Nach den Abgängen von Routiniers wie Vedad Ibisevic und Per Skjelbred klafft eine Führungslücke im Kader von Hertha BSC. Welche Spieler könnten nun Verantwortung übernehmen und was macht einen Führungsspieler überhaupt aus? Eine Analyse.

Nach der fast schon vernichtenden 0:4-Testspiel-Niederlage gegen die PSV Eindhoven blieben vor allem ratlose Gesichter zurück. Schließlich sollte nach der turbulenten vorherigen Saison alles anders und endlich die europäischen Qualifikationsplätze anvisiert werden. Auch wenn Testspiele nicht auf die Goldwaage zu legen sind, identifizierte Trainer Bruno Labbadia schnell eine Baustelle im Mannschaftsgefüge: „Das Krasseste fand ich, wie ruhig wir von der ersten bis zur letzten Minute auf dem Platz waren.“ Mangelnden Kommunikation als Grund der Niederlage oder zumindest ihrer Höhe sollte ein Grund zum Nachdenken sein, denn während man ein Spielsystem schnell umstellen kann, ist das Fehlen eines Kommunikationsklimas oder eines Leaders, der dieses herstellt, etwas, was wesentlich schwieriger zu etablieren ist.

Kraft, Skjelbred, Kalou und Ibisevic hinterlassen Lücke

Unter den zahlreichen Abgängen der letzten Saison befanden sich mit Per Skjelbred, Salomon Kalou, Vedad Ibisevic und Thomas Kraft vier verdiente Hertha-Spieler, die unfassbar wichtig für diesen psychologischen Aspekt des Spiels waren.

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Skjelbred hat sich auf dem Platz stets aufgerieben. Kalou war nicht nur auf dem Feld mit den entscheidenden Toren zur Stelle, sondern auch wenn es um seine Mitspieler ging. Legendär seine Rolex-Tor-Wette mit Duda, die der Slowake verdient für sich entscheiden konnte. Ex-Kapitän Ibisevic war, auch wenn er zuletzt immer häufiger von der Bank kam oder nicht durchspielte, ein wichtiger spielerischer und mentaler Faktor. Das ging so weit, dass er Hoffnungsträger wie Davie Selke oder Krzysztof Piatek ihrerseits auf die Bank verwies. „Vedad Ibisevic war ein Achsenspieler, der einfach führt“, so Labbadia, „und genauso war Per Skjelbred ein Anstecker.” Auch Thomas Kraft trug seinerseits zum Klassenerhalt der Hertha bei. Von Klinsmann noch den fehlenden Mehrwert bescheinigt, coachte er im Rückspiel gegen Düsseldorf seine Mannschaft fast im Alleingang zum glücklichen 3:3 Unentschieden.

Diese vier Hertha-Veteranen haben also definitiv eine Lücke im Mannschaftsgefüge hinterlassen. Das wird noch deutlicher wenn man bedenkt, dass mit Ibisevic der amtierende Kapitän die Mannschaft verlassen hat. Bruno Labbadia steht also vor der Herausforderung die Mannschaft sowohl auf als auch neben dem Platz neu zu strukturieren.

Was macht einen Leader aus?

Zahlreiche Namen für die Kapitänsnachfolge geistern bisweilen durch die Medien. Die Sache scheint nicht so klar, auch wenn man bedenkt, dass zahlreiche der kolportierten Kandidaten beim Spiel gegen Eindhoven auf dem Platz standen und dort nur bedingt überzeugen konnten. Doch was zeichnet einen erfolgreichen Leader überhaupt aus?

Das Alter kommt einem zunächst in den Sinn. Doch das Lebensalter ist nie eine kausale Variable, sondern stets als bloße Orientierungsgröße zu verstehen. In der Tat erscheint Erfahrung die wichtigere Eigenschaft zu sein. Klar hängen Alter und Spielerfahrung oft zusammen, doch auch jungen Spielern wie Joshua Kimmich, die aber bereits vergleichsweise viele Spiele absolviert haben, wird eine gewisse Führungsqualität attestiert. Vereinszugehörigkeit ist selbstverständlich auch ein wichtiger Gesichtspunkt, doch es scheint Spieler zu geben, die sich auf Anhieb eingewöhnen und Verantwortung übernehmen.

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Dedryck Boyata ist an dieser Stelle als aktuelles Beispiel zu nennen. Die schnelle Adaptation des Belgiers zeigt, dass auch die Persönlichkeit eine entscheidende Rolle spielt. Nicht jeder Spieler ist dafür geeignet eine Führungsrolle zu übernehmen. Umgekehrt gibt es einzelne Spieler, die sobald sie auf dem Platz stehen, sofort zu den aktivsten Kommunikatoren gehören. In einem jüngst von der „Zeit“ veröffentlichen Transkript des Spiels Dortmund-Bayern fiel – neben der beeindruckenden Trivialität der Kommandos – auf, dass ein Spieler, wie Mo Dahoud, der eigentlich schon auf dem Abstellgleis geparkt war, anstandslos zu den lautesten Spielern zählte.

Ein weitere wichtiger Faktor ist natürlich die Sprache auf dem Platz. Dabei ist es nicht unbedingt nötig, fehlerfrei Schiller rezitieren zu können, doch das Selbstbewusstsein eines Spielers und die Integration in die Mannschaft dürfte mit der Beherrschung der Sprache zusammenfallen. Das stellt insbesondere ausländische Transfers vor eine Herausforderung, wenn sie nicht, wie der bereits erwähnte Boyata Natural Born Leader oder des Englischen mächtig sind.

Was braucht die Mannschaft?

Bruno Labbadia muss seine Mannschaftsaufstellung also auch nach gruppenpsychologischen Gesichtspunkten gestalten. Dabei kann es zum Beispiel hilfreich sein Spieler aufzustellen, die schon lange zusammenspielen (Torunarigha/Maier/Mittelstädt), die gleiche Sprache sprechen (Redan/Zeefuik/Dilrosun/Rekik) oder sich um die Mannschaft verdient gemacht haben (Darida/Pekarik). Hinzukommt, dass die entsprechenden Spieler auch ein gewisses Maß an Leistung bringen müssen. Das betrifft im speziellen Niklas Stark. Der schon als Nachfolger von Ibisevic gehandelte Innenverteidiger hat eine Saison zum Vergessen hinter sich und seinen Stammplatz an Boyata und Torunarigha verloren. Vielleicht ist seine neue, ihm unter Labbadia zugedachte Position des tiefen Sechsers dazu geeignet, ihn zu alter Stärke und Präsenz zurückzuführen.

Eine unter professionellen Rugby-Spielern durchgeführte Studie konnte zeigen, dass ein Mannschaftskapitän ein vielfältiges Anforderungsprofil erfüllen muss (Cotterill & Cheetham, 2016). Neben seiner Rolle auf dem Platz muss er auch gewisse soziale Fähigkeiten mitbringen und als Schnittstelle zum Trainer und seinen Vorstellungen fungieren. Labbadia, der die Mannschaft erst seit kurzem trainiert und zudem in einer schwierigen Phase übernommen hat, tut also gut daran sich mit der Auswahl seines Kapitäns Zeit zu lassen bis er die Mannschaft vollkommen kennt.

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Dabei darf er aber nicht vergessen, dass eine Mannschaft ein komplexes Gefüge vieler Bedürfnisse ist. Eine andere Studie aus dem Jahr 2014 konnte zeigen, dass unter den circa 4.500 befragten Spielern und Coaches, der Kapitän einer Mannschaft nicht immer als Leader wahrgenommen wird (Fransen et al., 2014). Das hebt die Bedeutung der so wichtigen informellen Leader, gerne auch mal als „Kabinenspieler“ titulierten Akteure hervor. Lukas Podolski bei der WM 2014 ist hier sicher ein hervorragendes Beispiel. Ein weiteres Exemplar ist Thomas Müller, der nicht müde wurde bei der WM 2018 seine Mitspieler weiter anzutreiben, auch wenn man schon 0:2 gegen Südkorea zurücklag und das Ausscheiden so gut wie sicher war.

Besonders junge Spiele sind besonders pflegebedürftig und ruhen sich gerne mal auf ihren scheinbaren Erfolg aus. Will Hertha wirklich eine junge und entwicklungsfähige Mannschaft aufbauen, ist es umso wichtiger, dass es Spieler und Verantwortliche gibt, die einen guten Draht zu den Stars von Morgen haben und sie antreiben, ihr Potential auszuschöpfen. Hierbei ist eine unterstützende Haltung wesentlich besser geeignet als eine rüde und abweisende (Fransen et al., 2018). 

Geld allein reicht nicht

Will Hertha die hochgesteckten Ziele erreichen, reichen die Windhorst-Millionen alleine nicht aus. Sie müssen vielmehr in kluge und durchdachte Transfers investiert werden. Auf und neben dem Platz muss eine Mannschaft stehen, die die Vision des Vereins und des Trainers teilt und in der Lage ist, sich auch in schwierigen Zeiten selbst aus dem Sumpf zu ziehen. 

Dabei sind spezielle Stellen, wie die für Arne Friedrich (mittlerweile Sportdirektor) extra geschaffene Position des „Performance Managers“ sicher ein Schritt in die richtige Richtung. Die wenigen Informationen über seine Arbeitsweise deutete daraufhin, dass die Bedürfnisse und Beziehungen der Spieler durchaus ernstgenommen wurden. Alles in allem ist es der Mannschaft und den vorrangig jungen Spielern zu wünschen, dass sie in einer unterstützenden und wachstumsorientierten Umgebung Fußball spielen können. Davon profitieren nicht nur die Spieler, sondern auch der Verein, der sein Image als sicherer Hafen für junge Talente weiter ausbauen kann. Hier baut Trainer Labbadia bereits vor, indem er immer wieder betont, eine “neue Achse” aufbauen zu müssen und dass dieser Prozess ein schwieriger wie langwieriger sei. Damit moderiert der Übungsleiter eine gesunde Erwartungshaltung und Geduld.

Die neue Spielzeit verspricht wegweisend für Hertha zu werden. Millionen wurden investiert, neue spannende Spieler und Trainer geholt und Erwartungen formuliert. Es ist nun an allen Beteiligten auf und neben dem Platz den Worten und dem Geld, Taten folgen zu lassen. Erfahrene und geachtete Spieler müssen das Heft in die Hand nehmen und anleiten. Es ist dabei am Trainerteam, die Stellschrauben so zu drehen, dass das möglichst ungehindert möglich ist. Ein wichtiger Schritt dabei ist der Etablierung einer offenen und konstruktiven Kommunikation. Die geschieht möglichst nicht über Facebook-Live und Sport Bild, sondern findet vorrangig dort statt, wo sie hingehört und wo die Spiele letztendlich auch entschieden werden: auf dem Platz.

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