Vorschau: Hertha BSC – 1. FC Union Berlin: Ein Derby mit umgekehrten Vorzeichen

von | Dez 3, 2020 | Vorbericht | 0 Kommentare

Die ersten Reizpunkte sind gesetzt: Nachdem Hertha in der Nacht von Montag auf Dienstag die halbe Stadt in ein blau-weißes Fahnenmeer verwandelt hat, ließen die üblichen Reaktionen in den sozialen Netzwerken nicht lange auf sich warten. Während sich die Anhänger der „Alten Dame“ freuten, dass Hertha nach so manchem Marketing-Fehltritt der letzten Jahre (Stichwort: “We try. We fail. We win“) den zuletzt positiv eingeschlagenen Weg fortsetzt und einen echten Coup landet, waren Union-Fans zu großen Teilen weniger angetan. Aber da die Aktion sicherlich nicht in der Absicht entstand, Unionerinnen und Unioner zu begeistern und Hertha-Fans mutmaßlich genauso verstimmt reagiert hätten, wenn ihre Stadt plötzlich voll rot-weißer Fahnen übersät gewesen wäre, sollte man das Ganze nicht zu hoch hängen. Ein nettes Vorgeplänkel vor dem anstehenden Spiel am Freitag: Nicht mehr und nicht weniger.

Immerhin eines scheint die Aktion aber auf beiden Seiten bewirkt zu haben. Trotz der wideren Umstände ist so etwas wie Derbystimmung aufgekommen. Und wenn es in diesen nervenzehrenden Zeiten eines gebrauchen kann, dann sind es (positive) Emotionen. Es ist also angerichtet für die siebte (Pflichtspiel)-Auflage des Berlin-Duells.

Um einen detaillierten Einblick in die sportliche Situation bei den Köpenickern zu bekommen, haben wir mit Sebastian Fiebrig, unter anderem bekannt vom Textilvergehen, gesprochen und ihn gefragt, wie der momentane Aufschwung der Unioner zu erklären ist.

Mit 13 Toren war Sebastian Andersson in der Vorsaison die Lebensversicherung von Union. (Photo by Boris Streubel/Bongarts/Getty Images)

Das verflixte zweite Jahr

Platz 6 in der Tabelle, 16 Punkte und mit 21 erzielten Treffern die zweitbeste Offensive der Liga. Wer diese Zahlen vor der Saison gehört hätte, hätte vermutlich zuallerletzt darauf getippt, dass sie Union Berlin zuzuordnen sind. Immerhin ist hier von einer Mannschaft die Rede, die selbst im Jahr des Aufstiegs nicht gerade durch außergewöhnliche Schlagkraft vor dem Tor auffiel. 54 Treffer genügten letzten Endes, um den Gang in die am Ende erfolgreiche Relegation anzutreten. Zur Einordnung: Mitaufsteiger Paderborn und Köln erzielten im selben Zeitraum 76 respektive 84 Tore. So verwunderte es dann auch nicht, dass Union als krasser Außenseiter, dem nahezu ganz Fußballdeutschland den direkten Wiederabstieg prognostizierte, sein Heil in der Premierensaison im Oberhaus eher in der Defensive suchte und mit 41 geschossenen Toren nur die beiden Absteiger sowie Schalke 04 noch harmloser waren.

Dass Union mit der defensiven Spielweise trotzdem beachtliche 41 Punkte einheimste und damit souverän die Klasse hielt, war vor allem einem Mann zu verdanken: Sebastian Andersson zeichnete für 12 Tore der zurückliegenden Spielzeit hauptverantwortlich. Ganze sieben davon erzielte der Schwede per Kopf. Gerade diese Eigenschaft war es, die Trainer Urs Fischer zu nutzen wusste.  So lautete das Erfolgsrezept in der Regel: Langer Ball auf Andersson, der macht den Ball fest und im Idealfall resultiert aus dem dadurch entstehenden Angriff eine Ecke. Denn die Standards waren für die Köpenicker in dieser Phase überlebenswichtig. Ganze 44 Prozent der Tore kamen nach ruhenden Bällen zustande. Abnehmer der Flanken von zumeist Christopher Trimmel war – wie könnte es anders sein – Sebastian Andersson.

So stand vor der Saison also vor allem die Frage im Raum, ob Union wieder auf die altbewährte Formel setzen oder etwas Neues probieren würde. Immerhin ist nicht umsonst oft die Rede davon, dass das zweite Jahr in der ersten Liga das schwierigste ist, da sich die anderen Teams auf die Spielweise des Neulings einstellen konnten. Union Berlin hat diese Frage für sich sehr schnell und sehr eindeutig beantwortet. So ist von der oftmals abwartenden Spielweise und dem Hoffen auf Standardsituationen nicht mehr allzu viel übrig.

Aus der Not eine Tugend machen

Max Kruse hat das Spiel von Union auf ein neues Level gehoben. (Photo by Maja Hitij/Getty Images)

Dass Union vom Ansatz aus der Vorsaison abgewichen ist und nun auch vermehrt das Spiel mit dem Ball forciert, hängt zu großen Teilen auch mit der Transferphase zusammen. Zum einen hat der angesprochene Sebastian Andersson den Verein kurz vor Ende der Transferphase verlassen. Zum anderen ist da plötzlich ein gewisser Spieler im Kader, der (und diese Einschätzung wird zerfressen von blankem Neid abgegeben) eigentlich viel zu gut ist, um an der Alten Försterei zu spielen. Die Rede ist natürlich von Max Kruse. Ein Spieler, der aufgrund seiner Spielweise und auch seines Glamours so überhaupt nicht zu Union zu passen schien und der nun nach wenigen Wochen schon den Eindruck vermittelt, als wäre er nie woanders gewesen.

Viele waren gespannt, wie Max Kruse dieses – mit Verlaub – eher destruktiv angelegte Spiel beeinflussen würde. Die Antwort ist: Er hat es um beinahe 180 Grad gedreht. Wobei diese Einschätzung laut Sebastian zu kurz greift: „Den Plan mit dem Ball hatte der Trainer bereits in der vergangenen Saison. Aber die Mannschaft konnte das da nicht so gut umsetzen. Dieses Jahr gibt es Spieler, die in der Spitze das Niveau des gesamten Teams noch einmal gehoben haben. Dazu gehört natürlich Max Kruse in der aktuellen Form. Aber es gibt schon auch andere Spieler wie Knoche, die nicht unwichtig für den Aufbau sind und der regelmäßig die meisten Ballkontakte bei Union hat. Fischer ist ja nicht der dröge Defensivtrainer, als der er gerne mal hingestellt wird, sondern es zeichnet ihn aus, dass er sehr pragmatisch genau den Fußball spielen lässt, zu dem die Mannschaft imstande ist. Es dürfte ihm auch helfen, dass die Mannschaft offensichtlich beim Spiel Dingen begegnet, auf die sie vom Trainerteam vorbereitet wurde.“

So scheint es, als hätte Oliver Ruhnert, Geschäftsführer Sport bei den „Eisernen“, im Sommer, auch fernab der Verpflichtung von Kruse, einen klaren Plan verfolgt, um der Mannschaft in Zusammenarbeit mit Urs Fischer mehr spielerische Elemente zu verleihen. So sagt Sebastian weiter: „Es war ja nicht nur Max Kruse. Auch Robin Knoche wurde verpflichtet. Oder Loris Karius, der noch gar kein Spiel für Union gemacht hat. Nicht zu vergessen solche Verpflichtungen wie Joel Pohjanpalo, Taiwo Awoniyi und Keita Endo. Von letzterem werden wir sicher noch viel hören, wenn er endlich verletzungsfrei bleibt.“

Unions Härtetest beginnt jetzt

(Photo by ANNEGRET HILSE/POOL/AFP via Getty Images)

Zur ganzen Wahrheit des so erfolgreichen Saisonstarts gehört aber auch, dass es die DFL für den Auftakt sehr gut mit Union gemeint hat. Mit Borussia Mönchengladbach hatten die Köpenicker bislang erst ein Topteam auf dem Spielplan. Borussia Dortmund, Leipzig, der FC Bayern, Bayer Leverkusen … all diese Mannschaften folgen erst noch. Dementsprechend ordnet auch Sebastian die Situation ein:  „So ein bisschen ist der Spielplan ja immer Fluch oder Segen. Es war schon vor Saison klar, dass Union von Anfang an wird punkten müssen, weil hinten eher die dicken Brocken warten.“

Dass Union den Zwang, am Anfang punkten zu müssen, aber derart ernst nimmt, war nicht zu erwarten: „Wenn ich mir all das vor Augen halte, muss ich mich eher kneifen. Auch, dass ich in der Tabelle nicht unten schaue, wie viel Abstand Union zu den Abstiegsplätzen hat. Die Integrationskraft der Mannschaft ist vielleicht wirklich das Bewundernswerte und auch die Art und Weise, wie das Trainerteam um Urs Fischer diesen Umbruch moderiert hat. Der Tabellenplatz wird sich bestimmt etwas nach unten entwickeln bis zur Winterpause. Aber die Punkte kann niemand nehmen. Und das gibt Sicherheit.“ Diese Sicherheit ist essenziell. denn trotz des aktuellen Höhenflugs stimmt Sebastian der Maßgabe Urs Fischers zu, dass der Klassenerhalt über allem steht: „Wahrscheinlich steht irgendwo in der Kabine wieder die Zahl 40. Und ich vermute, dass ihr Anblick absolut erdet. Union wird sich jeden Punkt weiter hart erkämpfen müssen.“

Hertha vor dem Derby in ungewohnter Rolle

Während der Umbruch im Kader bei Union also besser kaum laufen könnte, sind bei Hertha nach wie vor einige Bewegungsschmerzen spürbar, auch wenn der Trend mit Ausnahme der Klatsche gegen den BVB zuletzt nach oben zeigte. Beim Blick auf die Tabelle ist es nun erstmals der Fall, dass die Rolle des Favoriten vor einem Derby nicht eindeutig bei Hertha liegt, Trotzdem darf für die “Alte Dame”, gerade aufgrund der tabellarischen Situation, nur ein Dreier zählen. Der Verein hat mit der eingangs erwähnten Fahnenaktion den richtigen Tenor gesetzt, nun sind die Spieler gefragt. Ein zweites Fiasko wie im Hinspiel der Vorsaison, als nur ein Team verstanden hat, worum es in einem Derby geht, darf es unter keinen Umständen geben. In diesem Sinne sollte eher das Rückspiel als Orientierungsmaßstab genommen werden.

[Titelbild: Stuart Franklin/Getty Images]
 

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Alexander Jung

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