Vorschau: Borussia Mönchengladbach – Hertha BSC: Der Härtetest vor den Wochen der Wahrheit

von | Dez 11, 2020 | Vorbericht | 0 Kommentare

Derbysieger, Derbysieger… Sorry, musste nochmal sein. Nach einer Woche voller Jubel, Trubel, Heiterkeit ob der erfolgreichen Verteidigung der Stadtmeisterschaft geht nun der Ernst des Lebens wieder los. Denn worüber der Sieg gegen Union ein wenig hinwegtäuschte, ist, dass Hertha rein punktemäßig nach wie vor den Erwartungen hinterherhinkt. In den nächsten Wochen hat das Team von Bruno Labbadia allerlei Chancen, dies zu ändern. Bis zum Start der Rückrunde stehen mit Mainz, Freiburg, Schalke, Bielefeld, Köln und Hoffenheim Gegner auf dem Spielplan, die allesamt schlagbar scheinen. Wie Hertha mit dieser Favoritenrolle umgehen kann, wird zu beobachten sein. Bevor es dazu kommt, darf man sich aber am Samstagnachmittag noch einmal in der Position des Außenseiters wähnen. Mit Borussia Mönchengladbach geht es gegen die Positivüberraschung der vergangenen Saison.

Um einen detaillierten Einblick in die Lage bei der Borussia zu bekommen, haben wir mit Gladbach-Expertin Yvonne gesprochen.

Quo vadis, BMG?

Späte Gegentore machen Gladbach aktuell zu schaffen. (THILO SCHMUELGEN/POOL/AFP via Getty Images)

Auch als Nicht-Borusse neigt man dazu, Mitleid mit den Anhängerinnen und Anhängern aus Mönchengladbach zu haben. Nach einer tollen Saison mit attraktivem, vertikalem Fußball gelingt den „Fohlen“ der Einzug in die Champions League. Dort wird man in eine Gruppe mit den europäischen Schwergewichten Inter Mailand und Real Madrid gelost, wird in dieser Hammergruppe gar Zweiter – und das alles ausgerechnet in dem Jahr, in dem kein einziger Fan live im Stadion an diesem Spektakel teilhaben darf. Umso höher ist die Leistung der Borussen in diesem Wettbewerb zu bewerten.

Es ist immer schwierig zu beurteilen, welchen Einfluss eine derartige Mehrfachbelastung auf einen Saisonverlauf hat. Auch in der Vorsaison tanzte Gladbach zu diesem Zeitpunkt noch auf allen drei Hochzeiten, hatte aber keinen derart eng getakteten Spielplan, wie es jetzt aufgrund von Corona der Fall ist. Blickt man auf die reinen Zahlen, könnte man durchaus ableiten, dass dies seine Spuren hinterlässt. Mit 16 Zählern nach zehn Spieltagen rangiert die Mannschaft von Trainer Marco Rose auf dem siebten Rang. Zum selben Zeitpunkt der Vorsaison grüßte Gladbach von der Tabellenspitze mit 22 eingefahrenen Punkten.

Dass es jetzt unter dem Strich sechs Punkte weniger sind, liegt vor allem daran, dass Gladbach zum Ende der Partie oft Nachlässigkeiten zeigt: „Gladbach kassierte leider generell das ein oder andere Gegentor in der Schlussphase und verlor dadurch wichtige Punkte (zum Beispiel gegen Union, Wolfsburg und eben auch Augsburg).“, sagt Yvonne. Entsprechend ernüchtert fällt auch das Zwischenfazit zur bisherigen Bundesligasaison aus: „Es sind ja „nur“ 3 Punkte zu Platz 4. Aber es wurde eben leider der ein oder andere Punkt sehr unnötig verspielt.“

(K)ein Kader für drei Wettbewerbe?

In der Innenverteidigung wird es bei Gladbach personell dünn. (Frederic Scheidemann/Getty Images)

Zugegeben: Die Arbeit von Gladbachs Geschäftsführer Sport Max Eberl kritisch zu beleuchten, scheint mit jedem Jahr schwieriger zu werden. In der zurückliegenden Transferphase stand er vor der Herausforderung, diesen ohnehin schon qualitativ hochwertigen Kader sinnvoll zu ergänzen, sodass die Dreifachbelastung gestemmt werden kann.

Wie so ziemlich jede Herausforderung scheint ihm auf den ersten Blick auch das wieder erfolgreich gelungen zu sein. So wurde die Offensive mit Ex-Herthaner Valentino Lazaro und Hannes Wolf verstärkt. Beide Spieler haben bereits in Salzburg unter Marco Rose trainiert und können somit eine sofortige Hilfe sein – so war jedenfalls der Gedanke dahinter. Die Realität stellt sich indes etwas anders dar. Während Hannes Wolf immerhin in jeder Ligapartie zum Einsatz kam – wenngleich auch nur viermal von Beginn an – fiel Lazaro verletzungsbedingt in den ersten fünf Spieltagen aus und stand auch danach erst ein einziges Mal in der Anfangsformation. So ordnet Yvonne ein: „Die Neuzugänge zu bewerten, ist momentan gar nicht so einfach. Wolf und Lazaro haben natürlich gute Ansätze, allerdings spielen beide bisher zu wenig, als dass man da ein festes Urteil bilden könnte. Man muss neuen Spielern ja auch immer ein bisschen Zeit geben.“

Die Fohlen mit personellem Engpass

Diese Zeit hat Gladbach allerdings aufgrund mehrerer Umstände aktuell nicht. Denn so gut bestückt die Offensive eigentlich ist, so sehr offenbaren sich auch hier kleinere Probleme. Jonas Hofmann, der wohl beste Borusse in den ersten Saisonwochen, fällt seit dem achten Spieltag durch einen Muskelbündelriss, den er sich beim Einsatz für den DFB zugezogen hat, aus. Bislang gelang es weder Wolf noch Lazaro, sich nachhaltig dafür zu empfehlen, diese klaffende Lücke zu schließen.  

Während derartige Verletzungen und kleinere Formdellen in der Offensive aufgrund der individuellen Klasse von – zum Beispiel – Plea und Stindl aufgefangen werden können, ist es indes in erster Linie die Abwehr, die gerade ein wenig Sorgen bereitet, wie Yvonne sagt: „Man merkt allerdings doch, wie schnell sich Verletzungen auswirken. In der Abwehr fehlten jetzt Elvedi und Jantschke verletzt, Bensebaini war in Quarantäne. Das schwächt die Defensive natürlich schon.“ Zwar ist Elvedi inzwischen wieder genesen. Durch den Ausfall von Jantschke stehen in Elvedi und Ginter jedoch lediglich zwei fitte Innenverteidiger zur Verfügung. Zwar hat man zwar theoretisch auch noch Mamadou Doucouré im Kader. Der Franzose kam in seinen nunmehr viereinhalb Jahren am Niederrhein allerdings, aufgrund einer dramatischen Verletzungshistorie, erst auf zwei Bundesligaminuten und ist daher wohl keine ernsthafte Alternative für die Startformation. Stattdessen rückte jüngst der eigentlich im zentralen Mittelfeld beheimatete Christoph Kramer auf die Position neben Matthias Ginter. Es ist also nicht auszuschließen, dass Max Eberl hier im Winter nochmal nachjustiert.  

Mit Rückenwind in die Wochen der Wahrheit

Gleichwohl die Favoritenrolle am Samstag ganz klar auf Seiten der Hausherren anzusiedeln ist, scheint Gladbach – auch aufgrund des kräftezehrenden Spiels in Madrid am Mittwoch – nicht unschlagbar. In erster Linie wird es für Hertha aber darum gehen, den positiven Trend der letzten Wochen – mit Ausnahme der zweiten Halbzeit gegen Dortmund – zu bestätigen und sich Selbstbewusstsein für die eingangs erwähnten restlichen Spiele der Hinrunde zu holen, in denen Hertha ohne Wenn und Aber ausgiebig punkten muss.

(Photo by ODD ANDERSEN/AFP via Getty Images)

Da kommt es gerade rechtzeitig, dass sich Krzystof Piatek im Derby via Doppelpack warmschießen konnte. Denn Torgefahr ging nach dem Ausfall von Jhon Cordoba quasi einzig und allein von Matheus Cunha aus, der gegen Gladbach aufgrund einer Gelbsperre zum Zusehen verdammt ist. Wie Labbadia den Brasilianer ersetzen will, wird die spannende Frage im Vorfeld der Partie sein. Zumindest dürfte neben Piatek aber auch Javairo Dilrosun nach seinem überzeugenden Jokerauftritt gegen Union ein Kandidat für die Startelf sein. Es gibt also keinerlei Gründe, schon vor Anpfiff die weiße Wahne zu hissen.

*Quelle Titelbild: WOLFGANG RATTAY/POOL/AFP via Getty Images

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Alexander Jung

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