Es gab einmal eine Zeit, in der die Hinrunde die Kernkompetenz von Hertha zu sein schien. So holte die „Alte Dame“ in den Spielzeiten 2015/2016 sowie 2016/2017 jeweils 32 bzw. 30 Zähler nach 17 gespielten Partien. Dass es dann nicht für die Champions League reichte, war in beiden Fällen mit einer wesentlich schlechteren Rückrunde zu begründen. Doch mit dem Weggang von Pal Dardai scheinen auch die guten Saisonstarts passé. So reichte es im Vorjahr zu mageren 19 Punkten bis zur Winterpause und auch aktuell steuert Hertha nicht gerade neue Rekordmarken an. Nach dem vielversprechenden 4:1-Auftaktsieg in Bremen folgte kein einziger Zähler mehr. Während aus den Niederlagen gegen Frankfurt und in München noch einige positive Aspekte mitgenommen werden konnten, blieb nach dem jüngsten 0:2 gegen Stuttgart einzig eine riesige Portion Ernüchterung.

Es erinnert gerade vieles an den Herbst 2019. Während Hertha im unteren Bereich der Tabelle herumdümpelt, redet der Investor bzw. dessen Anhang (Jens Lehmann) von Europa. Geholfen ist damit niemandem. Ruhe im Karton kann – das ist im Fußballgeschäft wohl die älteste Weisheit überhaupt – nur durch sportlichen Erfolg hergestellt werden, am besten sofort. Dafür ist der kommende Gegner aus Leipzig allerdings der aktuell denkbar schlechteste Gegner.

Um einen detaillierten Einblick in die Situation bei RB zu bekommen, haben wir mit Leipzig-Experte Kai gesprochen, der uns unter anderem erklärt, wie sehr der Abgang von Timo Werner wirklich schmerzt.

Die Leipziger Frühstarter

Stand jetzt gelingt es Leipzig, den Abgang von Timo Werner zu kompensieren. (Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images)

Während Hertha seit letzter Saison, wie eingangs beschrieben, gehörige Probleme mit dem Start in die Spielzeit hat, kann das von Leipzig keineswegs behauptet werden. Zehn Punkte nach vier Partien standen sowohl in der letzten Saison als auch in dieser zubuche. 2019/2020 mündete dies sogar in der Herbstmeisterschaft und einem zwischenzeitlichen Vorsprung von vier Punkten auf den späteren Meister Bayern München.

Dass dieser starke Start wiederholt werden konnte, war in dieser Form nicht unbedingt zu erwarten. Es wurde mit Spannung beobachtet, wie RB den Abgang von Timo Werner verkraften würde, der in der Vorsaison an unglaublichen 36 Toren in 34 Spielen beteiligt war. Auch Patrik Schick, der immerhin zehn Treffer und zwei Assists beisteuerte, konnte nicht gehalten werden. Fragte sich manch einer, wer denn nun im Leipziger Dress noch für Tore sorgen solle, lautet die korrekte Frage gerade eher: Wer nicht? So sagt Kai: „Vor einem Jahr hatte Werner 5 der 10 Treffer [nach vier Spielen] erzielt, heute verteilen sich die Tore auf 6 Spieler.  Das zeigt schon, in welche Richtung es geht. Die Tore und Vorlagen von Werner sollen im Kollektiv ersetzt werden. Neben den etatmäßigen Stürmern soll mehr Torgefahr aus dem offensiven Mittelfeld kommen, das sicher das Prunkstück von RB ist. Forsberg, Olmo, Nkunku, Sabitzer und Kampl ist schon eine beeindruckende Reihe geiler Kicker, von denen jeder für 5-10 Saisontore gut ist, wenn alles läuft.  Und zur Not haben wir ja noch unseren neuen Goalgetter Angeliño.“  

Aus der Not eine Tugend machen

Anhand dieser Aufzählung zeigt sich schon, dass die Spielweise in dieser Saison eine andere ist. War in der Vergangenheit viel darauf ausgerichtet, Werner hinter die Kette zu schicken, sodass er sein Tempo möglichst gut nutzen kann, hat RB nun eine neu gewonnene Variabilität, die es für Gegner schwieriger machen könnte, die Leipziger auszurechnen: „Ohne den klaren Fokus auf den klassischen Stürmer Werner und sein Tempo in Umschaltsituationen sind wir offensiv flexibler geworden. Die beiden Spiele gegen Schalke und Augsburg (in der 1. Halbzeit) haben davon schon einen Eindruck gegeben. Eine Aufstellung ohne richtigen Stürmer, dafür mit der offensiven Dreierkette Olmo, Forsberg, Nkunku und ganz viel Ballzirkulation, ausgeklügeltem Positionsspiel und schnellen One-Touch-Kombinationen im Angriffsdrittel. Dazu kommen ein sehr offensiver Angeliño auf links, der eine gefährliche Flügelkomponente ins Spiel bringt. Und mit Poulsen, Hwang, Sörloth und Kluivert verfügt RB noch über vier unterschiedliche Stürmertypen, die je nach Gegner und Spielsituation andere Qualitäten mitbringen können. Insgesamt könnte man sagen, dass RB durch den Weggang von Werner und die Neuzugänge noch mehr zu einem Nagelsmann-Team geworden ist.“, sagt Kai.

Reicht es dieses Jahr zu mehr als Top 4?

Selbst Linksverteidiger Angelino schießt aktuell alles kurz und klein. (Photo by Maja Hitij/Getty Images)

So scheint es also, als hätte es Leipzig trotz des Abgangs von Werner geschafft, den Kader insgesamt sogar noch zu verstärken. Mit Hwang, Sörloth, und Justin Kluivert wurden drei neue Angreifer mit jeweils verschiedenen Profilen ins Boot geholt. Hinzu kommen Spieler, die sich im Vergleich zum Vorjahr enorm gesteigert haben. Emil Forsberg, der in der Vorsaison noch eine eher untergeordnete Rolle spielte, zeigt sich in hervorragender Frühform. Angelino, der im Januar von Manchester City ausgeliehen wurde, spielt derzeit in einer Verfassung, dass man sich fragen mag, wieso er nicht längst bei den Skyblues die linke Seite beackert.

Angesichts dessen steht die Frage im Raum, ob es in diesem Jahr auch für Pokale reichen könnte. Kai betrachtet dieses Gedankenspiel eher mit Skepsis: „Mag sein, dass im zweiten Nagelsmann-Jahr die internen Erwartungen im Verein noch höhergesteckt sind, auch angesichts der aktuell nicht überzeugenden Performance beim Wettbewerber BVB und zumindest leichten Schwächen der Bayern. Mir fehlt dafür momentan noch einiges an Fantasie, zumal der Saisonstart im vergangenen Jahr ähnlich gut war und es dann nach der Winterpause etwas dahin ging. Ein entscheidender Punkt wird sein, wie das Team die Belastungssteuerung in den jetzt beginnenden englischen Wochen hinbekommt und ob man ohne größere Ausfälle durch den absurd dichten Spielplan dieser Saison kommt. Der längere Ausfall von Klostermann (Knie-OP) ist schon mal ein harter Schlag ins Kontor.“

Mit Selbstvertrauen in die kommenden Wochen


Auch wenn es für Hertha an einem normalen Tag gegen ein Leipzig in dessen aktueller Verfassung realistisch gesehen wenig zu holen gibt, ist das Spiel keinesfalls ohne Bedeutung. Nach der Partie in der Messestadt geht es für Hertha gegen Wolfsburg, Augsburg. Hier ist es zwingend nötig, Punkte einzufahren, zumal die nachfolgenden Gegner Dortmund und Leverkusen heißen. Da kann es keineswegs schaden, sich mit einer ordentlichen Vorstellung in Leipzig das dringend erforderliche Selbstvertrauen zu holen.

*Quelle Titelbild: Alexander Hassenstein/Getty Images