Hertha BSC – SC Freiburg: Mit Katerstimmung zum nächsten Richtungsweiser

by | Oct 1, 2021 | Vorbericht | 0 comments

Der vergangene Samstagnachmittag dürfte auch für die größten Optimisten im blau-weißen Lager ein Augenöffner gewesen sein. Das 0:6 in Leipzig hat einmal mehr deutlich gemacht, wo Hertha aktuell steht. Die auch in dieser Höhe verdiente Klatsche war das folgerichtige Resultat einer nicht erklärbaren Transferpolitik. Als deren Konsequenz steht nun ein Kader auf dem Platz, der zwar gegen Fürth und Bochum genügen mag, darüber hinaus aber in dieser Konstellation noch weitere Pleiten zu befürchten haben muss. Es fehlt die Fantasie, wie das in absehbarer Zeit besser werden soll. Auch der kommende Kontrahent darf mitnichten als Aufbaugegner bezeichnet werden. Denn mit dem SC Freiburg kommt am Wochenende der – neben dem FC Bayern – einzig ungeschlagene Bundesligist ins Olympiastadion.

Gemeinsam mit Alex, unter anderem bekannt vom Spodcast Freiburg, blicken wir auf den SC.

So geht Kontinuität

Beständigkeit ist in dieser Saison Trumpf beim SC Freiburg (Bild: imago images via Getty images)

Die Worte, die Fredi Bobic vor vier Monaten bei seiner Antritts-Pressekonferenz wählte, wirken aus heutiger Sicht wie blanker Hohn. „Kontinuität ist das Wichtigste“ ließ der neue, starke Mann an der Hanns-Braun-Straße damals verlauten, bevor er wenige Monate später den halben Kader umwarf und damit die Hauptverantwortung für die sportliche Situation trägt.

Dass es sich auszahlen kann, wenn Kontinuität nicht nur propagiert, sondern tatsächlich gelebt wird, beweist der SC Freiburg schon seit Jahren, aber in dieser Saison besonders. Sage und schreibe ein Spieler wurde in Maximilian Eggestein an die Dreisam geholt und mit Baptiste Santamarika lediglich ein Stammspieler abgegeben.

Alex begründet die Transferpolitik wie folgt: „Es ist dieses Jahr sicherlich ein Mix von Gründen, von denen man profitiert hat. Zum einen sind da die pandemiebedingten Auswirkungen auf den so oft zitierten „überhitzen Markt“, welche diesen wohl ein wenig runtergeführt haben. Der SC, der – trotz Stadionneubau – sehr gut wirtschaftet, war nicht im allergrößten Zugzwang, Spieler zu verkaufen und konnte seine Leistungsträger wie Lienhart oder Sallai halten und sogar verlängern. Diese wären im Normalfall Spieler, welche bereit sind „für den nächsten Schritt“. Außerdem haben wir eine große Anzahl an Spielern, die bei Freiburg ihren Platz gefunden haben und sich sehr mit dem Verein identifizieren (u.a. Petersen, Grifo, Günter, Höfler, etc.) – das ist Gold wert für die Stabilität im Kader.“

Der neidische Blick gen Süden

Speziell die defensive Stabilität ist ein wichtiger Faktor für den Freiburger Erfolg. (Bild: BEAUTIFUL SPORTS / Gerd Gruendl, imago images via Getty images)

Auch in weiteren Aspekten kann man als Herthaner derzeit nur neidisch in den Breisgau schauen. Da wäre zum Beispiel das neue Stadion… aber das soll jetzt nicht Thema sein. Aus sportlicher Sicht fällt vor allem die Ausgewogenheit des Kaders auf, die ein entscheidender Grund dafür ist, dass Freiburg mit 3 Siegen und 3 Remis nach sechs Spieltagen auf Platz 5 rangiert.

„Auf manchen Positionen wie in der Innenverteidigung (Lienhart, Gulde, Heintz, K. & N. Schlotterbeck) und im defensiven Mittelfeld (Höfler, Haberer, Eggestein, Keitel) sind wir für unsere Verhältnisse fast schon überbesetzt und stehen vor der Herausforderung, dass alle auf ihre Einsatzzeiten kommen. Bei anderen Positionen haben wir klarere Stammspieler wie Günter und Grifo – allerdings auch viele Spieler aus der erfolgreichen zweiten Mannschaft die den alten Hasen weiterhin Druck machen und heiss sind. Das scheint alles ganz gut zu passen.“, bewertet Alex den Kader.

Auch deswegen waren im Sommer wohl so gut wie keine Transferaktivitäten nötig, da der Kader quasi keine Schwachstellen offenbart. Zudem ist beim SC Freiburg unter Christian Streich seit Jahren zu beobachten, dass Spieler mitunter auch mal eine komplette Saison benötigen, um sich an das intensive Spielsystem zu gewöhnen und dann im Folgejahr ihren Durchbruch erleben. Daher schätzt unser Experte auch, „dass Europa dieses Jahr ein realistisches Szenario ist“.

Breite Brust oder grauer Beton?

Es läuft also an allen Stellen rund beim SC Freiburg, der damit als klarer Favorit in die Partie am Samstag geht. Grund zum grenzenlosen Optimismus sieht Alex deshalb allerdings nicht: „Es gibt genau zwei Szenarien:

1. Der SC müsste eigentlich voller Selbstvertrauen nach Berlin fahren und hat absolut gar nichts zu verlieren. Ich wünsche mir Mut zur Offensive und ein ordentliches Pressing auf eine verunsicherte und unter Druck stehende Berliner Mannschaft. Ich wünsche mir ein 2-0, Hauptsache Schwoli muss gegen seine alten Kollegen mal hinter sich greifen.

2. – und das ist viel wahrscheinlicher. Es wird kalt, der Wind zieht durchs Stadion, es wird wie immer bei der Hertha ein absoluter Grottenkick und geht entweder 0-0 oder 1-0 für die Hertha (Traumtor von Davie Selke) aus. Unser Trainerteam neigt bei solchen Spielen ab und zu auch mal zur pragmatischen, nicht so ansehnlichen Taktik wie zuletzt in Mainz. Ich hoffe auf Szenario 1.“

Traumtor von Davie Selke – nun ja, träumen muss wohl noch erlaubt sein.

Die Fünferkette als Allheilmittel?

So schwer es in der sportlichen Situation auch fallen mag, das zu glauben – es gibt sie noch, die guten Nachrichten. So lichtet sich das Berliner Lazarett gemächlich. In der Pressekonferenz vom Donnerstag zeigte sich Trainer Pal Dardai zuversichtlich, dass sowohl Kapitän Boyata als auch Zeefuik wieder mit von der Partie sein dürften. Damit wäre auch die von Dardai bevorzugte Fünferkette, von der er sich die in Leipzig so schmerzhaft vermisste Stabilität erhofft, wieder eine Option.

Auch für die Offensive macht Herthas Trainer Hoffnung auf personelle Besserung. So reicht es für den wieder genesenen Stevan Jovetic wohl für eine Halbzeit und auch der in Leipzig eingewechselte Piatek soll laut Dardai bis zu 30 Minuten auflaufen können. Und falls es für beide doch nicht reichen sollte, muss eben ein Traumtor von Davie Selke herhalten.

Titelbild: Matthias Koch, imago images via Getty images

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Alexander Jung

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