (Plea, Thuram, Stindl) und einem schon aufgrund der Namen Angst und Bange wurde, stand die blau-weiße Innenabwehr gut. Boyata, der mit knapp 62 Prozent Herthas zweitbeste Zweikampfquote hat, klärte insbesondere in der Luft viele wichtige Bälle gegen Breel Embolo und wirkte auch im Spielaufbau klug mit. Aber auch Jordan Torunarigha machte ein gutes Spiel. Besonders erfreulich ist wie gut beide zusammenpassen. Während der Belgier insbesondere bei hohen Bällen viel abräumt, kann Jordan das Spiel schon vor dem Strafraum extrem gut lesen und fängt auf diese Weise zahlreiche tiefe Pässe ab – eine sehr wichtige Eigenschaft gegen eine Mannschaft wie ‚Gladbach, die mehrere Spieler hat, die genau diese tiefen, gefährlichen Bälle spielen können.

Auch sehr erfreulich war das kluge Zweikampfverhalten: Während in den ersten Spielen dieser Saison gefühlt in jedem Spiel ein blöder Foulelfmeter dabei war, standen die Verteidiger heute in allen kniffligen Szene gut da. Die Gladbacher monierten viel – letztlich waren aber alle wichtigen Zweikämpfe im Strafraum sauber. Kurzum: Herthas Defensive war am heutigen Nachmittag nur ein einziges Mal unsortiert und fing sich dann auch den Ausgleich. Aber seien wir ehrlich: Gegen einen Champions League-Achtelfinalisten ist das völlig okay.

Matteo Guendouzi – Was für ein Fußballspieler!

Schaut man sich die blau-weißen Social Media-Foren nach dem heutigen Gladbach-Spiel an, fällt immer wieder ein Name: Matteo Guendouzi. Der Franzose hat sich in seinen wenigen Spielen für Hertha von Spiel zu Spiel gesteigert und hatte heute somit seinen stärksten Auftritt im blau-weißen Trikot.

Dabei imponierte der französische Jungnationalspieler nicht nur mit seinem technisch brillanten Tor, bei dem er den Ball ohne langes Zögern mit feinster Schusstechnik aus 16 Metern unhaltbar ins obere rechte Eck zimmerte. Noch viel wichtiger ist, dass Guendouzi diese seit wenigen Monaten zusammenspielende Mannschaft inzwischen wie ein echter Spielregisseur taktet. Er gewinnt viele wichtige, kleine Zweikämpfe im Mittelfeld und leitet den Ball schnell an Herthas schnelle Außenspieler weiter.

Insbesondere das Zusammenspiel mit Vladimir Darida hat sehr gut funktioniert – wobei man zwischen den beiden schon einen Qualitätsunterschied erkennt. Darida ist ein gestandener Bundesligaspieler, der durch seine Laufstärke eigentlich immer anspielbar ist. Aber im Gegensatz zu Guendouzi sind beim Tschechen auch des Öfteren Fehlpässe oder Aktionen dabei, die das Tempo verschleppen. Zum Vergleich: Darida brachte nur 66% seiner Pässe zum Mitspieler, bei Guendouzi waren es 91%.

(Photo by Sascha Steinbach – Pool/Getty Images)

In einer Szene kurz vor Schluss zeigte Guendouzi zudem, dass er auf dem besten Weg ist, sogar zu dem „Leader“ zu werden, den Hertha dringend benötigt: Der eingewechselte Jessic Ngankam ging nach einer Balleroberung nicht schnell genug in die Außenposition – Guendouzi hatte keinen Anspielpartner. Der Franzose gab Ngankam (übrigens beide etwa gleich alt) das anschließend deutlich zu verstehen und erklärte ihm, welcher Laufweg sinnvoller gewesen wäre. Nachricht an Michael Preetz: Bitte für einen Verbleib des Franzosen kämpfen!

Niklas Stark – Immer stärker

Erinnert ihr euch noch an das Heimspiel gegen Köln im Februar, als es schon zur Halbzeit 0:3 stand? Niklas Stark machte damals eines seiner schwächsten Spiele im Hertha-Trikot. Wenn man sich den Niklas Stark aus den vergangenen beiden Spielen (Union und Gladbach) anschaut, könnte man meinen, dass wir hier über zwei verschiedene Spieler sprechen.

Foto: IMAGO

Unter Labbadia ist Stark zu einem klassischen „Sechser“ geworden – früher nannte man diese Position „Vorstopper“. Der gebürtige Franke holt sich viele Bälle in der Abwehr ab und übergibt sie an die spielintelligenten Regisseure Guendouzi und Darida. Besonders erfreulich war heute, dass Stark gerade in der ersten Hälfte auch einige Akzente nach vorne setzte. In der 15. Spielminute beispielsweise tauchte er im Strafraum auf und flankte gefährlich in Richtung Dodi Lukebakio.

Das wichtigste ist jedoch die Arbeit gegen den Ball und vor allem dort zeigte der Vizekapitän seine Stärken. Stark war stets hellwach und eng am Gegenmann, sodass er einige Konter bereits frühzeitig stoppte – besonders gegen die schnellen Gladbacher extrem wichtig. Zwei Tacklings, ein abgefangener Ball, vier Klärungsaktionen und ein abgeblockter Schuss – so die guten Zahlen von Stark, der sich wohl endgültig festgespielt hat. Niklas, davon gerne noch mehr in den nächsten Spielen.

Dodi Lukebakio – Wir müssen reden!

Dodi, wir müssen reden! Grundsätzlich ist Dodi Lukebakio einer der besten Offensivspieler, die Hertha in den vergangenen Jahren verpflichtet hat. Schon die bloßen Zahlen belegen das: In dieser Saison machte er bereits zwei Tore und legte drei Treffer auf. Im vergangenen Jahr machte er in 30 Ligaspielen sieben Tore und legte weitere sieben auf.

Hinzu kommt, dass der Belgier extrem schnell ist und gerade bei Gegenangriffen auf den Außenpositionen Herthas wichtigste Anspielstation ist. Leider nur ist Lukebakios Spiel viel zu volatil. Es gibt Phasen im Spiel, da tut sich der Belgier komplett raus, bietet sich nicht an, läuft mit hängendem Kopf über den Platz und wirkt auch in Zweikämpfen demotiviert. So auch gegen Gladbach gesehen, am Samstagnachmittag wollte Lukebakio kaum etwas gelingen. Nur 61% seiner Pässe kamen beim Mitspieler an, kein Dribbling wurde gewonnen. Hinzu kamen gewisse Schwächen gegen den Ball, einmal mehr hörte man Trainer Labbadia zahlreiche Anweisen und Aufforderungen in Richtung des Belgiers brüllen.

Foto: IMAGO

Auch Labbadia hat Dodis Motivation und seinen Einsatz bereits thematisiert – es wird Zeit, dass Lukebakio dauerhaft mehr PS auf die Straße bringt – das Potenzial ist ohne Zweifel vorhanden. Sonst könnte womöglich ein fabrikfrischer Flitzer an ihm vorbeiziehen: Jessic Ngankam (siehe weiter unten).

Und dann war da noch:

Alexander Schwolow: Ein gutes Spiel vom ehemaligen Freiburger. Alleine wegen seiner Rettungsaktion in der 42. Minute sei der Torwart hier erwähnt. Mit einem Arm wehrte Schwolow einen heftigen Schuss des Gladbachers Wolf ab. Schwolow fing viele Flanken ab und leite einige Gegenangriffe klug ein. Bis auf das oben genannte zögerliche Herauskommen gab es keine Fehler, beim Gegentreffer war er chancenlos.

Der Nachwuchs (Redan und Ngankam): Viel Zeit hatten Daishawn Redan und Jessic Ngankam nicht, um sich im heutigen Spiel anzubieten. Und trotzdem nutzten beide die ihnen zur Verfügung stehenden Spielminuten. Ngankam zeigte sich oft und auf beiden Seiten anspielbereit und sorgte insbesondere in Gladbachs Drangphase für Entlastung. Bei Ngankams Hackentrick kurz vor Schluss im Gladbacher Strafraum wurde es auf einmal sehr brenzlig – es folgte leider ein Fehlpass. Der Niederländer Redan hatte noch weniger Zeit auf dem Platz, sorgte aber ebenfalls fast für einen Paukenschlag, als er direkt von Schwolow bedient wurde und alleine in Richtung Tor marschierte – auch hier leider ohne Happy End.

Fazit

Der erhoffte Sieg gegen ein Spitzenteam blieb leider aus. Hertha fing sich nach dem schönen Führungstreffer völlig berechtigt einen Gegentreffer ein. Wichtig ist aber: Zu keinem Zeitpunkt hatte man – wie etwa gegen Dortmund – das Gefühl, dass diese Mannschaft zusammenbricht und nicht wettbewerbstauglich ist. Ganz im Gegenteil: Gladbach biss sich an einer starken Defensive die Zähne aus. Auch die Einstellung stimmte: Mit etwa 116 Kilometern lief Hertha etwa zwei Kilometer mehr als die Borussia und auch in den Zweikampf- und Passwerten lag Hertha nur knapp hinter Gladbach. Es folgen Spiele gegen Mannschaften aus dem unteren Tabellendrittel. Hertha muss dann abliefern.

[Titelbild: Sascha Steinbach – Pool/Getty Images]

ÜBER DEN AUTOR

Benjamin Rohrer

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