Lange hat Bruno Labbadia warten müssen, nun ist er endlich da: In Jhon Córdoba hat Hertha knapp zwei Wochen vor Schließen des Transferfensters den notwendigen Ibisevic-Ersatz für das Sturmzentrum gefunden. Knapp 15 Millionen kostet der Kolumbianer, bei dessen Entscheidung für Hertha BSC wohl auch sein Landsmann und ehemaliger Berliner Adrián Ramos eine Rolle gespielt hat.

Thomas Reinscheid (auf Twitter @koelnsued), Chefredakteur von effzeh.com, beantwortete unsere Fragen zu Neuzugang Jhon Córdoba.

HERTHA BASE: Was sind deiner Meinung nach Córdobas größte Stärken auf dem Platz? Was kann man sich von ihm erhoffen?

Thomas: „Seine größte Stärke ist definitiv die extrem starke Physis. Córdoba weiß sich im direkten Duell sehr gut zu behaupten und hat dann auch die Dynamik und die Wucht, das für gefährliche Situationen zu nutzen. Dazu hat er sich in der Vergangenheit taktisch und auch spielerisch weiterentwickelt, so dass er auch neben seiner Körperlichkeit zu einem wichtigen Spieler beim FC geworden war.“

Foto: IMAGO

Nach den Abgängen von Vedad Ibisevic und Davie Selke in diesem Jahr vermisste Labbadia exakt diesen Spielertypen bisher im Hertha-Kader: Präsent, torgefährlich, bundesligaerfahren. Sebastian Haller oder auch der Wolfsburger Wout Weghorst waren bei Hertha gehandelt worden, mit Córdoba kommt nun ein ähnlicher Spieler, der in den Planungen des Trainer-Teams eine gewichtige Rolle einnehmen könnte.

Mit 27 Jahren ist Córdoba nicht mehr der Jüngste – und passt eigentlich auch nicht so richtig an Herthas Anforderungsprofil für Neuzugänge. Warum hat Hertha Cordoba trotzdem geholt?

„Ich denke, dass Córdoba dem Hertha-Angriff eine Dimension hinzufügt, die bisher aus der Ferne eingeschätzt komplett fehlt. Piatek ist in meinen Augen weniger der Wandspieler, weniger die physisch starke Ein-Mann-Büffelherde, die nun dem Kader zur Verfügung steht. Dazu hat Córdoba jede Menge Bundesliga-Erfahrung, seine Qualitäten auf diesem Niveau schon nachgewiesen und war durch die vertragliche und finanzielle Situation schlichtweg verfügbar für die Hertha. Es hatte mich schon gewundert, dass in der Hauptstadt so lange mit diesem Transfer gewartet wurde.“

Tatsächlich wurde der Kolumbianer bereits früher in diesem Sommer mit der alten Dame in Verbindung gebracht. Ein Grund für das Abwarten könnte die Transfer-Taktik von Michael Preetz gewesen sein, der auf fallende Preise zum Ende der Transferperiode setzen wollte. Mit Córdoba wurde es zumindest im Sturmzentrum nun ein Spieler, den Hertha wohl schon länger auf dem Radar hatte (laut kicker bereits seit 2017), durch die Verrechnung mit Ondrej Duda wurde der neue Stürmer letztlich für Hertha aber deutlich erschwinglicher.

Wo liegen denn seine Schwächen?

„Er ist im schnelleren Kombinationsspiel häufig überfordert, da er technisch nicht der allerbeste Akteur ist. Darüber hinaus reibt er sich durch die vielen Zweikämpfen oft mit Gegenspielern und Schiedsrichtern auf.“

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Auch in diesem Sinne ist Córdoba also der perfekte Ibisevic-Ersatz. Auf dem Platz ist er ein unangenehmer Gegenspieler, der auch gerne mal über die Grenzen des erlaubten hinausschießt. Im Gegensatz zum Bosnier kennt der Kolumbianer aber auch Grenzen: In seinen bisherigen 99 Bundesliga-Einsätzen sah er zwar schon 16 gelbe Karten, handelte sich aber nur einen Platzverweis ein.

Im Prinzip folgt Córdoba bei Hertha auf Ibisevic, der als Kapitän einer der wichtigsten Führungsspieler war. Man sucht im Moment nach einer neuen Achse und Spielern, die auf dem Platz Verantwortung übernehmen. Könnte Córdoba eine solche Rolle übernehmen?

„Nein. Also sofern nicht Führung durch Leistung gemeint ist. Für alles andere ist Jhon nicht der Typ, dazu spricht er nach sechs Jahren in Deutschland immer noch nicht wirklich Deutsch und auch kaum Englisch. Das macht es natürlich schwierig, Verantwortung zu übernehmen, die über die eigene Leistung hinausgeht.“

Trotz seines – im Vergleich zum Rest des Kaders gehobenen – Alters und seiner umfassenden Bundesliga-Erfahrung wird Córdoba also nicht auch noch das Führungsspieler-Loch füllen können. Diese Verantwortung werden andere übernehmen müssen, die Rückkehr der Stamminnenverteidigung gegen Bremen machte in dieser Hinsicht aber Hoffnung.

Die Niederlage im Pokal gegen Braunschweig hat deutlich gemacht, dass Hertha auch Neuzugänge braucht, die sofort ankommen und einschlagen. Könnte das bei Córdoba klappen – oder braucht er erstmal eine Eingewöhnungszeit?

„Wenn es darum geht, ihn sinnvoll ins Spiel und in eine taktische Grundordnung einzubinden, dürfte es einige Zeit brauchen, bis Córdoba bei der Hertha angekommen ist. Wenn es aber darum geht, seine Physis einzubringen, dürfte er derzeit nahezu bei 100 Prozent sein. Córdoba hat beim FC die komplette Vorbereitung absolviert, musste nur kurz wegen vermeintlicher Muskelprobleme aussetzen. Einzig das Pokalspiel geht ihm ab – dass das aber nicht unbedingt eine notwendige Erfahrung ist, muss ich euch Berlinern ja nicht sagen!“

Bei seinem Debüt gegen Werder Bremen bestätigte Córdoba ebendiese These – nach seiner Einwechslung in der 61. Minute nutzte er seine Physis zunächst, um das 3:0 durch Matheus Cunha einzuleiten. Mit seinem Treffer zum 4:1-Entstand setzte er das Sahnehäubchen auf sein starkes Debüt, trotzdem dürfte er ähnlich wie Deyovaisio Zeefuik noch etwas Zeit zur Gewöhnung an Herthas System benötigen. Als Joker – das zeigte der Kolumbianer gegen Bremen – kann Córdoba Hertha aber schon jetzt weiterhelfen. Es ist aber schon jetzt absehbar, dass der 27-Jährige sich auf Dauer wohl kaum mit einer Reservisten-Rolle zufriedengeben dürfte.

Mit Krzysztof Piatek steht aber auch ein weiterer Stürmer mit Stammspieler-Ansprüchen bereit. Was traust du Córdoba in diesem Duell um einen Stammplatz zu?

„Das kommt schlichtweg darauf an, welche Art von Fußball die Hertha unter Bruno Labbadia spielen will. Dafür bin ich viel zu weit weg, um da eine Einschätzung zu wagen. Piatek und Córdoba sind derart verschiedene Spielertypen, die auch nebeneinander agieren könnten. Es muss also kein „Entweder/Oder“ sein, auch wenn Córdoba mit einem Zwei-Mann-Sturm immer etwas fremdelte. Müsste ich tippen, würde ich sagen, dass Cordoba aufgrund seiner Wucht und der Arbeit gegen den Ball eher auswärts und gegen bessere Teams den Vorzug erhalten dürfte.“

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Beim Bundesliga-Auftakt im Weser-Stadion trat Hertha direkt mit solch einem Doppelsturm an, Dodi Lúkebakio spielte an der Seite von Piatek. In diesem 4-3-1-2-System ist aber kein Platz für klassische Flügelspieler – mit Lukébakio oder Leckie pushen dann andere Spieler den Konkurrenzkampf im Sturmzentrum. In jedem Falle wird der Córdoba-Transfer also einen erheblichen Einfluss auf den Konkurrenzkampf in der blau-weißen Offensive haben.

Gibt es ein Spiel von Córdoba, das dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?

„Ich werde es nicht leugnen: Sein Führungstreffer im Emirates beim FC Arsenal wird ewig in Erinnerung bleiben. Ansonsten bleibt mir vor allem eine weitere Szene im Gedächtnis: Sein Tor gegen Bielefeld im Heimspiel in der 2. Bundesliga, als er gefühlt mit der ganzen Arminia-Defensive auf dem Rücken einen 50-Meter-Sprint anzog und diesen mit einem starken Abschluss veredelte. Nur um euch zu ärgern, nenne ich natürlich noch seinen Auftritt beim 5:0-Auswärtssieg in der vergangenen Saison bei Hertha BSC.“

Aus knapp 35 Metern hatte Córdoba den Effzeh in dessen letzter Europapokal-Saison 2017/2018 in Führung gebracht. In derselben Spielzeit war übrigens auch Hertha BSC zuletzt in der Europa League vertreten – und es ist das klare Ziel des Vereins, dies innerhalb der Laufzeit des Córdoba-Deals (bis 2024) erneut zu schaffen.

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