Lange musste Hertha sich gedulden, schließlich klappte es mit dem Transfer. Der neue Mann, mit der etwas ungewöhnlichen Nummer 42 im Rücken, heißt Deyovaisio Zeefuik. Ein Name, das gefundenes Fressen für Wortspiel-Liebhaber ist und für manche Kommentatoren sicher eine Herausforderung werden wird, jedoch ganz einfach mit „Deyo“ abgekürzt werden kann. Der junge Niederländer soll das neue Gesicht auf der rechten Verteidigerseite von Hertha BSC werden und für die nächsten Jahre die „alte Dame“ verstärken. Wir haben uns Herthas Neuzugang genauer angeschaut, und dabei viele noch unbekannte Aspekte für uns entdeckt.

Dabei hatte wir das Glück, einen echten Experten an unserer Seite zu haben, der unsere Fragen beantworten konnte. Jan (auf Twitter @janwillemspaans) ist Journalist und Autor, kennt sich in der Niederländischen Liga, der „Eredivisie“, bestens aus und konnte uns einiges über „Deyo“ erzählen. Mit ihm blicken wir gemeinsam auf den neuen Mann und seine Perspektive in blau-weiß.

Von der Ajax-Akademie zum FC Groningen

“Deyo” mit seinen alten Bekannten bei Hertha BSC. (Foto: IMAGO)

Ganz allein und ohne Freunde wird Herthas Neuzugang ganz sicher nicht sein: an der Spree trifft er auf alte Bekannte. Gemeinsam mit Javairo Dilrosun spielte er in der Jugend von Ajax Amsterdam. Daishawn Redan kannte er aus seiner Nachbarschaft: „Manchmal haben wir zusammen auf der Straße gekickt“, kann sich „Deyo“ erinnern. Auch Redan spielte in der Ajax-Jugend. Entwickelt sich Hertha zu einer Art „Mini-Ajax“? „Alle drei (Dilrosun, Redan und Zeefuik) sind in Amsterdam geborene Jungs, die aus unterschiedlichen Gründen nicht bis in die erste Mannschaft von Ajax gekommen sind, aber durchaus in der Lage sind, gute Bundesligamannschaften wie Hertha stärker zu machen“, sagt unser Experte dazu.

Jan selbst kommt ebenfalls aus Amsterdam und erklärt uns, was die Jugendakademie dort so besonders macht: „Die Ajax-Akademie ist ein Markenzeichen für Exzellenz. Sie genießen den Luxus eines dicht besiedelten Gebiets, profitieren von einer Vielfalt von hochkarätigen Trainern. Von jedem Trainer der ersten Profi-Mannschaft wird außerdem erwartet, dass er jungen Talenten ihre Chance gibt – was auch bei Deyo der Fall war!“

Auf die Frage, wie dieser erste Eindruck von Deyovaisio Zeefuik bei den Profis war, muss Jan zunächst einmal etwas schmunzeln: „Ich komme aus Amsterdam, und obwohl ich das lokale Team nicht besonders unterstütze, tun es die meisten meiner Freunde. Sie bemerkten ihn das erste Mal in der Saison 2017/18. Man kann mit Sicherheit sagen, dass er nicht vom ersten Tag an ein großartiger Spieler war. Er war dieser unbesonnene, ungeschickte Fußballer, und es war klar, dass er erstmal wegziehen musste, um Spielzeit zu bekommen. Es führte ihn ja dann zum FC Groningen.“

Erster Erfolg in Groningen

Dort kam Zeefuik erst richtig in die Eredivisie an, setzte sich prompt als Stammspieler auf der rechten Verteidigerposition durch und spielte dort zweieinhalb Spielzeiten so gut wie jede Partie durch. Durch die regelmäßige Spielpraxis bei den Profis verabschiedete er sich schnell vom Bild des „unbesonnenen, ungeschickten Fußballer“. Jan beschreibt ihn heute wie folgt: „Er verkörpert einfach “Action”. Er ist unglaublich im Spiel involviert, ist Spitze in allen Kategorien. Tacklings, Dribblings, eins gegen eins, er ist ein sehr fleißiger Junge.“

Die Nummer “42” hatte Deyo bereits in der Jugend bei Ajax Amsterdam auf dem Rücken. (Foto: IMAGO)

Kein Wunder also, dass er auch in der Saison 2019/2020 beinahe jede Minute für den FC Groningen auf dem Platz stand. „Ich liebe seine Energie“, sagt unser Experte, „Kein Verteidiger in der Eredivisie dribbelte so viel wie Zeefuik in der Saison 2019/20, 2018/19 war er bei den Tacklings ganz oben auf der Liste. Er schlägt auch sehr gute Flanken und wird auf dem rechten Flügel jeden Zentimeter abdecken.“

Seine Qualitäten waren insbesondere auch im System vom FC Groningen wertvoll, das, wie uns Jan erklärt, einen eher für den niederländischen Fußball untypischen defensiven Fußball spielt. „Der FC Groningen kassiert sehr wenig Tore. Das bedeutet, dass Zeefuik immer einen Innenverteidiger hatte, der bei seinen Vorstößen für Absicherung sorgte. So haben sie also wirklich zu seinen Stärken gespielt.“

Mehr Stärken als Schwächen

Das alles klingt zunächst sehr vielversprechend. Doch uns interessiert auch, was dem 22-Jährigen noch fehlt. Wo gibt es in seinem Spiel noch Verbesserungspotenzial? Auch hier teilt Jan mit uns seine Eindrücke: „Seine Neigung, im Grunde genommen „für zwei Spieler zu arbeiten“, führt dazu, dass er bei Konter manchmal zu weit vorne steht. Das ist etwas, woran man arbeiten sollte.“ Seiner Meinung nach sei dies aber kein Grund zur Sorge: „Da er erst 22 Jahre alt ist, sollte er in der Lage sein, sein Positionsspiel weiter zu verbessern. Es ist jetzt schon viel besser als zu seinen Anfängen!“

Trafen sich bereits in den Jugend Nationalmannschaften – Maxi Mittelstädt und Deyovaisio Zeefuik. (Foto: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images)

Mit solchen Qualitäten wird er sicherlich auch für die Nationalelf der Niederlande interessant geworden sein. Da der junge Verteidiger bei Hertha einen langfristigen Vertrag unterschrieben hat, wollten wir also von Jan wissen, ob „Deyo“ in den nächsten zwei bis drei Jahren auch eine Option für „Oranje“ werden könnte: „Aber natürlich! Nationaltrainer Ronald Koeman setzt auf Offensivdenkende Außenverteidiger, deshalb ist aktuell Denzel Dumfries seine erste Wahl. Er und Zeefuik sind Spieler, die man gut vergleichen kann. Mit Dumfries sowie mit Atalanta Bergamos rechter Verteidiger Hans Hateboer hat Deyo eine harte Konkurrenz, aber Herr Koeman behält die Bundesliga genau im Auge!“ Letzteres hat man ja bereits bei dem Debüt von Dilrosun beobachten können.

Jetzt ist die Bühne für Zeefuik tatsächlich größer geworden. Sollte er sich in der Hauptstadt durchsetzen und eine gute Saison spielen, könnten seine Chancen deutlich steigen. Das wird sicher auch eine Rolle in den Überlegungen des Niederländers gespielt haben, als er sich seinen neuen Arbeitgeber ausgesucht hat. Bevor der junge Niederländer endlich in Berlin ankommen konnte, gab es jedoch ein langes hin- und her. Auch Zeefuik selbst beschwerte sich öffentlich über die Verantwortlichen seines „noch“-Vereins und drohte mit einem ablösefreien Wechsel, sollten diese ihn nicht zu Hertha lassen. Schließlich war es am 6. August soweit und Michael Preetz verkündete den abgeschlossenen Transfer.

Wechseltheater führt zur Charakterfrage

Spieler, die einen Wechsel forcieren sind bekanntlich bei Hertha-Fans nicht so gern gesehen. Nicht zuletzt echauffierte man sich über die Causa Samardzic. Eine Frage, die uns deshalb interessierte, war ob „Deyo“ eine solche Situation bereits erlebt hatte und ob er möglicherweise charakterliche Schwächen hat. Jan konnte uns da etwas beruhigen: „Nein, ganz und gar nicht! Die Fans liebten Deyo. Er spielte mit einer gebrochenen Hand weiter, ließ jeden Tropfen Energie auf dem Spielfeld, sodass er in Groningen ein Publikumsliebling war. Auch wenn sein Abschied nicht auf die beste Art und Weise erfolgte, so scheint er doch mit den besten Wünschen aller den Verein verlassen zu haben.“ In der heutigen Zeit, bei jungen Fußballern, solle man sich jedoch keine Illusionen machen: „Ja, wenn er seine Sache wirklich gut macht und ein größerer Verein anklopft, wird er wahrscheinlich weiterziehen wollen.“

In Groningen hat Zeefuik überzeugt. (Foto: IMAGO)

Dieser Wille, diese Charakterstärke, die Jan bei Deyovaisio Zeefuik sieht, konnte man bereits in seinen ersten Trainingseinheiten bei Hertha BSC feststellen, wo er mit der hohen Intensität zu kämpfen hatte. Die lange Pause, durch den frühen Saisonabbruch der Eredivisie (sein letztes Plichtspiel bestritt Deyo am 8. März), war dabei sicher nicht hilfreich. „Das Training ist hier wirklich hart“, sagte er selbst. Doch kämpfen ist bei ihm ein gutes Stichwort: für ein Spieler, der sogar mit gebrochener Hand weiterspielt, ist ein Fitnessrückstand einfach nur ein Grund mehr, Gas zu geben. Sein neuer Chefcoach äußerte sich zum Neuzugang: „Er tastet sich ran, aber er hat noch mit den Trainingsumständen zu kämpfen und muss erst ein paar Dinge verinnerlichen.“

Gute Perspektive bei Hertha

Bereits jetzt scheint der junge Niederländer auf der Pole Position für den rechten Außenverteidiger zu sein. Nach dem Weggang von Marius Wolf und mit den Wechselabsichten von Matthew Leckie, bleiben als Konkurrenten für seine Position Peter Pekarik und Lukas Klünter. Der 33-jährige Slowake hat zum Saisonende wieder Einsätze erhalten und gute Leistungen erbracht, was zu seine Vertragsverlängerung führte. Ob es jedoch für die Stammelf in der neuen Saison ausreicht ist fraglich. Jedenfalls wird Pekarik im langfristigen Plan von Bruno Labbadia durch sein Alter weniger eine Rolle spielen. Außerdem fehlt ihm etwas die Schnelligkeit und Explosivität von Zeefuik.

Herthas Neuzugang muss sich noch an die Intensität des Trainings unter Labbadia gewöhnen. (Foto: IMAGO)

Diese Qualitäten könnte grundsätzlich auch Lukas Klünter aufweisen. Der 24-Jährige war unter Ante Covic und auch unter Jürgen Klinsmann auf der rechten Verteidigerseite gesetzt. Allerdings wurde er vom neuen Chefcoach Bruno Labbadia lediglich zwei Mal eingewechselt, sodass zumindest angezweifelt werden kann, ob er für die neue Saison eine Rolle spielen soll. Die Verpflichtung von Zeefuik und die Vertragsverlängerung von Pekarik sprechen eher dafür, dass der gebürtige Euskirchener ein Kandidat für einen Wechsel ist.

Das taktische System unter Bruno Labbadia könnte Deyovaisio Zeefuik zudem in die Karten spielen: der Niederländer passt vom Spielertyp optimal dazu. Die vom Berliner Chefcoach präferierte hohe Ausrichtung der Außenverteidiger, die in Offensivphasen hinten von einer Dreierkette abgesichert werden (ein defensiver Mittelfeldspieler lässt sich dann zurückfallen), bietet dem 22-Jährigen genau die Freiheiten, die er braucht. So könnten seine Stärken optimal zur Entfaltung kommen.  Ähnliches hat man in Wolfsburg gesehen, als sich der damals unbekannte Jérôme Roussillon unter Labbadia zu einem der besten Außenverteidiger der Liga mauserte und vor allem offensiv für Wirbel sorgte.

Man macht keine Witze über Kickboxer

Wir dürfen also gespannt sein, wie sich Deyo bei der alten Dame macht. Was Bruno Labbadia bereits auffiel, waren die „Zwei Gesichter“ seines neuen Verteidigers. „Außerhalb des Platzes ist er noch sehr zurückhaltend, arbeitet aber hochprofessionell. Auf dem Feld ist er dann extrem forsch, bissig und zweikampfstark!” Zurückhaltend zeigt sich der neue Mann allerdings im Bezug auf seine Ambitionen nicht: „Ich will nicht verrückt klingen, aber ich persönlich möchte in diesem Jahr um den Einzug in die UEFA Europa League mitspielen – das ist mein Ziel, und ich finde, das muss unser Ziel sein”.

Kein Wunder übrigens, dass er auch „gerne mixed-martial-arts Kämpfe anschaut“: Jan verrät uns dazu eine Anekdote: „Sein Bruder Genero Zeefuik war ebenfalls Profifußballer. Er war lange so etwas wie eine Witzfigur, weil er etwas übergewichtig war. Jetzt traut sich jedoch niemand mehr, über ihn Scherze zu machen, denn Genero hat sich vom Fußball zurückgezogen und sich einer neuen Sportart zugewandt…Kickboxen!“

Hertha hat sich also einen echten Kämpfer für die rechte Verteidigerposition geholt. Hertha-Fans können sich bereits jetzt auf einen Spieler mit echtem Kämpferherz freuen, der auch im neuen Trikot alles geben wird. Ob sein Einsatz auch für seine Gegenspieler in der Bundesliga eine Freude sein wird, ist aber eher unwahrscheinlich.