Ist das Glas nun halb voll oder halb leer? Dem couragierten Auftritt in Leipzig, bei dem Hertha jedoch leer ausging, folgte gegen Wolfsburg ein dominanter Auftritt, der nichts anderes als einen Sieg verdient gehabt hätte. Doch wie schon in Leipzig verpasste es Hertha, sich zu belohnen, sodass man nach dem 1:1 klar von zwei verlorenen Punkten statt einem gewonnenen sprechen muss. Dennoch macht die Leistung einmal mehr Mut. Allein helfen Anerkennung und Lob wenig, wenn der Ertrag ausbleibt. Und so steht das Team von Bruno Labbadia vor dem Spiel gegen Augsburg unter Druck. Zumal keinesfalls davon ausgegangen werden darf, dass eine Partie gegen diesen FCA zum Spaziergang wird.

Im Vorfeld der Partie haben wir mit Augsburg-Expertin Kristell, unter anderem bekannt aus dem FRÜF-Podcast, gesprochen, um zu ergründen, wie der gute Saisonstart der Fuggerstädter zu erklären ist.  

Mit „Augsburger Tugenden“ in die Erfolgsspur

Mit defensiver Kompaktheit weiß der FC Augsburg bisher zu überzeugen. (Photo by ROLF VENNENBERND/POOL/AFP via Getty Images)

Wer dieser Tage auf die Tabelle blickt, wird sich angesichts einiger Platzierungen verwundert die Augen reiben. Die positive Überraschung dieser zugegebenermaßen noch sehr jungen Saison stellt der FC Augsburg auf Platz 6 dar. Dass derartige Platzierungen gerade zu Saisonstart des Öfteren zustandekommen, ist kein Novum. So weilte Paderborn vor einigen Jahren zu Beginn der Spielzeit gar an der Tabellenspitze, nur um am Ende dann den Gang in die zweite Liga antreten zu müssen. In Bezug auf Augsburg muss man diese Leistung aber besonders wertschätzen, wenn man sich das Auftaktprogramm anschaut. So ist der FCA die einzige Mannschaft, die dem BVB bislang Punkte in der Liga abnehmen konnte.

Die Gründe für den erfolgreichen Start sieht Kristell neben den Neuzugängen – allen voran Gikiewicz und Caligiuri – vor allem in der Rückbesinnung auf die „Augsburger Tugenden“: „Was ich Augsburger Tugenden nenne, ist das, was allen anderen am FCA so höllisch auf die Nerven geht: Gegen uns zu spielen, macht keinen Spaß. In den letzten Spielzeiten war das etwas abhandengekommen, der FCA wirkte zuweilen hilflos und ließ sich auch mal abschießen, das ist diese Saison noch nicht passiert. Es ist zwar nicht immer schön, was die Augsburger auf den Rasen bringen, aber meistens sehr effektiv, und aus sehr wenig Ballbesitz haben wir so schon erstaunlich viele Punkte, und wahrscheinlich wenig Freunde fürs Leben gemacht.“

Gleichzeitig ordnet Kristell ein, dass auch der Faktor Glück eine nicht unwesentliche Rolle spielt: „Dass wir den BVB am Anfang der Saison erwischten, wo noch nicht alles rund lief und dann gleich 2:0 gewinnen konnten, daran hatte auch die Tatsache Anteil, dass bei dem Spiel 6000 Fans das Team unterstützen konnten. Und von diesen ersten ziemlich guten Partien zehren wir heute noch.“

Herrlichs Fußball passt zum FCA

Auch dank Trainer Heiko Herrrlich holte der FCA zehn Punkte aus den erste sechs Partien. (Photo by ROLF VENNENBERND/POOL/AFP via Getty Images)

Wenn davon die Rede ist, dass die „Augsburger Tugenden“ wieder auf dem Platz sichtbar sind, hängt das auch zu großen Teilen mit Heiko Herrlich zusammen. Der vormalige Leverkusen-Coach leitet seit März diesen Jahres das Training in der Fuggerstadt.

Seine Spielidee, „aus kompakter Defensive schnell nach vorn kommen um mit wenig Ballbesitz dennoch möglichst viele Torchancen zu erzielen“ passt zum FCA: „Der FCA verteidigt nun wieder so diszipliniert, dass Gegentreffer hart erarbeitet werden müssen. So können wir stärkere Gegner wieder mürbe machen, das geht gegen manche ganz gut auf. Im Spiel mit dem Ball sehe ich noch Luft nach oben, aber auch hier zeigen die letzten Spiele, dass die Mannschaft in der Lage ist, Chancen zu erzielen und Fehler auszunutzen, und dabei nicht auf einzelne Akteure angewiesen ist, sondern wie beim FCA immer wichtig, Tore eine Gemeinschaftsleistung sind.

Mit Demut in den Rest der Saison

Trotz des aktuellen Höhenflugs besteht in Augsburg keinerlei Gefahr, abzuheben: „Klassenerhalt ist das erste und das einzige Ziel. Das halte ich auch im zehnten Jahr in der Bundesliga für sinnvoll, auch wenn natürlich schon wieder Träumereien vom europäischen Wettbewerb durch einige Fanköpfe geistern. Auch wenn wir momentan recht gut dastehen und entspannt sein können, sollte uns in Augsburg bewusst sein, wie fragil Erfolg in der Bundesliga ist, und spätestens dann, wenn die 80 Millionen Fußballexperten da draußen sagen, der FCA hätte diese Saison mit dem Abstieg nix zu tun, sollten wir besonders vorsichtig werden“, ordnet Kristell die Erwartungshaltung ein. Ein Ansatz, der so manch anderen Clubs, die in der Tabelle gerade wesentlich tiefer rangieren, auch gut zu Gesicht stünde.

Eine halbe Stunde als Hoffnungsschimmer

Er war das belebende Element in der zweiten Halbzeit. Es war die 57. Minute, als Matteo Guendouzi sein heiß erwartetes Debüt im blau-weißen Trikot gab – und der Franzose hielt auf Anhieb, was sich viele von ihm versprechen. Er forderte und verteilte Bälle, überzeugte mit hoher Dynamik und Spielwitz, hatte keinerlei Anpassungsschwierigkeiten. Kann die Arsenal-Leihgabe an diese Leistung in den kommenden Monaten anknüpfen, kann man sich aus Herthaner Sicht nur freuen – im besten Fall gleich am Samstag gegen Augsburg.

[Titelbild: Alexandra Beier/Bongarts/Getty Images]