So schnell kann es im Fußball gehen. Musste man letzte Woche nach blamablem Ausscheiden gegen Eintracht Braunschweig in der ersten Runde des DFB-Pokals und den Eindrücken nach einer schwachen Saison-Vorbereitung noch darum fürchten, dass auch der Ligastart komplett in die Hose gehen könnte, sieht die Welt nach dem 4:1 bei Werder Bremen wieder komplett anders aus. Zwar stimmte auch beim Auftritt an der Weser längst noch nicht alles, aber einen 8:0-Kantersieg am ersten Spieltag einer neuen Saison kann wohl kein Fan von seinem Verein verlangen.

Doch welche Schlüsse lassen sich nun nach den ersten beiden absolvierten Pflichtspielen ziehen? Zum einen ist klar zu erkennen, dass sich aktuell niemand wegen fehlender Torgefahr sorgen muss. Dodi Lukebakio scheint seine in der Vorsaison oftmals noch fehlende Kaltschnäuzigkeit entdeckt zu haben; Cunha trifft sogar in einem Spiel, in dem ihm sonst nicht allzu viel gelingen will; Neuzugang Jhon Cordoba knipst direkt in seinem ersten Spiel in blau-weiß und wenn Peter Pekarik plötzlich zum Goalgetter mutiert, wer soll dieses Team dann noch stoppen? Hört sich in der Theorie schön an. Doch leider zählt zum Fußball bekanntermaßen auch noch das Toreverhindern. Das hat in Bremen, bis auf eine Ausnahme, ebenfalls gut funktioniert. Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch, dass Werder über weite Strecken des Spiels erschreckend ideenlos war. Da dürfte der kommende Gegner schon ein anderer Gradmesser für die Stabilität von Herthas Hintermannschaft werden.

Für den aktuellen Vorbericht haben wir uns Verstärkung in Form von Patricia geholt und der Frankfurt-Expertin unsere Fragen zu ihren Eindrücken rund um die Eintracht gestellt.

Das Schielen nach Europa

Nach dem 1:1 gegen Bielefeld gibt es für Frankfurt viel Luft nach oben. (Photo by Matthias Hangst/Getty Images)

Mit der Eintracht trifft Hertha auf eine Mannschaft, die sich den Start in die Saison sicherlich etwas anders vorgestellt hatte. Das 1:1 zum Auftakt gegen Aufsteiger Arminia Bielefeld ist eher ernüchternd. Zwar bewies die Eintracht immerhin Moral und war nach dem zwischenzeitlichen Rückstand das bessere Team mit einem klaren Chancenplus. Letzten Endes bleibt aber der Eindruck, dass sowohl im Spiel nach vorn als auch in der Rückwärtsbewegung noch Luft nach oben besteht.

Dies war auch schon in der ersten Pokalrunde der Fall, in der man, alles andere als dominant geschweige denn überzeugend, 1860 München knapp mit 2:1 schlagen konnte. So muss möglichst bald eine Steigerung erfolgen, will man sich den Traum von Europa, den Fredi Bobic jüngst formulierte, wieder erfüllen. Auch Patricia teilt diese Hoffnung: „[…] Die Sehnsucht nach Europa ist nach wie vor da. Sollte sich die Möglichkeit ergeben, wird die Eintracht auch versuchen, die europäischen Plätze anzugreifen. […] Gleichzeitig schränkt sie jedoch ein, dass […] die Corona-Krise […] der Eintracht in ihren Planungen sicherlich den ein oder anderen Strich durch die Rechnung gemacht [habe]. Einnahmen, mit denen man eigentlich fest geplant hätte, sind weggebrochen.“

Das Problem der Linkslastigkeit

So hat die Eintracht dieselbe Herausforderung, die so viele Vereine in Zeiten von Corona haben. Große Investitionen in den Kader sind – sofern man nicht jüngst einen spendierfreudigen Investor hinzugeholt hat – aktuell keine Option. Und dennoch lässt sich die derzeitige Transferphase, gerade mit Hinblick auf die finanziell angespannte Situation, als Erfolg verkaufen. Sicherlich auch dank der Erlöse aus den Verkäufen von Haller und Jovic im vergangenen Jahr war die Eintracht nicht gezwungen, Leistungsträger abzugeben. So sagt Patricia: „Das Grundgerüst des Kaders steht und ist – vorausgesetzt es gibt keine Last-Minute-Abgänge – aus letzter Saison zusammengeblieben: Trapp, Hinteregger, Kostic, Rode und Silva sind Leistungsträger, die in allen Mannschaftsteilen den Kern des Teams bilden.“

Wie schon im letzten Jahr könnte auch in dieser Spielzeit die Abhängigkeit von Kostic zum Problem werden. (Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images)

Insbesondere bei André Silva dürften die Hoffnungen groß sein, dass er in seiner zweiten Spielzeit bei der Eintracht richtig durchstartet. Nimmt man noch Bas Dost dazu, braucht es nicht allzu viel Fantasie bei der Frage, welche Spieler aufseiten der Frankfurter in der Lage sein könnten, für 15+ Tore zu sorgen. Das Problem, das auch schon in der letzten Spielzeit offensichtlich wurde und für das es bisher keine Lösung zu geben scheint, ist allerdings die Unklarheit, wer diese 15+ Tore auflegen soll. Denn das Schema „Ball auf Kostic und der bringt den Ball schon irgendwie in die Mitte“ lahmte bereits in der letzten Spielzeit, da sich die Gegner zunehmend leichter darauf einstellen konnten. Der Eintracht fehlt es an einem Plan B, wenn Kostic mal einen schlechten Tag hat oder aus dem Spiel genommen wird. So fasst es Patricia treffend zusammen: „Nach wie vor ist die leichte Ausrechenbarkeit der Eintracht ein großes Problem. Kostic ist immer noch der wichtigste Spieler in der Offensivbewegung. Auf der rechten Seite fehlt (Stand jetzt) weiterhin ein offensiver Spieler für die Außenbahn. Auch im zentralen Mittelfeld mangelt es an Kreativität, weshalb Flanken und lange Bälle das Mittel der Wahl sind. In der Zentrale erhofft man sich, dass Kamada nach seiner Vertragsverlängerung nun den nächsten Schritt macht und konstantere Leistungen bringt. Die große Baustelle ist aber weiterhin die rechte Außenbahn. Es braucht hier dringend einen Gegenspieler zu Kostic, um die Disbalance im Angriffsspiel der Eintracht zu beheben.“ 

Weiteren Nachbesserungsbedarf sieht Patricia auf der 10, wo es einen Vertreter für Daichi Kamada benötigt sowie im Sturm, wo nach der etwas überraschenden Leihe von Goncalo Paciencia nach Schalke eine Lücke klafft: „Hütter lässt mit einer Doppelspitze spielen, Dost war letzte Saison extrem verletzungsanfällig und auf der Bank sitzt nur noch der junge Neuzugang Ache. Das kann im Sturm ganz schnell sehr eng werden.“, führt Patricia aus.

Maier auf Abwegen?

Während auch Hertha noch auf der Suche nach Verstärkungen, insbesondere auf rechten Offensivbahn sowie im zentralen Mittelfeld, ist, könnte sich derweil zuerst etwas auf der abzugebenden Seite tun. „Täglich grüßt das Murmeltier“ möchte man meinen, wenn zu lesen ist, dass der Berater von Arne Maier einen Wechsel des Berliner Eigengewächs ins Gespräch bringt. Der Wunsch nach mehr Spielzeit ist angesichts der überschaubaren Einsätze Maiers in diesem Kalenderjahr durchaus nachvollziehbar. Ob es aber der Weg an die Öffentlichkeit sein muss, ist die andere Frage. Dass dies Maiers Chancen auf einen Startelfeinsatz am Freitagabend steigert, darf jedenfalls stark bezweifelt werden. Nach der erfolgreichen Vorstellung vom vergangenen Wochenende und unter der Prämisse, dass sich spontan niemand mehr verletzt, wird Labbadia aller Wahrscheinlichkeit nach derselben Elf wie in Bremen vertrauen.

[Titelbild: JOHN MACDOUGALL/AFP via Getty Images]